Montag, Oktober 18, 2010

Bestseller 15: Begegnung mit Jesus' Jünger



Bevor ich nach Hause gehe, hole ich Frustbewältiger vom Kiosk: Eine Kiste Herrenhäuser. Ich glaube kaum, dass irgendjemand auf diesem Planeten größeren Anlass hat, sich quälenden Depressionen hinzugeben. Es scheint nichts zu laufen. Laufen lasse ich Becks Loser, den perfekten Soundtrack zu meinem Leben. Erstens: Meine Liebste ist enttäuscht von mir und siedelt nach Amiland über. Zwischen beiden Sachverhalten besteht zwar kein direkter Zusammenhang, aber das ist mir momentan egal. Ich köpfe die erste Flasche.
Zweitens: Ich habe zwar einen großzügigen Vorschuss von meinem Arbeitgeber erhalten, doch das miese Schwein erpresst mich. Dafür gibt es allerdings keinen Anlass mehr, da ich gebeichtet habe. Meine Lust, für Pierre zu arbeiten, bewegt sich im Minusbereich. Aber er wird kaum einen Aufhebungsvertrag mit mir unterschreiben. Ich beschließe, das Problem auszusitzen. Einfach keine Reaktion zeigen. Der wird Besseres zu tun zu haben, als mir hinterherzulaufen. Ich köpfe die zweite Flasche. Drittens: Mein bester Freund liegt auf der Intensivstation im Krankenhaus. Wenn er nicht schleunigst clean wird, dürfte er eine geringe Lebenserwartung haben. Ich weiß nicht, wie ich ihm wieder auf die Beine helfen soll. Bin ja kein Therapeut. Ich köpfe die dritte Flasche. Viertens: Meine Verlegerin verarscht mich. Nach abgesprochenen dreitausend Euro soll ich ihr weiteres Geld zukommen lassen. Ein Fass ohne Boden, wie es scheint. Ich köpfe leicht angeduselt die vierte Flasche. Es ist sechzehn Uhr dreißig. Da dürfte im Verlag noch gearbeitet werden. Ich greife zum Hörer.
»Bitte», meldet sich eine Bassstimme. Seltsam, wir haben bei unserem Besuch keinen Mann im Verlag gesehen.
»Horst Stengel hier», artikuliere ich etwas undeutlich. »Ich will Frau Ahmert sprechen. Wegen meines Buches. Es kann nicht sein, dass ich noch mehr zahlen soll als die vereinbarten dreitausend Euro», stottere ich wütend herum.

Am anderen Ende wird zunächst geschwiegen, dann sagt er in breitem Badener Akzent »Mein Name ist Zimmer von der Kriminalpolizei Offenburg. Wir ermitteln gegen den Ahmert-Verlag wegen Insolvenzverschleppung und Eingehungsbetrug. Zurzeit führen wir eine Durchsuchung der Räumlichkeiten durch.»
Ich bin geplättet.
»Was heißt das?», frage ich.
»Wie ich Ihren Ausführungen entnehmen kann, sind sie Autor des Verlages?»
»Ja, aber Frau Ahmert wollte neben dem bereits gezahlten Betrag weitere Gelder von mir. Für ihren in Südamerika verschleppten Bruder. Sonst würde es mit der Veröffentlichung dauern.»
Herr Zimmer räuspert sich.
»Eigentlich darf ich zu laufenden Verfahren nichts sagen. Aber wir gehen davon aus, dass Frau Ahmert Verträge abgeschlossen hat und wusste, dass sie die Bücher nicht herstellen kann. Der Verlag scheint seit längerem vollkommen überschuldet zu sein. Der einzige Posten von Wert, die Druckerei, wurde vor drei Monaten zu einem verdächtig niedrigen Preis an einen Investor aus Großbritannien verkauft. Alles sehr undurchsichtig. Frau Ahmert wird aber nach jetzigem Ermittlungsstand nicht in der Lage sein, noch irgendein Buch herauszubringen. Tut mir Leid, dass ich Sie enttäuschen muss. Wenn ihr Name in den Unterlagen steht, werden Sie einen Anhörungsbogen der Staatsanwaltschaft erhalten. Nochmals: Für die Autoren tut es mir Leid. Trotzdem einen schönen Abend.»
Er legt auf. Ich köpfe die fünfte Flasche, oder ist es bereits die sechste? Zählen habe ich längst aufgegeben. Es steht schlimmer, als ich angenommen habe. Geld weg, keine Chance auf Veröffentlichung. Der Traum vom Bestseller geplatzt wie eine Seifenblase, die auf Stacheldraht landet. Ich fühle mich, als ob ich in verschiedene Richtungen loslaufe, aber immer nur in derselben Sackgasse lande. No exit. Ich brauch jemanden, mit dem ich sprechen kann, der mir neue Wege aufweist. Antje. Nein, die kann ich nicht anrufen. Sie ist ja Teil meiner Krise. Wäre unsere Beziehung noch intakt, würde es mir bestimmt besser gehen. Fünfzig Prozent besser, schätze ich vorsichtig. Oder sogar sechzig? Vielleicht sollte ich mich versöhnen, flüstert der Alkohol. Ich greife zum Hörer. Will mein Herz ausschütten. Doch dann flüstert der männliche Stolz: Mach dein Glück nicht so stark von einer Frau abhängig. Da kommt mir eine Idee.

Ich schmeiße den Rechner an und surfe auf Google. Nachdem ich die Wörter „persönliche“, „Krisen“ und „Forum“ eingetickert habe, werde ich fündig. Das Katastrophen-Forum bildet eine Community von Leuten wie mir, die auf der Schattenseite des Lebens krauchen. Die Rubriken Beziehungskrisen, finanzielle Pleiten, ungerechte Behandlungen, Behördenwillkür, Mobbing und viele andere zeigen mir, dass ich mich mit Gleichgesinnten austauschen kann. Die Kollegen haben Ähnliches erlebt.
Ich registriere mich und notiere unter der Rubrik Lebenskrisen meine gesammelten Desaster. Kurze Zeit später aktualisiere ich die Seite. Super, es hat jemand geantwortet. Der User Krisenmanager, ebenfalls aus Hannover, schreibt mir, dass seine Biographie noch finsterer als meine ist. Haus ist abgebrannt, seine Frau ist weg, er hat Krebs bekommen, ist aber inzwischen geheilt, hat seinen Job verloren und hundertfünfzigtausend Euro Schulden. Ich komme aus dem Staunen nicht heraus. Da geht es mir ja richtig gut. Ich schreibe, dass mich sein Schicksal berührt. „Kein Mitleid“, antwortet er. Er sei auf einem guten Weg. Ein Mensch müsse aus Krisen gestärkt hervorgehen. Ich bewundere ihn. Kein Jammern, kein Hadern mit den Ungerechtigkeiten des Lebens. Dieser Mann steht wie ein Fels in der Brandung. Ich frage ihn, woher er seinen Optimismus nimmt.
Sport lautet die überraschende Antwort. Er habe für einen Marathonlauf trainiert und diesen ein halbes Jahr später erfolgreich absolviert. Dann hätte sich alles andere auch ergeben. Kann ich mir schwer vorstellen. Einfach durch die Gegend laufen und der Buchvertrag kommt von selber, die Frau kehrt zurück und Porno-Pierre streicht mich aus seinem Gedächtnis? Da sei ja nur ein Beispiel. Er habe noch ganz andere Methoden zur Krisenbewältigung in seinem Zauberkoffer. Klingt ein wenig nach Tony Robbins und ähnlichem Motivationsscheiß, zu dem mich Bea überreden wollte. Schreibe ich ihm auch. Nein, keine Angst. Er sei nur ein Self-Made-Crises-Fighter. Wir würden nah beieinander wohnen. Er komme gerne morgen bei mir vorbei. Da könnten wir ein wenig plaudern. Wahrscheinlich würde ich dann meine Situation differenzierter sehen. Was heißt differenzierter? Aber ich bin beim mindestens zehnten Bier, da sind solche Fragen nebensächlich. Ich schicke ihm per Mail meine Adresse. Es schadet sicher nicht, mit einem ehemaligen Leidensgenossen über die Ungerechtigkeit der Welt und der Frauen zu quatschen. Er verspricht im Laufe des Vormittags aufzutauchen. Wir verabschieden uns. Ich lege Coldplay in den CD-Schacht und versinke bei weiteren Herrenhäusern in bittersüßer Melancholie, bis ich auf meiner Couch einschlafe.

Am nächsten Morgen erwache ich, weil in meinem Kopf eine Abrissbirne gegen die Synapsen zu bollern scheint. Jede Sekunde ein neuer Schmerz. Zumindest kurzfristig treten meine sonstigen diversen Probleme in den Hintergrund. Zudem bemerke ich durch den grauen Schleier des Katers hindurch, dass es an der Tür klingelt. Sturm, als stünde eine Katastrophe bevor und ich sollte vor den nahenden Fluten evakuiert werden. Ich stelle fest, dass ich mich gestern nicht ausgekleidet habe. Ich fühle mich zwar matschig und müffele auch leicht, aber das wird bestimmt dieser Forumsheini sein, erinnere ich mich mühsam. Während ich hin- und herüberlege, ob ich zuerst Kaffee aufsetzen oder die Tür öffnen soll, schellt es weiterhin, als wäre jemand mit dem Finger auf der Schelle kleben geblieben. So eilig ist meine Rettung auch nicht, denke ich und widme mich zunächst dem Kaffee. Jeder kleine Schritt dieser alltäglichen Verrichtung fällt mir schwer. Als braune Suppe in die Glaskanne tropft, merke ich, dass ich den Filter vergessen habe. Scheint nicht mein Tag zu werden. Da sich an der Klingelkulisse nichts geändert hat, beschließe ich die Kaffeeproblematik später anzugehen.

Als ich die Tür öffne, erwartet mich eine Überraschung. Eine unangenehme, was sonst. Ronny und ein noch unsympathischer aussehender Typ mit Glatze und einem Zöpfchen drängen mich in die Wohnung. Dieser trägt einen pinken Anzug, darunter ein weißes fast bis zum Bauchnabel geöffnetes Hemd.
»Morgen Schisser, gestern wieder zu tief ins Glas geschaut, was? », tätschelt mir Ronny das Kinn, was einem mittleren Erdbeben gleicht. Ich falle gegen die Wand.
»Vorsicht, Vorsicht, Kollege, deine Wohnung hat viele Stolperfallen», grinst Ronny. »Hab ich dir schon Bernie vorstellt? Ein Kumpel, der aus Thailand zum Europaurlaub gejettet ist. Hilft Pierre beim Aufbau einer Auslandsniederlassung. Läuft gut. Kaum Kosten, viel Ertrag. Außerdem hatte Bernie Probleme mit den Bullen hier in Deutschland. Die wollten ihn echt verknacken. Dabei ist Körperverletzung heute doch ein Kavaliersdelikt.»
Er lässt sich auf meine Couch fallen. Bernie bleibt stehen, knackt mit den Handgelenken und grinst hohl.
»Bin ein toller Kavalier. Weiß die Polente gar nicht zu schätzen», textet er mich zu und steckt sich eine Zigarette an. Ronny steht auf, holt meine Hannover-Tasse aus dem Schrank und kippt sich Kaffee ein, als sei er hier zu Hause. Er nimmt ein Schluck und spuckt sofort auf den Boden.
»Bah, willst du mich vergiften, Alter? Wenn du Zeug in den Abguss kippst, bekommst du Probleme mit den Umweltfuzzis. Ist ja kriminell.»
Ronny und Bernie lachen dreckig im Chor, dass ich Angst bekomme, dass der Putz von der Decke bröckelt.
»Was wollt ihr? », frage ich. »Ihr könnt mich nicht erpressen. Meine Freundin kennt die Geschichte vom Spezial. Ist alles in Ordnung. Ihr könnt Pierre sagen, für einen Gangster arbeite ich nicht. Die Kohle kriegt er innerhalb des nächsten Jahres zurück.»
Meine beiden Besucher blicken sich an, verziehen die Gesichter und brechen wieder in schallendes Gelächter aus. Können sich gar nicht mehr beruhigen. Bernie ascht aufs Linoleum. Wie krieg ich das Gespann nur wieder aus der Wohnung?
»Hör zu, mein Freund», wird Ronny mit einem Schlag ernst. »Wer mit Pierre Geschäfte macht, steigt nicht einfach aus. Capice? Der Vertrag ist sozusagen auf Lebenszeit geschlossen. Der Boss vertraut dir, und du schwörst bedingungslose Treue. Treue bis in den Tod.»
Dieses Ganovengesabber geht mir gehörig auf den Zeiger. Wen will er mit diesen Sprüchen beeindrucken? Aber seine aggressive Aura lähmt meine Zunge.
»Pierre hat mich gestern zu sich gerufen. Ronny sagte er, der Horst macht mir Sorgen. Ich glaube, der hat die Prinzipien unserer Geschäftsbeziehung nicht richtig verstanden. Das waren Pierres Worte. Ich bin ein einfacher Mann der Tat. Ich könnte mich nie so gewählt ausdrücken.
Aber dann habe ich überlegt und mir gedacht: Der Boss hat wie immer Recht. Da habe ich gesagt: Mein lieber Pierre, es kann sich nur um ein kleines Missverständnis handeln. Nichts, was man nicht aus der Welt schaffen könnte. Ich werde mit Horst reden. Horst versteht und ist wieder auf unsere Unternehmensziele eingenordet. Und zur Unterstützung nehme ich Bernie mit. Der hat Erfahrung mit Motivation. Was denkst du darüber, Schisser?»
In Gedanken spreche ich ein Stoßgebet. „Lieber Gott, ich habe mich lange nicht bei dir gemeldet. Wenn es dich geben sollte, lass Ronny und Bernie schnellstmöglich von hier verschwinden, ohne dass mein Mobiliar oder meine Gesundheit Schaden nehmen.“
Nichts passiert, hätte mich auch gewundert.
»Ich höre nichts, Arschloch. Hast du mich nicht verstanden?», hievt Ronny seine hundertzwanzig Kilo Muskeln von der Couch. Ich weiche unwillkürlich zurück. Da schellt es.
»Wer ist das?», fragt Bernie panisch und holt einen Revolver aus dem Jackett. Oh Gott, die Kerle sind bewaffnet.
»Bestimmt nur die Post. Halt den Ball flach, Bernie. Wir leben in einem Rechtsstaat. Da kommen einem keine bewaffneten Psychos auf die Bude», gackert Ronny. Bernie kichert, wirkt aber noch immer nervös.
Doch das Klingeln dauert an.
Ronny runzelt die Stirn.
»Erwartest du Besuch, Freak?»
Ich überlege. Das könnte der Typ aus dem Forum sein.
»Ein Bekannter wollte heute Morgen vorbeikommen. Den kann ich auch nicht abwimmeln. Da wittert der Verdacht.»
Es klingelt unermüdlich weiter. Scheint sich zur Mode zu entwickeln. Ronny überlegt angestrengt. Es sieht aus, als ob seine gesamten drei Gehirnzellen auf Hochtouren laufen.
»Steck die Knarre weg», faucht er Bernie an. »Muss denken.»
Bernie streichelt über die Waffe, bevor er sie wieder in den Tiefen seines Sakkos verschwinden lässt.
»Mach auf. Sag ihm, wir sind Freunde. Du hast nicht viel Zeit. Und dann beförderst du ihn wieder an die frische Luft. Capice?»
Ich nicke und öffne. Vor mir steht ein wandelnder Meter mit braunen Locken in einem billigen C&A-Anzug. Die Krawatte hängt schiefer als der Turm von Pisa. Er strahlt über alle vier Backen. Dabei sind seine Zähne nikotinvergilbt. In der Hand hält er eine schwarze Laptoptasche.
»Krisenberater zur Stelle. Darf ich reinkommen? », wartet er meine Antwort nicht ab und stiefelt ins Innere meiner Wohnung. »Oh, du hast Freunde zu Besuch. Entzückend. Aber das macht nichts. Meine Botschaft hilft allen zu einem besseren Leben.»
Ich schließe die Tür, während es sich Krisenberater neben Ronny bequem macht. Der fühlt sich sichtlich unwohl. Er ruckelt nervös auf der Couch hin- und her, als würde sein Hintern jucken.
»Mein Name im Real Life ist übrigens Carsten Roschke. Und Horst, noch immer depri drauf?», quatscht er in einer Tour, als liefen seine Stimmbänder auf Autopilot.
»Horst, die Vergangenheit war gestern, aber heute fängt deine Zukunft an.»
Ronny gibt in Kniehöhe Handzeichen. Anscheinend soll ich Roschke so schnell wie möglich vor die Tür befördern. Bernie scheint allerdings angetan. Sein Gesicht zeigt etwas Ähnliches wie ein Lächeln.
»Carsten, es passt momentan schlecht», versuche ich mein Glück. »Wir sind in einer geschäftlichen Besprech…»
Roschke winkt ab. »Papperlapapp. Was ich euch zu erzählen habe, wird eure Perspektiven so grandios erweitern, dass ihr euch fragen werdet, was ihr ohne mich im Leben getan habt. Wie ich Horst bereits geschrieben habe, stand es um mich nicht zum Besten.»
Er berichtet Ronny und Bernie von den unzähligen Katastrophen seines Lebens. Bernie strahlt immer mehr, Ronny wird zeitgleich nervöser.
»Gibt es nicht», weiten sich Bernies Augen. »Du hast ja die Scheiße an den Hacken.»
»Und ich habe meine Lektion gelernt, lieber Freund», nickt Carsten. »Denn dann kam ein Erlebnis, das mein Leben zum Guten bekehrte: Ich traf nicht Jesus; nein viel besser: Guido Klatt vom GWD.»
Bernie hängt an seinen Lippen. Ich warte auch gespannt. Nur Ronny platzt langsam der Kragen.
»Komm zum Punkt, Kollege. Wir haben nicht bis morgen Zeit», steht seine Aggressivität kurz vor ungezügelter Eruption.
»Halt den Ball flach, Ronny», tadelt Bernie. »Mich interessiert, was der Kollege zu sagen hat. Bitte lass dir Zeit, Carsten.»
»In einer Stunde haben wir einen Termin in Braunschweig. Uns rennt die Zeit davon.»
Ich habe keinen Zweifel, dass Ronny keine Skrupel hat, mich und Roschke als Bonus zu vermöbeln. Zu meinem Glück scheint Bernie wirklich auf den Knaller zu stehen.
»Dann fahr alleine», wird er abgebügelt. »Ich regele das hier schon.»
Wütend erhebt sich Ronny. Die ganze Show umsonst.
»Wir sprechen uns noch. Ich komme wieder», zischt er mir im Herausgehen zu.
»Wirklich schade, lieber Freund, dass du uns schon verlassen willst», säuselt Roschke. »Denn das Beste kommt erst jetzt. Ein Modell, wie du im Jahr mehrere hundert bis tausend Talerchen sparen kannst. Aber deine Kontoauszüge hast du wahrscheinlich nicht dabei?»
Ronny knallt die Tür hinter sich zu.
Carsten hebt bedauernd die Schultern. »Wer nicht will, der hat schon. Ich werde euch jetzt ein fantastisches Konzept verraten, was euer Leben auf eine neue Stufe des Wohlstandes hieven wird. Versprochen.»
Er quatscht von Lebensversicherung, Vermögensumschichtungen, Fondssparplänen und Steuerersparnissen. Mir wird schlecht, aber in Bernie hat er ein bereitwilliges Opfer gefunden.
Leider hat Bernie keine Kontoauszüge dabei, hebt sein Geld sowieso lieber bar auf. Aber über Investments hat er auch schon oft nachgedacht. Vielleicht sollten sie sich mal zum Bierchen in der Kneipe treffen? Dann hat er alles dabei. Roschke strahlt.
»Mein lieber Horst, wie sieht es denn bei dir aus? Wenn du kein passives Einkommen erwirtschaften willst, habe ich ein fantastisches Jobangebot für dich. Werde Juniorberater unter meinen Fittichen», baggert er. »Dann kommt das Glück wie von alleine in dein Leben zurück. Die Verdienstaussichten bei minimalem Arbeitseinsatz sind fantastisch.»
Dankend lehne ich ab.
»Ich dachte, du würdest mir bei meinen konkreten Problemen weiterhelfen. Und nicht irgendwelchen Finanzkram aufschwatzen.»
Roschke verzieht enttäuscht das Gesicht. »Jetzt bist du undankbar. Der GWD hat alle meine Probleme beseitigt. Ich glaube, nein weiß heute: Es gibt überhaupt keine Probleme, nur Herausforderungen.»
»Sorry, da habe ich kein Interesse dran. Ich muss jetzt einige wichtige Telefonate führen. Wenn ihr euer Gespräch woandershin verlegen könntet, wäre ich dankbar.»
Beide brummeln. Da scheint eine wirklich feste Männerfreundschaft entstanden zu sein. Mir soll es Recht sein. Zumindest sind meine Knochen heile geblieben. Sie beschließen in dem Dönerladen zwanzig Meter weiter zu quatschen. Roschke verabschiedet sich.
»Horst, das wird alles wieder», er drückt mir seine Visitenkarte in die Hand. »Wenn du noch Fragen hast, ich habe jederzeit ein offenes Ohr für dich. Und wegen der Freundin: Beim GWD arbeiten jede Menge heißer Häschen. Siehst ja nicht übel aus, da staubst du bestimmt was ab», kneift er ein Auge zu.
Ein Kotzbrocken erster Güte. Aber im Internet merkst du oft spät, welcher Idiot sich hinter dem wohlklingenden Nick verbirgt.
»Man sieht sich», lüge ich. Als er aus der Tür ist, sagt Bernie »Ich muss noch eine Minute mit Horst alleine unter vier Augen sprechen.»
Er schließt die Tür und rammt mir ansatzlos seinen Ellenbogen in den Magen. Ich sinke zusammen, doch er reißt mich an den Haaren hoch und rammt mir seinen Arm vor die Nase. Ein unermesslicher Schmerz lässt mich zusammenzucken. Blut strömt über mein Gesicht. Ich übergebe mich. Bernie springt zur Seite.
»Hör zu, Wichser. Ein schlechtes Wort über Pierre zu irgendjemanden, und du kommst nicht so glimpflich davon. Dann ist der Schongang beendet. Fick nie einen Ficker. Hast du mich verstanden, Pisser?»
Ich nicke, sehe aber nichts, da er mir auch an der Wange eine Platzwunde verpasst haben muss. Zufrieden nickt Bernie.
»Wenn ich noch mal wiederkommen muss, hast du hoffentlich dein Testament gemacht. Dann bin ich nicht so launig aufgelegt. Bedank dich bei Carsten.»
Er schlägt mich noch mal halbherzig in den Magen und verschwindet. Eine weitere Fontäne Magensäure schießt aus meinem Mund. Ich schleppe mich zur Couch und sinke ins Polster. Dabei blute ich alles voll, aber das stört mich momentan am Wenigsten. Es klingelt wieder.
Verdammt, ist heute Tag der offenen Tür. Bernie und Ronny können es nicht wieder sein, überlege ich. Dann ist es auch nicht riskant, die Tür zu öffnen. Schlimmer kann es nicht mehr kommen.

»Sweety, wie siehst du denn aus», erschreckt sich Antje. »Was ist denn passiert?»
»Mitarbeitergespräch mit den Chargen von Porno-Pierre», stöhne ich. Antje holt einen Waschlappen und wischt mir das Blut aus dem Gesicht. Schmerzt noch immer unglaublich.
»Ich glaube, deine Nase ist gebrochen. Du musst zum Arzt.»
»Gleich», stöhne ich. »Ich fühle mich zu schlecht, um weite Fahrten zu unternehmen.»
»Jetzt erzähl schon, wer hat dich so zugerichtet?»
Stöhnend berichte ich von meinem unerfreulichen Besuch. Antje kommt aus dem Staunen nicht heraus.
»Ich will nicht die Klugschwätzerin spielen. Eigentlich bist du selber Schuld. Wie kannst du dich mit solchen Gesocks einlassen? Jetzt brauchen wir eine Lösung. Du musst diesen Pierre anzeigen.»
»Der lässt mich umbringen», verkneife ich mir einen Aufschrei, als Antje unabsichtlich meine Nase berührt.
»Fassen wir zusammen. Der Kerl erpresst dich, in seinem Lokal werden harte Drogen konsumiert, es ist fraglich, ob die Frauen alle freiwillig für ihn arbeiten. Das dürfte doch reichen.»
»Wofür? », frage ich verzweifelt. »Ich habe keinen Beweis. Wenn die Bullen das Spezial durchsuchen, werden sie nichts finden. Der Kerl ist mit allen schlechten Wassern dieser Welt gewaschen. Und ob eines der Mädels gegen Pierre aussagt, wage ich auch zu bezweifeln.»
»Aber versuchen müssen wir es», drängt Antje. »Der lässt dich sonst nie in Ruhe. Und ich gebe diesem Bernie recht: Beim nächsten Mal werden sie nicht nur deine Nase brechen.»
»Warum interessiert dich das eigentlich? Wir sind doch getrennte Leute?», kann ich mir nicht verkneifen.
»Süßer, Pack schlägt sich, Pack verträgt sich», grinst sie. »Ich habe überreagiert. Es war nicht okay, dass du mich angelogen hast. Hat mich schwerer enttäuscht, als ich gedacht hätte. Und du hast dich überhaupt nicht gefreut, dass ich nach New York gehe. Das war auch kein Burner.»
»Was erwartest du? », frage ich fassungslos. »Du ziehst tausend oder mehr Kilometer weit weg und ich soll Purzelbäume vor Glück schlagen? Aber mittlerweile denke ich, dass unsere Beziehung halten wird. Deine USA-Aufenthalt dauert ja nicht die Ewigkeit.»
Antje schaut ein wenig traurig. »Finde ich auch nicht toll. Es war eigentlich nicht geplant, dass ich mich verliebe.»
»So ist das Leben», klinge ich nur etwas resigniert. »Vielleicht suche ich mir einen Zweitjob, dann kann ich mir auch die Flugtickets leisten», rede ich uns gut zu.
Ich streichele Antjes Kopf. Ihre Augen schimmern feucht.
Wir sitzen eine Weile schweigend und sinnieren, halten uns in den Armen.
Lass uns jetzt ins Krankenhaus fahren, um dich zu versorgen», spielt sie die Fröhliche. »Wir können den Andi auch gleich besuchen. Ist ja praktisch, dass du dich heute hast zusammenschlagen lassen.»
Ich merke in diesem Augenblick, wie sehr ich sie liebe und könnte losheulen. Doch ich spiele auch den Zweckfröhlichen. Wir rufen ein Taxi, Kohle habe ich im Moment genug.
Der Fahrer mustert mich kritisch und will mich eigentlich nicht transportieren.
»Wenn die uns nicht mitnehmen, werde ich an die Presse gehen. Unterlassene Hilfeleistung ist weiß Gott keine Kleinigkeit. Ich sehe schon die Schlagzeile in der BLÖD: Deutschlands herzlosester Taxifahrer», faucht Antje ihn an.
»Schon gut. Aber wenn er meine Sitze voll blutet, zahlt er die Reinigung», knurrt er.
Er sieht nicht, dass Antje ihm den Stinkefinger zeigt. Hauptsache, er kutschiert uns.
»Übrigens. Mit meinem Buchvertrag ist es auch Essig», erzähle ich. Klingt wegen des Nasendefekts etwas seltsam, aber ich denke, ich kann mich an den Sound gewöhnen.
Antje schaut mich groß an. Und ich erzähle auch diese Geschichte meines ach so traurigen Lebens.
»Holy Shit. Wie viel Pech kann ein einziger Mensch nur haben? », fragt sie.
Ich überlege. Es hätte natürlich eine gewisse Berechtigung, wenn ich mich als stärkster Pechmagnet der Welt bezeichnen würde. Realistisch und objektiv betrachtet gibt es sicherlich Milliarden Menschen, denen es deutlich schlechter gehen würde. Immerhin leide ich unter keiner Hungersnot, keiner tödlichen Krankheit oder wohne in einem Land wie dem Irak, wo das Überleben des Tages bereits ein Erfolg ist. Naja, zumindest letzterer Punkt kann ich heute auch für mich verbuchen.
»Alles halb so wild», entgegne ich dennoch. »Wir fahren nachher zur Polizei. Dann hat der Ärger vor Pierres Schlägern ein Ende. Und ich werde mit Bea telefonieren, was für ein Arschloch sie sich da angelacht hat.»

Im Krankenhaus werde ich in der Chirurgie nach einer Stunde Wartezeit behandelt. Geht ja schnell. Ich erzähle dem Arzt, dass ich die Kellertreppe hinunter gestürzt sei. Der hoch gewachsene, hagere Kerl, der mich an Lucky Luke nach dreiwöchigem Hungerstreik erinnert, nickt ironisch.
Er schickt mich zum Röntgen. Antje wartet unterdessen in der Cafeteria. Eine Stunde später studiert er die Aufnahmen meines Naseninnerns.
»Das ist halb so wild», erklärt er. »Er handelt sich um eine geschlossene, unverschobene Fraktur. Da ist keine Therapie notwendig. Glück im Unglück. Wir legen Ihnen einen neuen Verband an. Wenn Sie möchten, können Sie nach einem Monat wiederkommen. Dann werde ich den Zustand ihrer Nase noch mal begutachten. Es sollte dann aber alles wieder in Ordnung sein. Sie dürfen sich allerdings zehn Tage lang nicht schnäuzen. Alles klar?»
Das sind doch gute Nachrichten. Ich habe schon gefürchtet, den nächsten Monat im Krankenhaus verbringen zu müssen. Eine Krankenschwester desinfiziert die Platzwunden, legt einen Verband an, dann werde ich entlassen.
Antje schlürft einen Kaffee und liest Tina Uebels Horro Vacui.
»Und, wie ist das Buch?», frage ich. »Die Frau ist eine Slamerlegende.»
Antje blinzelt. »Super, Ich bin Duke fand ich allerdings besser. Das fand ich mit zwanzig saucool. Wir simulieren ein aufregendes Leben, weil die Spießerwelt uns ankotzt. Na, jetzt brauch ich mir dank meinem Zuckerboy die Realität nicht aufregend zu denken», grinst sie. »Was macht deine Nase?»
Ich berichte, dass mit meinem Zinken alles gut ist.
»Hoffentlich bleibt meine Nase nicht schief», grinse ich. »Obwohl mir das ein unverwechselbares Äußeres geben würde.»
Antje lacht. »Ich werde dich auch lieben, wenn dein Näschen nicht kerzengerade in die Landschaft ragt. Äußerlichkeiten werden in der heutigen Welt überbewertet.»
Wir gehen zu Andy. Er liegt mittlerweile auf der Neurologie. Als wir sein Zimmer betreten, hat er die Augen geschlossen. Kathrin sitzt an seinem Bett und streichelt ihn über den Bauch.
»Hi, ihr», freut sie sich. Andi öffnet die Augen.
»Hallo», sagt er schlapp. Wir drücken die beiden.
»Du siehst etwas ramponiert aus, Alter», lächelt Andi. »Du hast auch schon mal besser ausgeschaut», gebe ich das Kompliment zurück.
»Habe es etwas zu wild getrieben», gibt Andi zu. »Momentan habe ich die Dosis meiner Stimmungsheber nicht im Griff. Ich war so down, Alter. Kannst du dir nicht vorstellen. Ich dachte, probier mal H. Das gibt dir ein Gefühl der Geborgenheit. Hat es auch, allerdings hat es mich fast gekillt. Nie wieder», seufzt er.
»Und nun? », fragt Antje. »Dir ist doch klar, dass es so nicht weitergehen kann, oder? Die Chemie bringt dich sonst eher über kurz als lang unter die Erde.»
Andi schaut Kathrin in die Augen, Kathrin schaut Andi in die Augen.
»Momentan denke ich lieber gar nichts. Fühl mich noch ziemlich gerädert. Aber Kathrin meint, nun ja. Ich werde mich wohl in Therapie begeben müssen. Ich dachte nicht, dass ich so fertig bin, wie es jetzt aussieht.»
Er schaut uns an.
»Ja, ist auf Kathrins Mist gewachsen, aber ich glaube sie hat Recht. Bisher habe ich gedacht, ich brauche Kicks, um meine Kreativität anzukurbeln. Aber who knows?»
Wirkt nicht recht überzeugt. Aber ist auch nicht anders zu erwarten. Wer krempelt schon mühelos von heute auf morgen seinen Lifestyle um.
»Und bei euch?», fragt er. »Du hast mir noch immer nicht erzählt, wie deine Nase zu der schicken Jacke kommt. Ist das eine Mode, die ich verpasst habe?»
Ich erzähle kurz, wie ich mich heldenhaft gegen Pierres Schlägertruppe gewehrt habe. Andi und Kathrin staunen.
»Der Hammer. Was hat der davon, dich zu drangsalieren?»
Ich zucke mit den Achseln.
»Macht, denke ich. Der ist es gewohnt, dass er die Leute in seinem Umfeld fest in der Hand hat. Um seine Pornoproduktion auf Vordermann zu bringen, braucht er einen Kreativen wie mich, der nicht aus dem Rotlichtmilieu stammt. Er behandelt mich aber genauso wie seine sonstige Bagage. Das kann nicht funktionieren. Ich gehe mit Antje zu den Bullen.»
»Ich bin stolz auch dich, Sweety», umarmt mich Antje. »Du bringst eine Linie in dein Leben.»
»Und Amerika? », fragt Kathrin. »Wie habt Ihr euch das gedacht? Ist schon eine Strecke, finde ich.»
Wir schweigen. Wird sich sicherlich finden, obwohl es mir vor dem Abschied graut.
»Ich werde neben dem Studium arbeiten und oft rüber fliegen», erklärt Antje schließlich und drückt mich noch fester.
»Ja dann», sagt Andi.
Wir verabschieden uns mit dem Versprechen, morgen wiederzukommen. Freudig bemerke ich, wie innig Kathrin Andi küsst. Trotz seiner Schwierigkeiten, seines verseuchten Körpers besteht Hoffnung auf eine Zukunft voller Liebe. Oder mutiere ich zum Spießer? Egal, jetzt werde ich erst mal Bea über ihren Macker aufklären.

Da ich das wahrscheinlich unangenehme Telefonat herauszögern will, gebe ich vor, Hunger zu haben. Wir holen uns vom türkischen Supermarkt um die Ecke Börek und essen auf der Bank vor dem Krankenhaus. Antje futtert Spinat, ich Hackfleisch. Ist wie bei Döner. Frauen essen Huhn, weil sie es für weniger fett halten. Männer ziehen das leckere Lammfleisch vor. Vom Kaloriengehalt vermute ich keine großen Unterschiede. Ob es Untersuchungen der Stiftung Warentest dazu gibt?
»Willst du jetzt anrufen? », fragt Antje. Ein unangenehmes Gefühl im Magen macht sich breit, aber ich kann es nicht endlos herauszögern. Konfrontieren wir Bea mit der unbequemen Wahrheit, dass ihr Traumschloss auf Morast gebaut wurde.
»Horst», begrüßt sie mich freudig. »Schön, dass du anrufst. Pierre hat mir so viele gute Dinge über dich erzählt. Eure Zusammenarbeit soll seine Firma enorm weiterbringen. Ist auch toll, dass ihr euch privat so gut versteht und bald zum Dreh nach Ibiza fliegt. Ich freu mich so.»
»Da muss ich dich enttäuschen», fällt es mir nicht leicht, die Lobhudelei zu unterbrechen. »Pierre ist nicht der, für den du ihn hältst.»
Schweigen. Dann fragt sie »Was meinst du damit?»
»Dein Freund dreht Pornofilme, keine Kunst. Das finde ich persönlich nicht verwerflich, aber er betreibt nebenbei Bordelle mit Zwangsprostituierten. Mich hat er zu erpressen versucht. Als er damit keinen Erfolg hatte, haben mich seine Bodyguards zusammengeschlagen.»
Bea zögert einen Moment, dann lacht sie schallend.
»You’re kidding, honey. Im Ernst, wie gefällt dir die Zusammenarbeit mit Pierre? Ist er nicht ein wundervoller Mann? Das kann ich jetzt ohne Gewissensbisse fragen, wo auch du eine neue Freundin hast, n’est ce pas.»
Ich blicke Antje an, zucke Hilfe suchend die Schultern.
»Du verstehst nicht, das meine ich vollkommen ernst. Hast du schon Pierres Firma besichtigt, oder warst in einem seiner Lokale? Bei dem Kerl siehst du den Stecken vor lauter Dreck nicht mehr.»
Wieder zögern.
»Ich finde es nicht nett, was du über Pierre sagst. Deine Beschuldigungen sind völlig halt- und geschmacklos. Selbstverständlich hat er mich durch seine Firma geführt. Das asiatische Flair ist sicherlich Geschmackssache, aber Pierre bezieht seine Kraft aus der Weisheit des Buddhismus. Da sehe ich nichts Verkehrtes dran. Ich weiß nicht, warum du mir Pierre madig machen willst.»
Ihre Stimme hat an Schärfe gewonnen.
»Ich will ihn nicht schlecht machen, er ist schlecht. Ich will dir nur die Augen öffnen. Frag ihn doch mal, was das Spezial im Steintorviertel für ein Lokal ist. Was er für die Zwangsprostituierten bezahlt hat, was für ein Gefühl es ist, Leuten Drogen ins Getränk zu schütten und kompromittierende Fotos zu schießen.»
»Du sprichst in Rätseln, mein Lieber», verbreitet Beas Stimme die Wärme eines vereisten Kühlschranks. »Ich habe aber auch keine Zeit, deinen Märchen zu lauschen. Wenn du Probleme mit Pierre hast, kläre sie mit ihm, lass mich aus dem Spiel. Ich wünsch dir einen schönen Tag.»
Damit legt sie auf.
»Sie glaubt mir nicht», fühle ich mich bedröppelt.
»Wie sollte sie», sagt Antje. »Wenn mir jemand erzählt, dass du ein Massenmörder bist, würde ich auch auflegen. Wahrscheinlich», grinst sie.
»Wer weiß, was der Typ mit Bea vorhat. Gutes sicherlich nicht.»
»Da können wir wenig machen. Lass uns zur Polizei gehen.»
Machen wir. Wir setzen uns in die Straßenbahn und fahren zum Hauptbahnhof. Die Wache in der Herschelstraße liegt gleich nebenan. Roter Backsteinbau, der verstaubte Behördenaura ausstrahlt.
Wir werden zu Kommissar Kleine geleitet. Er sitzt in einem fünf Quadratmeter kleinen Raum, die Wand ist mit Familienfotos tapeziert. Er hat zwei Kinder, beides Jungen, blond und hübsch. Er selbst wirkt für seine fünfzig Jahre drahtig und durchtrainiert. Das blaue Hemd frisch gestärkt, der schwarze Schlips sieht aus, als käme er gerade von einer Beerdigung.
Ich erzähle ihm von meinen Erlebnissen im Spezial.
Er nickt, schreibt auf einen Block, nickt und schreibt. Dann murmelt er »Der schöne Pierre, so kennen wir ihn.»
»Er ist bei Ihnen gelistet? », fragt Antje erstaunt.
Kleine nickt.
»Lüscherhof ist erst seit ein paar Jahren in der Rotlichtszene tätig. Mit Anfang dreißig ein Startup. Das Studium im Ausland scheint sich auszuzahlen. Eigentlich passt er überhaupt nicht in die Zuhälterbranche. Als er das Spezial ins Hannover und einige Läden in Berlin übernommen hat, fand das die Konkurrenz gar nicht gut. Da hat er sich allerdings auf skrupellose Weise Respekt verschafft. Zwei Konkurrenten, ein Russe und ein Türke wurden auf offener Straße hingerichtet. Anders kann ich es nicht nennen. Lüscherhof war nichts zu beweisen. Er hielt sich zu den jeweiligen Tatzeitpunkten in Asien auf. Aber seitdem hatte er Ruhe. Wir befürchteten, dass sich insbesondere die Russen-Fraktion diesen Angriff nicht gefallen lassen würde. Aber komischerweise blieb es ruhig. Bis heute. Er hat sich anscheinend wirklich Respekt verschafft.»
»Warum haben Se ihn nicht festgenommen?», frage ich erstaunt und mich schauert es, wenn ich denke, dass ich mit einem Schwerverbrecher zusammen gesessen habe.
»Keine Beweise», seufzt Kleine. »Seine Läden wurden alle einige Male durchsucht. Wir haben nichts Illegales gefunden. Wir wissen nur, was unsere Informanten flüstern. Außerdem beginnt Lüscherhof legale Firmen aufzubauen. Dazu zähle ich die Filmgesellschaft und einen Laden mit japanischen Antiquitäten. Lackschalen, wirklich wertvolle Ware. Es ist allerdings nicht klar, ob diese Aktivitäten rein zur Tarnung dienen oder ob er sich aus dem Rotlichtmilieu zurückziehen will. Es werden Kontakte zur Yakuza, der japanischen Mafia, vermutet.»
Ich bekomme es mit der Angst zu tun. Beas Macker scheint skrupelloser zu sein, als ich vermutet habe.
»Und nun? », frage ich. »Er hat mich bedroht, seine Schläger haben mir die Nase gebrochen. Können Sie ihn nicht festnehmen lassen?»
Kleine lächelt müde.
»Meinen Sie die gestehen? Und außer Ihnen hat die keiner gesehen. Einen Zusammenhang mit Lüscherhof werden die sowieso leugnen. Natürlich werden wir Sie von Amts wegen befragen, aber große Hoffnungen kann ich Ihnen nicht machen.»
Verdammt. Ich habe keine Lust zu sterben.
»Dann müssen Sie Horst unter Polizeischutz stellen», fordert Antje. »Wenn dieser Pierre seine Konkurrenten ermordet, wird er mit Horst kurzen Prozess machen.»
»Lüscherhofs Männer haben schließlich nicht gedroht, Sie zu töten, oder?»
»Nein», verzweifele ich. »Aber wenn Sie ihn verhören, weiß er, dass ich ihn verpfiffen habe. Das ist doch ein logischer Schritt in seiner Welt. Er fährt wieder ins Ausland, und meine Leiche liegt auf der Limmerstraße. Und keiner kann sich erklären, warum.»
»Ich versteh überhaupt nicht, warum Lüscherhof den Horst in seinem Verbrecherladen haben will. Kriminelle Energie hat er bisher nicht gezeigt», kann Antje Kleines Bericht noch immer nicht nachvollziehen.
Der Polizist überlegt. »Das ist wirklich seltsam. Aber ich denke, dass er wirklich Fuß in seriösen Bereichen fassen will. Pornofilmen ist zumindest nicht illegal. Und dabei benötigt er unverbrauchte Leute, die nicht aus dem kriminellen Milieu stammen. Allerdings scheint es ihm schwer zu fallen, seine Geschäftspraktiken zu ändern.»
Wir wissen nicht, ob das stimmt. Ist zumindest eine Theorie. Ich erzähle, dass wir Bea nicht von Pierres Machenschaften überzeugen konnten.
»Bei ihr hat er sich bisher von seiner besten Seite gezeigt. Lüscherhof spielt gerne den Mann von Welt. Er ist gebildet und charmant. Bis er die Maske fallen lässt, kann es dauern. Und dann», Kleine schweigt bedeutungsvoll »dann ist es zu spät. Aber das sind nur Mutmaßungen. Um auf Ihre Frage zurückzukommen, Herr Stengel, ich fürchte, wir können da wenig tun. Es gibt keine Beweise.»
Wir blicken auf den Boden, wissen nicht, was wir sagen sollen. Mein Magen ist ein einziger Eisklumpen. Schließlich sage ich »Irgendetwas müssen Sie tun. Wenn mir etwas passiert, geht Antje an die Presse.»
»Genau», triumphiert Antje. »Wir gehen an die Presse. Wenn Sie uns nicht helfen, können Sie einpacken, mein Freund. Dann ist es Essig mit dem Job als Polizeipräsi.»
Kleine lächelt müde.
»Für einen solchen Posten diene ich zu gerne dem Bürger. Politik ist nicht mein Ding. Aber vielleicht habe ich doch eine Idee, wie wir an Pierre rankommen können.»
Wir starren ihn mit offenen Augen an.
»Und welche?», fragen wir.
Er blickt verschwörerisch.
»Wenn Sie mutig sind, Herr Stengel, spielen Sie für uns den Lockvogel.»

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