Schöner Artikel im Stadtkind Hannover anlässlich der Veröffentlichung von "Den Letzten beißt das Schwein"::
Böse Stimmen bezeichnen ihn als Mischung aus Mario Barth und Mr. Bean. Mit Recht. Homepage:www.rockdasdorf.de
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Sonntag, Februar 03, 2013
Samstag, Dezember 08, 2012
Den Letzten beißt das Schwein
Unser neuer Münsterland-Krimi mit Dieter Nannen ist überall vorbestellbar:
Detektiv Dieter Nannen soll von seinem Vater eine halbe Million Euro erben. Leider ist diese Erbschaft an eine Bedingung geknüpft: Nannen muss den Detektivjob an den Nagel hängen. Da in seiner Kasse Ebbe herrscht, stimmt er zähneknirschend zu und heuert als Buchhalter auf einem Ferienbauernhof an. Doch schon bald stolpert er über die erste Leiche. Zwar ist es nur ein totes Kaninchen, aber Mord ist Mord – und sein Jagdinstinkt geweckt. Als kurz darauf ein Attentat auf Bauer Rexforth verübt wird, gerät ein ungeheuerlicher Fall ins Rollen.
Natürlich ist dieser witzige und spannende Roman auch bei euren lokalen Buchhändlern erhältlich.Viel Spaß beim Lesen. Wir freuen uns.
Montag, September 17, 2012
Erstes Feedback zu unserem neuen Roman "Karnickelkiller"
Nette Mail vom Lektor zum Karnickelkiller erhalten:
"Der Text hat mir gut gefallen: Die Idee mit dem Erbe, das Nannen sich verdienen muss, fand ich toll, ebenso die Einquartierung der Mutter. Die Krimihandlung funktioniert, die Auflösung kommt überraschend, der Sprachwitz, die herrlichen Haupt- und Nebencharaktere (Christian und Bongo!) und die running gags machen Spaß - eine sehr vergnügliche Lektüre!"
Mal was andere als die üblichen Amazon-Rezensionen: "Wenn ich Sie niveaulosen Primitivling persönlich treffe, schlage ich Sie zu Brei." - "Schon mal Kedanken über ein Leben mit dritten Tsähnen gemacht, Du Möchtegern-Schreiblink, Du."
Freitag, Februar 17, 2012
Niedertracht in Niedersachen

Frisch erschienen:
Kurzbeschreibung
Bitterböse Schweinereien im Schlachthaus der Republik. Fünfundzwanzig namhafte Krimiautoren fanden Tatorte zwischen Elbe und Weser, Heide und Harz, die nur einen Schluss zu lassen: Niedersachsen bietet nicht nur landschaftlich Abwechslungsreiches sondern auch herrlich Niederträchtiges!
Hans-Jürgen Alberts, Richard Birkefeld, Michael Bresser, Bodo Dringenberg, Angela Eßer, Marcel Feige, Christane Franke, Nina George, Karola Hagemann, Henrike Heiland, Thomas Kastura, Regine Kölpin, Ralf Kramp, Tatjana Kruse, Susanne Mischke, Christian Oehlschläger, Egbert Osterwald, Cosima Bella Quirini, Jobst Schlennstedt, Manfred C. Schmidt, Ilka Sokolowski, Ilka Stitz und Helge Thielking haben in Bastrup, Steinhude, Winsen/Luhe, Hannover, Springe, Uelzen, Celle, Echte, Göttingen, Seesen, an der Okertalsperre, auf der A7, in Hameln, Auetal, Lüneburg, Fallingbostel, Wendland, Wolfenbüttel, Bad Pyrmont, Schneverdingen/Wilseder Berg, Wolfsburg, Damme und Goslar ihr blutiges Handwerk verrichtet.
Hans-Jürgen Alberts, Richard Birkefeld, Michael Bresser, Bodo Dringenberg, Angela Eßer, Marcel Feige, Christane Franke, Nina George, Karola Hagemann, Henrike Heiland, Thomas Kastura, Regine Kölpin, Ralf Kramp, Tatjana Kruse, Susanne Mischke, Christian Oehlschläger, Egbert Osterwald, Cosima Bella Quirini, Jobst Schlennstedt, Manfred C. Schmidt, Ilka Sokolowski, Ilka Stitz und Helge Thielking haben in Bastrup, Steinhude, Winsen/Luhe, Hannover, Springe, Uelzen, Celle, Echte, Göttingen, Seesen, an der Okertalsperre, auf der A7, in Hameln, Auetal, Lüneburg, Fallingbostel, Wendland, Wolfenbüttel, Bad Pyrmont, Schneverdingen/Wilseder Berg, Wolfsburg, Damme und Goslar ihr blutiges Handwerk verrichtet.
Über den Autor
Cornelia Kuhnert, Jahrgang 1956, hat in Hannover studiert und viele Jahre in Burgdorf als Lehrerin gearbeitet. Mittlerweile wohnt sie in Isernhagen. Seit 2005 veröffentlicht sie Kriminalgeschichten.Richard Birkefeld, geboren 1951, und Göran Hachmeister, geboren 1959, sind Historiker mit dem Schwerpunkt Kultur- und Sozialgeschichte im frühen 20. Jahrhundert. Sie publizierten eine Reihe wissenschaftlicher Aufsätze, Essays, Dokumentationen und Bücher zu stadtgeschichtlichen Problemfeldern. Beide leben und arbeiten in Hannover.Darin meine Story: Verwesen in Seesen über eine Abrechnung im Volksmusikermilieu.
Sonntag, August 21, 2011
Dennis Lehane: Moonlight Mile
Ich bin ein großer Lehane-Fan, insbesondere der Patrick-Kenzie-Serie. Doch begeisterten die vorherigen Romane durch brilliante Plot-Wendungen, hangelt sich dieser Fall vorhersehbar zum relativ unspektakulären Showdown.
Die sechzehnjährige Amanda verschwindet. Dieses Mädchen hat Patrick bereits vor Jahren aus den Fängen von Entführern befreit. Leider durfte sie bei denen ein besseres Leben als bei der eigenen Mutter führen. Deswegen plagen Kenzie noch immer Gewissensbisse und er begibt sich auf die Suche (ohne Honorar), obwohl er eine gut dotierte Festanstellung bei einer renomierten Detektei annehmen könnte.
Rasch stellt er fest, dass auch die Russenmafia nach Amanda sucht. Und mit der ist nicht zu spaßen.
Moonlight-Mile ist ein solider Roman auf durchschnittlichem Spannungslevel und ist meiner Ansicht Lehanes schwächstes Werk. Da Kenzie sich gegen Ende des Buchs vom Detektivgewerbe verabschiedet, liegt es nahe, dass dies der Abschluss der Serie bildet. Schade, ich hätte mir ein rasanteres Finale auf dem Niveau der Vorgänger gewünscht.
Mittwoch, März 02, 2011
Silke Porath / Andreas Braun: Klostergeist

Humorvolle Lokalkrimis sind selten. Dieser ist einer und widerlegt sämtliche Vorurteile, die man gegen die oft als dröge und verbissen verschrieenen Schwaben im Allgemeinen hat.
Der Bürgermeister von Spaichingen fällte vom Kirchturm. Direkt vor die Füße des Priors des Spaichinger Klosters Pater Pius. Dieser mischt sich in die Ermittlungen ein und unterstützt seine frühere Schülerin Verena Hälble und deren Assistenten.
Die einzelnen Charaktere sind ungemein liebe- und humorvoll gezeichnet. An der Stelle, wo Kommissar Thorben Fischer sich routiniert schminkt, während Kollegin Verena wie ein gerupftes Huhn in die Kamera blickt, musste ich laut lachen.
Es gibt viele Verdächtige, die finstere Pläne verfolgen, und die Spannung hoch halten. Gegen Ende des Romans eskaliert die Situation und Pater Pius wird.... Nee, das sollten Sie selber lesen.
Ich habe mich glänzend amüsiert und hoffe stark, dass es einen Nachfolger dieses rundum gelungenen Krimis gibt.
Dienstag, November 30, 2010
Mein Schwein pfeift: Der Dülmener Kurier im Gespräch mit Dr. Otto Baumeister

DK: Heute sprechen wir mit Herrn Dr. Otto Baumeister aus Münster, einem Freund Dieter Nannens. Wir haben uns im Hinterzimmer des Seniorencafés Hörgerät getroffen. Ein ungewöhnlicher Name, ein ungewöhnlicher Ort.
Otto Baumeister: Ich betreibe in diesem Raum meine Detektei. Was gibt es Unauffälligeres als ein Seniorencafé? Es vermutet keiner, dass von hier aus dem Bösen der Garaus gemacht wird.
DK: Detektei? Ich dachte, Sie sind Rentner und helfen bei Bedarf Herrn Nannen. Zumindest erzählte mir dieser das.
Otto Baumeister: Das ist mein Nebengeschäft. Dieter hat so viel zu tun, dass er mir einige Aufträge abgibt. Vielleicht ist Ihnen der Fall „Lotte Schneider“ bekannt?
DK: Ich muss passen. Eine Entführung?
Otto Baumeister: In diese Richtung habe ich ermittelt. Später wurde Lotte ermordet aufgefunden?
DK: Hier in Dülmen? Wir lesen den Polizeibericht sehr aufmerksam. Da ist mir nichts bekannt.
Otto Baumeister: Vielleicht werden Papageien dort nicht geführt. Bedauerlich. Nach einer Woche fanden wir das Tier. Vom Roller der achtjährigen Marina überfahren. Mir hat es widerstrebt, für ein solches Ergebnis 1.000 Euro zu nehmen. Marina ist nicht strafmündig, deshalb ist die Sache im Sande verlaufen. Letztendlich war es auch keine Absicht.
DK: Aha, Sie sind also Vollblutdetektiv. Ich möchte Ihnen nicht zu nahe treten. Aber in Ihrem Alter?
Otto Baumeister: Ha. Für wie alt halten Sie mich?
DK: Das ist eine Fangfrage, nicht wahr. Fünfzig?
Otto Baumeister: Sie Charmeur. 78, aber das ist kein Grund, die Füße hochzulegen. Wie gesagt: Dieter ist ein Freund, und ich helfe ihm gerne. Ich habe ein Laptop und bin Fernstudent der Detekteiakademie. Für Beschattungen habe ich mein eigenes Netzwerk aufgebaut, das ich Dieter gerne zur Verfügung stelle. Wie wäre es mal mit einer Homestory über mich in Ihrer Zeitung?
DK: Ich denke drüber nach. Welche Rollen haben Sie eigentlich im Küppers-Fall gespielt?
Otto Baumeister: Ohne strunzen zu wollen, denke ich, dass ich entscheidend zur Lösung beigetragen habe. Detaillierte Beschattungsarbeit und Recherche sowie Personalgestellung bei der Mörderüberführung waren mein Part. Aber das lesen Sie am Besten im Buch nach. Ich will da nicht vorgreifen.
DK: Das war ein schönes Schlusswort. Ich wünsche Ihrer Firma und Ihnen persönlich alles Gute für die Zukunft. Damit verabschiedet sich der Dülmener Kurier von Otto Baumeister, einem Dülmener Gesicht.
Montag, November 29, 2010
Mein Schwein pfeift: Der Dülmener Kurier im Gespräch mit Karin Schumann

Anlässlich der Veröffentlichung des vierten Dieter-Nannen-Krimis hat es sich der Dülmener Kurier nicht nehmen lassen, die beteiligten Personen zu interviewen. Heute ist Karin Schumann, Herr Nannens Nachbarin, zu Gast in unserer Redaktion. Das Gespräch führt Marlon Brandt (Volontär), da Chefredakteur Gerhard Tilke als Bruder von Frau Schumann persönlich befangen ist.
DK: Hallo, Frau Schumann. Ich bin ganz aufgeregt, das ist heute mein erstes Interview. Ich weiß gar nicht, was ich Ihnen zu trinken anbieten soll. Ich glaube, wir haben noch Tee und Wasser da.
Karin Schumann: Einen Roibuschtee, bitte.
DK: Den haben wir sogar. Super, die erste Klippe habe ich genommen.
Karin Schumann (nach zehn Minuten): Wir können aber auch ohne Getränk beginnen, schließlich habe ich einige Tiere zu versorgen.
DK: Das ist mir jetzt sehr peinlich. Ich hätte schwören können, dass da noch eine Packung ist. Mist. Aber ich bin ja nur Volontär. Seit einer Woche. Wenn ich länger dabei bin, werde ich auch die Betriebsinterna kennen. Schön, dann starten wir. Es macht Ihnen sicher nichts aus, dass ich eine Cola trinke? Nein, gut. Frau Schumann, Sie sind Herrn Nannens Nachbarin. Wie lebt es sich mit solch einem Helden in der Nachbarschaft?
Karin Schumann: Held, haha. Das könnte dem eitlen Gockel so passen. Helden stelle ich mir anders vor. Aber er hat sich gebessert. Und über Abwesende will ich nichts Schlechtes sagen.
DK: Das müssen Sie schon ein wenig präzisieren. Was gibt es denn an Herrn Nannen zu tadeln.
Karin Schumann: Na, ich will jetzt keinen kalten Kaffee aufwärmen. Als Dieter von Essen nach Buldern gezogen ist, haben wir uns nur semigut verstanden. Er meinte, als Weltbürger könne er hier auftreten wie Graf Rotz. Dabei ist Essen nun wirklich keine Perle von Stadt wie beispielsweise Dresden oder Hamburg. Ohne anzuklopfen schneite er mir bei mir herein und erwischte mich splitternackt. Entschuldigt hat er sich dafür bis heute nicht.
DK: Oh, das hatte ich recherchiert. Im ersten Nannen-Krimi Schwein gehabt gibt Herr Nannen an, sich sehr wohl entschuldigt zu haben. Das muss ein Missverständnis gewesen sein.
Karin Schumann (erregt): Papperlapapp, Papier ist geduldig. Er hat sich nicht entschuldigt. Alle Fälle wurden nach aus Dieters Augen geschrieben. Da kommt er viel zu gut weg, und ich zu schlecht. Diese permanenten fiesen Bemerkungen über meinen Modegeschmack habe ich ihm schon übel genommen.
DK: Aber Sie sind sich schon näher gekommen. Gab es – verzeihen Sie die etwas indiskrete Frage - sexuelle Kontakte?
Karin Schumann: Ich werde doch nicht mein Privatleben in der Presse breit treten. Für wen halten Sie mich?
DK: Es gibt da schon Sequenzen in den Nannen-Romanen, die auf intime Kontakte schließen lassen.
Karin Schumann: Sind wir hier bei der Yellow-Press oder einem seriösen Blatt? Von mir gibt es kein weiteres Wort zu diesem Thema.
DK: Nun gut. Wenn ich Mein Schwein pfeift richtig gelesen habe, wird Ihre Beziehung in absehbarer Zeit einen offiziellen Charakter bekommen. Ist das richtig, und wenn ja, wie ist es dazu gekommen?
Karin Schumann: Das kann ich so nicht bestätigen. Nichtsdestotrotz wir sind uns im Laufe der Zeit näher gekommen. Dieter hat eine Menge guter Seiten, die häufig jedoch gut verborgen sind. Menschen, die ihn nicht so gut kennen, halten ihn oft für arrogant. Aber das täuscht.
DK: Was halten Sie von Herrn Nannens Beruf? Schließlich ist Detektiv ein gefährlicherer Beruf als beispielsweise Angestellter im Öffentlichen Dienst. Auch Sie sind bei seinem letzten Fall in Lebensgefahr geraten.
Karin Schumann: Damit muss ich leben. Es mag vielleicht etwas esoterisch klingen, aber für mich sollte jeder Mensch nach seiner karmischen Bestimmung leben. Und Dieters scheint halt Detektiv zu sein. Böses auszumerzen und die Welt ein Stück weit gerechter zu machen, das sind seine Anliegen. Dennoch wäre mir ein „langweiligerer“ Job natürlich lieber.
DK: Frau Schumann, wir danken Ihnen für dieses Gespräch und entschuldigen uns für die Unannehmlichkeiten.
Freitag, November 26, 2010
Mein Schwein pfeift: Der Dülmener Kurier interviewt Peter Grabowski

Am 01.12.2010 erscheint der neue Nannen-Krimi „Mein Schwein pfeift“im Ullstein-Verlag. Die beschauliche Stadt Dülmen, die sonst hauptsächlich für Wildpferde bekannt ist, rückt durch die brutale Mordserie in den Fokus der bundesdeutschen Öffentlichkeit. Der Dülmener Kurier lässt es sich nicht nehmen und interviewt die wichtigsten beteiligten Personen, um die Öffentlichkeit über Hintergründe aufzuklären.
Heute spricht Chefredakteur Gerhard Tilke mit Peter Grabowski, Dieter Nannens ältestem und besten Freund.
DK: Guten Abend, Herr Grabowski.
Peter Grabowski: Nicht so förmlich, alter Schwede. Schließlich bist du der Bruder von Karin Schumann, eine meiner besten Freundinnen. Ich heiße Peter. Auch ein Pils?
DK: Tja, angesichts der Tatsache, dass wir uns in einer Gastwirtschaft getroffen haben, keine schlechte Idee.
PG: Super Laden, wat? Hat erst vor kurzem aufgemacht. War vorher ne ganz üble Spelunke hier.
DK: Ich kenne das alte Lokal zwar nicht, aber nach einer extremen Weiterentwicklung sieht das hier nicht aus.
PG: Hah, dann geh mal auf die Toilette.
DK: Okay, ich glaube es dir. Jetzt zum Grund unseres Treffens: Unsere Leser möchten gerne erfahren, was hinter dem erfolgreichen Privatdetektiv Dieter Nannen steckt.
PG: Weiß du, dass er ohne mich gar kein Schnüffler geworden wäre?
DK: Nein, das ist mir neu.
PG: Ich hatte nämlich die Idee, und er hat mir das einfach nachgemacht.
DK: Und jetzt bist du bestimmt stinkesauer auf ihn.
PG: Drauf geschissen. Ist doch mein bester Kumpel. Außerdem zieht er mich immer zu Rate, wenn er nicht mehr weiter weiß. Leider zahlt er ziemlich mies.
DK: Du meinst also, Herr Nannen ist ein Halsabschneider.
PG: Laber keinen Scheiß, Alter, sonst sind wir hier ganz schnell durch. Dieter ist mein bester Kollege, wie gesagt, nur manchmal vielleicht ein bisschen geizig.
DK: Wie hab ihr euch denn kennen gelernt?
PG: Wir kennen uns schon seit der ersten Klasse. Später haben sich allerdings unsere schulischen Wege getrennt. Hatte keinen Bock auf diese Streberei. Hab lieber mit den Kumpels oder scharfen Weibern abgehangen.
DK: Und Herr Nannen?
PG: Der war zwar auch manchmal mit am Start, aber irgendwie standen die Pauker auf ihn. Der Dieter, der hat nachher sogar studiert, während ich malocht habe.
DK: Und trotzdem habt ihr euch nie aus den Augen verloren?
PG: Gute Freunde kann niemand trennen. Wir haben schon so viel Scheiß zusammen gebaut, uns bringt keiner mehr auseinander. Dieter war sogar mein Trauzeuge.
DK. Was meinst du genau mit „Scheiß gebaut“? Das dürfte unsere Leser interessieren.
PG: Meinst du, Kollege, ich bin so bekloppt, und erzähl was? Nachher hab ich noch die Bullen am Hals.
DK: So weit wollen wir es ja nicht kommen lassen. Gibt es denn irgendeine Anekdote aus Herrn Nannens Leben, die du unseren Lesern verraten kannst?
PG: Vielleicht die mit Bärbel?
DK: Ich habe zwar keine Ahnung, wen du meinst, aber nur zu.
PG: Dieter hatte damals mit 15 oder so diese Schnalle Bärbel, die ihn aber irgendwann tierisch genervt hat. Allerdings hat er sich nicht getraut, Schluss zu machen, weil sie ziemlich rabiat war.
DK: Und dann?
PG: Dann hatte Dieter eine super Idee: Ich bin statt ihm zum Date gegangen und habe mich als er ausgegeben. Habe gesagt, dass ich einen Unfall hatte und total operiert worden bin. Ruckzuck war finito, und das ohne irgendwelchen Stress.
DK: Vielen Dank für diesen selbstironischen Kommentar und für das Gespräch.
PG: Noch ein Pils?
DK: Nein danke, gleich ist Redaktionsschluss. Auf Wiedersehen.
Donnerstag, November 25, 2010
Mein Schwein pfeift: Der Dülmener Kurier im Gespräch mit Pfarrer Wilpert

Am 01.12.2010 erscheint der neue Nannen-Krimi „Mein Schwein pfeift“. Die beschauliche Stadt Dülmen, die sonst hauptsächlich für Wildpferde bekannt ist, rückt durch die brutale Mordserie in den Fokus der bundesdeutschen Öffentlichkeit. Der Dülmener Kurier lässt es sich nicht nehmen und interviewt die wichtigsten beteiligten Personen, um die Öffentlichkeit über Hintergründe aufzuklären.
Heute spricht Chefredakteur Gerhard Tilke mit Pfarrer Wilpert, dem Seelsorger von Dieter Nannen, dem Hauptprotagonisten von Mein Schwein pfeift.
DK: Guten Tag, Pfarrer Wilpert. Wir treffen uns hier in der Sakristei von Sankt Pankratius. Wie kam es zu Ihrer Bekanntschaft mit Dieter Nannen? Ist er ein einfaches Gemeindemitglied, oder sehen Sie eine engere Beziehung. Vielleicht ein Freund?
Pfarrer Wilpert: Ich habe Sie noch nie in meiner Kirche gesehen, junger Freund. Wir hatten letzte Woche Gemeindefest und haben über 300 Euro für Miserior gesammelt. Warum wird zu so einer wichtigen Veranstaltung ein Praktikant geschickt? Das beschämt unseren Herrgott!
DK: Ich wäre liebend gerne gekommen, war aber gesundheitlich verhindert. Wir sprachen über Herrn Nannen.
Pfarrer Wilpert: Beim nächsten Gemeindefest erwarte ich einen Artikel von Ihnen persönlich auf der ersten Seite des Lokalteiles. Haben wir uns verstanden, junger Freund!
DK: Versprochen.
Pfarrer Wilpert: Nun, Dieter Nannen ist ein Angestellter Gottes. Als unser langjähriger Organist Hugo Simon verstarb, vererbte er Nannen seinen Hof. Schon Monate vor seinem Tod erzählte er mir, dass auch sein Erbe Tasteninstrumente bedienen könne. Leider hat Nannen seine Fertigkeit früher nicht zum Lobe Gottes genutzt. Eher im Gegenteil. Hugo spielte mir einige Lieder vor, nein, nichts Gescheites. Aber die Fertigkeiten sollten für unsere Gemeinde reichen, wenn sie in die richtigen Kanäle gelenkt würden. Ich bestellte ihn kurz nach seiner Ankunft in die Kirche, legte ihm die Lieder vor, und seitdem ist Herr Nannen ein nützliches Schäfchen unserer Gemeinde. Leider sehr unregelmäßig. Er schiebt seine Abwesenheiten vom Gottesdienst auf seinen Beruf, aber das kann ich nicht gelten lassen. Denn…
DK: Du sollst den Sonntag ehren?
Pfarrer Wilpert: Genau. Bei Ihnen ist wohl doch noch nicht Hopfen und Malz verloren.
DK: Was halten Sie vom Detektivberuf Ihres Organisten? Dort hat man ja mit allerlei üblen Subjekten zu tun, muss vielleicht sogar auf Menschen schießen.
Pfarrer Wilpert: Des Menschen Wille ist sein Königreich. Die Polizei hat schließlich auch mit Sündern zu tun, verteufelt die Gesellschaft sie deswegen? Ich habe mich nie besonders mit seinem Broterwerb beschäftigt, wichtig ist, dass Sonntag in der Kirche mit Musik dem Herrn gehuldigt wird. Nachdem ich anfangs eine gewisse Unlust bei ihm festgestellt habe, versieht er nun den Dienst mit Freude.
DK: Sie sehen Herrn Nannen als frommen Diener der Kirche?
Pfarrer Wilpert: In seinem tiefsten Herzen ist er ein gläubiger Jünger des Herrn. Das sollten Sie bei aller möglichen Kritik an Herrn Nannen nicht vergessen. Wenn Sie mit ihm sprechen, erinnern Sie ihn aber bitte daran, dass er schon lange nicht mehr zur Beichte gekommen ist. Denn die ist der beste Weg, sich von Sorgen zu befreien, besser als ein Buch zu veröffentlichen.
DK: Ich werde ihn daran erinnern. Bis bald, Herr Pfarrer.
Pfarrer Wilpert: Geh mit Gott, mein Sohn.
Dienstag, November 23, 2010
Mein Schwein pfeift. Der Dülmener Kurier im Gespräch mit Stefan Jahnknecht

Am 01.12.2010 erscheint der neue Nannen-Krimi „Mein Schwein pfeift“ im Ullstein-Verlag. Die beschauliche Stadt Dülmen, die sonst hauptsächlich für Wildpferde bekannt ist, rückt durch die brutale Mordserie in den Fokus der bundesdeutschen Öffentlichkeit. Der Dülmener Kurier lässt es sich nicht nehmen und interviewt die wichtigsten beteiligten Personen, um die Öffentlichkeit über Hintergründe aufzuklären.
Heute spricht Chefredakteur Gerhard Tilke mit Stefan Jahnknecht, einem der ersten Kontakte Dieter Nannens nach seinem Umzug nach Buldern.
DK: Guten Tag, Herr Jahnknecht.
Stefan Jahnknecht: Kannst mich Stefan nennen tun.
DK: Hallo Stefan, ziemlich ungewöhnlicher Ort für ein Interview.
SJ: Was das sein, Interwu?
DK: Ein Gespräch.
SJ: Ach so. Na, of reden während Treckerfahren. Manchmal mit Bauer Steinmann, mein Boss, oder mit Trude.
DK: Trude?
SJ: Der Dackel von Bauer Steinmann, der Boss von mir ist.
DK: Danke, aber jetzt reden wir mal ein bisschen über Herrn Nannen. Unsere Leser wollen mehr über Herrn Nannens Persönlichkeit erfahren, über das, was unter seiner rauen Schale steckt.
SJ: Das sein keine Schale, das sein Haut.
DK: Danke für die Belehrung.
SJ: Dieter sein prima Kerl, sehr prima. Deswegen ich ihm geschenkt Pedder.
DK: Das Schwein, nicht wahr?
SJ: Ja, er gewesen ganz traurig, als Sau Wilpert tot ist. Darum mein Geschenk, über das sich Dieter sehr gefreut.
DK: Was macht Herr Nannen denn so in seiner Freizeit? Achtung, Stefan, du fährst in den Graben!
SJ: Puh, das gewesen knapp. Beinahe wir Unglück gehabt mit Trecker von Bauer Steinmann, mein Boss. Und das nur, weil so viel reden und nicht aufpassen tun.
DK: Entschuldigung, dass ich Fragen stelle bei unserem vereinbarten Interviewtermin.
SJ: Nicht verstehen tu.
DK: Egal, wie ist denn jetzt der Herr Nannen privat?
SJ: Ich manchmal mit ihm Angeln gehen. Und weißt du was? Er mir gibt am Schluss immer den dicksten Fisch. Sein prima Kerl, der Dieter. Noch viel besser als Bauer Steinmann, mein Boss.
DK: Danke für den Hinweis. Gibt es denn auch etwas Negatives über Herrn Nannen zu berichten?
SJ: Bitte?
DK: Hat er auch dunkle Seiten?
SJ: Manchmal dunkel in seinem Stall, weil Birne kaputt. Einmal Dieter im Dunkeln zu Pedder gegangen und dann ausgerutscht auf Schweine-Aa, hohoho.
DK: Das ist wirklich lustig, das wird unsere Leser vom Hocker hauen. Achtung! Schon wieder der Graben!
SJ: Herrje, ist glaub ich schlecht mit Interwu auf Trecker von Bauer Steinmann.
DK: Ihrem Boss.
SJ: Ja, mein Boss, und sehr guter Boss.
DK: Danke, das war es dann auch schon. Lässt du mich jetzt bitte aussteigen?
Montag, November 22, 2010
Mein Schwein pfeift: Der Dülmener Kurier im Gespräch mit Bettina Klimke
Am 01.12.2010 erscheint der neue Nannen-Krimi „Mein Schwein pfeift“. Die beschauliche Stadt Dülmen, die sonst hauptsächlich für Wildpferde bekannt ist, rückt durch die brutale Mordserie in den Fokus der bundesdeutschen Öffentlichkeit. Der Dülmener Kurier lässt es sich nicht nehmen und interviewt die wichtigsten beteiligten Personen, um die Öffentlichkeit über Hintergründe aufzuklären.
Heute spricht Chefredakteur Gerhard Tilke mit Bettina Klimke, der Ex-Verlobten des Dülmener Privatdetektives Dieter Nannen.
DK: Guten Frau Klimke. Darf ich Ihnen etwas zu trinken anbieten?
Bettina Klimke: Gerne, bitte einen Yogi-Tee mit zwei Teelöffeln frischer Milch.
DK: Damit kann ich leider nicht dienen. Würde es auch Kaffee oder Schwarzer Tee tun? Mineralwasser haben wir natürlich auch.
Bettina Klimke: Wenn Sie mit einem Wasserfilter gereinigtes haben, gerne.
DK: Ich fürchte, da muss ich passen. Vielleicht dauert unser Gespräch auch nicht so lange.
Bettina Klimke: Das hoffe ich doch. Ich weiß auch gar nicht, warum ich hier bin. Schließlich haben Dieter und ich nur noch sporadisch Kontakt. Die Verlobung wurde vor mittlerweile fünf Jahren gelöst.
DK: Schließlich sind Sie eine der wenigen, die Herrn Nannen vor seiner Dülmener Zeit kennen. Wie haben Sie sich kennen gelernt, was ist er für ein Mensch? Das sind Fragen, die unsere Leser interessieren.
Bettina Klimke: Ich will nichts Schlechtes über Dieter sagen, schließlich hatten wir auch eine schöne Zeit.
DK: Der Leser verdient ein umfassendes Bild, kein verklärtes. Schießen Sie los.
Bettina Klimke: Wir haben uns bei einer Studentenparty in unserer Heimatstadt Essen kennen gelernt. Wir haben damals beide BWL studiert. Mein Gott, ist das lange her. Dieter hat mit seinem Freund Peter Grabowski die Tanzfläche gesprengt. Es lief George Thorogoods I’m drinking alone. Und beide waren wirklich sturzbesoffen. Peter hat aber nicht studiert, da er geistig doch eher minderbemittelt ist. Jedenfalls ist Dieter im wahrsten Sinne des Wortes über mich gestolpert. Das war vielleicht peinlich, kann ich Ihnen sagen. Aber irgendwas hat er an sich gehabt, das mir gefallen hat.
DK: Und wie ging es weiter?
Bettina Klimke: Ich habe uns ein Taxi bestellt und ihn mit nach Hause genommen. Meine Eltern waren natürlich wenig begeistert. Am nächsten Morgen wusste er von nichts. Aber wir haben uns dann ineinander verliebt. Er ist kein übler Kerl, früher war er eher ein wenig ziellos. Das Studium hat er aber hervorragend absolviert. Dann haben wir uns irgendwann verlobt, eine gemeinsame Wohnung bezogen und zusammen in der Firma meines Vaters gearbeitet. Das war aber nicht sein Ding.
DK: Was ist passiert?
Bettina Klimke: Sein Freundeskreis war an unserem Zerwürfnis Schuld. Dieser Peter Grabowski hat nur Alkohol, Glücksspiel und zweifelhafte Damenbekanntschaften im Sinn. Dieter hat seine Arbeit sehr lax genommen. Dabei stand fest, dass er einmal die Firma meines Vaters übernehmen sollte. Als er aber zum hundertsten Male ein Dinner im Verwandtschaftskreis hat sausen lassen, weil er in seiner Stammkneipe die Puppen hat tanzen lassen, habe ich ihn hochkant vor die Tür gesetzt.
DK: Das war hart. Und dann ist er nach Dülmen gezogen?
Bettina Klimke: Er hatte von einem Bekannten seiner Mutter einen heruntergekommenen Kotten in Buldern geerbt. Da ist er mit seinen wenigen Sachen hin. Und da Grabowski damals versuchte, als Privatdetektiv Fuß zu fassen, dachte er sich wohl: Was der kann, kann ich schon lange. An Selbstbewusstsein hat es Dieter nie gemangelt.
DK: Sie wohnen auch in Dülmen. Wie ist es dazu gekommen?
Bettina Klimke: Letztes Jahr hatte ich eine Sinnkrise. Wozu dieses Streben nach Wohlstand und materiellen Werten? Ich bin aus Vaters Firma ausgestiegen und habe ein halbes Jahr in einem Ashram meditiert. Da bekam ich die Vision, dass Dieter und ich wieder zusammenkommen müssten. Das war leider ein Trugbild. Doch ich habe hier in Dülmen den Dichter und Tantriker Franz Spoden kennen gelernt. Wir führen eine offene und sexuell freie Beziehung. Möchten Sie vielleicht auch an einem unserer Schnupperabende Erotische Ekstase teilnehmen?
DK: Vielleicht später. Der Terminkalender ist proppenvoll. Hatten Sie in letzter Zeit Kontakt zu Herrn Nannen?
Bettina Klimke: Ich habe natürlich in Ihrer Zeitung gelesen, unter welch lebensgefährlichen Umständen er diesen Fußballmord aufgeklärt hat. Da habe ich ihn natürlich angerufen und gratuliert. Viel erzählt hat er allerdings nicht. Die Einladung zu unserem Meditationskurs hat er auch ausgeschlagen. Dabei würde ihm ein wenig Ruhe gut tun.
DK: Ich danke Ihnen für das informative Gespräch, Frau Klimke.
Heute spricht Chefredakteur Gerhard Tilke mit Bettina Klimke, der Ex-Verlobten des Dülmener Privatdetektives Dieter Nannen.
DK: Guten Frau Klimke. Darf ich Ihnen etwas zu trinken anbieten?
Bettina Klimke: Gerne, bitte einen Yogi-Tee mit zwei Teelöffeln frischer Milch.
DK: Damit kann ich leider nicht dienen. Würde es auch Kaffee oder Schwarzer Tee tun? Mineralwasser haben wir natürlich auch.
Bettina Klimke: Wenn Sie mit einem Wasserfilter gereinigtes haben, gerne.
DK: Ich fürchte, da muss ich passen. Vielleicht dauert unser Gespräch auch nicht so lange.
Bettina Klimke: Das hoffe ich doch. Ich weiß auch gar nicht, warum ich hier bin. Schließlich haben Dieter und ich nur noch sporadisch Kontakt. Die Verlobung wurde vor mittlerweile fünf Jahren gelöst.
DK: Schließlich sind Sie eine der wenigen, die Herrn Nannen vor seiner Dülmener Zeit kennen. Wie haben Sie sich kennen gelernt, was ist er für ein Mensch? Das sind Fragen, die unsere Leser interessieren.
Bettina Klimke: Ich will nichts Schlechtes über Dieter sagen, schließlich hatten wir auch eine schöne Zeit.
DK: Der Leser verdient ein umfassendes Bild, kein verklärtes. Schießen Sie los.
Bettina Klimke: Wir haben uns bei einer Studentenparty in unserer Heimatstadt Essen kennen gelernt. Wir haben damals beide BWL studiert. Mein Gott, ist das lange her. Dieter hat mit seinem Freund Peter Grabowski die Tanzfläche gesprengt. Es lief George Thorogoods I’m drinking alone. Und beide waren wirklich sturzbesoffen. Peter hat aber nicht studiert, da er geistig doch eher minderbemittelt ist. Jedenfalls ist Dieter im wahrsten Sinne des Wortes über mich gestolpert. Das war vielleicht peinlich, kann ich Ihnen sagen. Aber irgendwas hat er an sich gehabt, das mir gefallen hat.
DK: Und wie ging es weiter?
Bettina Klimke: Ich habe uns ein Taxi bestellt und ihn mit nach Hause genommen. Meine Eltern waren natürlich wenig begeistert. Am nächsten Morgen wusste er von nichts. Aber wir haben uns dann ineinander verliebt. Er ist kein übler Kerl, früher war er eher ein wenig ziellos. Das Studium hat er aber hervorragend absolviert. Dann haben wir uns irgendwann verlobt, eine gemeinsame Wohnung bezogen und zusammen in der Firma meines Vaters gearbeitet. Das war aber nicht sein Ding.
DK: Was ist passiert?
Bettina Klimke: Sein Freundeskreis war an unserem Zerwürfnis Schuld. Dieser Peter Grabowski hat nur Alkohol, Glücksspiel und zweifelhafte Damenbekanntschaften im Sinn. Dieter hat seine Arbeit sehr lax genommen. Dabei stand fest, dass er einmal die Firma meines Vaters übernehmen sollte. Als er aber zum hundertsten Male ein Dinner im Verwandtschaftskreis hat sausen lassen, weil er in seiner Stammkneipe die Puppen hat tanzen lassen, habe ich ihn hochkant vor die Tür gesetzt.
DK: Das war hart. Und dann ist er nach Dülmen gezogen?
Bettina Klimke: Er hatte von einem Bekannten seiner Mutter einen heruntergekommenen Kotten in Buldern geerbt. Da ist er mit seinen wenigen Sachen hin. Und da Grabowski damals versuchte, als Privatdetektiv Fuß zu fassen, dachte er sich wohl: Was der kann, kann ich schon lange. An Selbstbewusstsein hat es Dieter nie gemangelt.
DK: Sie wohnen auch in Dülmen. Wie ist es dazu gekommen?
Bettina Klimke: Letztes Jahr hatte ich eine Sinnkrise. Wozu dieses Streben nach Wohlstand und materiellen Werten? Ich bin aus Vaters Firma ausgestiegen und habe ein halbes Jahr in einem Ashram meditiert. Da bekam ich die Vision, dass Dieter und ich wieder zusammenkommen müssten. Das war leider ein Trugbild. Doch ich habe hier in Dülmen den Dichter und Tantriker Franz Spoden kennen gelernt. Wir führen eine offene und sexuell freie Beziehung. Möchten Sie vielleicht auch an einem unserer Schnupperabende Erotische Ekstase teilnehmen?
DK: Vielleicht später. Der Terminkalender ist proppenvoll. Hatten Sie in letzter Zeit Kontakt zu Herrn Nannen?
Bettina Klimke: Ich habe natürlich in Ihrer Zeitung gelesen, unter welch lebensgefährlichen Umständen er diesen Fußballmord aufgeklärt hat. Da habe ich ihn natürlich angerufen und gratuliert. Viel erzählt hat er allerdings nicht. Die Einladung zu unserem Meditationskurs hat er auch ausgeschlagen. Dabei würde ihm ein wenig Ruhe gut tun.
DK: Ich danke Ihnen für das informative Gespräch, Frau Klimke.
Montag, November 08, 2010
Bestseller 17: Neustart mit Ingwer-Bionade

Die Minister-Stüve-Straße ist eine reine Wohngegend. Wo soll hier ein Geschäftshaus sein? In Nummer sechzehn finde ich den Verlag. In einem stinknormalen Mehrfamilienhaus. Mike Marré wohnt in der zweiten Etage. Marré trägt trotz des eher warmen Klimas ein grau-schwarz-karriertes Sakko und eine noch grauere Stoffhose mit überdimensionierten Taschen an den Hosenbeinen. Schräger Typ. Eine rote Haartolle hängt mitten auf seiner Stirn, die Koteletten wuchern bis zum Hals. Er blickt durch eine Hornbrille, die an die schicken Achtziger-Jahre-Modelle erinnert. In der Hand hält er einen erloschenen Zigarillo. Er mag ein wenig älter als ich sein, schätze ihn auf knappe vierzig.
»Guten Tag, was kann ich für Sie tun? », fragt er mit ausgesuchter Höflichkeit.
»Horst Stengel, wir hatten gestern telefoniert. Wegen des Jobs.»
»Klasse, komm rein», freut er sich. Die Wohnung sieht aus, als wäre ein Tornado durch eine Bibliothek gewütet. Überall liegen Bücher, Papiere und Ordner. Auf dem Regalen, Schränken und dem Boden. Den Teppich sieht man nur an vereinzelten Stellen. Gemütlich finde ich es nicht.
»Entschuldige, wie es hier aussieht. Aber ich habe einfach keine Zeit, klar Schiff zu machen. Das wäre dann unter anderem deine Aufgabe», zündet er sich mit einem Zippo den Zigarillo wieder an, der sofort wieder erlischt.
Er führt mich nach dem Hinweis »Bitte auf keine Unterlagen treten» durch den Flur ins Arbeitszimmer. Hier dasselbe Bild. Sein Schreibtisch quillt über, der Fußboden ist mit Papier belegt.
»Man sagt, das Genie beherrscht das Chaos», lächelt er. »Ich bin anscheinend kein Genie.»
Ich darf einen Stapel mit Ordnern vom Stuhl nehmen und mich drauf setzen. Aus einem Kühlschrank hinter ihm nimmt er eine Flasche Ingwer-Bionade und schmeißt sie mir rüber. Ich bedanke mich artig, öffne sie und nehme einen Schluck. Lecker.
»Ich bin, wie du siehst, ein Kleinverleger. Ein Mann-Betrieb. Habe früher eine Lehre als Verlagskaufmann gemacht, wollte mich aber nie an einen Arbeitgeber binden. Eine schwierige Situation. Dann habe ich mich irgendwann selbstständig gemacht. Ich gebe Krimiautoren der Pulp-Tradition heraus. Da suche ich mir ältere Schätzchen, bei denen ich günstig an die Lizenz komme oder auch jüngere deutsche Autoren des Underground.»
Underground. Genau mein Ding.
»Ich schreibe auch. Habe gerade Schiffbruch mit einem Verlag erlebt.»
Erzähle ihn von meinem Leidensweg, lasse nichts aus, male meinen großartigen Roman in schillerndsten Farben aus. Und Mike sagt »Klingt gut. Warum nicht?»
Ich kann es nicht fassen, starre ihn mit großen Augen an.
»Wenn jemand so viel für sein Ziel auf sich nimmt, muss es irgendwann belohnt werden. Mail mir dein Skript, dann schaue ich es mir genauer an.»
»Wieviel verkaufst du denn von einem Buch? », frage ich.
»Wenn es gut läuft, vielleicht tausend Bücher. Von Meine geliebte Wumme spuckt Blei haben wir tausendfünfhundert verscherbelt. Das ist unser Verlagsbestseller. Weißt du: Ich produziere on demand: Wenn jemand was kauft, wird es gedruckt. So gehe ich kaum Riskio ein. Ich übernehme Lektorat, Gestaltung und Werbung. Bringt keine hohen Umsatzzahlen, aber ich kann davon leben und die Autoren fahren auch nicht schlecht damit.»
Das klingt nicht so, als ob ich in nächster Zeit meinen Lebensunterhalt mit meinem Buch bestreiten könnte. Allerdings haut er nicht so auf die Kacke wie Frau Ahmert. Ist doch ein Lichtblick denke ich schließlich.
»Es würde mich freuen, wenn du meinen Roman herausbringen würdest», sage ich daher.
Mike wiegelt ab. »Erst mal abwarten. Wann kannst du bei mir anfangen?»
Ich überlege kurz und meine schließlich, dass übermorgen ein guter Arbeitsstarttermin wäre. Hoffentlich lebe ich dann noch.
»Prima. Du solltest erst mal Ordner für jedes Buchprojekt anlegen und dieses Papierchaos beseitigen. Dann sehen wir weiter. Ich habe massenhaft Aufgaben, für die mir selber jegliche Zeit fehlt», startet er bereits den fünften Versuch, den Zigarillostumpen zum Stinken zu bringen.
Wir vereinbaren, dass ich erst mal eine Woche im Monat voll arbeite. Was über die vierhundert Euro hinausgeht, bezahlt er mir cash. Das gefällt mir. Zufrieden schiebe ich nach Hause ab. Ein Job, der Spaß und Bares bringt. Kann mich nicht erinnern, wann ich das letzte Mal zu dem Vergnügen kam.
Um kurz vor neunzehn Uhr treffen wir uns vor dem Versteck der Polizei. Antje küsst mich, freut sich sehr, mich zu sehen, obwohl wir uns erst am Morgen getrennt haben. Wie soll das mit Amerika gehen? Die Wohnung liegt in einem Mietshaus mit acht Parteien. Wir klingeln bei Müller und stiefeln eine Treppe hoch. Unauffällig, der Herr Müller. An der Tür hängt allerdings eine Art Adventskranz ohne Kerzen. Ziemlich vergammelt. Scheint den Nachbarn egal zu sein, denn das Teil hängt bestimmt seit über einem Jahr. Kleine öffnet. Eingerichtet ist die Bude nicht, wie ich sofort sehe. An der Wand steht ein Tisch, worauf sich diverser technischer Schnickschnack befindet. Abhörvorrichtung. Davor sitzt ein etwa fünfzigjähriger Mann mit Vollbart und Segelohren.
»Hi», grüßt er. »Ich bin Kommissar Wegner, der Abhörspezialist. Kannst mich Kalle nennen. Tut jeder.»
»Stasi-Kalle», grinst Kleine. Bullen haben einen seltsamen Humor.
Ich bekomme ein Mikrophon unter das Shirt gesteckt und einen Sender in die Hosentasche.
»Fein», sagt Kleine. »Nichts zu sehen. Verhalten Sie sich unauffällig und versuchen ihn zu Aussagen über kriminelle Handlungen zu verleiten.»
»Ist das nicht widersprüchlich?», frage ich. »Was, wenn er Lunte riecht?»
Kleine verdreht die Augen. »Wir sind sofort zur Stelle. Unsere Eingreiftruppe von sieben Mann lauern in unmittelbarer Nähe. Die schlagen sofort zu, wenn wir Gefahr wittern. Keine Sorge.»
»Wann soll ich los?», frage ich. Meine Knie zittern. Antje merkt das und legt den Arm um meine Schultern.
»Geht schon alles gut, vertrau mir», flüstert sie.
»Warten Sie noch eine halbe Stunde», blickt Kleine auf die Uhr. »Kalle kocht uns einen Kaffee.»
Der Abhörspezialist schaut furstriert, begibt sich aber in die kleine Küche und füllt vier Tassen mit Nesskaffee. Schmeckt nicht und macht mich noch nervöser. Antje hält meine Hand. Kleine spricht ab und an unverständliche Codes in sein Funkgerät. Stasikalle spielt Solitaire auf seinem Laptop. Flucht, wenn die Karten gegen ihn sind als würde es um Kohle gehen. Schließlich hallt »Zielperson auf F 5», aus dem Funkgerät. Kleine blickt mich an.
»Lüscherhoff hat gerade das Spezial betreten. Wir warten fünf Minuten, dann gehen Sie los. Dann geht die Luzzi ab», grinst er selbstgefällig. Er sitzt schließlich in Sicherheit.
Sekunden dehnen sich zu Minuten. Bis Kleine schließlich sagt »Los. Viel Glück.»
Kalle sagt, ohne sich von seinen Karten abzuwenden »Du machst das schon. Bis später.»
Antje küsst mich. »Süßer, ich bin immer bei dir, auch wenn ich nicht da bin. Ich habe eine kleine Überraschung für dich. Aber komm erst heil zurück.»
»Ich freue mich», sag ich automatisch, verlasse die Wohnung und wandere los. Kopf leer, Nerven angespannt.
Beim Special steht Ronni an der Tür. Er grinst, als hätte er soeben eine Million beim Lotto abgezogen.
»Unser Starautor», klopft er mir auf die Schulter. »Ich wusste, dass du in den Schoß der Familie zurückkehrst. Nimm unsere kleine Schönheitsoperation nicht persönlich. Ist alles beruflich.»
Hat anscheinend zu viel Mafiastreifen konsumiert. Schlagartig verschwindet die Nervosität aus meinem Nervensystem. Dem werde ich es zeigen.
Ich lege ihm den Arm um die Schultern und drücke, dass es selbst dem Schrank weh tut. Erstaunt blickt er mich an.
»Ich freue mich riesig, mit euch weiterzuarbeiten. Habe diverse Ideen, die ich mit Pierre durchsprechen werde.»
»Na dann geh rein», brummt er. Erstaunlich viel los heute. Freier aller Herren Länder plaudern mit den Damen und schlürfen Sekt. Russlana sehe ich auch, sie zwinkert und prostet mir zu. Dann befummelt sie wieder den feisten Opa in krachledernen Shorts mit Gamsbarthut. Sexy Typ.
Pierre sitzt an einem Tisch in einer Loge unter einer einem Kerzenleuchte nachempfundenen Lampe. Er trägt einen cremefarbenen Anzug und ein weißes Hemd mit einer Rose im Knopfloch. Smarter geht’s nicht. Er nippt an einem Cappuccino und brütet über Excel-Sheets. Konzentriert, sehen wie Umsatz- oder Gewinn- oder Verlustrechnungen aus. Als er mich bemerkt, knipst er sein gewinnendes Lächeln an.
»Horst, ich freu mich, dich wieder zu sehen», schüttelt er mir die Hand. Er weist auf die Unterlagen vor ihm. »Langweiliger Buchhaltungskram, aber als Selbständiger muss sich ja einer drum kümmern.»
Klingt wie ein von Bürokratie genervter Backshopbesitzer. Aus dem kleinen Kopfhörer, den Kalle installiert hat, höre ich Kleine »Gehen Sie auf den Small-Talk ein. Tun Sie, als ob Sie ganz entspannt wären.»
Hält der mich für blöd?
»Versteh ich», sage ich und versuche entspannt und selbstbewusst zu klingen. »Obwohl ich in geistiger Umnachtung eine Umschulung zum Kaufmann abgeschlossen habe, hat mich das ganze Zahlenzeug immer angeödet.»
Wir beide nicken, verstehen einander.
»Hauptsache, die Kasse stimmt am Monatsende», sagt Pierre. »Schließlich habe ich einen Haufen Angestellter, die gefüttert werden wollen.»
Der gute Familienvater. Ich könnte kotzen.
»Der Staat macht es uns allen nicht einfach», gebe auch ich einen Allgemeinplatz von mir.
Pierre verdreht gespielt verzweifelt die Augen.
»Kommen Sie zur Sache», dröhnt Kleine.
»Mir hat der Besuch deiner Schläger überhaupt nicht gefallen», tue ich ihm den Gefallen.
»Sie sollten nur mit dir reden», versichert Pierre. »Leider ist es schwierig, gute Angestellte zu finden, die sich strikt an deine Weisungen halten. Bernie scheint da etwas übermotiviert gewesen zu sein. Er geht auch zurück nach Thailand.»
»Nagel Sie ihn fest, dass er den Auftrag gegeben hat! Aber bleiben Sie verbindlich», nervt der Kommissar. Hat gut reden, das Schlimmste, was er zu befürchten hat, ist Kalles Koffeingebräu.
»Komm schon. Du hast Ronny und diesen Neandertaler Bernie losgeschickt, damit sie mir die Nase richten. Kein Problem, ich habe diesen kleinen Denkanstoß gebraucht. Ich hatte gezweifelt, dass ich mit dir den Erfolg erreiche, den ich haben will. Doch ich bin in mich gegangen, habe meinen inneren Buddha befragt, und bin zu dem Schluss gekommen, dass wir uns gegenseitig stützen werden. Ich verschaffe dir neue Ideen für die Filmproduktion, du gibst mir finanziellen Raum für Romanprojekte.»
Ich kann nicht glauben, welchen Mist ich von mir gebe. Innerer Buddha. Da spricht der Autor aus mir.
Doch Pierre scheint darauf anzuspringen. Bedächtig nickt er.
»Ich wusste, dass du Vernunft annimmst. Aber Ronny und Bernie haben auf eigene Faust gehandelt. Du kennst mich doch. Ich bin strikter Gegner von Gewalt.»
Glatt wie ein mit Vaseline eingeschmierter Aal.
»Scheiße», flucht Kleine über den Kopfhörer.
Pierre winkt durch den Raum und Ronny steht sofort an unserem Tisch. Pierre winkt, und Ronny darf sich setzen.
»Mein Freund Horst meint, ich hätte dich beauftragt, ihn mit physischer Gewalt zu malträtieren. Habe ich dir solche Anweisungen gegeben?», verfällt er in gestelzte Ausdrucksweise.
Ronny schüttelt erstaunt den Kopf.
»Nie im Leben, Cheffe. Keine Ahnung, wie er darauf kommt. Wir haben uns nett unterhalten, nicht wahr, Horst?»
»Tun Sie so, als ob Sie einlenken. Lenken Sie das Gespräch auf Zwangsprostitution. Sagen Sie, Sie wollen mitmischen», weist Kleine an.
»Okay, ich will keinen Streit», bleibe ich cool. »Wie sieht es denn mit dem Nuttengeschäft aus. Ich könnte helfen, Frauen in Osteuropa zu rekrutieren. Die würden für dich arbeiten, ohne einen Cent zu verlangen. Ich bin kommunikativ geschickt, viele Frauen meinen, ich hätte die Redegabe eines Pfarrers. Da könnte die Firma gewaltig profitieren.»
Pierre und Ronni schauen sich ungläubig an, grinsen und lachend schallend.
»Wir verstehen nicht, wovon du sprichst. Was meinst du mit ‚ohne einen Cent zu verlangen’?»
»Machen Sie jetzt Druck», brüllt Kleine.
»Na kommt, ist ja ein offenes Geheimnis, dass ihr hier Mädels ohne Bezahlung die Beine breit machen lasst», hake ich nach.
»Gut so», tönt der Kommissar im Ohr. »Die müssen jetzt die Hosen runterlassen.»
Irgendwas scheint aber mit der Verbindung gründlich schief zu gehen. Der Knopf in meinem Ohr dröhnt und fiept. Rückkopplungen, die haben mir gerade noch gefehlt. Ich zucke zusammen.
»Weißt du, wovon Horst spricht? », fragt Pierre.
Ronny hebt unschuldig die Schultern.
»Keinen Plan. Ich bin ein einfacher Mann. Kenn mich mit Finanzen nicht aus», blickt er mich an. Es fiept wieder.
»Hast du was? », fragt Ronny. »Du wirst uns doch nicht krank?»
»Kein Problem, alles easy», antworte ich und wünsche mich an einen Platz Millionen Kilometer entfernt. Pierre mustert mich misstrauisch. Plötzlich schnell er auf mich zu und reißt mir das Shirt hoch.
»Das Arschloch ist verdrahtet», fällt seine Maske. Ronny mustert mich. Wut strahlt aus seinen Augen. Ich schnelle hoch, doch der Schläger ist schneller. Er reißt mich nach vorne und zerfetzt die Verkabelung. Ich bete, dass die Bullen jetzt zugreifen. Auf einmal reißt sich der Trachtendepp von Russlana los und zieht einen Revolver.
»Polizei. Lassen Sie sofort Herrn Stengel los. Ansonsten schieße ich.»
Pierre hebt die Hände, doch Ronny hält auf einmal auch eine Knarre in der Hand und an meinem Kopf. Ich spüre, wie sich meine Blase erleichtert. Bin doch nicht so hart, wie ich gedacht habe.
»Runter mit der Wumme, sonst blas ich dem Verräter den Schädel zu Matsche», brüllt Ronny.
Der Bulle starrt und hält seine Waffe weiter auf Ronny gerichtet. Ein klassisches Patt.
Doch auf einmal sinkt er zusammen. Russlana hat ihm die Sektflasche über den Kopf gezogen.
»Du sollst Liebe machen mit Russlana. Nicht mit Waffe auf Chef zielen.»
»Seid ihr komplett wahnsinnig», zischt Pierre. »Es gab doch überhaupt kein Problem. Warum müsst ihr ausrasten?»
Ronny nimmt mich in den Schwitzkasten und will mich in Richtung Hinterräume zerren. Ich wehre mich nach Kräften, aber als er mir auf die kaputte Nase haut, bricht meine Gegenwehr zusammen. Unermesslicher Schmerz durchflutet mein Nervensystem. Dann wird die Lokaltür wird aufgerissen.
»Hände hoch und Waffe runter», schreit Kleine. Ronny löst die Sicherung und drückt mir die Waffe ins Ohr. Der Kerl ist wirklich verrückt.
Ein Knall ertönt und Blut spritzt auf mein Gesicht. Ronny lässt mich los, sinkt zusammen. Sein Gesicht ist matschig, sehe ich noch, dann werde ich bewusstlos.
Ich wache in einem Bett mit steifem weißem Leinenbettzeug auf. Ein hinten offenes grünes Hemd umhüllt mich. Ein Blick durchs Zimmer verrät mir: Krankenhaus. Mein Schatz und Kommissar Kleine sitzen auf Besucherstühlen. Antje küsst mich.
»Endlich bist du wieder wach, Süßer. Ich bin vor Angst fast gestorben.»
»Ich auch», gestehe ich und blicke den Kommissar grimmig an. »Die technische Panne hat mir beinahe das Leben gekostet.»
Der Polizist räuspert sich. »Sorry, Herr Stengel. Auch wenn dieser Fehler nicht passieren durfte, ist er geschehen. Ich kann mich nur dafür entschuldigen. Zum Glück ist die Sache relativ glimpflich ausgegangen. Wir haben sofort eingegriffen.»
Ich bin sauer, weiß aber, dass Schuldzuweisungen nichts bringen.
»War denn die Aktion von Erfolg gekrönt? Sitzt Pierre hinter schwedischen Gardinen?»
»Gott sei Dank», seufzt Kleine. »Er hat geleugnet, irgendetwas mit Ronny zu tun zu haben. Und der konnte ja nicht mehr aussagen. Wir haben allerdings im Spezial drei Kilogramm Koks gefunden. Zudem hat eines der Mädchen ausgesagt, sie wäre gegen ihren Willen zur Prostitution gezwungen worden. Lüscherhof hat natürliches alles abgestritten. Ich denke aber, dass es für eine mehrjährige Haftstrafe reichen wird. Gegen Bernd Knoth, der Ihnen die Nase gebrochen hat, liegt ein Haftbefehl vor. Zuhälterei und schwere Körperverletzung. Der Typ hat die Hälfte seines Lebens im Knast zugebracht. Der letzte Abschaum. Jetzt sitzt er für fünf weitere Jahre ein. Ich denke, von diesen Gangstern müssen Sie nichts mehr befürchten, Herr Stengel.»
Das beruhigt mich. Kleine verabschiedet sich. Er wollte nur nach meinem Gesundheitszustand schauen.
»Die Ärzte sagen, es war nur der Schock. Sie können heute wieder nach Hause.»
Super. Hätte keine Lust gehabt, an diesem trostlosen Ort längere Zeit zu verweilen. Fühle mich auch komplett fit. Antje hat mir frische Klamotten mitgebracht, so dass einem Umzug in die heimischen vier Wände nichts mehr im Wege steht.
Kleine zieht von dannen, hinterlässt noch eine Pralinenschachtel von Gubor. Scheinen nicht viel Kohle zu bekommen, die Bullen.
»Sie haben einen guten Job gemacht, Herr Stengel. Bis bald.»
Das hoffe ich nicht. Die Action der letzten Tage reicht mir fürs ganze Leben.
Antje küsst mich, dass mir heiß wird. Wirklich höchste Zeit, nach Hause zu kommen.
»Ich hab dir doch von einer Überraschung erzählt», flüstert sie, während sie meinen Schritt streichelt.
Fragend blicke ich sie an.
Sie zaubert einen Briefumschlag hervor.
»Hier ist ein Flugticket drin. Damit kannst du in vier Monaten über den Teich segeln und deine Liebste besuchen.»
»Super», stammele ich. Habe gedacht, die Überraschung sei, sie würde in Hannover bleiben.
»He, Sweety. Freust du dich gar nicht? Ist doch heiß. Dann machen wir New York unsicher.»
»Doch, klar. Finde ich gigantisch», freue ich mich langsam doch. New York könnte cool sein. Da gibt es bestimmt geile Konzerte und Lesungen.
Als eine halbe Stunde später die Zimmertür hinter Antje ins Schloss fällt, weiß ich: Ein weiterer Neuanfang erwartet mich.
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Montag, Oktober 18, 2010
Bestseller 15: Begegnung mit Jesus' Jünger

Bevor ich nach Hause gehe, hole ich Frustbewältiger vom Kiosk: Eine Kiste Herrenhäuser. Ich glaube kaum, dass irgendjemand auf diesem Planeten größeren Anlass hat, sich quälenden Depressionen hinzugeben. Es scheint nichts zu laufen. Laufen lasse ich Becks Loser, den perfekten Soundtrack zu meinem Leben. Erstens: Meine Liebste ist enttäuscht von mir und siedelt nach Amiland über. Zwischen beiden Sachverhalten besteht zwar kein direkter Zusammenhang, aber das ist mir momentan egal. Ich köpfe die erste Flasche.
Zweitens: Ich habe zwar einen großzügigen Vorschuss von meinem Arbeitgeber erhalten, doch das miese Schwein erpresst mich. Dafür gibt es allerdings keinen Anlass mehr, da ich gebeichtet habe. Meine Lust, für Pierre zu arbeiten, bewegt sich im Minusbereich. Aber er wird kaum einen Aufhebungsvertrag mit mir unterschreiben. Ich beschließe, das Problem auszusitzen. Einfach keine Reaktion zeigen. Der wird Besseres zu tun zu haben, als mir hinterherzulaufen. Ich köpfe die zweite Flasche. Drittens: Mein bester Freund liegt auf der Intensivstation im Krankenhaus. Wenn er nicht schleunigst clean wird, dürfte er eine geringe Lebenserwartung haben. Ich weiß nicht, wie ich ihm wieder auf die Beine helfen soll. Bin ja kein Therapeut. Ich köpfe die dritte Flasche. Viertens: Meine Verlegerin verarscht mich. Nach abgesprochenen dreitausend Euro soll ich ihr weiteres Geld zukommen lassen. Ein Fass ohne Boden, wie es scheint. Ich köpfe leicht angeduselt die vierte Flasche. Es ist sechzehn Uhr dreißig. Da dürfte im Verlag noch gearbeitet werden. Ich greife zum Hörer.
»Bitte», meldet sich eine Bassstimme. Seltsam, wir haben bei unserem Besuch keinen Mann im Verlag gesehen.
»Horst Stengel hier», artikuliere ich etwas undeutlich. »Ich will Frau Ahmert sprechen. Wegen meines Buches. Es kann nicht sein, dass ich noch mehr zahlen soll als die vereinbarten dreitausend Euro», stottere ich wütend herum.
Am anderen Ende wird zunächst geschwiegen, dann sagt er in breitem Badener Akzent »Mein Name ist Zimmer von der Kriminalpolizei Offenburg. Wir ermitteln gegen den Ahmert-Verlag wegen Insolvenzverschleppung und Eingehungsbetrug. Zurzeit führen wir eine Durchsuchung der Räumlichkeiten durch.»
Ich bin geplättet.
»Was heißt das?», frage ich.
»Wie ich Ihren Ausführungen entnehmen kann, sind sie Autor des Verlages?»
»Ja, aber Frau Ahmert wollte neben dem bereits gezahlten Betrag weitere Gelder von mir. Für ihren in Südamerika verschleppten Bruder. Sonst würde es mit der Veröffentlichung dauern.»
Herr Zimmer räuspert sich.
»Eigentlich darf ich zu laufenden Verfahren nichts sagen. Aber wir gehen davon aus, dass Frau Ahmert Verträge abgeschlossen hat und wusste, dass sie die Bücher nicht herstellen kann. Der Verlag scheint seit längerem vollkommen überschuldet zu sein. Der einzige Posten von Wert, die Druckerei, wurde vor drei Monaten zu einem verdächtig niedrigen Preis an einen Investor aus Großbritannien verkauft. Alles sehr undurchsichtig. Frau Ahmert wird aber nach jetzigem Ermittlungsstand nicht in der Lage sein, noch irgendein Buch herauszubringen. Tut mir Leid, dass ich Sie enttäuschen muss. Wenn ihr Name in den Unterlagen steht, werden Sie einen Anhörungsbogen der Staatsanwaltschaft erhalten. Nochmals: Für die Autoren tut es mir Leid. Trotzdem einen schönen Abend.»
Er legt auf. Ich köpfe die fünfte Flasche, oder ist es bereits die sechste? Zählen habe ich längst aufgegeben. Es steht schlimmer, als ich angenommen habe. Geld weg, keine Chance auf Veröffentlichung. Der Traum vom Bestseller geplatzt wie eine Seifenblase, die auf Stacheldraht landet. Ich fühle mich, als ob ich in verschiedene Richtungen loslaufe, aber immer nur in derselben Sackgasse lande. No exit. Ich brauch jemanden, mit dem ich sprechen kann, der mir neue Wege aufweist. Antje. Nein, die kann ich nicht anrufen. Sie ist ja Teil meiner Krise. Wäre unsere Beziehung noch intakt, würde es mir bestimmt besser gehen. Fünfzig Prozent besser, schätze ich vorsichtig. Oder sogar sechzig? Vielleicht sollte ich mich versöhnen, flüstert der Alkohol. Ich greife zum Hörer. Will mein Herz ausschütten. Doch dann flüstert der männliche Stolz: Mach dein Glück nicht so stark von einer Frau abhängig. Da kommt mir eine Idee.
Ich schmeiße den Rechner an und surfe auf Google. Nachdem ich die Wörter „persönliche“, „Krisen“ und „Forum“ eingetickert habe, werde ich fündig. Das Katastrophen-Forum bildet eine Community von Leuten wie mir, die auf der Schattenseite des Lebens krauchen. Die Rubriken Beziehungskrisen, finanzielle Pleiten, ungerechte Behandlungen, Behördenwillkür, Mobbing und viele andere zeigen mir, dass ich mich mit Gleichgesinnten austauschen kann. Die Kollegen haben Ähnliches erlebt.
Ich registriere mich und notiere unter der Rubrik Lebenskrisen meine gesammelten Desaster. Kurze Zeit später aktualisiere ich die Seite. Super, es hat jemand geantwortet. Der User Krisenmanager, ebenfalls aus Hannover, schreibt mir, dass seine Biographie noch finsterer als meine ist. Haus ist abgebrannt, seine Frau ist weg, er hat Krebs bekommen, ist aber inzwischen geheilt, hat seinen Job verloren und hundertfünfzigtausend Euro Schulden. Ich komme aus dem Staunen nicht heraus. Da geht es mir ja richtig gut. Ich schreibe, dass mich sein Schicksal berührt. „Kein Mitleid“, antwortet er. Er sei auf einem guten Weg. Ein Mensch müsse aus Krisen gestärkt hervorgehen. Ich bewundere ihn. Kein Jammern, kein Hadern mit den Ungerechtigkeiten des Lebens. Dieser Mann steht wie ein Fels in der Brandung. Ich frage ihn, woher er seinen Optimismus nimmt.
Sport lautet die überraschende Antwort. Er habe für einen Marathonlauf trainiert und diesen ein halbes Jahr später erfolgreich absolviert. Dann hätte sich alles andere auch ergeben. Kann ich mir schwer vorstellen. Einfach durch die Gegend laufen und der Buchvertrag kommt von selber, die Frau kehrt zurück und Porno-Pierre streicht mich aus seinem Gedächtnis? Da sei ja nur ein Beispiel. Er habe noch ganz andere Methoden zur Krisenbewältigung in seinem Zauberkoffer. Klingt ein wenig nach Tony Robbins und ähnlichem Motivationsscheiß, zu dem mich Bea überreden wollte. Schreibe ich ihm auch. Nein, keine Angst. Er sei nur ein Self-Made-Crises-Fighter. Wir würden nah beieinander wohnen. Er komme gerne morgen bei mir vorbei. Da könnten wir ein wenig plaudern. Wahrscheinlich würde ich dann meine Situation differenzierter sehen. Was heißt differenzierter? Aber ich bin beim mindestens zehnten Bier, da sind solche Fragen nebensächlich. Ich schicke ihm per Mail meine Adresse. Es schadet sicher nicht, mit einem ehemaligen Leidensgenossen über die Ungerechtigkeit der Welt und der Frauen zu quatschen. Er verspricht im Laufe des Vormittags aufzutauchen. Wir verabschieden uns. Ich lege Coldplay in den CD-Schacht und versinke bei weiteren Herrenhäusern in bittersüßer Melancholie, bis ich auf meiner Couch einschlafe.
Am nächsten Morgen erwache ich, weil in meinem Kopf eine Abrissbirne gegen die Synapsen zu bollern scheint. Jede Sekunde ein neuer Schmerz. Zumindest kurzfristig treten meine sonstigen diversen Probleme in den Hintergrund. Zudem bemerke ich durch den grauen Schleier des Katers hindurch, dass es an der Tür klingelt. Sturm, als stünde eine Katastrophe bevor und ich sollte vor den nahenden Fluten evakuiert werden. Ich stelle fest, dass ich mich gestern nicht ausgekleidet habe. Ich fühle mich zwar matschig und müffele auch leicht, aber das wird bestimmt dieser Forumsheini sein, erinnere ich mich mühsam. Während ich hin- und herüberlege, ob ich zuerst Kaffee aufsetzen oder die Tür öffnen soll, schellt es weiterhin, als wäre jemand mit dem Finger auf der Schelle kleben geblieben. So eilig ist meine Rettung auch nicht, denke ich und widme mich zunächst dem Kaffee. Jeder kleine Schritt dieser alltäglichen Verrichtung fällt mir schwer. Als braune Suppe in die Glaskanne tropft, merke ich, dass ich den Filter vergessen habe. Scheint nicht mein Tag zu werden. Da sich an der Klingelkulisse nichts geändert hat, beschließe ich die Kaffeeproblematik später anzugehen.
Als ich die Tür öffne, erwartet mich eine Überraschung. Eine unangenehme, was sonst. Ronny und ein noch unsympathischer aussehender Typ mit Glatze und einem Zöpfchen drängen mich in die Wohnung. Dieser trägt einen pinken Anzug, darunter ein weißes fast bis zum Bauchnabel geöffnetes Hemd.
»Morgen Schisser, gestern wieder zu tief ins Glas geschaut, was? », tätschelt mir Ronny das Kinn, was einem mittleren Erdbeben gleicht. Ich falle gegen die Wand.
»Vorsicht, Vorsicht, Kollege, deine Wohnung hat viele Stolperfallen», grinst Ronny. »Hab ich dir schon Bernie vorstellt? Ein Kumpel, der aus Thailand zum Europaurlaub gejettet ist. Hilft Pierre beim Aufbau einer Auslandsniederlassung. Läuft gut. Kaum Kosten, viel Ertrag. Außerdem hatte Bernie Probleme mit den Bullen hier in Deutschland. Die wollten ihn echt verknacken. Dabei ist Körperverletzung heute doch ein Kavaliersdelikt.»
Er lässt sich auf meine Couch fallen. Bernie bleibt stehen, knackt mit den Handgelenken und grinst hohl.
»Bin ein toller Kavalier. Weiß die Polente gar nicht zu schätzen», textet er mich zu und steckt sich eine Zigarette an. Ronny steht auf, holt meine Hannover-Tasse aus dem Schrank und kippt sich Kaffee ein, als sei er hier zu Hause. Er nimmt ein Schluck und spuckt sofort auf den Boden.
»Bah, willst du mich vergiften, Alter? Wenn du Zeug in den Abguss kippst, bekommst du Probleme mit den Umweltfuzzis. Ist ja kriminell.»
Ronny und Bernie lachen dreckig im Chor, dass ich Angst bekomme, dass der Putz von der Decke bröckelt.
»Was wollt ihr? », frage ich. »Ihr könnt mich nicht erpressen. Meine Freundin kennt die Geschichte vom Spezial. Ist alles in Ordnung. Ihr könnt Pierre sagen, für einen Gangster arbeite ich nicht. Die Kohle kriegt er innerhalb des nächsten Jahres zurück.»
Meine beiden Besucher blicken sich an, verziehen die Gesichter und brechen wieder in schallendes Gelächter aus. Können sich gar nicht mehr beruhigen. Bernie ascht aufs Linoleum. Wie krieg ich das Gespann nur wieder aus der Wohnung?
»Hör zu, mein Freund», wird Ronny mit einem Schlag ernst. »Wer mit Pierre Geschäfte macht, steigt nicht einfach aus. Capice? Der Vertrag ist sozusagen auf Lebenszeit geschlossen. Der Boss vertraut dir, und du schwörst bedingungslose Treue. Treue bis in den Tod.»
Dieses Ganovengesabber geht mir gehörig auf den Zeiger. Wen will er mit diesen Sprüchen beeindrucken? Aber seine aggressive Aura lähmt meine Zunge.
»Pierre hat mich gestern zu sich gerufen. Ronny sagte er, der Horst macht mir Sorgen. Ich glaube, der hat die Prinzipien unserer Geschäftsbeziehung nicht richtig verstanden. Das waren Pierres Worte. Ich bin ein einfacher Mann der Tat. Ich könnte mich nie so gewählt ausdrücken.
Aber dann habe ich überlegt und mir gedacht: Der Boss hat wie immer Recht. Da habe ich gesagt: Mein lieber Pierre, es kann sich nur um ein kleines Missverständnis handeln. Nichts, was man nicht aus der Welt schaffen könnte. Ich werde mit Horst reden. Horst versteht und ist wieder auf unsere Unternehmensziele eingenordet. Und zur Unterstützung nehme ich Bernie mit. Der hat Erfahrung mit Motivation. Was denkst du darüber, Schisser?»
In Gedanken spreche ich ein Stoßgebet. „Lieber Gott, ich habe mich lange nicht bei dir gemeldet. Wenn es dich geben sollte, lass Ronny und Bernie schnellstmöglich von hier verschwinden, ohne dass mein Mobiliar oder meine Gesundheit Schaden nehmen.“
Nichts passiert, hätte mich auch gewundert.
»Ich höre nichts, Arschloch. Hast du mich nicht verstanden?», hievt Ronny seine hundertzwanzig Kilo Muskeln von der Couch. Ich weiche unwillkürlich zurück. Da schellt es.
»Wer ist das?», fragt Bernie panisch und holt einen Revolver aus dem Jackett. Oh Gott, die Kerle sind bewaffnet.
»Bestimmt nur die Post. Halt den Ball flach, Bernie. Wir leben in einem Rechtsstaat. Da kommen einem keine bewaffneten Psychos auf die Bude», gackert Ronny. Bernie kichert, wirkt aber noch immer nervös.
Doch das Klingeln dauert an.
Ronny runzelt die Stirn.
»Erwartest du Besuch, Freak?»
Ich überlege. Das könnte der Typ aus dem Forum sein.
»Ein Bekannter wollte heute Morgen vorbeikommen. Den kann ich auch nicht abwimmeln. Da wittert der Verdacht.»
Es klingelt unermüdlich weiter. Scheint sich zur Mode zu entwickeln. Ronny überlegt angestrengt. Es sieht aus, als ob seine gesamten drei Gehirnzellen auf Hochtouren laufen.
»Steck die Knarre weg», faucht er Bernie an. »Muss denken.»
Bernie streichelt über die Waffe, bevor er sie wieder in den Tiefen seines Sakkos verschwinden lässt.
»Mach auf. Sag ihm, wir sind Freunde. Du hast nicht viel Zeit. Und dann beförderst du ihn wieder an die frische Luft. Capice?»
Ich nicke und öffne. Vor mir steht ein wandelnder Meter mit braunen Locken in einem billigen C&A-Anzug. Die Krawatte hängt schiefer als der Turm von Pisa. Er strahlt über alle vier Backen. Dabei sind seine Zähne nikotinvergilbt. In der Hand hält er eine schwarze Laptoptasche.
»Krisenberater zur Stelle. Darf ich reinkommen? », wartet er meine Antwort nicht ab und stiefelt ins Innere meiner Wohnung. »Oh, du hast Freunde zu Besuch. Entzückend. Aber das macht nichts. Meine Botschaft hilft allen zu einem besseren Leben.»
Ich schließe die Tür, während es sich Krisenberater neben Ronny bequem macht. Der fühlt sich sichtlich unwohl. Er ruckelt nervös auf der Couch hin- und her, als würde sein Hintern jucken.
»Mein Name im Real Life ist übrigens Carsten Roschke. Und Horst, noch immer depri drauf?», quatscht er in einer Tour, als liefen seine Stimmbänder auf Autopilot.
»Horst, die Vergangenheit war gestern, aber heute fängt deine Zukunft an.»
Ronny gibt in Kniehöhe Handzeichen. Anscheinend soll ich Roschke so schnell wie möglich vor die Tür befördern. Bernie scheint allerdings angetan. Sein Gesicht zeigt etwas Ähnliches wie ein Lächeln.
»Carsten, es passt momentan schlecht», versuche ich mein Glück. »Wir sind in einer geschäftlichen Besprech…»
Roschke winkt ab. »Papperlapapp. Was ich euch zu erzählen habe, wird eure Perspektiven so grandios erweitern, dass ihr euch fragen werdet, was ihr ohne mich im Leben getan habt. Wie ich Horst bereits geschrieben habe, stand es um mich nicht zum Besten.»
Er berichtet Ronny und Bernie von den unzähligen Katastrophen seines Lebens. Bernie strahlt immer mehr, Ronny wird zeitgleich nervöser.
»Gibt es nicht», weiten sich Bernies Augen. »Du hast ja die Scheiße an den Hacken.»
»Und ich habe meine Lektion gelernt, lieber Freund», nickt Carsten. »Denn dann kam ein Erlebnis, das mein Leben zum Guten bekehrte: Ich traf nicht Jesus; nein viel besser: Guido Klatt vom GWD.»
Bernie hängt an seinen Lippen. Ich warte auch gespannt. Nur Ronny platzt langsam der Kragen.
»Komm zum Punkt, Kollege. Wir haben nicht bis morgen Zeit», steht seine Aggressivität kurz vor ungezügelter Eruption.
»Halt den Ball flach, Ronny», tadelt Bernie. »Mich interessiert, was der Kollege zu sagen hat. Bitte lass dir Zeit, Carsten.»
»In einer Stunde haben wir einen Termin in Braunschweig. Uns rennt die Zeit davon.»
Ich habe keinen Zweifel, dass Ronny keine Skrupel hat, mich und Roschke als Bonus zu vermöbeln. Zu meinem Glück scheint Bernie wirklich auf den Knaller zu stehen.
»Dann fahr alleine», wird er abgebügelt. »Ich regele das hier schon.»
Wütend erhebt sich Ronny. Die ganze Show umsonst.
»Wir sprechen uns noch. Ich komme wieder», zischt er mir im Herausgehen zu.
»Wirklich schade, lieber Freund, dass du uns schon verlassen willst», säuselt Roschke. »Denn das Beste kommt erst jetzt. Ein Modell, wie du im Jahr mehrere hundert bis tausend Talerchen sparen kannst. Aber deine Kontoauszüge hast du wahrscheinlich nicht dabei?»
Ronny knallt die Tür hinter sich zu.
Carsten hebt bedauernd die Schultern. »Wer nicht will, der hat schon. Ich werde euch jetzt ein fantastisches Konzept verraten, was euer Leben auf eine neue Stufe des Wohlstandes hieven wird. Versprochen.»
Er quatscht von Lebensversicherung, Vermögensumschichtungen, Fondssparplänen und Steuerersparnissen. Mir wird schlecht, aber in Bernie hat er ein bereitwilliges Opfer gefunden.
Leider hat Bernie keine Kontoauszüge dabei, hebt sein Geld sowieso lieber bar auf. Aber über Investments hat er auch schon oft nachgedacht. Vielleicht sollten sie sich mal zum Bierchen in der Kneipe treffen? Dann hat er alles dabei. Roschke strahlt.
»Mein lieber Horst, wie sieht es denn bei dir aus? Wenn du kein passives Einkommen erwirtschaften willst, habe ich ein fantastisches Jobangebot für dich. Werde Juniorberater unter meinen Fittichen», baggert er. »Dann kommt das Glück wie von alleine in dein Leben zurück. Die Verdienstaussichten bei minimalem Arbeitseinsatz sind fantastisch.»
Dankend lehne ich ab.
»Ich dachte, du würdest mir bei meinen konkreten Problemen weiterhelfen. Und nicht irgendwelchen Finanzkram aufschwatzen.»
Roschke verzieht enttäuscht das Gesicht. »Jetzt bist du undankbar. Der GWD hat alle meine Probleme beseitigt. Ich glaube, nein weiß heute: Es gibt überhaupt keine Probleme, nur Herausforderungen.»
»Sorry, da habe ich kein Interesse dran. Ich muss jetzt einige wichtige Telefonate führen. Wenn ihr euer Gespräch woandershin verlegen könntet, wäre ich dankbar.»
Beide brummeln. Da scheint eine wirklich feste Männerfreundschaft entstanden zu sein. Mir soll es Recht sein. Zumindest sind meine Knochen heile geblieben. Sie beschließen in dem Dönerladen zwanzig Meter weiter zu quatschen. Roschke verabschiedet sich.
»Horst, das wird alles wieder», er drückt mir seine Visitenkarte in die Hand. »Wenn du noch Fragen hast, ich habe jederzeit ein offenes Ohr für dich. Und wegen der Freundin: Beim GWD arbeiten jede Menge heißer Häschen. Siehst ja nicht übel aus, da staubst du bestimmt was ab», kneift er ein Auge zu.
Ein Kotzbrocken erster Güte. Aber im Internet merkst du oft spät, welcher Idiot sich hinter dem wohlklingenden Nick verbirgt.
»Man sieht sich», lüge ich. Als er aus der Tür ist, sagt Bernie »Ich muss noch eine Minute mit Horst alleine unter vier Augen sprechen.»
Er schließt die Tür und rammt mir ansatzlos seinen Ellenbogen in den Magen. Ich sinke zusammen, doch er reißt mich an den Haaren hoch und rammt mir seinen Arm vor die Nase. Ein unermesslicher Schmerz lässt mich zusammenzucken. Blut strömt über mein Gesicht. Ich übergebe mich. Bernie springt zur Seite.
»Hör zu, Wichser. Ein schlechtes Wort über Pierre zu irgendjemanden, und du kommst nicht so glimpflich davon. Dann ist der Schongang beendet. Fick nie einen Ficker. Hast du mich verstanden, Pisser?»
Ich nicke, sehe aber nichts, da er mir auch an der Wange eine Platzwunde verpasst haben muss. Zufrieden nickt Bernie.
»Wenn ich noch mal wiederkommen muss, hast du hoffentlich dein Testament gemacht. Dann bin ich nicht so launig aufgelegt. Bedank dich bei Carsten.»
Er schlägt mich noch mal halbherzig in den Magen und verschwindet. Eine weitere Fontäne Magensäure schießt aus meinem Mund. Ich schleppe mich zur Couch und sinke ins Polster. Dabei blute ich alles voll, aber das stört mich momentan am Wenigsten. Es klingelt wieder.
Verdammt, ist heute Tag der offenen Tür. Bernie und Ronny können es nicht wieder sein, überlege ich. Dann ist es auch nicht riskant, die Tür zu öffnen. Schlimmer kann es nicht mehr kommen.
»Sweety, wie siehst du denn aus», erschreckt sich Antje. »Was ist denn passiert?»
»Mitarbeitergespräch mit den Chargen von Porno-Pierre», stöhne ich. Antje holt einen Waschlappen und wischt mir das Blut aus dem Gesicht. Schmerzt noch immer unglaublich.
»Ich glaube, deine Nase ist gebrochen. Du musst zum Arzt.»
»Gleich», stöhne ich. »Ich fühle mich zu schlecht, um weite Fahrten zu unternehmen.»
»Jetzt erzähl schon, wer hat dich so zugerichtet?»
Stöhnend berichte ich von meinem unerfreulichen Besuch. Antje kommt aus dem Staunen nicht heraus.
»Ich will nicht die Klugschwätzerin spielen. Eigentlich bist du selber Schuld. Wie kannst du dich mit solchen Gesocks einlassen? Jetzt brauchen wir eine Lösung. Du musst diesen Pierre anzeigen.»
»Der lässt mich umbringen», verkneife ich mir einen Aufschrei, als Antje unabsichtlich meine Nase berührt.
»Fassen wir zusammen. Der Kerl erpresst dich, in seinem Lokal werden harte Drogen konsumiert, es ist fraglich, ob die Frauen alle freiwillig für ihn arbeiten. Das dürfte doch reichen.»
»Wofür? », frage ich verzweifelt. »Ich habe keinen Beweis. Wenn die Bullen das Spezial durchsuchen, werden sie nichts finden. Der Kerl ist mit allen schlechten Wassern dieser Welt gewaschen. Und ob eines der Mädels gegen Pierre aussagt, wage ich auch zu bezweifeln.»
»Aber versuchen müssen wir es», drängt Antje. »Der lässt dich sonst nie in Ruhe. Und ich gebe diesem Bernie recht: Beim nächsten Mal werden sie nicht nur deine Nase brechen.»
»Warum interessiert dich das eigentlich? Wir sind doch getrennte Leute?», kann ich mir nicht verkneifen.
»Süßer, Pack schlägt sich, Pack verträgt sich», grinst sie. »Ich habe überreagiert. Es war nicht okay, dass du mich angelogen hast. Hat mich schwerer enttäuscht, als ich gedacht hätte. Und du hast dich überhaupt nicht gefreut, dass ich nach New York gehe. Das war auch kein Burner.»
»Was erwartest du? », frage ich fassungslos. »Du ziehst tausend oder mehr Kilometer weit weg und ich soll Purzelbäume vor Glück schlagen? Aber mittlerweile denke ich, dass unsere Beziehung halten wird. Deine USA-Aufenthalt dauert ja nicht die Ewigkeit.»
Antje schaut ein wenig traurig. »Finde ich auch nicht toll. Es war eigentlich nicht geplant, dass ich mich verliebe.»
»So ist das Leben», klinge ich nur etwas resigniert. »Vielleicht suche ich mir einen Zweitjob, dann kann ich mir auch die Flugtickets leisten», rede ich uns gut zu.
Ich streichele Antjes Kopf. Ihre Augen schimmern feucht.
Wir sitzen eine Weile schweigend und sinnieren, halten uns in den Armen.
Lass uns jetzt ins Krankenhaus fahren, um dich zu versorgen», spielt sie die Fröhliche. »Wir können den Andi auch gleich besuchen. Ist ja praktisch, dass du dich heute hast zusammenschlagen lassen.»
Ich merke in diesem Augenblick, wie sehr ich sie liebe und könnte losheulen. Doch ich spiele auch den Zweckfröhlichen. Wir rufen ein Taxi, Kohle habe ich im Moment genug.
Der Fahrer mustert mich kritisch und will mich eigentlich nicht transportieren.
»Wenn die uns nicht mitnehmen, werde ich an die Presse gehen. Unterlassene Hilfeleistung ist weiß Gott keine Kleinigkeit. Ich sehe schon die Schlagzeile in der BLÖD: Deutschlands herzlosester Taxifahrer», faucht Antje ihn an.
»Schon gut. Aber wenn er meine Sitze voll blutet, zahlt er die Reinigung», knurrt er.
Er sieht nicht, dass Antje ihm den Stinkefinger zeigt. Hauptsache, er kutschiert uns.
»Übrigens. Mit meinem Buchvertrag ist es auch Essig», erzähle ich. Klingt wegen des Nasendefekts etwas seltsam, aber ich denke, ich kann mich an den Sound gewöhnen.
Antje schaut mich groß an. Und ich erzähle auch diese Geschichte meines ach so traurigen Lebens.
»Holy Shit. Wie viel Pech kann ein einziger Mensch nur haben? », fragt sie.
Ich überlege. Es hätte natürlich eine gewisse Berechtigung, wenn ich mich als stärkster Pechmagnet der Welt bezeichnen würde. Realistisch und objektiv betrachtet gibt es sicherlich Milliarden Menschen, denen es deutlich schlechter gehen würde. Immerhin leide ich unter keiner Hungersnot, keiner tödlichen Krankheit oder wohne in einem Land wie dem Irak, wo das Überleben des Tages bereits ein Erfolg ist. Naja, zumindest letzterer Punkt kann ich heute auch für mich verbuchen.
»Alles halb so wild», entgegne ich dennoch. »Wir fahren nachher zur Polizei. Dann hat der Ärger vor Pierres Schlägern ein Ende. Und ich werde mit Bea telefonieren, was für ein Arschloch sie sich da angelacht hat.»
Im Krankenhaus werde ich in der Chirurgie nach einer Stunde Wartezeit behandelt. Geht ja schnell. Ich erzähle dem Arzt, dass ich die Kellertreppe hinunter gestürzt sei. Der hoch gewachsene, hagere Kerl, der mich an Lucky Luke nach dreiwöchigem Hungerstreik erinnert, nickt ironisch.
Er schickt mich zum Röntgen. Antje wartet unterdessen in der Cafeteria. Eine Stunde später studiert er die Aufnahmen meines Naseninnerns.
»Das ist halb so wild», erklärt er. »Er handelt sich um eine geschlossene, unverschobene Fraktur. Da ist keine Therapie notwendig. Glück im Unglück. Wir legen Ihnen einen neuen Verband an. Wenn Sie möchten, können Sie nach einem Monat wiederkommen. Dann werde ich den Zustand ihrer Nase noch mal begutachten. Es sollte dann aber alles wieder in Ordnung sein. Sie dürfen sich allerdings zehn Tage lang nicht schnäuzen. Alles klar?»
Das sind doch gute Nachrichten. Ich habe schon gefürchtet, den nächsten Monat im Krankenhaus verbringen zu müssen. Eine Krankenschwester desinfiziert die Platzwunden, legt einen Verband an, dann werde ich entlassen.
Antje schlürft einen Kaffee und liest Tina Uebels Horro Vacui.
»Und, wie ist das Buch?», frage ich. »Die Frau ist eine Slamerlegende.»
Antje blinzelt. »Super, Ich bin Duke fand ich allerdings besser. Das fand ich mit zwanzig saucool. Wir simulieren ein aufregendes Leben, weil die Spießerwelt uns ankotzt. Na, jetzt brauch ich mir dank meinem Zuckerboy die Realität nicht aufregend zu denken», grinst sie. »Was macht deine Nase?»
Ich berichte, dass mit meinem Zinken alles gut ist.
»Hoffentlich bleibt meine Nase nicht schief», grinse ich. »Obwohl mir das ein unverwechselbares Äußeres geben würde.»
Antje lacht. »Ich werde dich auch lieben, wenn dein Näschen nicht kerzengerade in die Landschaft ragt. Äußerlichkeiten werden in der heutigen Welt überbewertet.»
Wir gehen zu Andy. Er liegt mittlerweile auf der Neurologie. Als wir sein Zimmer betreten, hat er die Augen geschlossen. Kathrin sitzt an seinem Bett und streichelt ihn über den Bauch.
»Hi, ihr», freut sie sich. Andi öffnet die Augen.
»Hallo», sagt er schlapp. Wir drücken die beiden.
»Du siehst etwas ramponiert aus, Alter», lächelt Andi. »Du hast auch schon mal besser ausgeschaut», gebe ich das Kompliment zurück.
»Habe es etwas zu wild getrieben», gibt Andi zu. »Momentan habe ich die Dosis meiner Stimmungsheber nicht im Griff. Ich war so down, Alter. Kannst du dir nicht vorstellen. Ich dachte, probier mal H. Das gibt dir ein Gefühl der Geborgenheit. Hat es auch, allerdings hat es mich fast gekillt. Nie wieder», seufzt er.
»Und nun? », fragt Antje. »Dir ist doch klar, dass es so nicht weitergehen kann, oder? Die Chemie bringt dich sonst eher über kurz als lang unter die Erde.»
Andi schaut Kathrin in die Augen, Kathrin schaut Andi in die Augen.
»Momentan denke ich lieber gar nichts. Fühl mich noch ziemlich gerädert. Aber Kathrin meint, nun ja. Ich werde mich wohl in Therapie begeben müssen. Ich dachte nicht, dass ich so fertig bin, wie es jetzt aussieht.»
Er schaut uns an.
»Ja, ist auf Kathrins Mist gewachsen, aber ich glaube sie hat Recht. Bisher habe ich gedacht, ich brauche Kicks, um meine Kreativität anzukurbeln. Aber who knows?»
Wirkt nicht recht überzeugt. Aber ist auch nicht anders zu erwarten. Wer krempelt schon mühelos von heute auf morgen seinen Lifestyle um.
»Und bei euch?», fragt er. »Du hast mir noch immer nicht erzählt, wie deine Nase zu der schicken Jacke kommt. Ist das eine Mode, die ich verpasst habe?»
Ich erzähle kurz, wie ich mich heldenhaft gegen Pierres Schlägertruppe gewehrt habe. Andi und Kathrin staunen.
»Der Hammer. Was hat der davon, dich zu drangsalieren?»
Ich zucke mit den Achseln.
»Macht, denke ich. Der ist es gewohnt, dass er die Leute in seinem Umfeld fest in der Hand hat. Um seine Pornoproduktion auf Vordermann zu bringen, braucht er einen Kreativen wie mich, der nicht aus dem Rotlichtmilieu stammt. Er behandelt mich aber genauso wie seine sonstige Bagage. Das kann nicht funktionieren. Ich gehe mit Antje zu den Bullen.»
»Ich bin stolz auch dich, Sweety», umarmt mich Antje. »Du bringst eine Linie in dein Leben.»
»Und Amerika? », fragt Kathrin. »Wie habt Ihr euch das gedacht? Ist schon eine Strecke, finde ich.»
Wir schweigen. Wird sich sicherlich finden, obwohl es mir vor dem Abschied graut.
»Ich werde neben dem Studium arbeiten und oft rüber fliegen», erklärt Antje schließlich und drückt mich noch fester.
»Ja dann», sagt Andi.
Wir verabschieden uns mit dem Versprechen, morgen wiederzukommen. Freudig bemerke ich, wie innig Kathrin Andi küsst. Trotz seiner Schwierigkeiten, seines verseuchten Körpers besteht Hoffnung auf eine Zukunft voller Liebe. Oder mutiere ich zum Spießer? Egal, jetzt werde ich erst mal Bea über ihren Macker aufklären.
Da ich das wahrscheinlich unangenehme Telefonat herauszögern will, gebe ich vor, Hunger zu haben. Wir holen uns vom türkischen Supermarkt um die Ecke Börek und essen auf der Bank vor dem Krankenhaus. Antje futtert Spinat, ich Hackfleisch. Ist wie bei Döner. Frauen essen Huhn, weil sie es für weniger fett halten. Männer ziehen das leckere Lammfleisch vor. Vom Kaloriengehalt vermute ich keine großen Unterschiede. Ob es Untersuchungen der Stiftung Warentest dazu gibt?
»Willst du jetzt anrufen? », fragt Antje. Ein unangenehmes Gefühl im Magen macht sich breit, aber ich kann es nicht endlos herauszögern. Konfrontieren wir Bea mit der unbequemen Wahrheit, dass ihr Traumschloss auf Morast gebaut wurde.
»Horst», begrüßt sie mich freudig. »Schön, dass du anrufst. Pierre hat mir so viele gute Dinge über dich erzählt. Eure Zusammenarbeit soll seine Firma enorm weiterbringen. Ist auch toll, dass ihr euch privat so gut versteht und bald zum Dreh nach Ibiza fliegt. Ich freu mich so.»
»Da muss ich dich enttäuschen», fällt es mir nicht leicht, die Lobhudelei zu unterbrechen. »Pierre ist nicht der, für den du ihn hältst.»
Schweigen. Dann fragt sie »Was meinst du damit?»
»Dein Freund dreht Pornofilme, keine Kunst. Das finde ich persönlich nicht verwerflich, aber er betreibt nebenbei Bordelle mit Zwangsprostituierten. Mich hat er zu erpressen versucht. Als er damit keinen Erfolg hatte, haben mich seine Bodyguards zusammengeschlagen.»
Bea zögert einen Moment, dann lacht sie schallend.
»You’re kidding, honey. Im Ernst, wie gefällt dir die Zusammenarbeit mit Pierre? Ist er nicht ein wundervoller Mann? Das kann ich jetzt ohne Gewissensbisse fragen, wo auch du eine neue Freundin hast, n’est ce pas.»
Ich blicke Antje an, zucke Hilfe suchend die Schultern.
»Du verstehst nicht, das meine ich vollkommen ernst. Hast du schon Pierres Firma besichtigt, oder warst in einem seiner Lokale? Bei dem Kerl siehst du den Stecken vor lauter Dreck nicht mehr.»
Wieder zögern.
»Ich finde es nicht nett, was du über Pierre sagst. Deine Beschuldigungen sind völlig halt- und geschmacklos. Selbstverständlich hat er mich durch seine Firma geführt. Das asiatische Flair ist sicherlich Geschmackssache, aber Pierre bezieht seine Kraft aus der Weisheit des Buddhismus. Da sehe ich nichts Verkehrtes dran. Ich weiß nicht, warum du mir Pierre madig machen willst.»
Ihre Stimme hat an Schärfe gewonnen.
»Ich will ihn nicht schlecht machen, er ist schlecht. Ich will dir nur die Augen öffnen. Frag ihn doch mal, was das Spezial im Steintorviertel für ein Lokal ist. Was er für die Zwangsprostituierten bezahlt hat, was für ein Gefühl es ist, Leuten Drogen ins Getränk zu schütten und kompromittierende Fotos zu schießen.»
»Du sprichst in Rätseln, mein Lieber», verbreitet Beas Stimme die Wärme eines vereisten Kühlschranks. »Ich habe aber auch keine Zeit, deinen Märchen zu lauschen. Wenn du Probleme mit Pierre hast, kläre sie mit ihm, lass mich aus dem Spiel. Ich wünsch dir einen schönen Tag.»
Damit legt sie auf.
»Sie glaubt mir nicht», fühle ich mich bedröppelt.
»Wie sollte sie», sagt Antje. »Wenn mir jemand erzählt, dass du ein Massenmörder bist, würde ich auch auflegen. Wahrscheinlich», grinst sie.
»Wer weiß, was der Typ mit Bea vorhat. Gutes sicherlich nicht.»
»Da können wir wenig machen. Lass uns zur Polizei gehen.»
Machen wir. Wir setzen uns in die Straßenbahn und fahren zum Hauptbahnhof. Die Wache in der Herschelstraße liegt gleich nebenan. Roter Backsteinbau, der verstaubte Behördenaura ausstrahlt.
Wir werden zu Kommissar Kleine geleitet. Er sitzt in einem fünf Quadratmeter kleinen Raum, die Wand ist mit Familienfotos tapeziert. Er hat zwei Kinder, beides Jungen, blond und hübsch. Er selbst wirkt für seine fünfzig Jahre drahtig und durchtrainiert. Das blaue Hemd frisch gestärkt, der schwarze Schlips sieht aus, als käme er gerade von einer Beerdigung.
Ich erzähle ihm von meinen Erlebnissen im Spezial.
Er nickt, schreibt auf einen Block, nickt und schreibt. Dann murmelt er »Der schöne Pierre, so kennen wir ihn.»
»Er ist bei Ihnen gelistet? », fragt Antje erstaunt.
Kleine nickt.
»Lüscherhof ist erst seit ein paar Jahren in der Rotlichtszene tätig. Mit Anfang dreißig ein Startup. Das Studium im Ausland scheint sich auszuzahlen. Eigentlich passt er überhaupt nicht in die Zuhälterbranche. Als er das Spezial ins Hannover und einige Läden in Berlin übernommen hat, fand das die Konkurrenz gar nicht gut. Da hat er sich allerdings auf skrupellose Weise Respekt verschafft. Zwei Konkurrenten, ein Russe und ein Türke wurden auf offener Straße hingerichtet. Anders kann ich es nicht nennen. Lüscherhof war nichts zu beweisen. Er hielt sich zu den jeweiligen Tatzeitpunkten in Asien auf. Aber seitdem hatte er Ruhe. Wir befürchteten, dass sich insbesondere die Russen-Fraktion diesen Angriff nicht gefallen lassen würde. Aber komischerweise blieb es ruhig. Bis heute. Er hat sich anscheinend wirklich Respekt verschafft.»
»Warum haben Se ihn nicht festgenommen?», frage ich erstaunt und mich schauert es, wenn ich denke, dass ich mit einem Schwerverbrecher zusammen gesessen habe.
»Keine Beweise», seufzt Kleine. »Seine Läden wurden alle einige Male durchsucht. Wir haben nichts Illegales gefunden. Wir wissen nur, was unsere Informanten flüstern. Außerdem beginnt Lüscherhof legale Firmen aufzubauen. Dazu zähle ich die Filmgesellschaft und einen Laden mit japanischen Antiquitäten. Lackschalen, wirklich wertvolle Ware. Es ist allerdings nicht klar, ob diese Aktivitäten rein zur Tarnung dienen oder ob er sich aus dem Rotlichtmilieu zurückziehen will. Es werden Kontakte zur Yakuza, der japanischen Mafia, vermutet.»
Ich bekomme es mit der Angst zu tun. Beas Macker scheint skrupelloser zu sein, als ich vermutet habe.
»Und nun? », frage ich. »Er hat mich bedroht, seine Schläger haben mir die Nase gebrochen. Können Sie ihn nicht festnehmen lassen?»
Kleine lächelt müde.
»Meinen Sie die gestehen? Und außer Ihnen hat die keiner gesehen. Einen Zusammenhang mit Lüscherhof werden die sowieso leugnen. Natürlich werden wir Sie von Amts wegen befragen, aber große Hoffnungen kann ich Ihnen nicht machen.»
Verdammt. Ich habe keine Lust zu sterben.
»Dann müssen Sie Horst unter Polizeischutz stellen», fordert Antje. »Wenn dieser Pierre seine Konkurrenten ermordet, wird er mit Horst kurzen Prozess machen.»
»Lüscherhofs Männer haben schließlich nicht gedroht, Sie zu töten, oder?»
»Nein», verzweifele ich. »Aber wenn Sie ihn verhören, weiß er, dass ich ihn verpfiffen habe. Das ist doch ein logischer Schritt in seiner Welt. Er fährt wieder ins Ausland, und meine Leiche liegt auf der Limmerstraße. Und keiner kann sich erklären, warum.»
»Ich versteh überhaupt nicht, warum Lüscherhof den Horst in seinem Verbrecherladen haben will. Kriminelle Energie hat er bisher nicht gezeigt», kann Antje Kleines Bericht noch immer nicht nachvollziehen.
Der Polizist überlegt. »Das ist wirklich seltsam. Aber ich denke, dass er wirklich Fuß in seriösen Bereichen fassen will. Pornofilmen ist zumindest nicht illegal. Und dabei benötigt er unverbrauchte Leute, die nicht aus dem kriminellen Milieu stammen. Allerdings scheint es ihm schwer zu fallen, seine Geschäftspraktiken zu ändern.»
Wir wissen nicht, ob das stimmt. Ist zumindest eine Theorie. Ich erzähle, dass wir Bea nicht von Pierres Machenschaften überzeugen konnten.
»Bei ihr hat er sich bisher von seiner besten Seite gezeigt. Lüscherhof spielt gerne den Mann von Welt. Er ist gebildet und charmant. Bis er die Maske fallen lässt, kann es dauern. Und dann», Kleine schweigt bedeutungsvoll »dann ist es zu spät. Aber das sind nur Mutmaßungen. Um auf Ihre Frage zurückzukommen, Herr Stengel, ich fürchte, wir können da wenig tun. Es gibt keine Beweise.»
Wir blicken auf den Boden, wissen nicht, was wir sagen sollen. Mein Magen ist ein einziger Eisklumpen. Schließlich sage ich »Irgendetwas müssen Sie tun. Wenn mir etwas passiert, geht Antje an die Presse.»
»Genau», triumphiert Antje. »Wir gehen an die Presse. Wenn Sie uns nicht helfen, können Sie einpacken, mein Freund. Dann ist es Essig mit dem Job als Polizeipräsi.»
Kleine lächelt müde.
»Für einen solchen Posten diene ich zu gerne dem Bürger. Politik ist nicht mein Ding. Aber vielleicht habe ich doch eine Idee, wie wir an Pierre rankommen können.»
Wir starren ihn mit offenen Augen an.
»Und welche?», fragen wir.
Er blickt verschwörerisch.
»Wenn Sie mutig sind, Herr Stengel, spielen Sie für uns den Lockvogel.»
Montag, Oktober 04, 2010
Bestseller Kapitel 13: Zwischen kolumbianischen Drogenbossen und russischen Huren

Schwarz und warm und dumpf. Sekunden quälen sich dahin, bis ich meine Augen öffnen kann. Meine Ohren sind schon wach. Während der Kleister der Nacht langsam bröckelt, höre ich eine Stimme.
»Russisch Frau sind immer feucht.»
»Mhm, ja, ich spür, wie hart du bist. Jaaa, mhm, reib dich an mich, starker Hengst.»
Mit einem Ruck bin ich wach, gebe aber zu schlafen vor. Mein Kopf schmerzt, als hätte im Schädelinnern eine Herde Mustangs ein Western-Rodeo veranstaltet. Ich fürchte, mein neuer Arbeitgeber hat mir was in den Sekt geschüttet. Und ein Vitaminpräparat wird das kaum gewesen sein. Jede einzelne Zelle scheint gegen meinen Körper mit Schmerzattacken zu rebellieren.
Ich befinde mich immer noch im Puff, wird mir schnell klar. Ein schwarz gehaltener Raum mit einigen Kerzen und einem Himmelbett. Auf diesem liege ich wie mich das Universum in die Welt geworfen hat. Splitternackt. Neben mir liegt ein Kondom, wobei ich nicht erkennen kann, ob es gebraucht ist, oder einfach nur ausgepackt. Ich habe doch nicht…? Nein, ich kann es mir nicht vorstellen.
Ich blicke aus den Augenwinkeln auf Russlana, die sich ebenso nackt auf einem dunkel gepolsterten Liegestuhl räkelt. Ihr Busch ist rasiert, sie spreizt die Beine und streichelt sich dazwischen, während sie telefoniert und mit der freien Hand zum Schampusglas greift. Ich hoffe für sie, dass er nicht gespritzt ist. Im Hintergrund dudelt süßliche Klaviermusik.
»Ja, steck ihn mir zwischen die Zeh. Da stehen ich drauf», säuselt sie. Dann bemerkt sie, dass ich aufgewacht bin.
»Rambo, muss Schluss machen. Mein Mann kommt und prügeln mich grün und grau», verhunzt sie die Redensart originell. Mir ist aber nicht nach lachen.
»Ciao Baby. Ja, ruf mich wieder an. Du hast mich richtig besorgt.»
Sie drückt eine Taste auf ihrem Headset und lächelt mich an.
»Na, mein starker Hengst, wieder von tot aufgewacht.»
Mit den Pferden scheint sie es zu haben. Mühsam richte ich mich an der Bettlehne auf.
»Was mache ich hier? », erkenne ich die Stimme nicht, die meinem Mund entströmt. Heiser krächze ich, als hätte ich gestern mehrere Stunden Karnevalslieder gejohlt.
»Oh, du hast mit Russlana gemacht viel Liebe, schönes Liebe. Ich bin lange nicht mehr so fein ran genommen worden», stöhnt sie kurz auf.
Obwohl ich jede Anstrengung meiden sollte, werde ich langsam sauer.
»Wie können wir gevögelt haben, wenn ich mich an nichts erinnern kann. Bin doch schon in der Bar fast eingeschlafen.»
Russlana grinst schelmisch.
»Oh, wie ein wütender Stier hat du Russlana gebändigt. Russlanas Mund hat müden kleinen Krieger wach gemacht. Dann warst du nicht zu halten. Von Seite, von unten, in Popo. Das hat Russlana am besten gefallen. Klein Horst ist einfach süß, wie Rambo Stallone.»
Die kann mir viel erzählen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass wir etwas miteinander gehabt haben. Erstens ist sie nicht mein Typ, zweiten würde ich Antje nicht betrügen.
»Ist Richi Claydermann nicht toller Klavier Spieler? », fragt sie.
»Wo sind meine Klamotten? », frage ich zurück. Die Frau lügt bereits, wenn sie guten Tag sagt.
»Heißt Balade pour Adeline. Stück hat er geschrieben für Mädchen wie Russlana. Hat sich verliebt und immer Stück gespielt in Bar. Dort hat es gehört wichtiger Plattenboss. Und haben daraus Platte gemacht.»
»Und was willst du mir damit sagen? », werde ich ungeduldig. »Wo sind bitteschön die Sachen, die ich angehabt habe, als ich hier rein gekommen bin?»
»Du kannst auch für Russlana machen Kunstwerk. Schreiben Gedichte über zarte Beine wie Pasternak oder Geschichte mit Abenteuer wie Puschkin? Bitte. Russlana dann macht Liebe mit dir ohne Geld.»
Die Alte ist komplett bekloppt. Da ich meine Kleider auf dem Boden gefunden habe, brauche ich das Gespräch nicht fortzuführen. Mühsam krauche ich zu meinen Sachen. Russlana gibt vor, mir zu helfen, doch ihre Finger zielen auf meinen Penis. Ich wehre sie fast grob ab. Beleidigt verzieht sie den Mund.
»Hat dir nicht gefallen, mit Russlana zu ficken?», wird sie ordinär. Wortlos kleide ich mich an.
»Ich glaube dir kein Wort!», krächze ich schließlich.
»Was du nicht glauben? Warum?» Geschmeidig wie eine Katze springt sie aufs Bett, greift den Kondom und hält ihn mir unter die Nase. Voll mit Sperma. Verdammt.
»Das kann nicht von mir stammen», erkläre ich. »Ich war gestern vollkommen groggy. Unvorstellbar, dass ich mit dir Sex hatte. Bin doch im Laufen weggepennt.»
»Russlana weiß, was sie weiß», erklärt die Nutte zweideutig und spuckt auf die Lümmeltüte.
»Hat sich noch kein Mann beschwert über Ficki-Ficki mit Russlana.»
Sie dreht den Liegestuhl demonstrativ um und schaut mich mit dem Rücken an. Soll mich das stören. Ich schaffe es wirklich, mich anzuziehen, fühle mich mittlerweile aber auch besser. Russlana schimpft in ihrer Muttersprache, ich ignoriere sie und verlasse völlig zerknautscht das Zimmer. Langsam schreite ich zur Treppe und humpele die Stufen hinunter. Mist, die haben mich in den zweiten Stock verfrachtet. Noch eine Treppe. Ich begegne niemandem, bis ich unten bin.
Der Muskelmann vom Eingang sitzt mit einem Kaffee an der Bar und raucht. Dunhill. Der Kerl hat Stil, auch wenn er nach Knast riecht.
»Horst? »¸begrüßt er mich mit dreckigem Grinsen. »Wie war die Toberei mit Russlana? Ich bin übrigens Ronny, Pierres rechte Hand. Ich erledige die ganze Drecksarbeit, auf die der Chef kein Bock hat.»
Er reicht mir die Hand. Seine Jackettärmel spannen sich gefährlich, als ob der Stoff gleich reißen würde. Ich ignoriere seine Pfote, bis er sie achselzuckend wieder auf den Tisch legt.
»Muss nach Hause», murmele ich.
»Oh, sexy Stimme», bellt Ronny. »Ich weiß aus eigener Erfahrung, wozu das Miststück fähig ist. Sie kommt übrigens aus Moldawien. Dort habe ich sie in einem Café aufgegabelt. War ein Schnäppchen, die Gute. Und sie hat vom ersten Tag an gefickt, als wäre sie seit zwanzig Jahren im Business. Ich hab halt ein Händchen für Talente. Vielleicht sollte ich mich als Scout für Germany’s next Top-Nutte bewerben. Trink einen Kaffee mit Old Ron. Geht aufs Haus», lässt er wieder seine sympathische Lache ertönen. Eine Hustenattacke folgt, die er mit einem Zug an der Kippe besänftigt.
»Ciao. Bis bald», verabschiede ich mich. »Habe leider keine Zeit.»
Auf einmal verschwindet jegliche gespielte Freundlichkeit aus Ronnys Gangstervisage.
»Setz dich! Meine Einladung schlägt keiner aus.»
Er ist kein Typ, mit dem man diskutiert, also lasse ich mich auf einen Barhocker nieder. Ronny stellt mit schleimigem Grinsen einen Kaffee vor mir.
»Milch, Zucker? Ich lese dir jeden Wunsch von den Lippen ab.»
Ich fühle mich noch immer gerädert. Lasse daher sein Gequatsche über mich ergehen. Seinen Kaffee schlürfe ich auch. Tut echt gut.
»Ja, die Russlana», drückt er seine Kippe in den Aschenbecher, als wolle er sie zerquetschen.
»Die hat noch andere Qualitäten. Ist ein Super-Model. Hat auch schon in ein paar Filmen mitgespielt. Da braucht Harry nicht viele Anweisungen geben.»
Warum labert er mich voll. Bin von der letzten Nacht fertig genug.
»Schau her, hier bringt sie Höchstleistung», hält er mir ein Foto unter die Nase.
Müde richten sich meine Augen nach rechts. Dann schrecke ich auf und mein kompletter Kopf dreht sich.
»Was ist das?»
Ronny schaut auf die Fotos.
»Oh, da habe ich mich wohl vertan. Das sind die Schnappschüsse von gestern Nacht. Russlana meinte, ihr beide wäret so ein schönes Paar, das müssten wir fotografieren. Da hat sich Old Ronny nach oben begeben und mit der Kamera rumgespielt. Du warst auch angetan von der Idee.»
Auf einem Bild ist zu sehen, wie Russlanas Mund Hotte junior in Form bringt. Auf einem anderen Portrait vergnüge ich mich mit ihr doggy style. Die Augen habe ich geschlossen, sieht aber verteufelt echt aus.
»Ihr habt mir was in den Sekt getan. Ich war völlig weggetreten. Das ist eine Riesensauerei. Vernichte die Bilder auf der Stelle.»
Belustigt schüttelt Ronny den Zeigefinger.
»Was für böse Worte. Nein, nein. Und auf Forderungen reagiere ich allergisch, mein Freund.»
»Was wollt ihr von mir», schreie ich. Heraus kommt nur das übliche Krächzen, was Ronny noch mehr amüsiert.
Dann wird er ernst.
»Pierre hält viel von diesem Betriebswirtschaftskram. Das hat er ja studiert. Für mich wäre das nichts. Stundenlanges Büffeln. Igitt. Die Mitarbeiter müssen gebunden werden, predigt er bei jeder Teamsitzung. Und das gilt vom Amüsiermädchen über mich bis hin zum Drehbuchautor», tippt er mir auf die Schulter. Tut weh.
»Ich verstehe nicht», murre ich. »Ob ihr diese Fotos von mir habt, oder nicht. Dadurch schreibe ich weder besser noch schneller.»
Ronny lacht. »Hör zu. Wenn du bei Pierre arbeitest, siehst du Sachen, die andere Leute interessieren, die sie nicht interessieren sollten. Ich erwähn da nur mal die Perle von Pierre. Was Männe macht, geht die nichts an. Soll denken, er fabriziert künstlerische Filme. Vielleicht einige Werbestreifen, um das Konto aufzubessern. Und alles ist okay. Solltest du jemals auf die Idee kommen, bei deiner Ex, mehr zu plaudern, als Cheffe gefällt, werden diese Fotos per Expresspost an deine Alte geschickt. Ist eine reine Vorsichtsmaßnahme. Wir wissen, dass du verschwiegen bist. Aber wenn nicht…», er schweigt beredt.
»Und dann komme ich mit einigen Kumpels zur dir auf Besuch. Und wir werden dir jeden Knochen einzeln brechen. Nein, wir werden dich nicht umbringen, sei beruhigt, aber die Schmerzen werden unermesslich sein», kracht sein Arm auf meine Schulter.
»Hast du mich verstanden, Pissgesicht?»
Habe ich.
»Übrigens. Deine Idee mit dem Grafen fanden wir nicht schlecht. Fuckola hieß er? Genial, könnte von mir sein. Pierre lässt dir ausrichten, dass du ein Expodingsbums oder wie das heißt bis Ende der Woche ausarbeiten sollst. Schaffst du das, Kollege?»
»Exposé, ja, mach ich.»
Dann lässt er mich gehen. Erzählt mir noch, wie geil er mich findet, aber wär halt sein Job. Kann er nichts machen und so weiter und so fort. Das Verhältnis seiner Physis zu meiner gleicht dem Donald Ducks zu einem Panzer. Also verzichte ich auf einen Versuch, ihm die Fotos zu entreißen und verschwinde grußlos.
Draußen wanke ich zur Straßenbahnhaltestelle. Was soll ich tun? Antje von meinem wahren Aufgabengebiet erzählen. Ich weiß nicht, ob sie mir die Lüge verzeiht. Und die Fotos mit Russlana sehen verdammt echt aus. Ob sie mir meine Geschichte glauben würde. Ich überlege hin, überlege her. Verfluche mich, dass ich mich mit diesen Gangstern eingelassen habe. Ich erinnere mich an Worte meines Vaters. Gibst du dem Satan den kleinen Finger, frisst er dich mit Haut und Haaren. Da hat der alte Herr einmal Recht gehabt. Ich habe keine Ahnung, wie ich aus der Kiste wieder rauskomme. Ich fühle mich befleckt. Es ist wirklich kein gutes Feeling, erpressbar zu sein.
Niedergeschlagen komme ich eine Viertelstunde später zu Hause an, nehme die Post aus dem Briefkasten, ohne sie eines Blickes zu würdigen. Körperlich bin ich immerhin wieder einigermaßen auf dem Damm. Nur die Seele ächzt. Ich spreche laut in die leere Wohnung »Ich fühle mich Scheiße! »
Erwartungsgemäß antwortet niemand.
Dann Mailcheck. Nur Spam bis auf eine Nachricht von Antje. Sie freut sich euphorisch aufs Grillen, muss etwas mit mir besprechen. Ist voller Ekstase. Wenigstens eine Person, der es gut geht. Von der Ahmert niente. Verstärkt meinen Frust. Ich wähle die Offenburger Nummer. Es dauert zwei Minuten, bis abgenommen wird.
»Gisela Ahmert Verlag.»
Oh, die Chefin selbst ist an der Strippe.
»Guten Tag, Frau Ahmert. Horst Stengel aus Hannover hier. Ich wollte mich erkundigen, wie es mit meinem Buch steht.»
Sie überlegt.
»Herr Stengel, gut, dass Sie anrufen. Mir geht es gerade wahnsinnig schlecht.»
Und mir? Wenn die eine Ahnung hätte. Höflich frage ich »Warum, Frau Ahmert?»
Sie stöhnt.
»Ich habe einen Bruder Arno. Er arbeitet für die deutsche Botschaft in Bogota. Die deutschen Diplomaten unterstützen die Regierung im Kampf gegen den Drogenhandel. Das wird natürlich von der Mafia nicht gerne gesehen, Her Stengel. Das können sie mir glauben.»
»Sicher», sage ich und frage mich, wo die Pointe lauert. Zur prophylaktischen Beruhigung stecke ich eine Zigarette an.
»Das Drama ist: Die Rebellen wollen hunderttausend Dollar. Sonst bringen sie meinen Bruder um. Ich habe bereits fünfzigtausend nach Kolumbien überwiesen. Aber meine finanzielle Lage ist alles andere als rosig, Herr Stengel.»
»Ist sicher schlimm. Aber wann erscheint denn nun mein Buch?», werde ich ungeduldig.
»Herr Stengel, es fällt mir schwer, Sie zu bitten. Dennoch, könnten sie mich dabei unterstützen, meinen Bruder aus der Gefangenschaft freizukaufen?»
Ich halte mich für einen sozialen Menschen, aber Geisel aus den Händen der Drogenmafia zu befreien. Das übersteigt meine Fähigkeiten.
»Was erwarten Sie denn von mir? », frage ich genervt.
»Wenn jeder meiner Autoren fünftausend Euro spenden würde, könnten wir Ingo befreien. Ich bin nicht nur Verlegerin sondern auch Mensch. Dann hätte ich den Kopf frei, um die zahlreichen Bücher herauszubringen, die momentan auf Halde liegen.»
»Heißt Ihr Bruder nicht Arno?», fühle ich mich verarscht.
»Es ist doch wohl egal, wie mein Bruder heißt. Es geht hier um Menschen, nicht um Namen, Herr Stengel. Gerade Sie als Autor sollten das wissen.»
Das ist die Höhe. Ob die Frau weiß, was für Mühe es mich gekostet hat, die dreitausend Euro aufzubringen.
»Hören Sie mir zu. Ich habe meine Eltern angepumpt, mit denen ich seit Jahren kaum Kontakt habe. Ich bin mit einer Kaffeefahrertruppe durch die Botanik gegondelt, in der Hoffnung, ein paar Euros abzustauben. Jetzt arbeite ich für einen Pornofilmer, der mich nebenbei noch erpresst. Und das alles, damit mein Buch erscheint. Und jetzt sagen Sie mir, dass ich noch fünftausend Euro für ihren Bruder aufbringen soll, von dem Sie nicht einmal zu wissen scheinen, wie er wirklich heißt. Das steht nicht im Vertrag.»
Ich krieche fast in die Muschel.
»Mein Bruder heißt Arno Ingo Ahmert. Wie gesagt, Herr Stengel», entgegnet sie kalt. »ich bin in erster Linie Mensch, erst danach kommt die Verlegerin. Ich werde alles tun, um meinen Bruder zu befreien. Von den finanziellen Problemen meines Hotels habe ich ihnen gar nichts erzählt. Auch nicht von meinen schwerkranken Eltern, die ich finanziell unterstütze. Brauch ich auch nicht. Andere Autoren sind da freigiebiger. Deren Bücher werden natürlich vorgezogen. Guten Tag.»
Sie legt auf. Ich starre den Hörer an. Das hat sie doch nicht wirklich gesagt. Ich drücke auf Wahlwiederholung.
»Sie haben die Nummer des Gisela-Ahmert-Verlags gewählt. Leider rufen Sie außerhalb unserer Geschäftszeiten an. Bitte hinterlassen Sie eine Nachricht nach dem Signalton. Wir rufen Sie gerne zurück.»
»Frau Ahmert, ich bin kurz davor ausfällig zu werden. Es ist doch nicht Ihr Ernst, dass sie mein Buch nur herausgeben, wenn ich Ihnen weitere fünftausend Euro überweise. Rufen Sie sofort zurück. Ich will eine feste Zusage für den Termin der Buchveröffentlichung. Ansonsten wende ich mich an die Polizei. Das ist Betrug. Jawohl, Betrug.»
Ich finde meine Ansage hilflos, aber anderes fällt mir nicht ein. Die Ahmert schlägt mir in den Bauch, haut mir den Baseballschläger über die Rübe und reißt mir die Eier ab. Zwar nur metaphorisch, schmerzt aber genauso. Ich lasse mich aufs Sofa fallen. Soviel Aufriss für eine Karriere, die in den Fluten des Jordans versinkt, bevor sie begonnen hat. Ich ziehe ein Fazit. Mein Portemonnaie ist zwar momentan voll, aber dies verdanke ich einem Job im Halbweltmilieu, bei dem ich erpresst werde. Mein Buch wird am Sankt Nimmerleinstag erscheinen. Meine Exfreundin ist mit diesem Zuhälter zusammen. Und Perspektive: Null. Ein ernüchterndes Fazit meines Lebens.
Doch halt: Antje liebt mich. Da kann ich doch nicht alles verkehrt gemacht haben. Vielleicht hat sie eine zündende Idee, wie ich die Ahmert zum Verlegen meines Romans bewegen kann. Den gordischen Knoten mit Pierre muss ich zerschlagen, will schließlich nicht als kompletter Loser dastehen.
»Pierre Lüscherhof Media.»
»Horst am Apparat.»
»Mein Freund, schön, dass du anrufst. War doch gestern eine nette Feier? Wir hatten alle viel Spaß. Ist der Rausch verflogen und der Kopf wieder klar?», lacht er leise.
»Was soll die Geschichte mit den Fotos? Ich lasse mich nicht von dir erpressen. Wenn du meinst, dass ich unter Druck schneller liefere, liegst du falsch. Ich bin Künstler, keine Nutte, die vielleicht die Taktzahl ihrer Freier erhöhen kann», lasse ich meinem Frust freien Lauf.
Pierre gackert.
»Welch hässliche Worte. Buddha sprach: Groll mit uns herumtragen ist wie das Greifen nach einem glühenden Stück Kohle in der Absicht, es nach jemandem zu werfen. Man verbrennt sich nur selbst dabei. Nimm es nicht persönlich, mein Freund. Ich agiere in einem aggressiven Umfeld. Da benötige ich loyale Mitarbeiter. Loyal bis in den Tod. Und das ist keine Redensart», wird er ernst. »Du weißt Dinge über mich, die kein anderer zu wissen braucht. Und umgekehrt genauso. Das nennt man eine Win-Win-Situation. Sollte ein Mitarbeiter abtrünnig werden, entwickelt es sich zu Loss-Loss. Andere Unternehmer verklagen untreue Beschäftigte, ich ruiniere ihr Leben. Das überlegt sich jeder zwei Mal, hab ich nicht recht? Du musst dir keine Sorgen machen. Ist eine reine Vorsorgemaßnahme. Deine Verbindung zu meiner Verlobten spielt sicherlich auch eine Rolle. Sie braucht nicht alles wissen. Sieh es als kleine Versicherung, dass deine Lippen versiegelt sind. Sonst alles klar?»
Mir wird mit einem Schlage eines klar: Ich darf mich nicht länger rumschubsen lassen. Muss agieren, nicht reagieren. Wenn ich akzeptiere, mich von diesem Verbrecher erpressen zu lassen, bin ich verloren. Früher oder später lande ich im besten Falle im Knast, im schlimmsten auf dem Friedhof.
»Ich habe bereits gute Fortschritte bei dem Drehbuch gemacht», lüge ich. »Aber ich werde nicht eher liefern, bis du mir Fotos und Negative auslieferst. Das ist keine Verhandlungssache.»
Für einen Moment schweigt Pierre.
»Du machst mich sehr traurig, mein lieber Horst», spricht er eher wie ein Pfarrer als ein Zuhälter. »Ich bezahle dich üppig und habe dir viel Vertrauen entgegengebracht. Vertrauen in deine Fähigkeiten und dich als Menschen. Deshalb habe ich dir einen großzügigen Vorschuss gewährt, mit dir gefeiert, dich mit den wichtigen Leuten meines Firmenimperiums bekannt gemacht. Und was ist der Dank? Drohungen und Beleidigungen.»
Er schweigt, erwartet, dass ich meine Treue bekunde.
»Erst Fotos und Negative. Mir ist egal, wie du deine Sklaven gefügig machst, nicht mit mir. Kannst du dir bis morgen überlegen. Wenn die Bilder dann nicht in meinem Besitz sind, gehe ich zur Polizei. Irgendwas werden die Bullen schon bei dir finden. Das nutzt dem Geschäft sicherlich wenig, und du bist doch Geschäftsmann.»
Es ist gewagt, einem Typen wie Pierre zu drohen. Der wirkt auch verblüfft, scheint keinen Widerspruch gewohnt zu sein.
»Mein lieber Horst. Lass uns das noch mal besprechen. Komm einfach in der Firma vorbei. Oder heute Abend im Spezial.»
Seine Worte klingen moderat, seine Stimme gefriert geradezu.
»Sorry, keine Zeit. Steck mir die Fotos und Negative in einen Briefumschlag und schick ihn per Post. Bis Mitte nächster Woche hast du dann dein Exposé und die Hälfte vom Drehbuch. Sonst bekommst du nichts von mir.»
Ich lege auf. Bin mir nicht sicher, welche Folgen meine Rebellion haben wird. Ich halte es jetzt aber doch für besser, Antje reinen Wein einzuschenken. Dann entfiele jeglicher Grund für eine Erpressung und ich wäre frei.
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