Freitag, Juni 24, 2005

Leckerli zum Wochenende

Zum Prozess der Entstehung eines neuen Romanes gehoeren nicht nur Kreativitaet und Feinschliff, wie vielleicht manche Leser denken. Nein, vieles ist alhergebrachtes Handwerk z.B. Schreinerei. Es wird teilweise gehobelt, was das Werkzeug hergibt. Dabei fallen Szenen, Handlungsstraenge und Figuren durch den Reisswolf und enden geschreddet im literarischen Nirvana. Dies kann unterschiedlichste Gruende haben. Meistens ist es dieser: Hat nicht so mancher von Euch ein Bekleidungsgeschaeft superklasse gefunden, betrachtet sich dann zu Hause im Spiegel und denkt: Was habe ich mir da fuer einen Schrott gekauft? Sowas passiert bei der Kreation eines Romans am laufenden Band.

Gott sei Dank, sind Martin und ich bezeuglich solcher Passagen fast immer einer Meinung. Ansonsten wuerde es Mord und Totschlag geben, denn die Elimnierung liebevoll ersonnener Textpassagen tut zumindest mir immer weh. Daher poste ich in meinem grenzenlosen Grossmut eine Passage aus dem neuen grandiosen Nannenprojekt, die garantiert niemals in einem Buch erscheinen wird.

Den potenziellen Handlungsstrang haben wir verworfen und ich müsste eigentlich eine Kerze anzuenden, Chopins Marche de Funèbre auflegen, und sie stilvoll beerdigen. Schliesslich heulte sie staendig wie eine endogene Depression nach Portisheads Sour Times "Nobody loves me, it's true".

Aber heute feiere ich sie, indem ich sie hiermit vor der Vergessenheit rette. Vielleicht bereitet sie dem einen oder anderen etwas Spass.

Eleganter als Netzer beim Laenderspiel-Talk mit der wandelnden Karrikatur Delling stand ich eine Stunde spaeter vor den Raeumlichkeiten der Investor AG. In dem Buerogebaeude, das mit sieben Stockwerken für Duelmener Verhaeltnisse einen Wolkenkratzer darstellte, residierten laut den Klingenschildern diverse Unternehmen mit vetrauenserweckenden Namen wie Allfinanz, Moneyfix und so weiter. Die Firma Investor befand sich im fuenften Stock. Ein Hochgeschindigkeitslift beförderte mich in genau so vielen Sekunden in die gewuenschte Etage. Als sich die Fahrstuhltür oeffnete, blickte ich direkt in ein Großraumbuero, in dem sich an die zehn Gestalten tummelten; die meisten telefonierten angeregt. Sie sahen entweder nach Studienabbrechern oder nach in der Tristesse der Arbeitslosigkeit Ertrinkenden aus, die diesen Job als Moeglichkeit zur Wiederbelebung sahen. Zur Beruhigung der gereizten Atmosphaere saeuselte James Lasts Interpretation von Vivaldis Sommer aus den Deckenlautsprechern.
»Schweinebaeuche ziehen an, Herr Kalupke. Kaufen heißt die Devise.«
»Dann fragen Sie bei der Bank nach, ob die Ihren Dispo erhoehen. Was sind dreißigtausend Miese gegen die Chance auf zwei Millionen?«
Eine junge Frau bemerkte als einzige meine Ankunft. Sie hob sich nicht nur durch die Kleidung - graues Kostuem und schwarze Seidenstruempfe - von den anderen Mitarbeitern ab. Auch ihr dunkles Haar, das zarte Gesichtszüge umrahmte, und eine Figur, die Claudia Schiffer selbst vor ihren Schwangerschaften nicht gehabt hatte, ließen sie wie einen Ferarri zwischen Schubkarren wirken.
»Kann ich helfen?«
»Sure. Mister Fuller from Chicago, United States. You can call me John. Ich haben gehoert, dass Ihre Company Geld vermehrt wie eine Karnickel. Well, ich möchte investieren.«
»An welchen Betrag haben Sie gedacht, John?«, säuselte sie liebenswürdig.
»Zunaechst nur eine kleine amount von - let’s say - fünfzigtausend. Haben bewaehrt sich Ihre Company, you will get more bucks. Are you die Chefin, Miss ...?«
»Andrea Goertz. Nein, nur die Abteilungsleiterin, bin aber zu allen Abschlüssen befugt.« Herzlich wurde meine Hand geschüttelt.
»Folgen Sie mir bitte in mein Buero.«
Ihr Refugium stellte sich als die übliche Mischung aus kaltem Chrom und funktionaler Eleganz heraus, die man aus Managermagazinen kannte.
Hinter dem Schreibtisch befand sich eine Schrankwand voller Aktenordner, die meine Neugier weckte.
»May I have einen kleinen Ananassaft mit eine Spritzer Melonenjuice?«, spielte ich den großspurigen Ami.
Sie zuckte bedauernd mit den Schultern. »Der ist momentan aus. Wuerde es ein Glas frischgepresster Orangensaft tun?«
Ich stand auf.
»Sorry, no business ohne Ananas.«
Ich oeffnete meine Geldboerse, befoerderte einen Fuenfziger ans Tageslicht und warf ihn grosspurig auf den Schreibtisch.
»I'll pay for it.«
»Nein, nein«, schob Goertz ihn eilig wieder zurueck. »Selbstverstaendlich sind Sie unser Gast. Ich lasse das Getraenk sofort holen.«
Sie verließ das Büro, wobei sich ihr Hinterteil als ebenso vorteilhaft wie der Rest erwies. Als sich die Tuer hinter ihr geschlossen hatte, stuerzte ich zum Schrank, schnappte den mit "Kaas - Kzubszyski" beschrifteten Ordner und ließ ihn in meinem Lederkoffer verschwinden.
Als Andrea das Büro betrat, sass ich bereits wieder auf meinem Platz und beobachtete durch das Fenster die Wolken am Duelmener Himmel.
»Ihr Saft kommt in fuenf Minuten. Darf ich Ihnen in der Zwischenzeit unser Unternehmen vorstellen?«
»Of course, schießen Sie los.«
»Die Investor AG vermittelt ihren Kunden sogenannte Warenterminkontrakte. Sie kaufen eine Menge Schweinebaeuche, Weizen, tiefgefrorenen Orangensaft, Kartoffeln und so weiter und verkaufen diese mit Gewinn.«
»How much Gewinn?«
»Zweihundert bis dreihundert Prozent sind die Regel. Kennen Sie Bill Gates?«
»Great guy, I love him.«
»Was Sie nicht wussten« - sie laechelte verschwörerisch - »das Startkapital für Microsoft hat sich Bill durch Warentermingeschäfte beschafft. Er hat eine Ladung Weizen gekauft, dessen Wert sich innerhalb kuerzester Zeit verzehnfacht hat, und schon war er auf dem Weg zum reichsten Mann der Welt.«
»Sounds very interesting. Ich werde reden mit meine Manager in United States und dann wieder kommen.«
»Wollen Sie nicht sofort eine kleine Investition tätigen? Hafer verspricht hohe Renditen. Wenn Sie diese Chance versaeumen, werden Sie das Ihr Leben lang bereuen.«
Sie legte mir eine Grafik mit steil ansteigender Kurve vor, die auch den Verlauf des Pollenfluges haette darstellen können.
»Bereut haben ich im Leben nur meine dritte Scheidung. Fuckin’ four million dollars. Ich werde mir überlegen die Sache und dann im richtigen Moment zuschlagen. Keep the ball always flat, wie Henry Ford zu sagen pflegte.«
Als ich mich erhob, klopfte es und mein Ananassaft wurde gebracht. Ich kostete und verzog angewidert das Gesicht.
»Sorry, too much melon. Terrible.«
Goertz schaute mich pikiert an, sagte aber nichts.
Ich zauberte eine meiner diversen Visitenkarten hervor, die mich als Directing Manager der Fuller Oil Company auswies.
»You can erreichen mich im Steigenberger in Münster. So long.«
Zum Abschied kuesste ich ihre Hand.


Ein fantastisches Wochenende mit viel Ananassaft Michael

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