Samstag, August 07, 2010

Thomas Klupp: Paradioso



Bad boys have more fun. So könnte man die Message dieses Romans zusammenfassen. Der Autor beschreibt die Reise seines Protagonisten Alex Böhm von seinem Studienort Potsdam zum Flughafen nach München, von wo er mit seiner Freundin in den Portugal-Urlaub starten will. Klingt nicht aufregend; ist es aber.

Auf seiner Tramper-Tour erlebt er die skurrilsten Verwicklungen, an denen er meistens selber Schuld hat. Grund: Er nimmt es mit der Wahrheit nicht genau, um jeden noch so kleinen Vorteil abzugreifen. Dazu benimmt er sich gerne vollpfostig.

So trifft er in der oberpfälzerischen Heimat seine Ex Leni wieder. Er beschläft sie noch mal, da er ihr offiziell nie mitgeteilt hat, dass er eine neue Flamme hat. Er begegnet auch einem Jugendfreund, dem er einen Film geklaut hat, mit dem er sich bei der Filmhochschule erfolgreich beworben hat. Als ein anderer Kumpel Leni die Augen öffnen will, schlägt er ihn bewusstlos.

Ein vollkommener Mistkerl könnte man denken. Aber Alex reflektiert sein Verhalten und verspürt latent einen vagen Veränderungswunsch. Er ist mit sich selber nicht glücklich, ist aber zu schwach, die zu ändern.

Ich persönlich kenne einige Leute, die ein Leben wie Alex führen. Glitzerfassade, dahinter Tristesse des Selbstzweifels. In dem Roman werden viele Möglichkeiten angedeutet, warum Menschen sich ein Leben aus Lügen erbauen. Unter anderem versucht es Alex allen recht zu machen, scheitert aber. Oder nicht? Der Roman beantwortet diese Frage letztendlich nicht.

Fazit: Paradiso ist ein unterhaltsamer, durchaus brillant geschriebener Roman, der mich außerdem zum Philosophieren verleitet. Was will man mehr.

Ich freue mich auf Thomas Klupps nächsten großen Wurf.

Dienstag, August 03, 2010

Bestseller Kapitel 04: Flotter Dreier mit dem Medizinmann



IV. Flotter Dreier mit dem Medizinmann

Die Wittekindstraße kenne ich. An der Ecke sind zwei Dönerläden, also beste Wohnlage. Der Schwarze Bär mit Capitol, einer Konzert-Location, wo ich letztens die Cowboys von Boss Hoss bewundern durfte, hat auch ihre Reize. Die Disco soll allerdings unterirdisch sein.
Vor Antjes Haus finde ich kein Klingelschild mit Fellatio. Hätte ich mir denken können. Ich zück das Handy.
»Sweety, wo steckst du?»
»Vor deiner Tür. Wo soll ich klingeln?»
»Weber heißt der Jackpott.»
Die Tür wird geöffnet. Antje wohnt in einer WG mit anderen Studenten in einem efeuumrankten Anbau auf dem Hinterhof. Klasse. Ihre Kommilitonen sind auf dem Ritt. Sturmfreie Bude. Antje steht mit Schürze und Topflappen aufgestylt am Herd und befreit eine Auflaufform. So sieht sie fast zahm aus. Der knallige, pinke Lippenstift und die kajalumrandeten Augen verraten aber ihre Herkunft: Ein Vamp.
»Ich hoffe, du magst Lasagne Bolognese, Süßer. Mehr habe ich kulinarisch nicht zu bieten», blickt sie mich mit gespieltem Selbstzweifel an.
»Super», freue ich mich. Hab auch richtig Hunger. »Koch ich auch manchmal, wenn’s mal kein Fertiggericht sein soll. Ist aber bestimmt nicht so gut wie deine.» Das ist dreist gelogen, da ich gerade den Karton einer Wagner-Fertig-Pizza öffnen kann. Aber manchmal ist die Wahrheit einfach nicht zweckdienlich.
»Du machst mich schwach, Sweety», blinzelt Antje.
Das Hackfleisch-Nudel-Gemisch schmeckt köstlich. Sie hat den Raum abgedunkelt, Kerzen angezündet und ruhige Mucke von den Tindersticks aufgelegt. Da scheint was zu gehen.
»Beim Referat hab ich doch die klassische Variante gewählt. Auftritt im Kostüm. Das gibt wenig Fame, dafür den Schein», grinst sie. »Lass uns spielen. Blitzdating. Jeder hat zehn Minuten Zeit, den anderen mit dem verbalen Käseraspel zu löchern. Dann entscheiden wir, ob wir miteinander ins Bett gehen. Wie findest du die Idee, Sweetheart?»
Ich fühle mich überfallen. Als Mann übernimmst du die Initiative und kehrst nur ungern deine Seele nach außen. Diese Frau scheint kein Problem damit zu haben. Ich hüstele, kann meine Verlegenheit kaum verbergen. Aber das Dessert verspricht viel. Deshalb vergesse ich gern die Konventionen.
»Super. Was möchtest du wissen?», druckse ich.
»Herr Horst Stengel. Sie sind ein berühmter Schriftsteller, der Michael Moore der Hannoveraner Slamerszene. Freunde nennen Sie Hotte. Mal Hand aufs Herz, wie lautet der Name hinter dem Pseudonym?»
Das fängt peinlich an.

»Horst Stengel ist kein Pseudonym. Für Stengel kann niemand was. Und Horst: Meine Mutter fand Horst Janson als Bastian ganz toll. Das ist eine verstaube Fernsehserie aus den Siebzigern. Dieses spitzbübische Lächeln hätte sie verzaubert. Als Jugendlicher in den Achtzigern war ich damit gestraft. Die coolen Macker hießen Christian, Martin oder Michael. Wenigstens Klaus. Horst war ein klassischer Loosername. Hab ich doch in meinem letzten Slamtext erläutert. Heute ist es mir aber egal», lüge ich »Der Name ist so schlecht, dass er schon wieder cool ist.»
»Intime Details aus dem Leben des neuen Sublit-Stars. Erzählen Sie weiter. Lassen Sie das Publikum an ihren schmutzigen Geheimnissen teilhaben.»
»Ich hatte eine Schwester, Karin, genannt nach Karin Anselm. Die spielt die Freundin vom Bastian in dieser Uraltserie. Karin ist direkt nach der Geburt gestorben. Meine Eltern haben daraufhin zu Jesus gefunden. Sind Mitglieder einer freikirchlichen Gemeinde. Mein Vater predigt und lässt sich die Haare wachsen, meine Mutter schweigt und lässt die Haare wachsen. Das will angeblich Jesus.»
»Abgefahrener Trip», staunt Antje. »Warum schweigt deine Mutter?»
»Diese Leute glauben, dass nur Männer Wertvolles zu sagen haben, die Frauen müssen andächtig lauschen und ihren Gebietern folgen. Gehirnwäsche wie bei Scientology. Sind krass drauf, meine alten Herrschaften.»
»Sweety, du hattest bestimmt eine Hardcore-Jugend», liegt ein Hauch von Mitleid in Antjes Stimme.
Ich bemühe mich, mir nicht selbst Leid zu tun.
»War heavy. Die Kumpels haben auf Feten gesoffen und Weiber flachgelegt. Ich musste währenddessen Petrusbriefe lesen. Meine Alten haben mir die Jugend versaut. Keine Frage. Aber aus mir ist trotzdem was geworden, oder?»
»Müssen wir ein anderes Mal vertiefen, ich habe ja nur zehn Minuten. Wie sieht’s aus mit Beziehungen? Nachdem du die Fesseln des Christentums gesprengt hast, hast du bestimmt wild durch die Gegend gevögelt», kommt sie aufs nächste peinliche Thema.
»Bin eher der monogame Typ», gestehe ich. Sie nickt anzüglich, glaubt mir kein Wort. »Wegen meiner letzten Beziehung bin ich nach Hannover gezogen. Wollte nie den Pott verlassen. Dort war meine Base. Hab mich wohl gefühlt, aber für Bea habe ich dieses Opfer gebracht. Sie ist eine tolle Frau. Leider scheinen wir auf anderen Planeten zu leben. Sie liebt feudales Leben, ich den Bodensatz der Gesellschaft. Das Abgefuckte, die Gosse. Mir ist der Dönerkäufer um die Ecke lieber als der geistlose Vorsitzende irgendeines Trendunternehmens. Aber Bea steht auf solche…»
»Warum heulst du ihr noch immer hinterher? », unterbricht mich Antje. Wirkt etwas genervt. Nun, sie hatte gefragt. »Ist doch eine richtige Tussi. Was willst du mit der. Aber die Zeit drängt. Wovon träumst du? Kind, Karriere, Karren?»
»Bea ist keine Tussi, da tust du ihr unrecht», widerspreche ich.
»Eine Schlammfotze, die vorgibt ein Platindöschen zu besitzen. Vergiss die Alte. Bringt dir nur Unglück», lacht Antje. »Ihre Antworten, Herr Stengel, please.»
Macht keinen Zweck, Beas versteckte Vorzüge zu rühmen. Eigentlich hat sie Recht. Glücklich hat mich Bea nicht gemacht. Aber sind wir nicht alleine für unser Glück verantwortlich? Ist ein Partner nicht nur jemand, der es mit uns teilt? Ich kehre aus den Tiefen der Stengelschen Philosophie zurück.
»Diese typischen Männerziele sind mir latte. Ich ziehe die Straßenbahn jedem Sternschlitten vor. Kinder, warum nicht? Aber erst später. Möchte jetzt mein Leben genießen, ohne Verantwortung für jemand anderen tragen zu müssen. Karriere möchte ich schon machen.»
Erstaunt mustert mich Antje, zieht fragend eine Augenbrauen hoch. Ich greife mir ein Herrenhäuser.
»Ich brauche nicht unbedingt im Geld schwimmen wie Onkel Dagobert. Das würde mich ankotzen. Aber es wäre schön, wenn ich von der Schreiberei leben könnte. Mehr im Untergrund. Bin da auf einem guten Weg. Die Memoiren eines Egels werden ein Undergroundbestseller. Dann muss ich nicht länger den Staat schröpfen. Ich will wirklich nichts mehr mit diesem Ämterlauferei zu tun haben.»
»Find ich gut», nickt Antje. »Das geht mir auch so. Ich sehe zu, dass ich mein Bafög so schnell wie möglich zurückzahle. Wird schwierig genug, ist aber mein persönlicher Ehrgeiz. Du bist dran.»
Ich werde verlegen. Diese Kreuzverhöre sind echt nicht mein Ding.
»Los, worauf wartest du? Die zehn Minuten laufen», ermuntert mich Antje.
»Woher kommst du? Was machen deine Eltern? Wer sind deine Homies?»
»Zunächst einmal fühle ich mich geehrt, dass der berühmte Autor Hotte Stengel mich interviewt. Das bringt mein kleines literarisches und künstlerisches Licht zum leuchten. Ich kann allerdings nicht auf so entfernte geografische Wurzeln wie das Ruhrgebiet zurückweisen. Ich wurde in einem Kaff bei Hildesheim in die Welt geworfen. Habe diesen Flecken von frühster Jugend an gehasst. Ich wollte unbedingt in die Großstadt. Bin in dem Dorf immer angeeckt. Ob in der Schule, im Konfirmandenunterricht, im Schwimmverein. Da habe ich nur Frust geschoben. Ich wollte immer weg. Bin zum Studium nach Hannover gezogen, Kunst und Englisch auf Magister. H-Stadt ist nur geil. Vor allem Linden und die Nordstadt. Habe gleich Homies gefunden, bin akzeptiert. Es gibt sogar Leute, denen meine Bilder und Texte gefallen.»
Ich erzähle ihr von Andi und seinen Kunstprojekten.
»Gute Ausstellungen zu bekommen, finde ich auch schwer», meint sie. »Aber noch studier ich. Da mach ich mir später Gedanken drüber.»

Sie führt mich in ihr Zimmer, einem mit dunklen Tüchern abgehängten verwinkelten Raum. Mehrere afrikanische Figuren mit herausgestellten Geschlechtsteilen bewachen das Bett. An den Wänden hängen Farbcollagen. Kann ich nicht viel mit anfangen, habe auch keine Ahnung von Kunst. Seltsam, dass ich Künstler anzuziehen scheine.
»Toll», lobe ich.
»Dieses Werk heißt Möse der Welt», zeigt sie auf ein pinkes Geschmiere, in dem ich keine Form erkennen kann.
»Meinst du, in Hildesheim lässt sich ein Bild mit diesem Titel ausstellen. In Hannover kein Problem.»
Wir setzen uns auf den Boden. Sie legt eine Doors-CD in die Anlage. Über Manzareks Arpeggios flüstert Morrison Riders in the storm, into this world we’re born, into this world we’re thrown.
»Jeder braucht Leute, mit denen er auf einer Ebene kommunizieren kann», gerät sie auch auf die philosophische Schiene. »Was gibt sonst im Leben Halt? Es wird versucht, dir zu suggerieren, dass du Teil von vielen großen Einheiten bist. deiner Familie, des Staates, Deutschlands, Europas. Ich konnte mich da nie wieder finden. Aber auch ich brauche Bestätigung, jemanden, der mir Feedback gibt. Und das, obwohl ich eine starke Frau bin. Bevor ich Teil der Community in Hannover geworden bin, habe ich mich ziemlich verloren gefühlt.»
Verstehe ich.
»Ja, hier gibt es Menschen, die mich unterstützen. Ich kann lesen, feiern. Wenn ich Muskelmasse brauche zum Getränkeschleppen, findet sich auch immer jemand. Und die geistige Ebene sowieso. Hier schreiben und denken viele in der gleichen Richtung wie ich. Social Beat, Literatur von der Faust in die Fresse», sage ich.
»Meine Eltern sind liebe Leutchen», fährt Antje nach einer Schweigeminute fort. »Mein Vater war bei der Deutschen Bahn, meine Mutter Hausfrau. Ich bin ziemlich spät gekommen, sie hatten eigentlich nicht mehr mit einem Kind gerechnet. Vielleicht sind sie altersmäßig zu weit weg von mir. Jedenfalls verstehen sie nicht, was ich mache, sitzen lieber vor der Kiste als sich zu verwirklichen. Aber sie können nicht anders. Ich liebe sie, kann aber nicht alles mit ihnen teilen. Dafür sind sie zu strange. Freunde habe ich einige. Wir haben einen Kunstzirkel gegründet. Vaginalverkehr. Sind klasse Mädels und sogar zwei Macker dabei. Und meine Homies vom Sub-Lit kennst du ja. Viele Leute von der Uni. Ich bin für Kunst und Anglistik eingeschrieben. Habe ich aber schon erzählt», kichert sie.
Sie hängt immer mit Johnny Schmidtke und Magda Pompadour ab. Johnny ist ein ziemliches Großmaul, aber wichtig in der Szene. Gibt ein Literaturfanzine, den Bombenleger, raus. Habe eine Story dort veröffentlicht. Andere Texte von mir waren ihm zu subtil. Ist aber eher Neid. In der Szene sind seine Storys nicht besonders angesehen. Eine Veröffentlichung bei ihm bringt keine Kohle, nur Fame, wobei dieser wegen Johnnys bereits erwähnten schlechten Rufs etwas zweifelhaft ist. Magda macht dasselbe wie Antje, aber Universen miserabler. Einmal hat sie die vollen sieben Minuten beim Wortmacht-Slam abgenudelt, indem sie den Männern in der Audience ‚Schwanzgesicht’ ins Gesicht gebrüllt hat. Das war selbst dem toleranten Hannoveraner Publikum zu plakativ.
»Du willst sicher wissen, was mit Mackern läuft?», entfällt der anstrengende Fragenteil für mich.
»Als ich in Hildesheim wohnte, hatte ich für Männer nur Verachtung übrig. Bornierte Popperschweine, die für eine Nachkommastelle der Abinote ihren besten Kumpel opfern würden. Das war an der Uni anders. Hei, es gibt Männer, die denken können, für die Solidarität mehr als ein Fremdwort aus dem Geschichts-LK bedeutet. Keine Pseudopunkfrisuren, keine Espritklamotten, Männer mit Stil und Brain. Ich habe mich jede Woche neu verliebt, habe Lover und Betten wie Slips gewechselt. Immer auf der Suche nach jemand noch Besserem, nach dem Maximum an Liebe. Irgendwann habe ich erkannt, dass dieses Rumflippen nicht das Richtige für mich ist. Ich suche jetzt den Einzigen, meine andere Kugelmenschhälfte, meine Bestimmung. Verstehst Du mich, Sweety? Den Gott, mit dem Sex Kunst wird.»
»Ja», gebe ich ihr Recht. »Unsere Eltern hatten es einfacher. Vor zwanzig, dreißig Jahren war der Weg der Menschen vorgezeichnet. Klar, es gab die Hippies, aber die wurden vom Proletariat ignoriert oder neidisch ausgelacht. Du hast die Schule besucht, Ausbildung oder Studium absolviert und hast geheiratet. Da wurde nichts hinterfragt. Deine Homies aus der Jugend bleiben Freunde bis ans Lebensende. Egal, ob es passt oder ob du die Typen zum Kotzen findest. Bei Beziehungen das Gleiche: Auch wenn das Feuer zwischen Macker und Perle auf Sparflamme kocht oder erloschen ist; Du bleibst zusammen, gehst vielleicht mal fremd oder in den Puff. Aber vom vorgezeichneten Weg wird nicht abgewichen. Ich bin Gegner von diesem konservativen Scheiß, aber dieser monogame Trip hat was für sich. Auch wenn unsere Gründe anders sind als die unserer Eltern. Und Sex als Kunst finde ich cool»
Antje strahlt, wir verstehen uns. Zwei haltlose Seelen auf den Trampelpfaden des Lebens auf der Suche nach der Allee zum großen Glück. Dabei keine Idee, wie dieses aussehen, sich anfühlen wird, nur das Wissen, dass es irgendwo da draußen auf uns wartet.
»Ich habe einen Traum», flüstert sie. »Ich möchte an der Steinhard School of Culture, Education and Human Development in New York studieren. Da kann ich Kunst, Theater und Literatur verbinden. Mensch, das wäre der Hammer. Und mein Englisch wird nach ein paar Monaten rocken.»
Sie will weg, das ist ein Schlag in die Magengrube.
»Du liebst doch Hannover? Warum willst du in die Staaten?», flüstere auch ich, obwohl niemand außer uns in der Wohnung ist.
»Da kann ich mich entfalten, lerne szenige Typen kennen, kenne die neusten Trends Jahre, bevor sie nach good old Europe rüberschwappen. Für die Entwicklung meiner Personality ist das der nächste Step, der mich um Universen weiterbringt. Ist doch der Hammer, oder siehst du das anders?»
„Nein, finde ich auch», gebe ich zu, obwohl ich meine Zukunft in Hannover sehe. Na, noch ist sie ja da. Warum soll ich mich um ungelegte Eier sorgen. Mein Handy klingelt. Immer im unpassenden Augenblick. Andi.
»Was gibt’s?», frage ich unwirsch. Der weiß doch, dass ich ein Date habe.
»Alles klar, Alter? Hoffe, ich habe euch nicht bei orgiastischen Liebesspielen gestört? Vögeln ist gut für das seelische Befinden, glaub mir. Da verschwinden viele Probleme wie von selbst», quatscht er. Bedröhnt, da bin ich mir sicher.
»Ich habe keine Zeit zu plaudern. Rück raus, was du willst.»
Antje dreht sich eine Zigarette, ich gebe ihr ein Handzeichen, dass mein Gespräch nicht lange dauern wird.
»Du fährst doch morgen zu diesem Verlag nach Süddeutschland. Da komme ich mit. Da gibt es bestimmt coole Locations, wo ich ausstellen kann. Will mal die City abchecken. Offenbach war das, nicht wahr?»
»Offenburg, das liegt bei Karlsruhe. Offenbach ist eine Vorstadt von Frankfurt», glänze ich mit geographischem Wissen.
Nach einer kurzen Denkpause sagt er »Ist egal, kommt sicherlich auch gut. Jetzt sag schon, nimmst du mich mit? Während du mit Verlagstante den Business-Kram abwickelst, streife ich durch Streets und scoute.»
Warum nicht. Die Zugfahrt wird bestimmt lustiger mit einem Gesprächspartner.
»Ich starte um sechs vom Hauptbahnhof. Sei pünktlich. Hast du genügend Asche für die Fahrt?»
»Super, Hotte. Geld ist kein Problem. Quatsch mal mit Romy. Die pumpt mir sicherlich was. Und mein Alter ist auch für ein paar Taler gut. Halt die Ohren steif und nicht nur die.»
Etwas abgeschmackt, aber ich freue mich über die Gesellschaft. Da sehe ich über die unpassenden Bemerkungen großzügig hinweg.
»Mein Kumpel Andi», erklär ich Antje. »Er fährt mit mir nach Offenburg.»
Antje nickt, ihre Augen haben sich geweitet.
»Bist du experimentierfreudig? Willst du neue Sichtweisen des Lebens kennen lernen?», fragt sie verschwörerisch.
Was soll denn das. Ich schaue erstaunt. Sie geht zum CD-Schrank und legt A saucer full of secrets von Pink Floyd auf. Ein wenig antiquierte Mucke, aber schön. Chillt.
»Schon mal auf einem Trip gewesen? Hast du dich schon einmal komplett gehen lassen? Die Spur der Erkenntnis verfolgt wie ein indischer Yogi?»
Meine Seele steht eher am Anfang der Erleuchtung. Eher Taschenlampe als Atomreaktor. Andi ist da wesentlich experimentierfreudiger. Manchmal beschleicht mich allerdings der Eindruck dass er mit Hilfe diverser Substanzen in den Ferrari Richtung Weltflucht steigt. Mit genug Chemie in der Blutbahn wirkt die Vernissage in Buxtehude-Pannasberg wie die Weltausstellung in London. Ich selber habe früher oft gekifft. Hat mich träge gemacht, war aber nett. Alle Gedanken über triste Gegenwart und schwarze Zukunft werden von süßen Rauchschwaden bunt gefärbt. Leider bleibt am nächsten Tag meist der räudige Blueskater, der seine Krallen rachelustig an deinen Gehirnwindungen wetzt. Aber warum nicht.
»Ich erweitere ständig meinen Horizont», gebe ich an. »An was denkst du?»
Aus Ihrem Schreibtisch holt sie zwei kleine Pillen hervor.
»Lysergsäurediethylamid, das Ticket zum Reich der Götter, jedes Mal anders, abenteuerlich bunt wie ein I-Max Kino, das Manna der Neuzeit», schwärmt sie wie ein Drogendealer.
»Gönne ich mir auch ab und an», schwindele ich. Mulmig wird mir schon. Unter Drogen verlierst du die Kontrolle. Hoffentlich mache ich keinen Blödsinn. Einmal war ich so bekifft, dass ich vor den Augen meiner neuen Flamme mitten ins Zimmer pinkeln wollte. Als ich nüchtern war, wäre ich am liebsten vor Scham im Boden versunken. Sie hat auch wenig später aus fadenscheinigen Gründen unsere Beziehung beendet. Meine Vorsicht ist also berechtigt. Doch Antje wird ihre Erfahrungen gemacht haben, warum zerbreche ich mir den Kopf.
Wir schlucken die Mikros und spülen mit Bier nach. Schweigen. Schauen uns an. Nach gefühlten Stunden merke ich noch immer nichts. Nur die Musik wabert durch den Raum.

»Ich sehe dein wahres Ich», meint Antje. »Deine DNA ist wunderschön. Wow. Grüne Spiralen, die sich ins Unendliche drehen. Und deine Aura. An manchen Stellen etwas staubig, aber außen strahlend blau wie ein wertvolles Bild, das lange auf dem Dachboden auf Entdecken gewartet hat. Du bist ein Schatz, Sweetheart.»
»Mir gefallen deine Brüste, zarte Knospen auf den welligen Hügeln. Ich kann durch deine Kleidung sehen, ist vollkommen abgefahren», rede ich, als hätte ich Quatschwasser genascht.
Antje bewegt sich, als wolle sie sich ausziehen. Seltsam, sie ist doch nackt. Aber ihre Farbe ändert sich. Das milchige Weiß ihrer Haut transformiert sich zu einem sanften Rot. Sie erscheint viel größer als vorher, bestimmt ein Meter neunzig.
»Komm zu Mama, Baby», tönt es wie von einem roten Chor. Ich kann die Schallwellen sehen, wie sie aus ihrem Mund dringen, sich verwirbeln und wie Pfeile auf meine Ohren treffen. Strange, dass ich auch meine Ohren sehen kann.
»Greif zu, die Chance bietet sich nicht oft», erzählt auf einmal der afrikanische Häuptling mit dem Riesenständer. Ist eigentlich aus Holz, dachte ich, jetzt sieht er aber wie ein Mensch aus.
»Hörst du die Figur sprechen? », frage ich Antje, die mittlerweile auf Normalgröße geschrumpft ist. Dafür sieht sie noch viel besser als normal aus. Normal, was ist normal auf dieser Welt? Tausend Gedanken schießen durch meinen Kopf. Ein Overflow an Kreativität. Möchte gleichzeitig an meinem Schreibtisch sitzen, all die tollen Geistesblitze in die Tastatur hacken und Antje lieben.
»Sweety, ich hör sie auch», singen zehn Antjes, die auch auf dem Sofa vor mir sitzen. »Wir erleben eine Kommunion des Geistes. Wir teilen unsere Wahrnehmung, werden eins.»
Mit unsicheren Schritten wanke ich zum Sofa. Welche Antje ist die Richtige? Hände betasten meinen Körper, wandern unter mein Shirt. Ich orte sie von der Antje rechts. Auf einmal verschwinden die vielen Frauen und ich sehe gar nichts mehr. Ich bin in einem dunklen Raum, spüre nur noch, bin reines Gefühl, die Essenz des Lebens. Meine Hände tasten auch, fühlen dünnen Schweiß auf nackter Haut. Ab und an dringen orangene Pink-Floyd-Klänge durch meine Haut. Laben mich, tun mir gut. »Sweety», dringt Antjes Stimme wie euphorisierender Zucker durch die Augen in meinen Körper. »Lass unsere Körper verschmelzen.»
Antje ist wieder aufgetaucht. Zumindest ihre Hände, die an Materie gewinnen. Irgendwie sieht sie luftig und plastisch zugleich aus. Ich komme da nicht mehr mit. Erinnert mich an die indische Göttin Shatki, die ich mal in einem Buch gesehen habe. Erstaunlicherweise kann ich nicht richtig nach ihr greifen. Bin auch mehr Luft als Fleisch. Ich versuche sie zu berühren, zu liebkosen. Meine Hände greifen in ihr Inneres. Verwöhnen ihr Herz, ihre deutlich vor mir pulsierenden Energiezentren mit Zärtlichkeiten. Auch sie greift in mich und holt mein pumpendes Herz aus meinem Körper. Tut nicht weh. Sie küsst es, streichelt es und kuschelt ihren Kopf an ihm, dann legt sie es wieder zurück.
Der Medizinmann steht neben uns. Eigentlich mag ich keine Zuschauer beim Sex, aber er ist ein alter Vertrauter, fast ein Teil von mir.
»Lasst eurer Liebe Flügel wachsen, werdet eins», spricht er in Kisuaheli, das ich auf einmal besser verstehe als meine Muttersprache.
Mein Penis wächst, wächst, wächst. Antje nimmt ihn in den Mund, die Höhle des Garten Edens. Wie schafft sie das nur.
»Ich liebe dich», schallt es aus ihren Poren, aus denen blaue Dampfkringel aufsteigen. Ist das spacig.
»Ich liebe dich noch mehr», fühle ich Verbundenheit wie noch nie in meinem Leben. Seltsam, so was habe ich Bea nie gesagt. Eigentlich ein Beziehungskiller, aber im Moment ist uns alles egal. Ist das die Vereinigung von Alpha und Omega, verbindet sich mein Universum mit dem großen Weltenraum?
Antje gibt meinen Schwanz frei, der nach Vereinigung giert. Liebevoll lege ich meinen anderen Teil auf den Boden, blicke in ihre Augen, die meine sind, schaue in die Tiefe ihrer Möse und beginne sie zu ficken. Wir sind eins, eins mit uns, eins mit der Welt. Dass Antje nicht wie Bea stöhnt, sondern Arien singt, beflügelt mich. Schwerelos bewege ich mich auf und ab, bin nur noch Lust.
»Ich weiß ein Mittel, dass dir, mein Schätzchen, wenn du fein fromm bist, Heilung verschafft», jubiliert meine Geliebte. Ich weiß, dass die Worte aus Don Giovanni stammen, obwohl ich die Oper noch nie gehört habe. Ich bin mir ein einziger Mystizismus. Lust und Körper sind eins. Hab noch nie gespürt, dass meine Zehennägel und meine Haare gleichzeitig erregt sind. Um uns herum das Weltall. Planeten und Sterne kreisen, kichern und erneuern sich. Unsere Lustkurve erreicht ihren Höhepunkt, drängt auf Erfüllung. Der schwarze Mann schwebt mit Speer und Tigerfell bekleidet neben uns.
»Lasst euch gehen, jetzt ist der Moment gekommen, der die Welt verändern wird.»
Ich komme, sie kommt, wir kommen. Gewaltig und schwappen Wellen ungezügelter Lust durch unsere Leiber. Liebe vermischt die Flüssigkeiten unserer Körper, hebt die Grenzen unserer Existenzen auf. Antjes Arien transformieren zum Urschrei.
»Wollte nicht stören», schwebt ein kleiner Junge mit Nickelbrille und Kordjacke neben uns »Soll ich für euch mitkochen?»
»Heilung, Heilung», singt Antje. »Lasst uns mit den Speisen eins werden», grölt es aus meiner restlos befriedigten Haut.
»Ihr seid ja vollkommen schräg drauf», echot die Nickelbrille und setzt sich Richtung Mond ab. Wir zerfließen in Wohlgefühl.

Sonntag, Juli 18, 2010

Bestseller Kapitel 03: Horst wird umgetauft



III. Horst wird umgetauft

Ich erwache vom schrillen Klingeln. Benommen recke und strecke ich mich. Mein selbst kreiertes Yoga, um den Tag zu begrüßen. Sonst halte ich es mit Churchill: Sport ist Mord. Obwohl die Pfunde um den Bauchnabel etwas Bewegung vertragen könnten. Aber was soll’s. Muss mich fokussieren. Warum habe ich noch mal den Wecker gestellt? Mein Gehirn läuft auf Sparflamme. Das Aufstehen ist für mich die unangenehmste Zeit des Tages, zudem so früh. Neun Uhr. Ich grabe in den hintersten Stuben meines Unterbewusstseins. Dann fällt es mir ein. Vorstellungsgespräch um elf Uhr in Laatzen. Habe ich das als angehender Erfolgsautor überhaupt nötig? Müde schleiche ich in die Dusche. Während das warme Wasser Körper und Seele belebt, komme ich zu dem Entschluss, dass ich meine Kasse aufzubessern muss. Ich kenne mich nicht in der Verlagsbranche aus, aber es wird bestimmt ein bis zwei Monate dauern, bis Geld auf mein gähnend leeres Konto fließt.

Ich trinke einen Kaffee und versuche Bea zu erreichen.
»Yellow Triangle Company, Sie sprechen mit Bea Gunkel», tönt die Stimme meines Exlieblings geschäftig aus der Muschel.
»Horst hier. Wie geht’s?», frage ich und stecke mir eine Zigarette an.
Aus der Leitung dringt gelähmtes Schweigen.
»Gut. Was ist, ich habe viel zu tun», wirkt sie genervt.
»Habe gleich ein Vorstellungsgespräch. Und morgen bin ich beim Verlag, die haben mich eingeladen, weil sie begeistert von meinem Buch sind. »
»Das hast du bereits erzählt», signalisiert sie Desinteresse. Im Hintergrund ruft jemand »Bea, ist der Volkswagentext fertig?»
„Gleich», brüllt sie zurück. Gut, es hat nichts mit mir zu tun. Einfach nur der übliche Bürostress.
»Ich will auch nicht länger stören. Dachte nur, du wolltest mir Glück wünschen.»
Komm mir ein wenig erbärmlich vor. Aber sie soll wissen, dass ich mich bessere.
»Viel Glück», sagt sie, doch ihre Tonalität sagt ‚Lass mich in Ruhe’. »Du hörst, dass ich arbeiten muss. Du machst das schon. Wie immer.» Klingt nach Sarkasmus. Hab ich das nötig? Wie sehr muss sich ein Mann verbiegen, um einer Frau zu gefallen? Hat sie sich nicht gerade deshalb in ihn verliebt, weil er ist, wie er ist? Mit seinen Fehlern?
Ich muss eingestehen, dass unsere Partnerschaft von Anfang an unter einem ungünstigen Stern stand. Bea ist ein Modepüppchen, dabei sehr taff. Der Typ Frau, um den dich deine Freunde beneiden. Sich fragen, aus welchem Zierfischbecken hat der die denn geangelt. Sieht selber eher wie ein Pantoffeltier aus. Bea ist auf einwandfreie Optik bedacht, während ich es eher leger mag. Ich weiß noch immer nicht, was sie an mir gefunden hat. Vielleicht der Rockercharme meiner Lederjacke. Vielleicht war Punkstyle auch in. Jedenfalls geht sie gerne auf Socialising-Veranstaltungen. Xing ist einer ihrer Favorites, so eine Internetplattform für Yuppies oder Leute, die es werden wollen. Ihre Eso-Ader passt da eigentlich nicht ins Bild. Aber Frauen sind oft ambivalente Wesen. Welcher Mann versteht sie wirklich.
Einmal bin ich zu so einem Business-Brunch mitgekommen. Musste mich in Schale schmeißen, was angesichts des eher spärlichen Inhalts meines Kleiderschranks schwierig war. Da bekommst du Krätze. Fand in einer Heilpraktiker-Praxis mitten in der City statt. Überall standen Häppchen mit Gemüsebelag und Sekt rum. Und Horst hatte einen Bärenhunger. Die Leute waren dreimal chemisch gereinigt und mit Perwoll eingeweicht.
»Kladdemann, Regionalleiter von Vorwerk. Unsere ausgezeichneten Produkte dürften allseits bekannt sein. Ist der Teppich voller Dreck, kommen wir, der Dreck ist weg. Haha. Was treiben Sie denn so?», wurde ich sofort von einem Schlipsträger zugetextet. Als ich reflexartig seine Hand schüttelte, missbrauchte er die Gelegenheit, mir eine Visitenkarte zwischen die Finger zu quetschen.
»Ich bin Künstler und studiere hier die Niederungen des White-Trash», antwortete ich. Konnte er nichts mit anfangen und wanderte zum nächsten Opfer. Bea unterhielt sich vorzüglich. Sie lachte, flirtete und lud einige Idioten zu sich in die Firma und zwei sogar nach Hause ein. Mir wurde übel. Als ich fünf Leute mit meinem Spruch verjagt hatte, bekam Bea mit, dass ich mich unwohl fühlte. »Dass sind alles potentielle Kunden. Sei nett, immer lächeln», instruierte sie mich. Keine Chance. Ich verzog mich an die Bar und zog mir Tomatensaftdrinks durch die Speiseröhre. Bah, gab aber nichts Besseres.
»Nimm mich nie wieder zu solchen Moorleichen mit. Die sind schon scheintot auf die Welt gekommen», redete ich mir den Frust von der Seele.
Bea sortierte mit verkniffenem Gesichtsausdruck, die Visitenkarten, die sie abgestaubt hatte.
»Keine Sorge», murmelte sie. »Dein Wunsch sei mir Befehl. Ein Wunder, dass dieser Termin trotz deiner negativen Schwingungen ein Erfolg war.»
Funkstille im Laufe des Tages. Schweigen wie lähmender zähflüssiger Brei, der in die Zahnräder unserer Beziehung drängte und das Leuchten erblassen ließ.

Am Abend saß ich vor dem Rechner, schrieb mir die Seele aus den Fingern, aber heraus kam nur depressiver Seelenmüll. Die Typen von Vorwerk, AWD, die sich hinter Glitzerfassaden von ihren Klimaanlagen das letzte Atom Menschlichkeit aus dem Körper saugen ließen, hatten meine Energie vergiftet. So wollte ich nie werden. Umso erschreckender, dass meine Freundin zu der Gruppe der Mammonzombies gehörte.
»Ich war ein bisschen hart», legte sich irgendwann ihre Hand auf meine Schulter. »Was schreibst du gerade?»
»Interessiert dich eh nicht. Für dich sind deine Freunde im Dreireiher mit den prallen Bankkonten wichtiger als das Leben. Merkst du nicht, wie du dich prostituierst?»
Bea wirkte traurig.
„Von irgendwas müssen wir leben. Schon vergessen? Aber ich bin selber Schuld. Schließlich hast du mich nicht gebeten, mitzukommen. Tut mir Leid.»
Sie hatte ihren Fehler eingesehen. Es bestand also noch Hoffnung auf Besserung. Doch von diesem Zeitpunkt an fraß sich ein Wurm in unsere Beziehung und höhlte sie aus.

»Bist du noch dran?» Habe vergessen, dass wir noch telefonieren.
»Ja, kannst dich mal melden», habe ich mittlerweile jede Hoffnung abgeschrieben.
»Sicher. Es interessiert mich schon, wie es dir geht», gibt sich Bea versöhnlich. »Aber gleich eine Beziehung? Ich weiß nicht. Das muss die Zeit zeigen.»
Besser als nichts. Aber auch nicht viel mehr.
»Ja, gut. Die Pflicht ruft. Man sieht sich.»
Sie legt auf. Ich horche, ob aus der Muschel noch was dringt. Ein letzter Seufzer, der Bedauern verrät. Natürlich nicht.
Missmutig sichte ich meinen Kleiderschrank. Wie gehabt: Viel Fummel vom Second-Hand-Shop und Flohmarkt. Cool, aber für ein Vorstellungsgespräch wenig geeignet. Ob mein neuer Chef auf die zerfetzte Jeansjacke mit Radioheadsticker steht? Wohl kaum. Ist ja kein Gelegenheitsjob, sondern was Zukunftsträchtiges, wie ich Gerd Siebke verstanden habe. Zumindest denkt die Firma so. Mal schauen. Das vorher ausgewählte rote Hemd und die unzerlöcherte Jeans müssen reichen. Ich kleide mich an und stelle erstaunt fest: Mein Abbild im Spiegel gefällt mir. Gebt mir eine Gitarre und ich wirke wie der junge Johnny Cash. Gebt mir ein Hammerprodukt, und ich verscherbele es an Millionen Kunden, die ihr Glück nicht fassen können. Dann könnte ich auf Beas Network-Meetings eine gute Figur machen. Ich bekomme Angst. Verrate ich gerade meine Ideale? Der Gedanke, die Arbeit nur kurzfristig ausüben zu müssen, beruhigt mich. Bald bin ich ein gefeierter Bestseller-Autor und scheide auf dem Malocherleben aus. Dann hänge ich nur noch mit coolen Leuten ab, die wirklich checken, was im Leben abgeht. Fröhlich genieße ich noch eine Camel und begebe mich zur Straßenbahn.

Zehn Minuten Gezuppel mit Linie zehn zum Hauptbahnhof, dann steige ich Richtung Gleidingen um. Ich liebe es, Straßenbahn zu fahren. Das ist für mich kostengünstiges 4-D-Cinema. Wenn ich mir die Gestalten anschaue, stelle ich mir ihre Lebensgeschichten vor. Ist schon die eine und andere Story draus entsprungen. Mir gegenüber sitzt ein Schmerbauch mit Stirnglatze und Matte. Trägt eine schmuddelige Lederweste. Sein Unterkiefer überragt den Oberkiefer um bestimmt fünf Zentimeter. Seht ihr, was ich meine? Welche Macht hat die Wege dieses Typen mit meinen kreuzen lassen? Er hat eine böse Ausstrahlung merke ich. Er sieht, dass ich ihn beobachte und starrt mich finster an. Lasse mich nicht auf ein Blickbattle ein und schaue weg, als hätte ich ihn unbeabsichtigt fixiert. Ich taufe ihn auf den Namen Ingo. Er hat in seinen fünfundvierzig Jahren viele Tiefs erlebt. Wenig Hochs. Die Sonnenstrahlen weichen aus, wenn er sich nähert. Als Kind hat ihn sein Vater geschlagen, Ma hat vor seinen Augen mit anderen Männern gevögelt. Alkohol als permanenter Freund, der das Leben erträglich macht. Doch Ingo hat beschlossen, sich zu wehren.

In seiner angeschmuddelten Nike-Sporttasche befindet sich eine Knarre. Hat er von einem albanischen Hehler auf dem Kiez gekauft, den nur Bares interessiert. Wenn Ingo am Hauptbahnhof aussteigen wird, setzt er sich in die Bahn und fährt nach Mittelfeld oder Vahrenheide, Stadtteile in denen man sich beim Frühstück die Birne mit Vodka zuknallt. Dort kennt ihn niemand. Er geht zu einer Sparkassenfiliale, zieht sich eine Skimütze über den markanten Schädel, wartet bis das Geschäftslokal bis auf die Angestellten leer ist. Dann haut er sich noch einen Jägermeister rein, öffnet die Tür und zieht seine Waffe. Erwartet, dass die Mitarbeiter sich vor Angst in die Hosen machen.
»Hände hoch. Das ist ein Überfall! Alles Bargeld in die Tasche! Sonst vergesse ich mich!»
Trotz Alkohol ist er nervöser als eine Wespe im Colaglas. Und die Anspannung, das dumpfe Gefühl in der Magengegend steigt. Denn die Mitarbeiter bleiben vollkommen ruhig.
»Es tut mir Leid, dass wir Ihren Wunsch nicht erfüllen können. Unsere Geldbestände sind zentral gesichert. Den Code kennt nur der Direktor, und der befindet sich im Urlaub. Wenn Sie von Ihrer Schusswaffe Gebrauch machen wollen, nur zu. Wir sind sowieso unseres Lebens überdrüssig. Kostenlose Überstunden sind Pflicht, wir werden chronisch unterbezahlt und gemobbt, weil wir den Kunden nicht genügend Finanzprodukte andrehen. Meinen Sie nicht, dass für uns reizvoll ist, wenn Sie uns von diesem unbefriedigenden Berufsleben erlösen? Das spart uns viel Zeit. Thema Finanzprodukte: Haben Sie schon an ihre Altersvorsorge gedacht? Bankräuber gehen erfahrungsgemäß oft in den Vorruhestand, und ob dann Ersparnisse und Rente reichen.. »
Ingo ist verwirrt. Er zieht noch einen Jägerflachmann aus der Jackentasche. Prost und runter. Irgendwie wird alles kompliziert und unangenehm. Wenn Banküberfälle so ablaufen, hat er keine Lust drauf. Er mag es bequem und einfach. Nach zwei Minuten Überlegung hat er eine Entscheidung gefällt. »Wo muss ich unterschreiben, Alter? Rente ist echt wichtig.»

So stelle ich mir Ingos Tagesablauf vor. Auf einmal winkt eine Frau. Jung, attraktiv, in ein graues Spießeroutfit gehüllt. Könnte in Beas Kreativitätsschmiede knechten. Obwohl ich sie nicht erkenne, winke ich zurück. Doch sie stürzt sich auf Ingo.
»Hallo Peter», haucht sie ihm ein Küsschen auf die Wange. »Musst du nicht den japanischen Kollegen das Werk zeigen?»
»Hi, Denise», zeigt sich Ingo-Peter erfreut. »Nein, Gott sei Dank. Ich konnte mir den Tag freischaufeln und gehe mit Erni squashen. Das rebootet den Organismus. Ich hoffe, dann bin ich für die anstehenden Aufgaben der nächsten Wochen gewappnet.» Peters Stimme vibriert mit denselben dunklen sexuellen Schwingungen wie ein Barry-White-Song.
Denise scheint darauf anzuspringen. Sie grinst ihn verstrahlt an, als wäre er der sexiest man alive. Nicht zu glauben, dass Frauen auf so schräge Vögel fliegen. Mit dem Bankräuber habe ich knapp daneben gelegen.

Das Firmengebäude der Pekingtech liegt in Laatzen in einem Gewerbegebiet nah dem Schlachthof. Nach kurzer Busfahrt und einigen Metern per pedes stehe ich vor einem zweistöckigen Bau in Ufoform. In der Glassfassade spiegelt sich mein Konterfei. Das einzige sympathische an dem Gebäude. Denn es ist offensichtlich, dass hier Geld gescheffelt wird, Kohle, Zaster, Penunzen. Der Mensch ist egal. Der ist nur funktionierende Nummer im System. Hier soll ich schaffen? Übelkeit macht sich in meinem Magen breit. Ich fühle mich zerrissen. Schließlich denke ich: Augen zu und durch. Schließlich brauche ich den Schotter.

Ich denke an meinen glücklichsten Moment mit Bea, strahle über den ganzen Körper und wandle gleich einer Lichtgestalt in den Tempel des Mammons. Ein kleingewachsenes, schlecht frisiertes Mädchen hütet den Empfang.
»Guten Tag. Ich heiße Horst Stengel, man erwartet mich zum Vorstellungsgespräch», spiele ich den Selbstbewussten.
»Herr Chong erwartet Sie bereits seit zehn Minuten», blickt die Frau auf die überdimensionierte Uhr im Foyer. Der Eingang ist großzügig gebaut, Drucke von Jason Pollock spiegeln Bildung vor. Die Portraits einiger chinesisch dreinblickenden nadelgestreiften Typen leisten ihnen Gesellschaft.
»Stand im Stau», lüge ich. Interessiert sie aber auch nicht weiter. Durch einen langen Gang –hier hängen Bilder mit Computerteilen- werde ich zu einem Büro geführt.
Das Mädel klopft und öffnet.
»Ich habe hier den Herrn Stengel.» Die Antwort kann ich nicht hören, aber sie drückt mich an der Schulter. Also hinein die Höhle des Löwen.
Hinter einem überdimensionierten Schreibtisch aus dunklem Holz thront in einem Ledersessel ein älterer chinesischer Herr in einem knallroten Anzug. Bis auf ein Laptop ist der Tisch leer. Kein Papier, kein Stift, noch nicht einmal eine Zeitung.
»Guten Tag. Ich bin die Professor Johnson Chong», erhebt er sich und drückt mir lasch die Hand. Berührt mich kaum. Lächelt aber starr wie die Typen vom China-Imbiss. »Ich freue mich, dass Sie arbeiten wollen.»
Er lächelt weiter und betastet die goldenen Ringe an seinen Fingern.
»Ich habe gehört, alle Deutschen sind pünktlich. Du bist aber nicht in Zeit.»
Oh, ist das ein gutes Zeichen, dass er mich jetzt duzt?
»Stand im Stau. Der Verkehr am Vormittag ist mörderisch.»
Er nickt wie ein Wackeldackel auf Morphium.
Ich drücke ihm meine Bewerbungsunterlagen in die Hand. Lebenslauf und Zeugnisse sind etwas spärlich. Aber die ganzen Nebenjobs kann ich schlecht aufführen.
»Herr Siebke meinte, bei Ihnen sei eine Stelle im Verkauf frei, für die ich optimal geeignet sei», schwillt meine Brust. Im Geiste sehe ich mich Computerteile quer durch die Welt befördern. Von China nach Hannover nach Dubai bis nach Indien. Warum eigentlich nicht. Ich freunde mich mit dem Job an. Dient der Völkerverständigung, ein Hoch auf die internationale Verbrüder- und Verschwesterung.
Noch immer grinsend schüttelt er den Kopf.
»Nicht verkaufen! Du sollst machen Buchhaltung. Rechnungen kontieren und so was.»
Buchhaltung, davon habe ich nicht die geringste Ahnung. In meiner Umschulung habe ich die Klausur in Rechnungswesen so was von versemmelt. Ich versuche meine Mimik zu beherrschen, um die Enttäuschung zu verbergen.
»Nicht verkaufen?», fragte ich, als ob ich geistig minderbemittelt sei.
»Stelle im Verkauf schon vergeben. Du machst Buchhaltung, sonst keine Arbeit.»
Super. Zögerlich sage ich »Buchhaltung kann ich auch. Mach ich sogar lieber als Verkauf. Wie viel würde ich denn verdienen?» Eigentlich stellt man diese Frage erst am Ende eines Vorstellungsgesprächs, aber wenn ich schon in die dröge Welt der Zahlen eintauchen muss, soll es sich wenigstens lohnen.
Chong nickt wieder grinsend.
»Oh, Stelle wird gut bezahlt. Anfang tausendsiebenhundert Euro, später mehr. Gerd Siebke sagt, du sein guter Junge. Wenn du willst, du hast Job. Aber du müssen viel arbeiten. Deutsche sind fleißig.»
Erwartungsvoll mustert er mich. Ist ja ne ganze Stange. Voller Scham muss ich mir eingestehen, dass ich ganz fickrig werde, wenn ich an die Kohle auf meinem Konto denke. Bin ich auf dem Weg zum Kapitalisten? Fängt so das Leben als Zombie in der Mammonwelt an? Erst kleinen Verlockungen nachgeben, und schon gehört deine Seele dem Beelzebub. Was soll’s. Ist ja nur für kurze Zeit.
»Damit bin ich einverstanden», verkünde ich. »Wann soll ich anfangen?“ Ist ja schon komisch, dass er noch nicht mal einen Blick in meine Bewerbungsunterlagen geworfen hat. Aber andere Nationalität, andere Sitten. Er mag mich und vertraut mir. Eine gute Angewohnheit, auf sein Bauchgefühl zu hören.
»Oh, du musst erst Praktikum machen. Meine Frau ist Chef von Buchhaltung. Du arbeitest zwei Stunden mit ihr. Dann wir können machen Vertrag.»
Scheiße. Ich hätte wissen müssen, dass da ein Pferdefuß hinter der Grinsefassade lauert. Die wird merken, dass ich von Buchhaltung noch weniger Ahnung habe als von Meeresbiologie.
Aber mit Frauen komme ich in der Regel gut zurecht. Ein bisschen geschmeidige Konversation mit der Dame des Hauses. Dann dürfte der Job eingesackt sein.
„Gerne. Machen wir das so. Eines noch. Wofür sind Sie eigentlich Professor? Reines Interesse», beherzige ich den Tipp aus dem Internet, viele Fragen zu stellen.
Das Grinsen von Herrn Chong bröckelt ein wenig, er hält es aber aufrecht.
»Ich sein Professor in China für deutsche Sprache», antwortet er ein wenig zögerlich und holt einen Kuli aus dem Jackett, den er nervös betastet.
»Ein Kollege», entfährt es mir vor Freude. »Ich habe auch einige Semester Germanistik studiert und schreibe auch. Mein erster Roman wird bald veröffentlicht. Was ist Ihr Fachgebiet?»
Chong überlegt. Jede einzelne Gehirnzelle scheint zu rotieren. Seine Stirn legt sich in Furchen. Er atmet Luft in den Mund, plustert die Wangen auf und lässt sie schließlich ab.
»Für das deutsche Grammatik», sagt er schließlich. Meine Spezialgebiete interessieren ihn nicht. Wahrscheinlich hat er für den Professor einen Pferdekarren Yuans in die Universität gefahren. Aber wahrscheinlich fragt niemand nach der Titelfabrik.
Er greift zum Telefonhörer.
»Ich rufe Frau, dass sie zeigt dir Arbeitsplatz. Dann Vertrag», nickt er wieder freundlich. Unergründliche Leute, diese Chinesen. Mir fällt etwas ein. Wenn ich morgen nach Offenburg fahre, kostet das eine Kleinigkeit. Und zwar fast zweihundert Schleifen. Habe mir bis jetzt noch keine Gedanken gemacht, wie ich die zusammenkratze, denn mein Konto ist ratzekahl leergefegt.
»Ich hätte eine kleine Bitte. Könnte ich einen Vorschuss auf mein erstes Gehalt kriegen? Vielleicht», ich überlege kurz »dreihundert Euro. Ich habe dringende Verpflichtungen. Ich werde mich dafür auch besonders anstrengen.» Ich wundere mich über die eigene Frechheit, aber mehr als ablehnen kann er auch nicht.
»Wenn wir machen Vertrag, du kriegst Vorschuss, kein Problem», grient er wieder. Strike. Mir gelingt aber auch alles.
»Danke. Sie werden es nicht bereuen», strahle jetzt auch ich. Offenburg, ich komme.
Wenig später führt mich Chongs Frau in einen spärlich möblierten Raum mit grünen Tapeten. Strange. Zwei Schreibtische mit Rechnern und einer Unmenge von Papieren. Soll ich das etwa alles wegbuchen, kontieren oder sonst wie bearbeiten? Die Dame heißt Juvenna, ist Mitte fünfzig, klein und gedrungen wie ein Monchichi. Trotz des Alters finde ich ihre Stimme unglaublich sexy. Ein warmes Timbre, das einen Mann zum willenlosen Subjekt degradiert. Allerdings nur, wenn ich ihr mit geschlossenen Augen lausche. Und dazu habe ich keine Gelegenheit.
Denn von Anfang an gibt es ein kleines Problem: Juvenna soll mich anlernen und versteht kein Deutsch, Englisch immerhin rudimentär. Sie ist auch keine Chinesin wie der Professor, sondern stammt von irgendeiner asiatischen Insel, von der ich noch nie gehört habe. Die Chefin nennt mich Debi. Das zwar mit erotischer Stimmlage, aber inhaltlich falsch. Zwei Mal weise ich sie darauf hin, dass ich Horst heiße, dann resigniere ich. Lieber ein Debi mit Arbeitsvertrag, als ein Horst ohne. Sollte mich jemals ein Verlag bitten, einen Wälzer mit geflügelten Worten herauszugeben, werde ich dieses Sprichwort aufnehmen.



Juvenna hält nicht viel von Ordnung. Gut, ich auch nicht. Aber dass ich zwischen Rechnung und Briefen ständig in ihre gebrauchten Taschentücher greife, finde ich etwas übertrieben. Sie schmeißt den Rechner an und irgendeine Buchungssoftware läuft. Sie starrt mich erwartungsvoll an, sagt erstmal nichts. Als ich sie frage »What should I do, Madam?» haucht sie in einer unbekannten Sprache akustische Ohrenschmeichlersätze, als wolle sie mich verführen. Ihre genervte Mimik deutet allerdings darauf hin, dass ich mich auf dem falschen Dampfer befinde.
Da ich nichts erwidern kann, schnappe ich mir die nächstbeste Rechnung und die Kontenliste. Ohne Hauch einer Ahnung rate ich zwei Konten, trage sie in den Stempel auf der Rechnung und hacke die Nummern in die Tastatur. Das scheint gut gewesen zu sein. Freundlich nickt Juvenna. So arbeite ich zehn Rechnungen durch, wobei ich die Konten ändere, um Abwechslung in die Tätigkeit zu bringen. Juvenna strahlt und sagt »Stop, it’s enough. You have job. »
Drei Kreuze. Ihr Mann freut sich und sie quatschen fünf Minuten, ohne dass ich ein Wort verstehe. Dann geht es zur Sekretärin. Der Vertrag ist schon ausgedruckt.
»Du fangen nächste Woche an», verabschiedet mich der Professor. »Gebongt, Chef.» Kaum zu glauben, aber ich bekomme wirklich den gewünschten Vorschuss. Das Glück schüttet sein Füllhorn über mich aus.
»Ich bin Janina», stellt sich das Mädel vom Empfang vor. »Deine Vorgänger haben es meistens nicht lange hier ausgehalten. Der Professor ist in Ordnung, aber Juvenna heißt bei den Kollegen nur der Drache.»
Ich bedanke mich für die Einführung in die Firmeninterna. Morgen ist der Buchvertrag unter Dach und Fach, vielleicht brauche ich die Bekanntschaft mit dem asiatischen Drachen gar nicht zu vertiefen.
Ich verabschiede mich brav bis Montag und verspreche, die notwendigen Personalunterlagen vorbeizubringen. Wo ist denn nur mein Sozialversicherungsnachweis? Aber bis dahin ist ja noch jede Menge Zeit.
Euphorisch fahre ich nach Hause. Unterwegs befühle ich die sechs braunen Scheine in der Tasche. Ja, sie sind real. Ich bilde mir das nicht nur ein. Mein Startgeld für die Autorenkarriere.
Zu Hause setze ich mich an den Computer, um weiter das Schicksal von Fred Sauger zu ergründen, doch meine Gedanken schwirren umher, lassen sich nicht fokussieren. Ich will den Abend in Gesellschaft verbringen. Nicht zu lang, schließlich muss ich um sechs Uhr starten, um mittags in Offenburg zu sein. Bea? Nein. Das letzte Telefonat hat mich runter gezogen. Um Morgen überzeugend zu sein, benötige ich Charisma. Und es leuchtet nur der, der sich gut fühlt. Steht in irgendeinem Businessschmöker, den ich bei der Decius-Buchhandlung vom Grabbeltisch erstanden hab. Gute Klolektüre. Vielleicht ist was dran. Auf Andi habe ich heute keine große Lust. Ich habe den Eindruck, dass er immer dasselbe erzählt. Neue nebulöse Projekte, Partys, Frauen. Alles toll, aber insgeheim wirkt er unglücklich. Wie so viele in der Szene. Die meisten Bekannten reden lieber, als den Arsch hochzukriegen und die großartigen Projekte in die Realität umzusetzen. Vielleicht gebe ich auch immer den gleichen Schmarren zum Besten, ich weiß es nicht. Aber jetzt starte ich durch. Erhebe mich aus dem Kreis der ganzen Möchtegernschriftsteller, die nur für Schublade und ihre Handvoll Kumpels schreiben. Immerhin ist Andi ein Netter, jemand auf den ich mich Tag und Nacht verlassen kann. Vielleicht wird ihn mein Erfolg beflügeln, selber zu neuen Ufern aufzubrechen. Ich gönne es ihm. Zu viel Grübeln verursacht Verstopfung, hat meine Oma immer gesagt. Ich brauche Abwechslung.
Da kommt mir eine Idee. Ich durchwühle meine Geldbörse und werde schnell fündig.
»Antje Fellatio. Ich besorg’s dir, wie du’s brauchst.»
Ganz schön wild die Frau. Vielleicht war es ein Fehler sie anzurufen. Was soll ich antworten. Mir fällt nichts Cooles ein. So suche ich bestimmt eine Minute nach einer geeigneten Antwort.
»Hallo, wenn du so ein abgefuckter alter Sack bist, der junge Frauen anruft und sich dabei einen runterholt, nur zu. Ich stehe auf Telefonsex!», schallt es aggressiv aus dem Hörer.
»Ich bin’s, Horst», quetsche ich eingeschüchtert raus.
»Hei, Alter. Ist stark, dass du anrufst. Wie ist es? Hast du den Buchvertrag eingesackt?“, scheint sie sich zu freuen.
»Morgen ist der große Tag. Bin mächtig stolz. Ist immerhin mein Debüt. Beim vierten, fünften Roman sehe ich das bestimmt gelassener. So bin ich etwas nervös. Fahre morgen früh nach Offenburg, schau mir die Räumlichkeiten an, vielleicht gehen wir essen und lassen dann die Sektkorken fliegen. Bier wäre mir ja lieber.»
»Mir auch», lacht Antje. »Aber für einen Buchvertrag würde ich eine Ausnahme machen. Das Leben ist ein einziger Kompromiss, Alter. Gibt jedenfalls Fame in der Community. Musst dir aber auch klar sein, dass manche Kollegen neidisch sein werden.»
»Damit kann ich leben», spiele ich den Starken. »Hast du Lust, heute Abend abzuhängen und zu chillen?», wage ich mich auf dünnes Eis. Sie hat sicherlich keine Zeit, findet mich unattraktiv oder uncool.
»Hm, muss noch ein Referat für die Uni vorbereiten. Der Hof zu Zeiten Shakespeares, ziemlich bildungsbürgerlich. Aber schadet ja nichts, sich mit dem historischen Krams auszukennen.» Wie ich mir gedacht habe. »Aber heute Abend, klar, warum nicht. Du kommst vorbei, und ich koche einen Happen für uns. Können uns dann eine DVD ansehen, hab was vom Poetry Slam in Leipzig.»
»Cool, Anschauungsunterricht für die eigene Performance. Kann nie schaden», fasse ich mein Glück nicht.
»Alter Falter, Du glaubst es nicht», gibt sie sich exstatisch. »Da sind Hammertypen aufgetreten. Sushi, Böttcher und Konecny. Die rocken den Saal. Vielleicht rappe ich mein Referat», überlegt sie.
»Ob das der Prof cool findet? Die sind doch verstaubter als das Oxford Dictionary.»
»Unterschätz den ollen Dick nicht», widerspricht sie vehement. »Für seine Zeit war der abgefahren bis in die Haarspitzen, genialer Typ. Du kannst die Texte der Klassiker für den Slam grandios parodieren. Denk an Wehwalt Koslovskys Schiller fickt. Gigantomanisch.»
»Ich les auch ab und an die alten Herren», flunkere ich. »Will meine Roots kennen. Hamlet ist ja ein ins Universum gefurzter Rap, ein vorweggenommener Ginsberg.»
»I tell you», bestätigt Antje. »Um zwanzig Uhr bei mir. Wittekindstr. 28. Freu mich.»
Kaum hab ich aufgelegt, klingelt es.
»Alter, was geht ab? Hast du Lust, dich im Chez Heinz mit mir zu treffen?» Andi redet hektisch, als hätte er was eingeschmissen.
»Keine Zeit. Hab so eine Art Date.»
»Ein Date? Fantastisch, ist auch höchste Zeit, dass du den Bea-Trip verlässt. Die Alte bringt nichts Gutes. Zu settled. Wer ist es denn, kenn ich die Braut?»
Eigentlich will ich mit Andi nicht über Antje sprechen. Vielleicht redet er mir das Date kaputt. Na was soll’s, schließlich erzählt er mir auch seine Frauengeschichten.
»Eine Slamer-Kollegin, Antje Fellatio. Weiß nicht, ob ihr euch über den Weg gelaufen seid.»
Andi lacht, etwas hysterisch, was mich ärgert.
»Mensch, die Tussi hat‚’ne exzellente Optik, aber was sie so von sich gibt. Ich bin eine Drecksfrau und ficke gerne. Weiß nicht, ich streichele lieber zahme Kätzchen, als mir die Finger von Panterinnen abbeißen zu lassen.»
»Was macht Inga? », wechsele ich das Thema.
»Romy», klingt er etwas eingeschnappt. »Alles easy. Wir sind im Honeymoon. Ziehen bald zusammen. Ist das nicht eine gute Neuigkeit?» Überzeugend klingt das nicht. Außerdem zittert seine Stimme, als stünde er kurz vor der Exekution.
»Alles in Ordnung?», frage ich. Eigentlich spielen körperliche und seelische Befindlichkeiten keine Rolle in unserer Freundschaft. Andi Szenetiger ist immer gut drauf. Aber heute wirkt er, na, ich weiß nicht. Bin kein Psychodoc oder Mediziner.
»Natürlich, was soll das?» reagiert er auch gereizt. »Bereite gerade eine Ausstellung in Pinneberg vor. Sculptures stoned washed. Bin durch diverse Steinbrüche in ganz Dummdeutschland getrampt, um Material zu ranzukarren. Das wird der Renner. Ich sag’s dir. Bin nur etwas überarbeitet.»
Wahrscheinlich Material, um Luftschlösser zu bauen.
»Das wird es sein», gebe ich ihm Recht. »Muss mich noch mental vorbereiten. Ich ruf dich an, wie es beim Verlag gewesen ist. »
»Mach das, Alter. Fingers crossed.»

Kapitel 04 Blitzdating mit dem Medizinmann erscheint urlaubsbedingt wahrscheinlich am 01.08.10.

Sonntag, Juli 11, 2010

Interview auf www.legimus.de

Heute ist ein interessantes Interview mit mir erschienen. Es geht um Martin Springenbergs und meine Bücher, insbesondere "Bestseller", aber auch ums Schreiben selber.

Das Interview findet Ihr hier: Legimus im Gespräch mit Michael Bresser

Viel Spaß beim Lesen und ein kühles Restwochenende

Michael

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