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Montag, November 08, 2010

Bestseller 17: Neustart mit Ingwer-Bionade




Die Minister-Stüve-Straße ist eine reine Wohngegend. Wo soll hier ein Geschäftshaus sein? In Nummer sechzehn finde ich den Verlag. In einem stinknormalen Mehrfamilienhaus. Mike Marré wohnt in der zweiten Etage. Marré trägt trotz des eher warmen Klimas ein grau-schwarz-karriertes Sakko und eine noch grauere Stoffhose mit überdimensionierten Taschen an den Hosenbeinen. Schräger Typ. Eine rote Haartolle hängt mitten auf seiner Stirn, die Koteletten wuchern bis zum Hals. Er blickt durch eine Hornbrille, die an die schicken Achtziger-Jahre-Modelle erinnert. In der Hand hält er einen erloschenen Zigarillo. Er mag ein wenig älter als ich sein, schätze ihn auf knappe vierzig.
»Guten Tag, was kann ich für Sie tun? », fragt er mit ausgesuchter Höflichkeit.
»Horst Stengel, wir hatten gestern telefoniert. Wegen des Jobs.»
»Klasse, komm rein», freut er sich. Die Wohnung sieht aus, als wäre ein Tornado durch eine Bibliothek gewütet. Überall liegen Bücher, Papiere und Ordner. Auf dem Regalen, Schränken und dem Boden. Den Teppich sieht man nur an vereinzelten Stellen. Gemütlich finde ich es nicht.
»Entschuldige, wie es hier aussieht. Aber ich habe einfach keine Zeit, klar Schiff zu machen. Das wäre dann unter anderem deine Aufgabe», zündet er sich mit einem Zippo den Zigarillo wieder an, der sofort wieder erlischt.
Er führt mich nach dem Hinweis »Bitte auf keine Unterlagen treten» durch den Flur ins Arbeitszimmer. Hier dasselbe Bild. Sein Schreibtisch quillt über, der Fußboden ist mit Papier belegt.
»Man sagt, das Genie beherrscht das Chaos», lächelt er. »Ich bin anscheinend kein Genie.»
Ich darf einen Stapel mit Ordnern vom Stuhl nehmen und mich drauf setzen. Aus einem Kühlschrank hinter ihm nimmt er eine Flasche Ingwer-Bionade und schmeißt sie mir rüber. Ich bedanke mich artig, öffne sie und nehme einen Schluck. Lecker.
»Ich bin, wie du siehst, ein Kleinverleger. Ein Mann-Betrieb. Habe früher eine Lehre als Verlagskaufmann gemacht, wollte mich aber nie an einen Arbeitgeber binden. Eine schwierige Situation. Dann habe ich mich irgendwann selbstständig gemacht. Ich gebe Krimiautoren der Pulp-Tradition heraus. Da suche ich mir ältere Schätzchen, bei denen ich günstig an die Lizenz komme oder auch jüngere deutsche Autoren des Underground.»
Underground. Genau mein Ding.
»Ich schreibe auch. Habe gerade Schiffbruch mit einem Verlag erlebt.»
Erzähle ihn von meinem Leidensweg, lasse nichts aus, male meinen großartigen Roman in schillerndsten Farben aus. Und Mike sagt »Klingt gut. Warum nicht?»
Ich kann es nicht fassen, starre ihn mit großen Augen an.
»Wenn jemand so viel für sein Ziel auf sich nimmt, muss es irgendwann belohnt werden. Mail mir dein Skript, dann schaue ich es mir genauer an.»
»Wieviel verkaufst du denn von einem Buch? », frage ich.
»Wenn es gut läuft, vielleicht tausend Bücher. Von Meine geliebte Wumme spuckt Blei haben wir tausendfünfhundert verscherbelt. Das ist unser Verlagsbestseller. Weißt du: Ich produziere on demand: Wenn jemand was kauft, wird es gedruckt. So gehe ich kaum Riskio ein. Ich übernehme Lektorat, Gestaltung und Werbung. Bringt keine hohen Umsatzzahlen, aber ich kann davon leben und die Autoren fahren auch nicht schlecht damit.»
Das klingt nicht so, als ob ich in nächster Zeit meinen Lebensunterhalt mit meinem Buch bestreiten könnte. Allerdings haut er nicht so auf die Kacke wie Frau Ahmert. Ist doch ein Lichtblick denke ich schließlich.
»Es würde mich freuen, wenn du meinen Roman herausbringen würdest», sage ich daher.
Mike wiegelt ab. »Erst mal abwarten. Wann kannst du bei mir anfangen?»
Ich überlege kurz und meine schließlich, dass übermorgen ein guter Arbeitsstarttermin wäre. Hoffentlich lebe ich dann noch.
»Prima. Du solltest erst mal Ordner für jedes Buchprojekt anlegen und dieses Papierchaos beseitigen. Dann sehen wir weiter. Ich habe massenhaft Aufgaben, für die mir selber jegliche Zeit fehlt», startet er bereits den fünften Versuch, den Zigarillostumpen zum Stinken zu bringen.
Wir vereinbaren, dass ich erst mal eine Woche im Monat voll arbeite. Was über die vierhundert Euro hinausgeht, bezahlt er mir cash. Das gefällt mir. Zufrieden schiebe ich nach Hause ab. Ein Job, der Spaß und Bares bringt. Kann mich nicht erinnern, wann ich das letzte Mal zu dem Vergnügen kam.

Um kurz vor neunzehn Uhr treffen wir uns vor dem Versteck der Polizei. Antje küsst mich, freut sich sehr, mich zu sehen, obwohl wir uns erst am Morgen getrennt haben. Wie soll das mit Amerika gehen? Die Wohnung liegt in einem Mietshaus mit acht Parteien. Wir klingeln bei Müller und stiefeln eine Treppe hoch. Unauffällig, der Herr Müller. An der Tür hängt allerdings eine Art Adventskranz ohne Kerzen. Ziemlich vergammelt. Scheint den Nachbarn egal zu sein, denn das Teil hängt bestimmt seit über einem Jahr. Kleine öffnet. Eingerichtet ist die Bude nicht, wie ich sofort sehe. An der Wand steht ein Tisch, worauf sich diverser technischer Schnickschnack befindet. Abhörvorrichtung. Davor sitzt ein etwa fünfzigjähriger Mann mit Vollbart und Segelohren.
»Hi», grüßt er. »Ich bin Kommissar Wegner, der Abhörspezialist. Kannst mich Kalle nennen. Tut jeder.»
»Stasi-Kalle», grinst Kleine. Bullen haben einen seltsamen Humor.
Ich bekomme ein Mikrophon unter das Shirt gesteckt und einen Sender in die Hosentasche.
»Fein», sagt Kleine. »Nichts zu sehen. Verhalten Sie sich unauffällig und versuchen ihn zu Aussagen über kriminelle Handlungen zu verleiten.»
»Ist das nicht widersprüchlich?», frage ich. »Was, wenn er Lunte riecht?»
Kleine verdreht die Augen. »Wir sind sofort zur Stelle. Unsere Eingreiftruppe von sieben Mann lauern in unmittelbarer Nähe. Die schlagen sofort zu, wenn wir Gefahr wittern. Keine Sorge.»
»Wann soll ich los?», frage ich. Meine Knie zittern. Antje merkt das und legt den Arm um meine Schultern.
»Geht schon alles gut, vertrau mir», flüstert sie.
»Warten Sie noch eine halbe Stunde», blickt Kleine auf die Uhr. »Kalle kocht uns einen Kaffee.»
Der Abhörspezialist schaut furstriert, begibt sich aber in die kleine Küche und füllt vier Tassen mit Nesskaffee. Schmeckt nicht und macht mich noch nervöser. Antje hält meine Hand. Kleine spricht ab und an unverständliche Codes in sein Funkgerät. Stasikalle spielt Solitaire auf seinem Laptop. Flucht, wenn die Karten gegen ihn sind als würde es um Kohle gehen. Schließlich hallt »Zielperson auf F 5», aus dem Funkgerät. Kleine blickt mich an.
»Lüscherhoff hat gerade das Spezial betreten. Wir warten fünf Minuten, dann gehen Sie los. Dann geht die Luzzi ab», grinst er selbstgefällig. Er sitzt schließlich in Sicherheit.
Sekunden dehnen sich zu Minuten. Bis Kleine schließlich sagt »Los. Viel Glück.»
Kalle sagt, ohne sich von seinen Karten abzuwenden »Du machst das schon. Bis später.»
Antje küsst mich. »Süßer, ich bin immer bei dir, auch wenn ich nicht da bin. Ich habe eine kleine Überraschung für dich. Aber komm erst heil zurück.»
»Ich freue mich», sag ich automatisch, verlasse die Wohnung und wandere los. Kopf leer, Nerven angespannt.

Beim Special steht Ronni an der Tür. Er grinst, als hätte er soeben eine Million beim Lotto abgezogen.
»Unser Starautor», klopft er mir auf die Schulter. »Ich wusste, dass du in den Schoß der Familie zurückkehrst. Nimm unsere kleine Schönheitsoperation nicht persönlich. Ist alles beruflich.»
Hat anscheinend zu viel Mafiastreifen konsumiert. Schlagartig verschwindet die Nervosität aus meinem Nervensystem. Dem werde ich es zeigen.
Ich lege ihm den Arm um die Schultern und drücke, dass es selbst dem Schrank weh tut. Erstaunt blickt er mich an.
»Ich freue mich riesig, mit euch weiterzuarbeiten. Habe diverse Ideen, die ich mit Pierre durchsprechen werde.»
»Na dann geh rein», brummt er. Erstaunlich viel los heute. Freier aller Herren Länder plaudern mit den Damen und schlürfen Sekt. Russlana sehe ich auch, sie zwinkert und prostet mir zu. Dann befummelt sie wieder den feisten Opa in krachledernen Shorts mit Gamsbarthut. Sexy Typ.
Pierre sitzt an einem Tisch in einer Loge unter einer einem Kerzenleuchte nachempfundenen Lampe. Er trägt einen cremefarbenen Anzug und ein weißes Hemd mit einer Rose im Knopfloch. Smarter geht’s nicht. Er nippt an einem Cappuccino und brütet über Excel-Sheets. Konzentriert, sehen wie Umsatz- oder Gewinn- oder Verlustrechnungen aus. Als er mich bemerkt, knipst er sein gewinnendes Lächeln an.
»Horst, ich freu mich, dich wieder zu sehen», schüttelt er mir die Hand. Er weist auf die Unterlagen vor ihm. »Langweiliger Buchhaltungskram, aber als Selbständiger muss sich ja einer drum kümmern.»
Klingt wie ein von Bürokratie genervter Backshopbesitzer. Aus dem kleinen Kopfhörer, den Kalle installiert hat, höre ich Kleine »Gehen Sie auf den Small-Talk ein. Tun Sie, als ob Sie ganz entspannt wären.»
Hält der mich für blöd?
»Versteh ich», sage ich und versuche entspannt und selbstbewusst zu klingen. »Obwohl ich in geistiger Umnachtung eine Umschulung zum Kaufmann abgeschlossen habe, hat mich das ganze Zahlenzeug immer angeödet.»
Wir beide nicken, verstehen einander.
»Hauptsache, die Kasse stimmt am Monatsende», sagt Pierre. »Schließlich habe ich einen Haufen Angestellter, die gefüttert werden wollen.»
Der gute Familienvater. Ich könnte kotzen.
»Der Staat macht es uns allen nicht einfach», gebe auch ich einen Allgemeinplatz von mir.
Pierre verdreht gespielt verzweifelt die Augen.
»Kommen Sie zur Sache», dröhnt Kleine.
»Mir hat der Besuch deiner Schläger überhaupt nicht gefallen», tue ich ihm den Gefallen.
»Sie sollten nur mit dir reden», versichert Pierre. »Leider ist es schwierig, gute Angestellte zu finden, die sich strikt an deine Weisungen halten. Bernie scheint da etwas übermotiviert gewesen zu sein. Er geht auch zurück nach Thailand.»
»Nagel Sie ihn fest, dass er den Auftrag gegeben hat! Aber bleiben Sie verbindlich», nervt der Kommissar. Hat gut reden, das Schlimmste, was er zu befürchten hat, ist Kalles Koffeingebräu.
»Komm schon. Du hast Ronny und diesen Neandertaler Bernie losgeschickt, damit sie mir die Nase richten. Kein Problem, ich habe diesen kleinen Denkanstoß gebraucht. Ich hatte gezweifelt, dass ich mit dir den Erfolg erreiche, den ich haben will. Doch ich bin in mich gegangen, habe meinen inneren Buddha befragt, und bin zu dem Schluss gekommen, dass wir uns gegenseitig stützen werden. Ich verschaffe dir neue Ideen für die Filmproduktion, du gibst mir finanziellen Raum für Romanprojekte.»
Ich kann nicht glauben, welchen Mist ich von mir gebe. Innerer Buddha. Da spricht der Autor aus mir.
Doch Pierre scheint darauf anzuspringen. Bedächtig nickt er.
»Ich wusste, dass du Vernunft annimmst. Aber Ronny und Bernie haben auf eigene Faust gehandelt. Du kennst mich doch. Ich bin strikter Gegner von Gewalt.»
Glatt wie ein mit Vaseline eingeschmierter Aal.
»Scheiße», flucht Kleine über den Kopfhörer.
Pierre winkt durch den Raum und Ronny steht sofort an unserem Tisch. Pierre winkt, und Ronny darf sich setzen.
»Mein Freund Horst meint, ich hätte dich beauftragt, ihn mit physischer Gewalt zu malträtieren. Habe ich dir solche Anweisungen gegeben?», verfällt er in gestelzte Ausdrucksweise.
Ronny schüttelt erstaunt den Kopf.
»Nie im Leben, Cheffe. Keine Ahnung, wie er darauf kommt. Wir haben uns nett unterhalten, nicht wahr, Horst?»
»Tun Sie so, als ob Sie einlenken. Lenken Sie das Gespräch auf Zwangsprostitution. Sagen Sie, Sie wollen mitmischen», weist Kleine an.
»Okay, ich will keinen Streit», bleibe ich cool. »Wie sieht es denn mit dem Nuttengeschäft aus. Ich könnte helfen, Frauen in Osteuropa zu rekrutieren. Die würden für dich arbeiten, ohne einen Cent zu verlangen. Ich bin kommunikativ geschickt, viele Frauen meinen, ich hätte die Redegabe eines Pfarrers. Da könnte die Firma gewaltig profitieren.»
Pierre und Ronni schauen sich ungläubig an, grinsen und lachend schallend.
»Wir verstehen nicht, wovon du sprichst. Was meinst du mit ‚ohne einen Cent zu verlangen’?»
»Machen Sie jetzt Druck», brüllt Kleine.
»Na kommt, ist ja ein offenes Geheimnis, dass ihr hier Mädels ohne Bezahlung die Beine breit machen lasst», hake ich nach.
»Gut so», tönt der Kommissar im Ohr. »Die müssen jetzt die Hosen runterlassen.»
Irgendwas scheint aber mit der Verbindung gründlich schief zu gehen. Der Knopf in meinem Ohr dröhnt und fiept. Rückkopplungen, die haben mir gerade noch gefehlt. Ich zucke zusammen.
»Weißt du, wovon Horst spricht? », fragt Pierre.
Ronny hebt unschuldig die Schultern.
»Keinen Plan. Ich bin ein einfacher Mann. Kenn mich mit Finanzen nicht aus», blickt er mich an. Es fiept wieder.
»Hast du was? », fragt Ronny. »Du wirst uns doch nicht krank?»
»Kein Problem, alles easy», antworte ich und wünsche mich an einen Platz Millionen Kilometer entfernt. Pierre mustert mich misstrauisch. Plötzlich schnell er auf mich zu und reißt mir das Shirt hoch.
»Das Arschloch ist verdrahtet», fällt seine Maske. Ronny mustert mich. Wut strahlt aus seinen Augen. Ich schnelle hoch, doch der Schläger ist schneller. Er reißt mich nach vorne und zerfetzt die Verkabelung. Ich bete, dass die Bullen jetzt zugreifen. Auf einmal reißt sich der Trachtendepp von Russlana los und zieht einen Revolver.
»Polizei. Lassen Sie sofort Herrn Stengel los. Ansonsten schieße ich.»
Pierre hebt die Hände, doch Ronny hält auf einmal auch eine Knarre in der Hand und an meinem Kopf. Ich spüre, wie sich meine Blase erleichtert. Bin doch nicht so hart, wie ich gedacht habe.
»Runter mit der Wumme, sonst blas ich dem Verräter den Schädel zu Matsche», brüllt Ronny.
Der Bulle starrt und hält seine Waffe weiter auf Ronny gerichtet. Ein klassisches Patt.
Doch auf einmal sinkt er zusammen. Russlana hat ihm die Sektflasche über den Kopf gezogen.
»Du sollst Liebe machen mit Russlana. Nicht mit Waffe auf Chef zielen.»
»Seid ihr komplett wahnsinnig», zischt Pierre. »Es gab doch überhaupt kein Problem. Warum müsst ihr ausrasten?»
Ronny nimmt mich in den Schwitzkasten und will mich in Richtung Hinterräume zerren. Ich wehre mich nach Kräften, aber als er mir auf die kaputte Nase haut, bricht meine Gegenwehr zusammen. Unermesslicher Schmerz durchflutet mein Nervensystem. Dann wird die Lokaltür wird aufgerissen.
»Hände hoch und Waffe runter», schreit Kleine. Ronny löst die Sicherung und drückt mir die Waffe ins Ohr. Der Kerl ist wirklich verrückt.
Ein Knall ertönt und Blut spritzt auf mein Gesicht. Ronny lässt mich los, sinkt zusammen. Sein Gesicht ist matschig, sehe ich noch, dann werde ich bewusstlos.

Ich wache in einem Bett mit steifem weißem Leinenbettzeug auf. Ein hinten offenes grünes Hemd umhüllt mich. Ein Blick durchs Zimmer verrät mir: Krankenhaus. Mein Schatz und Kommissar Kleine sitzen auf Besucherstühlen. Antje küsst mich.
»Endlich bist du wieder wach, Süßer. Ich bin vor Angst fast gestorben.»
»Ich auch», gestehe ich und blicke den Kommissar grimmig an. »Die technische Panne hat mir beinahe das Leben gekostet.»
Der Polizist räuspert sich. »Sorry, Herr Stengel. Auch wenn dieser Fehler nicht passieren durfte, ist er geschehen. Ich kann mich nur dafür entschuldigen. Zum Glück ist die Sache relativ glimpflich ausgegangen. Wir haben sofort eingegriffen.»
Ich bin sauer, weiß aber, dass Schuldzuweisungen nichts bringen.
»War denn die Aktion von Erfolg gekrönt? Sitzt Pierre hinter schwedischen Gardinen?»
»Gott sei Dank», seufzt Kleine. »Er hat geleugnet, irgendetwas mit Ronny zu tun zu haben. Und der konnte ja nicht mehr aussagen. Wir haben allerdings im Spezial drei Kilogramm Koks gefunden. Zudem hat eines der Mädchen ausgesagt, sie wäre gegen ihren Willen zur Prostitution gezwungen worden. Lüscherhof hat natürliches alles abgestritten. Ich denke aber, dass es für eine mehrjährige Haftstrafe reichen wird. Gegen Bernd Knoth, der Ihnen die Nase gebrochen hat, liegt ein Haftbefehl vor. Zuhälterei und schwere Körperverletzung. Der Typ hat die Hälfte seines Lebens im Knast zugebracht. Der letzte Abschaum. Jetzt sitzt er für fünf weitere Jahre ein. Ich denke, von diesen Gangstern müssen Sie nichts mehr befürchten, Herr Stengel.»
Das beruhigt mich. Kleine verabschiedet sich. Er wollte nur nach meinem Gesundheitszustand schauen.
»Die Ärzte sagen, es war nur der Schock. Sie können heute wieder nach Hause.»
Super. Hätte keine Lust gehabt, an diesem trostlosen Ort längere Zeit zu verweilen. Fühle mich auch komplett fit. Antje hat mir frische Klamotten mitgebracht, so dass einem Umzug in die heimischen vier Wände nichts mehr im Wege steht.
Kleine zieht von dannen, hinterlässt noch eine Pralinenschachtel von Gubor. Scheinen nicht viel Kohle zu bekommen, die Bullen.
»Sie haben einen guten Job gemacht, Herr Stengel. Bis bald.»
Das hoffe ich nicht. Die Action der letzten Tage reicht mir fürs ganze Leben.
Antje küsst mich, dass mir heiß wird. Wirklich höchste Zeit, nach Hause zu kommen.
»Ich hab dir doch von einer Überraschung erzählt», flüstert sie, während sie meinen Schritt streichelt.
Fragend blicke ich sie an.
Sie zaubert einen Briefumschlag hervor.
»Hier ist ein Flugticket drin. Damit kannst du in vier Monaten über den Teich segeln und deine Liebste besuchen.»
»Super», stammele ich. Habe gedacht, die Überraschung sei, sie würde in Hannover bleiben.
»He, Sweety. Freust du dich gar nicht? Ist doch heiß. Dann machen wir New York unsicher.»
»Doch, klar. Finde ich gigantisch», freue ich mich langsam doch. New York könnte cool sein. Da gibt es bestimmt geile Konzerte und Lesungen.
Als eine halbe Stunde später die Zimmertür hinter Antje ins Schloss fällt, weiß ich: Ein weiterer Neuanfang erwartet mich.

Montag, November 01, 2010

Bestseller 16: Andi sucht seinen Song



»Pardon? », frage ich.
»Sie suchen das Gespräch mit Lüscherhof. Konfrontieren ihn mit seinen Gesetzesverstößen, Drogen, illegale Prostitution, Erpressung. Natürlich sind Sie verkabelt. Wir schneiden alles mit und nehmen ihn fest. Wie klingt das?»
»Nach einem Haufen Scheiße», werde ich direkt. »Ich soll die Kohlen aus dem Feuer holen und setze mein Leben aufs Spiel. Ist doch Ihr Job. Ich habe aufgemuckt, deshalb hat er mir die Schläger auf den Hals geschickt. Das fällt es ihm doch auf, wenn ich ihn aushorche. Vor allem, weil ich Bea die Wahrheit über ihn gesteckt habe.»
Antje kichert nervös. Ihr gefällt die Sache ebenso wenig wie mir.
Kleine räuspert sich. »Ich sehe das als einzige Chance. Sie kommen an ihn ran, ohne dass er Argwohn schöpft. Sie haben ihren Fehler eingesehen. Sie haben versucht etwas zu ändern. Keiner hat Ihnen geglaubt. Selbst ihre Ex-Freundin nicht. Die ganze Sache hat Ihnen nur Ärger eingebracht. Warum also nicht lieber mitmischen, dann haben Sie wenigstens Geld. Angst und Gier – das wird er verstehen. Wenn wir Aussagen bekommen, in denen er Verbrechen zugibt, schnappt die Falle zu. Wenn irgendeine Gefahr droht, greifen wir ein. Also gibt es keinen Grund, sich Sorgen zu machen. Sie müssen natürlich cool bleiben. Aber damit haben Sie bestimmt kein Problem. Als Lindener Szenetiger», fügt er süffisant hinzu.
Ich überlege hin, überlege her, komme zu keinem Schluss, während mich der Polizist erwartungsvoll anschaut. Schließlich streichelt mich Antje. Sie sagt »Mach es Sweety. Dieses Arschloch muss aus dem Verkehr gezogen werden. Wird schon nichts passieren.»
Meine schmerzende Nase sagt etwas anderes. Doch schließlich sage ich »Gut. Ich ruf Pierre an.»
»Fein. Ich wusste, dass Sie ein Mann der Tat sind, Herr Stengel.»
Hätte ich mir nie geträumt, dass mich ein Bulle lobt. Was soll es. Hat ja nur Antje gehört.
»Versuchen sie für morgen Abend einen Termin in seiner Firma zu vereinbaren», empfiehlt Kleine.
Ich zögere.
»Na los. Wir stehen auf ihrer Seite», ermutigt mich Kleine.
Ich nehme mein Handy und wähle Pierres Büronummer.
»Pierre Lüscherhof», tönt es sanft aus dem Hörer.
»Horst hier.»
Es folgt eine kurze Pause.

»Horst, das ist eine Überraschung. Ich hatte den Eindruck, wir hätten eine kleine Meinungsverschiedenheit. Nicht von meiner Seite, nur von deiner. Und die Geschichten, die du meiner geliebten Bea erzählt hast. Das fand ich nicht nett. Dein Glück, dass sie Dir nicht geglaubt hat. Du solltest auch mal an die arme Bea denken: Sie hat endlich die perfekte Beziehung mit einem erfolgreichen Mann. Bedenke eines, mein Freund: Nicht durch Feindschaft kommt in dieser Welt Feindschaft zur Ruhe. Durch Nichtfeindschaft kommt sie zur Ruhe.»,
Er redet wie ein mit Weihrauch eingenebelter Lokalpolitiker. Am liebsten würde ich ihm durch das Telefon die Fresse polieren. Aber cool bleiben. Schließlich bin ich undercover.
»Ich war undankbar. Du warst großzügig und ich habe es vermasselt. Vielleicht überfordert mich die Situation. War immer politisch korrekt. Da ist es mir zunächst schwer gefallen zu akzeptieren, dass ich nun im Rotlichtbusiness tätig bin.»
Kleine hebt den Daumen. Ich bin gut.
»Aber ich habe nachgedacht. Gegen Berny und Ronny komm ich nicht an. Die können mich zermatschen, wenn du das sagst. Außerdem kann ich mit dir größeren Erfolg haben. Du sicherst mir finanziellen Freiraum für meine künstlerischen Aktivitäten. Außerdem schnuppere ich in andere Bereiche hinein. Kurzum: Ich möchte gerne weiter für dich arbeiten. Habe schon eifrig Gedanken fürs Drehbuch gesammelt. Vielleicht können wir mein Aufgabengebiet erweitern.»
Ich warte auf eine Reaktion.
»Das erstaunt mich», sagt Pierre. Jede Ironie ist aus seiner Stimme gewichen.
»Lass uns persönlich über alles reden. Wie wäre es morgen Vormittag in deiner Firma?»
Nach einer lang gedehnten Pause sagt Pierre »Gut. Ich bin nicht nachtragend. Morgen Abend im Spezial. Vielleicht finde ich auch Verwendung für dich in anderen Bereichen. Wir werden sehen.»
Kleine nickt zufrieden.
»Unser Date steht?», frage ich.
»Klar. Ich stehe zu meinem Wort. Bis morgen.»
Ich lege auf.
»Super, alles geritzt», freut sich Kleine. »Ein Treffen in der Filmfirma wäre natürlich besser. Das wäre wesentlich übersichtlicher. Aber im Spezial kriegen wir das auch hin.»
Mir ist mulmig, aber besser die Initiative ergreifen, als wie das Lamm vor der Schlachtbank auf Pierres Schlägertrupp zu warten.
»Na denn. Wie gehen wir weiter vor?», frage ich betont cool.
Kleine nickt anerkennend. Er berichtet, dass die Bullen auf der Goethestr. eine Wohnung angemietet haben.
»Von dort haben wir einen raschen Zugriff. Sie brauchen sich keine Sorgen zu machen», wiederholt er.
»Ich komme mit», erklärt Antje, streckt herausfordernd das Kinn vor, verschränkt die Arme vor der Brust.
»Ausgeschlossen», entgegnet Kleine bestimmt.
»Jep», erklärt Antje. »Ich lasse doch meinen Süßen nicht alleine zu diesem Teufel. Wenn etwas passiert, könnte ich mir das nie verzeihen.»
Kleine wirkt genervt. »Überlassen Sie das den Profis, Frau Weber. Ich halte es für eine schlechte Idee, wenn Sie Herrn Stengel begleiten. Das ist kein Kindergeburtstag.»
»Entweder gemeinsam oder gar nicht. Ansonsten heize ich die Presse an. Ich kenne genug Leute beim Stadtkind und Schädelspalter», verschärft sich Antjes Ton.
Gleich gehen sie sich an die Gurgel.
»Ich glaube auch nicht, dass du mitkommen solltest», versuche ich zu vermitteln. »Die Kerle sind brandgefährlich. Wenn ich mit Anhang auftauche, werden sie bestimmt misstrauisch. Das ist nicht die Heilsarmee. Wie wäre es, wenn du mit den Herren von der Polizei in der Nachbarwohnung Position beziehst?»
Die Begeisterung der beiden sinkt in den Minusbereich.
»Das würde unsere Arbeit nur erschweren. Am Besten, Sie bleiben zu Hause und lassen uns machen. Wir verstehen was von unserem Job», knurrt Kleine und holt eine Zigarette aus der Schreibtischschublade, die er sich hinters Ohr klemmt.
»Ich bin bei Ihnen. Ansonsten können Sie sich ihren Einsatz sonst wohin klemmen.»
Kleine betastet seine Kippe, als wäre sie der Busen seiner Frau. Schließlich quetscht er ein gequältes »Okay» durch die Zähne.
Wir verabreden uns für neunzehn Uhr am nächsten Tag. Treffpunkt: Die konspirative Wohnung. Trotz des flauen Gefühls im Magen spüre ich eine Art Vorfreude. Pierres selbstgefällige Visage hinter schwedischen Gardinen. Eine verlockende Vorstellung. Ist vielleicht auch eine Rache an Bea. Bei dem Gedanken verschwindet das keimende Hochgefühl abrupt. Bea hat einen Kerl wie Porno-Pierre wirklich nicht verdient.
Wir genehmigen uns im World-Coffee noch zwei Latte Macchiato. Überteuert, aber lecker.
»Es wird sich alles regeln», streichelt mich Antje. »Alles wird gut.»
»Du gehst nach Amerika. Wird wirklich alles gut?», frage ich.
»Mensch, der Studiengang Kunst wird in Hannover geschlossen. Ich habe beim Studium etwas geklüngelt. Einen Abschluss hätte ich schon ganz gerne.»
Ich blicke sie groß an. Das hat sie mir zum ersten Mal erzählt.
»Aber ausgerechnet New York. Gibt es keine nähere Möglichkeit?»
Antje seufzt.
»Es ist mein Traum», sagt sie. »Und Träume sollte man leben. Du bist auch ein Traum. Ich weiß es doch auch nicht», wirkt sie resigniert.
Ich sage nichts und blicke trübsinnig in meinen Milchschaum. Da klingelt mein Telefon.
»Siebke, Arbeitsagentur. Herr Stengel, wie geht’s.»
Ach ja, die Jungs vom Amt gibt es auch noch. Eigentlich könnte ich einen Job gut gebrauchen. Denn mit Pierre werde ich definitiv nicht mehr zusammenarbeiten.
»Wenn Sie wüssten, Herr Siebke», seufze ich. »Mit der Veröffentlichung hat es sich vorerst erledigt. Haben Sie einen Moment Zeit?»
Hat er. Ich berichte von der Verlagspleite. Die Pierre-Geschichte lasse ich aus. Klar. Muss er nicht wissen, dass ich Schwarzgeld kassiert habe.
»Sie haben wirklich Pech», tröstet Siebke. »Ich habe aber ein Angebot, dass vielleicht Ihre Stimmung aufhellen wird.»
»Schießen Sie los», ist mein Interesse geweckt.
»Wir haben eine Anfrage von einem Verlag für eine Aushilfskraft. Ist zwar nur auf Vierhundert-Euro-Basis, aber immerhin. Da dachte ich gleich an Sie. Vielleicht können Sie da wertvolle Kontakte knüpfen. Heißt Dark-Underground-Publishing und liegt in der Minister-Stüve-Straße. Ansprechpartner ist Herr Mike Marré.»
Er gibt mir noch eine Rufnummer.
»Klasse, den ruf ich nachher an», freue ich mich.
»Sie sind echt ein klasse Typ, Herr Siebke», lasse ich meinen Gefühlen freien Lauf.
»Ich weiß», lacht Siebke. »Machen Sie was draus. Ich denke, das ist ein guter Job. Lassen Sie von sich hören.»
»Habe ich es nicht gesagt, Sweety. Alles wird gut», strahlt Antje.
»Schauen wir mal», gebe ich mich zurückhaltend.
Ich rufe Marré an.
»Klar, Mann. Freue mich, dass du kommst. Bin in der Firma. Ich erwarte dich morgen im Laufe des Tages, okay?», ist das Date festgezurrt. Läuft wie geschmiert.
Wir gehen zu mir. Knutschen fällt schwer. Meine Nase schmerzt bei jeder Berührung. Sehr zu unserem Bedauern. Doch als sie zärtlich mein Hemd auszieht, überströmt Wohlgefühl meinen lädierten Körper. Mein Schwanz richtet sich kerzengerade auf. Ich ziehe ihr Oberteil aus, ihren BH, lecke Antjes Arme, ihren Rücken, wechsele die Seite und widme mich ihren Brüsten. Immer vorsichtig mit der Nase. Gar nicht so leicht. Sie stöhnt. Ihre Augen weiten sich. Jetzt schleckt sie, langsam über meine Brust, den Bauch, Bauchnabel, Unterkörper durch den Busch bis hin zum Penis. Sie knabbert, bis ich vor Lust aufschreie. Dann nimmt sie ihn in den Mund. Ihre Zunge massiert die Schwellkörper in Hochform. Ich versuche an etwas völlig abturnendes zu denken, um den Orgasmus hinauszuzögern. Mir kommt –ich weiß nicht warum- Franz Müntefering in den Sinn. Sofort köchelt meine Lust nicht mehr auf Vollgas, sondern nur auf sechzig Prozent, was immer noch ein erstaunlicher Wert ist. Ich ziehe meinen kleinen Freund aus Antjes Saugmund, drehe sie um und nehme sie von hinten. Erst wild, dann werden meine Bewegungen langsam und hart zugleich. Antje schreit kurz auf, dann erhöhe ich mein Tempo bis wir wild miteinander verschmelzen.

Glücklich liegen wir aufeinander und kommen langsam wieder zu Atem. Das war der beste Sex meines Lebens, denke ich.
»Sweety, wir sich physisch und psychisch eine Fleisch gewordene Kommunion», seufzt sie.
»Fantastisch», bestätige ich. Wir entspannen und genießen. Ich lege Schmusemucke in den CD-Schacht. Chris Isaak flüstert zu Surfgitarre You owe me some kind of love.
Wir halten uns fest, streicheln und streichen über den Körper des anderen, schwelgen im Endorphinrausch. Bis wir einschlafen, friedlich träumend, ohne Sorgen.

Am nächsten Morgen klingelt es in aller Herrgottsfrühe.
»Verdammt. Ist doch mitten in der Nacht. Scheiße», flucht Antje und auch mir gehen ähnlich freundliche Worte durch den Kopf. Pierres Schläger werden es nicht sein, schließlich sind wir heute Abend verabredet. Oder?
Gott sei Dank schlendert Andi durch die Tür. In der Hand eine Sporttasche von Puma.
»Alles easy, Hotte?», fragt er lässig.
Antje zieht sich an, läuft auf ihn zu und umarmt ihn strahlend.
»Mit dir haben wir jetzt nicht gerechnet. Alles klar in Burma?»
Andi fläzt sich aufs Sofa und steckt sich eine Zigarette an.
»Habe mich selbst entlassen. Die wollten mich noch zwei Tage einsperren, aber nicht mit mir.»
Antje und ich schauen uns mit großen Augen an.
»Und was ist mit Therapie? Dir ist doch klar, dass es nicht so weitergeht wie bisher», sage ich. Mir ist unangenehm, dass ich wie ein Sozialpädagoge klinge, aber Andi wirkt, als hätte es den Zusammenbruch nie gegeben.
Andi wird jedoch wider Erwarten ernst.
»Hab mich über ambulante Therapien informiert. Hab zwar kein Bock, zu einem Psychoheini zu rennen, aber Kathrin hat mir ins Gewissen geredet. Ruf morgen ein paar Leute an. Allein schaff ich das nicht.»
»Find ich gut», sagt Antje und gibt ihm eine Cola. »Bist zu jung, um dein Leben hinzuschmeißen. Echt, Alter. Das fände ich traurig.»
»Keine Ahnung», bläst Andi einen Rauchkringel. »Sehe irgendwo keine Perspektive. Die Kunst hat mir früher Freude gemacht, heute habe ich Angst vor ihr. Mein Leben hat keine Richtung, dreht sich im Kreis. Das einzige Gute momentan ist Kathrin. So eine Perle hatte ich noch nie. Die checkt echt, was abgeht. Aber vielleicht fehlt mir auch nur ein Song.»
»Ein Song? », frage ich.
Andi nickt.
»Es gibt doch einschneidende Erlebnisse in deinem Leben. Was war deine erste Platte und was hat sie dir bedeutet?»
Ich überlege.

»Skandal im Sperrbezirk von Spider Murphy Gang. Der Song hatte einen wavingen Sound, fand ich damals cool. Muss elf gewesen sein, um den Dreh. Bin voller Stolz mit der Scheibe nach Hause gekommen und Vater hat sie aufgelegt. Ich dachte, das gefällt ihm. Aber sein Gesicht wurde immer länger. Erinnerst du dich ‚Und draußen vor der großen Stadt steh’n die Nutten sich die Füße platt.’ Hat mich gefragt, ob ich weiß, was Nutten sind.»
Antje und Andi blicken neugierig. »Und, wusstest du es? », fragt Antje.
»Klar», grinse ich. »Ich hatte meine Schulkameraden Dietmar Braun gefragt. Hübsche Bienen. Wobei mir nicht klar war, was an Bienen schön sein kann. Mein Vater ist ausgerastet. Dieses Lied würde sich an das Primitivste im Menschen richten. Hat noch ein paar Psalmen aufgesagt. Dann hat er die Scheibe konfisziert und in den Tresor gesperrt. Da wurde mir klar, dass Mucke ungeheure Sprengkraft hat. Selbst Spider Murphy Gang. Als ich älter war, hab ich Hüsker Dü und Black Flag in Disko-Laustärke abgespielt. Habe immer gehofft, dass der Geist des Punks meinen Vater kontaminiert. Vergeblich.»
Andi nickt.
»Und bei dir», fragt er meinen Schatz.
»Ich habe früher nur Chartzeug gehört, weiß gar nicht mehr, was Anfang der Neunziger in war. Da hatte der Bruder meiner Freundin Miri eine CD von den Toten Hosen im Zimmer liegen lassen. Bommerlunder und Opelgang waren megacoole Songs. Wir haben uns alles besorgt, was wir an Material über die Hosen in die Finger kriegen konnten. Dann haben wir uns an einem Nachmittag eingeschlossen und uns wie Campino gestylt. Wir fanden uns hammer abgefahren. Leider konnten weder meine Eltern noch meine alten Freunde meine Wandlung nachvollziehen. Die fragten, ob ich einen an der Klatsche hätte. Da bin ich auf den Trichter gekommen, dass ich mein eigenes Ding machen muss. Meine Bilder wurden wütender, in meinen Texten traute ich mich mehr. Und ich wollte nur noch weg aus der Provinz. So war das damals. Und bei dir, Muchacho?», gibt sie die Frage an Andi zurück.
»Nirvana. Ich habe Curt Cobain auf MTV gesehen. Die haben von Knack My Sharona performt. Das hat mein Leben komplett geändert. Zorn, Aggression auf die Gesellschaft und das Leben an für sich. Ich habe ja immer von zu Hause Zucker in den Arsch geblasen bekommen. Kohle war nie ein Thema. Dafür ließen sich die Alten selten blicken. Ein Instrument konnte ich kaum zwischen den Händen halten. Da habe ich mich auf die Malerei gestürzt, Ausdrucksmalerei. Da konnte ich meinen Gefühlen freien Lauf lassen. Und hey, da gab es Leute, die meine Bilder gut fanden. Habe in Cafés und Bars ausgestellt und eine ganze Menge verkauft. Für einen unbekannten Autodidakten nicht schlecht. Meine Mappe an der Uni wurde problemlos angenommen. Habe mich echt weiterentwickelt. Doch hr habt ja selbst miterlebt, wo ich heute ausstelle. Mit Pech bei Nazispacken in der Provinz. Für mich ist Kunst eine Sackgasse. Keine Breitenwirkung. Wenn so ein abgehalfterter Müsli meine Werke geil findet, lässt mich das kalt. Vielleicht ist mein Weg ein anderer», wird er philosophisch.
»Was ist mit deinem Traum, in Indien auszustellen?», frage ich.
»Bringt doch auch nichts», wehrt Andi ab. »Und dann?»
»Und was willst du stattdessen machen? Eine Ausbildung beim Klempner um die Ecke? Würde dich das mehr befriedigen?»
Andi überlegt und zündet sich eine neue Zigarette an der alten an, bevor er diese ausdrückt.
»Na, darüber habe ich mir noch keine großen Gedanken gemacht. Aber vielleicht ist die Idee gar nicht so schlecht. Da siehst du, was du gemacht hast und kriegst Anerkennung. Ist doch eine super Sache, wenn die Scheiße nicht mehr aus dem Abfluss fließt, oder?»
Unsere Begeisterung hält sich in Grenzen.
»Aber ich brauche Inspiration», springt er auf und läuft nervös durch die Wohnung. »Ich brauche einen Song, der mir eine neue Richtung weist. So etwas wie damals Nirvana. Einen Song, der mir neue Energie gibt, Horizonte öffnet. Vielleicht hilft mir die Therapie. Kathrin unterstützt mich. Sie ist geerdeter als ich, das ist gut.»
Seine Worte geben keinen Sinn. Für mich. Antje scheint eine Bedeutung zu spüren und umarmt ihn.
»Wir wünschen dir alles erdenkliche Glück dabei, Amigo. Du wirst deinen Weg finden.»
Andi verabschiedet sich, will ein wenig chillen und Therapieangebote im Internet checken. Ich klopf ihm auf die Schulter.
»Bin immer für dich da, companero», sage ich. »Wir schaffen das zusammen.»
Dankbar lächelt Andi, lässt die coole Fassade fallen.
»Danke, Horst. Es ist toll, dass ich Freunde wie euch habe, dass ihr mein ganzes Selbstfindungsgequatsche ertragt. Ich liebe euch.»
Auch wenn ich seine Rede übertrieben finde, kommen mir fast die Tränen. Wir drücken uns noch mal, dann verschwindet Andi und lässt uns emotional aufgewühlt zurück.
Wir stürzen einen Kaffee hinunter. Dann geht Antje nach Hause, will etwas für den USA-Umzug organisieren. Wirkt melancholisch. Ich fühle mich richtig traurig, nicht nur ein bisschen, lasse mir aber nichts anmerken. Alles scheint im rasanten Umbruch. Vielleicht ist das schlecht, vielleicht gut, das wird die Zukunft zeigen. Aber die kümmert mich momentan wenig. Momentan denke ich nur von Stunde zu Stunde. Momentan steht mein Vorstellungsgespräch an, fällt mir ein.

Sonntag, Oktober 10, 2010

Bestseller Kapitel 14: Ikonen, New York und der ganze normale Lebenswahnsinn



Es ist kurz vor zwölf. Ich nehme eine Dusche. Tut gut. Anschließend wechsele ich die Kleidung, die nach billigem Parfum und Fusel stinkt. Fühle mich menschlicher als am Morgen. Doch der Frust sitzt noch immer tief in allen Poren. Der lässt sich nicht so einfach wegduschen. Im Edeka kaufte ich Würstchen, Bauchfleisch und einen Sixpack Herrenhäuser. Dann wandere ich die viereinhalb Kilometer über die Leine in die Nordstadt. Die Sonne kann meine trüben Gedanken auch nicht erhellen. Der Georgengarten ist eigentlich ein fantastischer Ort zum Chillen. Erinnert an die Landschaften aus Miss-Marple-Filmen. Ist nicht so snobby wie der Große Garten von Herrenhausen, wo Familien und Hannovers feinere Gesellschaft flanieren. Der Georgengarten ist Kult für alle, die eher am Rand der Gesellschaft rumkrabbeln.
Andi und Kathrin finde ich auf einer Decke. Sehen ähnlich trübe aus wie ich. Antje baut gut gelaunt den Grill auf und schüttet Kohlen auf den Rost. Dabei summt sie Living la vida loca.
»Sweety», küsst sie mich leidenschaftlich. »Ist dein Tag genauso grandios wie meiner. Es gibt etwas Giga-Fantasto-Geiles zu feiern.»
»Naja», brumme ich. »Ich muss dir etwas erzählen. Was ist mit den Beiden los?», zeige ich auf Andi und Kathrin. »Die blicken ja drein, als seien Weihnachtsmann und Osterhase am gleichen Tag gestorben.»
Andi verdreht genervt die Augen. Erst jetzt fällt mir das Veilchen an der rechten Seite auf.
»Das ist nicht lustig. Weiß Gott nicht», faucht Kathrin.
»Sorry», sage ich. »Reiner Galgenhumor. Mein Tag war auch komplett beschissen. Was ist denn los?»
»Ich bin erledigt», spricht Andi mehr mit sich selber als mit uns.
»Bitte?»
Andi winkt ab, scheint keine Lust mehr zum Reden zu haben.
»Andi war noch immer fix und fertig, dass seine Bilder in dem Nazischuppen in Wesel gestanden haben. Da hat er sich diesen Säge gekrallt. Wir sind zu seiner WG gefahren. Turner wohnt gar nicht mehr dort. Hat sich einen Bulli für fünfhundert Euro gekauft und ist runter nach Georgien, um humanitäre Hilfe zu leisten. Da wohnen jetzt völlig strange Typen. So eine Mischung aus supercool und aggro. Konnten wir nicht einordnen. Ob das auch Studenten sind?»
»Penner. Alles Penner und Wichser», wirft Andi ein.
»Da lief die ganze Zeit der Judgement-Night-Sampler. Die haben zu Disorder von Ice-T und Slayer geposed und gegröhlt. War, this is not our war. Echt beängstigend. Der Text war auch noch falsch. Vollpfosten. Dieser Säge auch. Der war der Schlimmste. Ein komplettes Arschloch.»
»Der war früher in Ordnung. Ich schwör’s euch», verteidigt Andi.
»Ice-T ist doch okay? »¸frage ich.
»Hotte, das sind weder Metallheads noch Hip-Hopper, sondern eine ganz üble Brut. Warte doch einfach mal ab, was Kathrin noch erzählt.»
Kathrin redet sich in Rage.
»Wir kommen in das Zimmer von diesem Säge. Da hängen verschiedene Bilder mit Überschriften in Sütterlinschrift. Deutschland steh auf und so ein Zeug. Gegen Kapitalismus und Weltjudentum. Als Bettüberzug dient eine Reichskriegsfahne. White-Power-Bildschirmschoner auf dem Rechner. Alles klar? Dieser Typ ist bis in die Haarspitzen Nazi, genau wie seine Kumpel. Andi hat ihn gefragt, ob er weiß, wo er seine Bilder hingebracht hat. Da meinte er, das wäre doch eine geile Location. Andi wäre jetzt in der Szene eine Ikone.»
»Was?», kann ich es nicht fassen. »Bei den Nazispacken?»
Andi nickt finster.
»Die haben eine neue Richtung», erklärt uns Kathrin. »Autonome Nationalisten. Die kannst du nicht von Linken unterscheiden. Selbe Klamotten, selbe Musik, politische verbreiten die nur Hass. Säge meinte, es wäre im Guerilla-Krieg vorteilhaft, wenn sie nicht wie Nazis aussehen. So sind sie schlagkräftiger. Die besuchen auch Ausbildungscamps für Nahkämpfer. Ganz schrecklich. Und der Höhepunkt ist das hier.»
Sie drückt mir ein Poster in die Hand.
„Ausstellung mit zeitgenössischer völkischer Kunst in Barsinghausen. Im Jugendzentrum Bunker stellen sieben Künstler aus, die ihr Schaffen dem Kampf gegen den internationalen Kapitalismus, Globalisierung und den Chimäre einer multikulturellen Gesellschaft gewidmet haben. Eines der Zugpferde der Bewegung ist der neunundzwanzigjährige Andreas Bohemian, der sein Schaffen der Philosophie seines Idols Ernst Zündel widmet.“
»Was soll das und, wer ist Ernst Zündel?», frage ich verwirrt.
»Dieser Säge ist geistig komplett verstrahlt. Anscheinend waren er und Andi stoned, als sie sich mal unterhalten haben. Er hat Andis Objekte bei seinen Nazikumpeln in Wesel ausgestellt. Die waren begeistert. Da hat er Gelder aufgetan und weitere Bilder von Andi gekauft, die in einer kleinen Galerie in der Nordstadt ausgestellt wurden. Irgendwie hat er geglaubt, dass sie beide auf der nationalistischen Welle schwimmen. Oder ihm war egal, was Andi dazu sagt. Diese Typen spielen auch Ärzte und Slime, alles Bands, die diesen Nazischrott ablehnen. Und Ernst Zündel ist ein Holocaust-Leugner, der im Knast sitzt. Eine ganz üble Bazille. Andi hat Säge deutlich die Meinung gegeigt, da wurde dieser Typ handgreiflich. Er hat ihm ein blaues Auge verpasst. Dann sagte er, Andi soll sie doch verklagen. Da seien schon ganz andere dran gescheitert. Wenn er nicht mitzieht, machen ihn Säges Kumpels platt»
»Diese Plakate hängen in der Uni aus, diese Plakate hängen in der Limmer Straße, die hängen an Litfass-Säulen. Ich bin doch jetzt komplett unten durch. Das glaubt mir doch keiner, dass ich benutzt werde und mit diesem Dreck nichts zu tun habe.»
Andi schluckt ein paar Pillen, steckt sich eine Kippe an. Sieht blass aus, als hätte er schon lange nicht mehr geschlafen. Er tut mir leid.

Mir fällt es schwer, tröstende Worte zu finden. Eine üble Sache. Gerade in Linden werden solche Plakate genau angesehen. Und dann ist er wirklich Bodensatz. Muss sich eine neue Stadt suchen. Ich sehe keinen Ausweg. Aber ich kann mir nicht mal selber helfen, wie sollte ich dann meinen Freunden Perspektiven aufzeigen. Ich klopfe ihm auf die Schulter, um meine Solidarität zu demonstrieren. Keine Reaktion.
»Jetzt lasst uns feiern. Da können wir momentan nichts dran ändern», klatscht Antje in die Hände. Ich reiche ihr mein Fleisch, doch irgendwie ist keiner in Fetenstimmung.
»Also, was ich euch sagen wollte», leuchten Antjes Augen, während sie die Würste auf dem Grill platziert. »Ich habe ein Stipendium in New York bekommen. Ist das nicht der Hammer, Sweety?»
Ich fühle mich, als ob mir der Boden unter den Füßen weggezogen wird. Wie sah mein morgendliches Fazit aus: Neben all der Scheiße an den Hacken, habe ich wenigstens Antje.
»Ihr sagt gar nichts. Freut ihr euch denn nicht? », fragt Antje noch immer strahlend.
Ich setze mich neben Andi und Kathrin und nehme ein Bier.
»Doch, toll. Wann geht es los?», versuche ich mir meine Enttäuschung nicht anmerken zu lassen.
»In zwei Monaten. Oh, da muss ich verdammt viel organisieren. Neue Wohnung finden, alte auflösen. Mit der neuen dürfte allerdings einfach sein, ich kann da auf dem Campus wohnen. Ich freu mich so. Und mein Schatz besucht mich alle paar Monate.»
»Ich glaube, du überschätzt meine finanziellen Fähigkeiten», fällt mir wenig zu dieser optimistischen Sicht ein.
»Soviel kostet ein Flug nach New York auch nicht mehr.»
»Wie viel denn?»
»Na, so vierhundert um den Dreh»¸wird sie zaghafter.
»Und einen Rückflug muss ich auch buchen. Um mir das leisten zu können, brauch ich einen Job als Investmentbanker an der Frankfurter Börse. Träum weiter, Chérie.»
»Was bist du denn so giftig? », fragt sie enttäuscht. »Du hast doch jetzt einen Bombenjob bei dieser Produktionsgesellschaft.»
»Dazu muss ich noch etwas erzählen. Bitte setz dich.»
Antje folgt. Das Fleisch brutzelt unterdessen munter weiter auf dem Grill. Aber das stört keinen. Kathrin brütet vor sich hin, Andi ebenso, unterbrochen von Griffen in die Hosentasche, aus der er seine kleinen Muntermacher oder Baldrianpillen herausholt.
Ich lege die Karten offen auf den Tisch, verschweige nicht ein schmutziges Detail. Die Mädels starren mich mit offenem Mund an. Andi starrt immer blasser in die Weite des Parks.
»Warum hast du mich angelogen, Horst? Das finde ich total daneben», faucht Antje. Sie wirkt enttäuscht, auch ein wenig kalt.
»Ich habe mich nicht getraut. Ich wollte gut aussehen, wollte, dass du stolz auf mich bist.»
»Alter, war ich doch auch. Wir haben in der kurzen Zeit, in der wir zusammen sind, so viel durchgemacht. Aber dein fehlendes Vertrauen kotzt mich an. Und wenn es dir Spaß macht, mit Nutten zu ficken, bitte. Tut dir keinen Zwang an.»
Sie schmollt. Kein Wort darüber, dass dieser Gangster Pierre mich erpresst. Ich bin auch enttäuscht.
»Ist doch ein Hammer, dass mich der Kerl unter Druck setzt. Einfach so», wende ich mich an alle.
Kathrin und Antje schauen mich an, als hätte ich etwas verbrochen. Andi starrt apathisch auf den Boden, das interessiert ihn alles nicht.
»Wer weiß, ob du mit dieser Nutte gepoppt hast. Kannst dich ja an nichts erinnern. Aber das ist mir so was von egal», zischt Antje. Klingt aber nicht, als würde sie das kalt lassen.
»Mensch, Schatz, ich bin da doch nur hingegangen, um die Konzepte zu besprechen.»
»Kennst du den Film Crossroads über den Blues-Sänger Robert Johnson? Der hat seine Seele dem Teufel verkauft, damit er ein erfolgreicherer Musiker wird. An den erinnerst du mich. Für deinen Traum tust du alles. Lässt dich mit dem letzten Pack ein. Müsste dir doch klar sein, dass es in der Pornobranche nicht wie im Blümchenladen zugeht», sagt sie verzweifelt.
»Vielleicht war ich etwas naiv. Aber Pierre ist Beas Freund, und die ist super korrekt. Da habe ich ihm vertraut», versuche ich mich zu verteidigen.
»Etwas naiv. Du bist die personifizierte Blauäugigkeit. Manchmal fast dumm.»
Das geht zu weit. Als ob ich es nicht schwer genug hätte, beleidigen braucht sie mich nicht.
»Wenn ich so dumm bin, frage ich mich, was du an mir findest. Aber Madame rauscht auch bald über den großen Ozean ab. Respekt.»
»Ich verfolge meine Ziele, ohne mir gleich Freier zu suchen, mit denen ich für Kohle ins Bett hopse. Aber das scheint nicht auf Gegenseitigkeit zu beruhen», redet sie sich in Rage.
»Wenn wir uns gegenseitig so egal sind, können wir uns auch trennen», sage ich kühl in der Hoffnung, dass sie mir vehement widerspricht.
»Ja, vielleicht ist es das Beste. Ich fühle mich von dir hintergangen.»
Scheiße.
»Also sind wir auseinander? », frage ich verunsichert.
Antje überlegt nur kurz.
»Ja, hat ja anscheinend keinen Zweck mit uns.»
Jetzt kann ich es mir schenken, von den Schwierigkeiten mit der Verlegerin zu erzählen. Mein Leben rollt unaufhaltsam dem Abgrund zu.
»Andi, komm wach auf», streichelt Kathrin Andis Kopf. Mein Kumpel ist zusammengesunken, liegt verkrümmt auf der Decke, Speichel fließt aus seinem Mund.
Antje und ich beugen uns ebenfalls über ihn, er atmet stoßweise, aber schwach.
»Hat er sich heute morgen schlecht gefühlt?», fragt Antje ratlos.
»Ich weiß nicht, machte eigentlich einen ganz normalen Eindruck. War nur total deprimiert wegen der Geschichte mit Säge», weint Kathrin. »Was ist denn los, Andi?»
Doch Andi antwortet nicht. Sein Kopf dreht sich etwas nach links, seine Augen sind geschlossen.
»Wir müssen sofort einen Krankenwagen rufen, der stirbt uns sonst hier weg», gewinnt Antje als erstes die Fassung wieder. Frauen sind zupackender als Männer.
»Hat jemand sein Handy dabei?»
Damit kann ich dienen, mich wenigstens etwas nützlich machen.
»Bitte schicken Sie sofort einen Krankenwagen in den Georgengarten gegenüber vom Nordstadtspielplatz. Ein Freund von uns ist kollabiert. Nein, keine Ahnung warum. Vielleicht die Hitze. Kommen Sie schnell.»
Kathrin legt Andis Kopf auf ihren Schoß, streichelt ihn, flüstert ihm beruhigende Worte zu. Minuten gerinnen zu Stunden. Wir sitzen wie gelähmt. Ich stehe einmal auf und kippe Bier über den Grill. Das Fleisch ist mittlerweile verkohlt. Ein rundum gelungener Tag. Durchtränkt mit Melancholie wie ein End-of-Green-Song.
Schließlich kommen die Sanitäter. Laufen viel zu langsam mit ihrer Bahre über den Rasen. Ob ihnen klar ist, dass es hier um Leben und Tod geht.
»Hallo», grüßen sie lax. Andi wird kurz untersucht, dann haben sie es auf einmal eilig.
»Ein Junkie. Wenn wir Pech haben schafft er es nicht mehr», spricht er in sein Funkgerät.
Sie tragen Andi rennend zum Auto. Kathrin läuft ihnen nach und fragt atemlos »Wo bringen Sie ihn denn hin?»
»Krankenhaus Siloah. Notaufnahme. Drücken Sie die Daumen. Das wird eine ganz knappe Angelegenheit.»
Wie erschlagen sinkt Kathrin auf den Bürgersteig, Antje und ich schleichen langsam zu ihr hinüber.
»Ich verstehe nicht, wie das passieren konnte», murmele ich und lege tröstend meinen Arm um Kathrins Schulter.
»Na», sagt Antje schnippisch. »Wieso wundert dich das? Andi steht doch ständig unter Chemie. So lang kennen wir uns nicht. Aber da hat er ständig was genommen. Irgendwann kolloabiert der Body.»
»Entschuldige, dass ich mich um meinen Freund sorge», fauche ich.
»Mach ich auch», erwidert Antje. »Dennoch: Sein Lifestyle ist zu intensiv. Too much is too much.»
»Er ist Künstler», verteidige ich Andi. »Er braucht den Kick als Inspiration.»
»Drogen sind scheiße», meldet sich Kathrin zu Wort.
»Ich bin auch Künstlerin», stöhnt Antje. »Dröhne ich mich deshalb dauernd zu? Es ist okay, sich ab und an zu kicken. Aber sich von der Chemie versklaven zu lassen, finde ich abartig. Ich habe keine Lust, mein Leben wie Jim Morrison oder Hans Fallada von Drogen und Alk bestimmen zu lassen.»
Kathrin weint.
»Könnt ihr eure blöden Diskussionen nicht später führen. Andi ringt mit dem Tod, und ihr führt öde Grundsatzgespräche», steht sie auf. »Ich fahre ins Krankenhaus. Ich will ihm nah sein.»
Antje und ich schauen ein wenig verlegen drein.
»Ich komme mit», erkläre ich. »Lass uns ein Taxi nehmen. Ich zahl das.»
»Oh, von der Pornoindustrie gesponsert. Nein, danke», zischt Antje.
»Eure Streitereien kotzen mich an», schreit Kathrin wütend und läuft los.
Ich renne ihr nach.
»Warte», hole ich sie ein. Antje kommt langsam nach.
Ich würde mich am liebsten bei ihr entschuldigen. Mir kommt der Verdacht, dass ich ganz schöne Scheiße gebaut habe. Aber was hätte ich anderes tun können? Die Ereignisse haben sich überschlagen und mich überrollt. Etwas Verständnis für meine Situation würde mir gut tun. Antje blickt an mir vorbei auf Kathrin.
»Du hast Recht, Süße», sagt sie. »Begraben wir die Streitaxt.» Sie reicht mir die Hand, schaut mir aber nicht in die Augen. Zögernd ergreife ich sie.

Dann nehme ich das Handy und rufe ein Taxi. Der Fahrer, ein Typ Ende vierzig mit Zopf und wallendem Vollbart, hat Quasselwasser getrunken.
»Seid ihr Studenten?», fragt er. Keiner antwortet.
»Ich studiere Sozialpädagogik. Hatte mehrfach Pech, dass die Studienordnung gewechselt hat. Jetzt fressen mich die Gebühren auf. Was macht ihr so, um euer Recht auf Bildung zu finanzieren?»
»Horst schreibt Pornos», kann es sich Antje nicht verkneifen. Kathrin und ich schauen sie genervt an.
Finde ich spießig, dass sie auf dieser Geschichte rum reitet.
»Er ist aber auch kein Student sondern Autor», fügt sie hinzu. Macht es nicht besser.
»Ich schreibe auch», erklärt der Taximensch. »Politische Gedichte. Ich bin übrigens der Fred. Habe leider noch keinen Verleger gefunden. Wollt ihr eins hören?»
Wollen wir nicht, aber das stört ihn wenig.
»In den Keller gepfercht hause ich. Auf der Flucht vor Hatz 4. Kriminalisiert, maskiert, demotiviert und frustriert. Der Blick aus dem Fenster führt ins Nichts. Habe keine Liebe zu erwarten von dieser Fucking Society.»
Erwartungsvoll dreht er sich um.
»Wie findest du das? Ist nur ein Auszug. Ey, Alter. Hast du vielleicht Connections zu einem Verleger?»
Ich überlege kurz ihm die Ahmert zu empfehlen, aber so gehässig bin ich doch nicht.
»Nein, für Lyrik kenne ich keinen Interessenten», sage ich.
»Schade, wäre besser als Autor die Kohle direkt aufs Konto zu bekommen, als sich Tage und Nächte im Taxi um die Ohren zu schlagen.»
Die Leute haben bunte Illusionen vom Autorenleben, denke ich. Wie ich bis vor kurzem auch.
Plötzlich wird Fred aggressiv.
»Finde ich echt Scheiße von dir, dass du mir nicht helfen willst. Naja, so ist das in Deutschland. Jeder ist sich selbst der Nächste. Wenn ich irgendwann super erfolgreich bin, kenn ich dich auch nicht mehr.»
Hallo? Wir sind fünf Minuten in seinem Taxi gefahren. Wenn ich nicht voll Sorge um Andi wäre, könnte ich laut loslachen. Das Leben ist schon skurril.
»Tut mir Leid», murmele ich, um ihn nicht zu reizen.
Wir erreichen den Parkplatz vor dem Krankenhaus. Ich drücke ihm die sieben Euro in die Hand, die das Taxameter anzeigt.
»Viel Glück. Nimm es mir nicht übel, aber ich kann wirklich nichts für dich tun», versuche ich etwas Nettes zu sagen. Doch er schweigt und verzieht patzig das Gesicht. Antje und Kathrin verlieren kein Wort, laufen zum Eingang des Krankenhauses. Drei Männer sitzen in Jogginganzügen auf einer Bank vor der Pforte, rauchen und kloppen Skat.
Siloah ist idyllisch an einem Kanal zur Leine gelegen. Dahinter Schützenplatz und Stadion. Wer Halligalli braucht, ist dort richtig. Das Krankenhaus selber besteht aus mehreren abgrundtief hässlichen Sechziger-Jahre- Bauten. Andi liegt auf der Intensivstation. Wir stehen vor der verschlossenen Tür. Kein Einlass. Irgendwann kommt ein Arzt heraus. Zerknautschtes Gesicht mit dicker Hornbrille, vielleicht fünfzig. Laut Namensschild Dr. Hornbacher.
»Wir sind Freunde von Andreas Bohemian. Er liegt bei Ihnen auf der Station. Wir möchten gerne wissen, wie es ihm geht», frage ich.
Der Arzt nimmt seine Brille ab und poliert sie mit einem weißen Tuch.
»Ein Herr Bohemian liegt nicht bei uns. Tut mir Leid.»
Ich versuche mich zu erinnern, wie Andi mit richtigen Namen heißt.
»Ein Herr Bothe? Wir waren bei ihm, als er zusammengebrochen ist.»
»Sie sind leider keine engen Angehörigen. Daher darf ich Ihnen keine Auskunft geben.»
Kathrin fängt wieder an zu weinen.
»Sagen sie uns: Wird er überleben?»
Der Arzt räuspert sich.
»Können Sie mir die Kontaktdaten seiner Eltern geben?»
Wir zucken die Achseln.
»Ich glaube, er stammt aus Peine. Aber ich kenne seine Eltern nicht», gestehe ich. Schon erstaunlich, wie wenig ich über meinen besten Freund weiß.
»Kommen Sie mit in die Cafeteria? », stiefelt er los, ohne eine Antwort abzuwarten.
Wir folgen ihm wie die Lemminge, was bleibt uns übrig, wenn wir Näheres zu Andis Zustand erfahren wollen.
Der Arzt holt einen Kaffee und setzt sich an einen Tisch. Seine Stirn glänzt vor Schweiß.
»Auch wenn ich Ihnen keine Auskunft geben darf. Ihr Freund braucht dringend Hilfe. Das war ein Warnschuss und Hilferuf zugleich. Herr Bothe richtet sich kontinuierlich zu Grunde. Wir haben in seinem Blut diverse illegale Substanzen festgestellt, die dem Organismus bleibende Schäden zufügen. Ausschlaggebend war allerdings der Konsum von Heroin. Da keine Einstiche festgestellt wurden, hat er die Droge anscheinend geschnupft.
Wahrscheinlich zum ersten Mal, aber da bewegen wir uns zurzeit auf dem Gebiet der Spekulation. Allerdings mehr als er verkraften konnte. Daher gehe ich davon aus, dass er den Zusammenbruch bewusst kalkuliert hat. Dies ist allerdings eine rein persönliche Einschätzung. Ohne wissenschaftliche Relevanz.»
Wir hören ihm staunend zu. Bis auf Antje. Die nickt, als hätte sie alles schon längst gewusst.
»Er wird die Überdosis überleben. Klar, kein Problem. Aber wenn Herr Bothe so weiterlebt, ist sein früher Tod bereits vorhersehbar. Ich werde ihm raten, sich schleunigst in therapeutische Behandlung begeben. Und dabei sind gute Freunde wichtig.»
Er steht auf.
»Morgen wird Ihr Freund verlegt. Dann können Sie ihn besuchen. Guten Tag.»
Mit wehendem Kittel schreitet er aus der Cafeteria.
»Es wird alles gut», verbreite ich Optimismus.
»Es wird alles fucking gut, sicher», ironisiert mich Antje.
»Wenn er nicht mit dem Scheiß aufhört, liegt er bald unter der Erde. Da brauchen wir uns nichts vorzumachen. Dem Jungen fehlt eine Perspektive.»
Sie hat Recht.
»Ich ziehe nach Hannover», sagt Kathrin. »Ein Wechsel ist sicherlich möglich. Zusammen schaffen wir das.»
»Süße, wenn du nur zu ihm ziehst, weil du ein Helfersyndrom pflegen willst, habt ihr keine Zukunft. So ein Entzug geht an die Substanz.»
Immer pragmatisch, meine Ex-Liebste.
»Gib ihnen doch eine Chance. Willst Du Andi mit seinen Problemen alleine lassen?», frage ich wütend.
»Schon gut», beschwichtigt Antje. »Wollte ich nur anmerken. Finde ich gut, dass du ihn unterstützt. Wenigstens das ist gut an dir.»
»Wir lieben uns», beteuert Kathrin. »Und mit Liebe ist alles möglich. Auch wenn ich vielleicht ein Semester verliere, Andi ist wichtiger.»
Obwohl es blauäugig klingt, habe ich bis vorhin auch an die Macht der Liebe geglaubt. Aber vielleicht habe ich zu viel Mist gebaut. Meine Lüge war wirklich keine Glanznummer.
»Das finde ich super», sage ich niedergeschlagen.
Antje schaut ebenfalls verlegen. Wir haben unsere Beziehung selbst zerstört, hauptsächlich ich.
»Ich habe einige Dinge in meinem Leben zu regeln. Wir sehen uns morgen bei Andi», verabschiede ich mich. Ich drücke Antje verlegen die Hand, weiß nicht, was ich sagen soll.
»Mach’s gut», sagt sie.
Kathrin drückt mich. Wir fühlen uns tief verbunden in der Sorge um Andi. Ich spüre Antjes Blicke in meinem Rücken, doch ich drehe mich nicht um. Auch wenn es mir schwer fällt.

Montag, September 27, 2010

Bestseller Kapitel 12: Graf Fickola und der neue Holocaust



Ich fahre zurück nach Linden. Mir schießen tausend Gedanken durch den Kopf. Ist es moralisch bedenkenlos, Pornos zu konzipieren? Eigentlich spricht nichts dagegen. Wird ja keiner zu gezwungen, vor der Kamera zu poppen. Sieht zumindest auf den ersten Blick so aus. Und die Bezahlung ist fantastisch. Da kann ich mir richtig was gönnen. Öfter zu coolen Festivals fahren, Antje zu einem Trip nach Dänemark einladen, eigene Projekte vorfinanzieren. Vielleicht Andi unterstützen. Einen ähnlich gut bezahlten Job habe ich noch nie angeboten bekommen. Andererseits mag ich das Rotlichtmilieu nicht. Zwar finde ich auch bei exzessivem Nachdenken kein Argument, dass gegen den Konsum dieser Filme spricht. Tut ja keinem weh. Diese Szene macht auf mich aber den Eindruck des Halblegalen an der Grenze zum Kriminellen. Wobei ich kein Spießer sein will. Pierre scheint in Ordnung zu sein. Dennoch hat er Bea nichts von seinen Geschäften erzählt. Als hätte er etwas zu verbergen. Harry finde ich einfach nur widerlich. Der würde seine Oma für Kohle verkaufen. Und den Opa oben drauf legen. Ich habe das dunkle Gefühl, dass es nicht gut gewesen ist, sich mit diesen Typen einzulassen. Ich hole einen Kaugummi aus der Tasche und mümmele mechanisch darauf rum, während sich meine Gedanken im Kreis drehen, durcheinander wirbeln und sich in diversen Richtungen verflüchtigen.
Vielleicht mache ich mir einfach zuviel Gedanken. Die Finanzierung für meinen Roman steht. Und die Arbeit dürfte nicht schwer sein. Einige Ideen habe ich schon. Auf einem Schloss in Transsylvanien haust der sexsüchtige Graf Fickola, ein Urenkel von Dracula, mit seinen Neffen Schwanzola und Penetrala. Eine Gruppe Pfadfinderinnen erkundet Rumänien per Bus. Die Nacht naht, der Sprit neigt sich dem Ende zu, und es stürmt wie am Tag des jüngsten Gerichts.
Da klopft der Busfahrer an die Pforten von Schloss Castelul Bran, wie die Draculahütte auf Rumänisch heißt. Es scheint leer zu stehen. Die jungen Mädchen streicheln sich in den Schlaf, doch an gemächliches Schlummern ist nicht zu denken. Denn den Graf und seine Familie plagt die nackte Geilheit. Man könnte die Außenaufnahmen am Originalschauplatz drehen, die Innenszenen in Hannover. Ich bin angetan von meiner Idee und will sie heute Abend Pierre präsentieren. Er soll sehen, dass ich etwas für mein Geld tue.
Ich steige Leinaustraße aus der Bahn und laufe gemächlich zur Post. Ein Obdachloser pumpt mich an. Ein Zehner wechselt den Besitzer. Er kann sein Glück gar nicht fassen. Will mich umarmen, doch ich wehre ab. Man sollte seinen Reichtum teilen, denke ich. Das mindert auch das schlechte Gewissen.
In der Post fertige ich mit Hilfe der Angestellten eine Bareinzahlung für die Ahmert an. Kostet fünf Euro. Wen juckt das, frage ich sie. Erstaunen, sehe nicht wie jemand aus, der einen Fünfer aus der Portokasse zahlt. Wird sie sich dran gewöhnen.
Nachdem ich die Post verlassen habe, rufe ich im Verlag an.
»Gisela Ahmert.»
»Horst Stengel hier. Frau Ahmert, ich habe die dreitausend Euro überwiesen. Sie können loslegen.»
»Stengel, Stengel», überlegt sie. Wie kann sie mich vergessen haben. »Ach ja, der junge begabte Autor. Ihr Roman ist bereits im Lektorat und unser Graphiker tüftelt an einem knalligen Coverbild. Er ist sehr erfahren in der Gestaltung von Lyrikbänden. In einigen Tagen steht das Konzept.»
Ich bin etwas erstaunt.
»Es ist ein Roman, keine Lyrik. Memoiren eines Blutegels. Ich hoffe, der entwirft kein Cover für das falsche Buch?»
Sie hüstelt verlegen.
»Da habe ich etwas verwechselt. Wissen Sie, wir bringen so viele Titel in nächster Zeit raus. Nein, der Illustrator arbeitet am Cover für Ihr Buch. Machen Sie sich keine Sorgen.»
Mache ich aber doch. Klingt alles wischi-waschi. Aber vielleicht hat sie wirklich viel um die Ohren.
»Wie hat Ihnen das Ende des Romans gefallen. War das zu heftig, oder geht es so?»
»Ganz famos, Herr Stengel. Wie ich bereits gesagt habe, alles läuft. Wir setzen uns mit Ihnen in Verbindung, wenn wir noch etwas brauchen. Den Veröffentlichungstermin teile ich Ihnen auch noch mit. So, ich habe gleich den nächsten Termin. Weiß wirklich zurzeit nicht, wo mir der Kopf steht. Bis bald, Herr Stengel. Und toll, dass Sie das Geld so schnell überwiesen haben.»
Sie legt auf. Wirkt ein wenig konfus, die Gute. Aber bei der vielen Arbeit.
Ich stehe noch immer am Bürgersteig und rauche, als mein Handy klingelt.
»Sweety, wir war es beim Macker von deiner Ex?»
Mein Schatz. Ich entscheide mich, das Verschwiegenheitsgebot zu beachten. Unter anderem, weil mir nicht ganz wohl bei der Sache ist. Ich bin mir auch nicht sicher, ob Antje meinen Einstieg in die Pornoindustrie begrüßen würde.
»Fantastisch, ich habe den Job.»
»Wie geil ist das denn», freut sich aufrichtig, was mein schlechtes Gewissen steigert. »Und die Kohle? Was verdienst du? Und was sollst du für die tun? Mensch, Alter, lass dir doch nicht alles aus der Nase ziehen.»
»Ich soll Konzepte für Komödien entwerfen. Figuren, Handlungen. Die haben vorher eher seichte Kost fabriziert. Ich designe denen die Vorlage für einen Hammerfilm. Gibt fünfzehntausend pro Drehbruch. Wenn ich am Set bin, bekomme ich vierhundert Tagessatz. Das lässt sich echt sehen. Habe auch einen Vorschuss erhalten, den ich sofort an den Verlag weitergeleitet habe. Wenn der Professor sein Geld zurückfordert, reicht es auch noch», schwindele ich nur wenig. Sind ja wirklich Komödien.
»Super giga mega geil. Lass uns das feiern, Baby. Wir könnten im Georgengarten abhängen und ein paar Würste auf den Grill schmeißen, wie klingt das?»
»Toll. Aber heute kann ich nicht», versetze ich ihrer Vorfreude einen Dämpfer. »Muss heute Abend noch was mit Pierre besprechen. Soll auch schon die Crew kennen lernen. Deshalb bin ich noch mal in der Firma. Lass uns das morgen machen.»
»Dass du mir nicht zum Workaholic wirst. Ich werde dich heute vermissen. Mein Herz wird bluten. Aber wenn ich das überlebe, können wir morgen Mittag losstarten. Keine Uni für Antje. Ich rufe den Andi an, wie es bei ihm und Kathrin steht. Mein Sugarsweety ist zu beschäftigt. Ich bin wirklich sehr, sehr stolz auf dich.»
Das übergehe ich. So viel Lob verdiene ich nicht.
»Klasse, ich freu mich drauf. Bis morgen dann. Liebe dich.»
»Ich liebe dich auch und würde mich am liebsten von dir richtig durchvögeln lassen», stöhnt sie. »Aber bis morgen halte ich es gerade noch aus. Ciao, Babe»
Da habe ich mich gut aus der Affäre gezogen, finde ich. Das Gewissen drückt allerdings noch immer, lastet bleischwer auf mir. Ob andere Schriftsteller sich auch mit solchem Mist rumschlagen müssen. Zumindest verstehe ich langsam, warum so viele Autoren an Alkohol, Drogen oder Nikotin krepiert sind. Spaß macht ein Leben voller Lügen nicht.
Ich gehe nach Hause. Die Post war schon da. Ein Haufen Müll. Reklame von Real, kostenlose Kredite, unwichtige Mahnungen und ein Schreiben von Pekingtech.
Ich muss kein Prophet sein, um den Inhalt zu erahnen. Der Professor kündigt unser Arbeitsverhältnis fristlos und fordert den Vorschuss zurück. Also laufe ich zur Post zurück und tätige eine weitere Bareinzahlung. Die Postangestellte mustert mich argwöhnisch. Ist in Linden seltsam, wenn jemand mit so viel Bargeld herumläuft. Aber ich will mich nicht weiter mit Schulden belasten. Das ist eine der wenigen Dinge, die ich von meinem Vater übernommen habe: Bleibe niemanden etwas schuldig.
Bis zum Abend setze ich mich ins Café les 'ersatz, einem heimeligen Laden, der eher an ein Wohnzimmer als an eine Bar erinnert. Ich lese in der taz und weiß, hier wird auch bald mein Konterfei im Kulturteil glänzen. Danach genieße ich das bunte Straßentreiben. Linden ist Live-Kino, voll bunter Gestalten und Geschichten, die darauf warten, erzählt zu werden. Wenn mir mein neuer Job Zeit lässt, werde ich einen Linden-Roman schreiben. Bietet mehr Stoff als Kaminers Kiez in Berlin.
Beschwingt von all den neuen Ideen kehre ich nach Hause zurück und notiere sie auf dem PC. Auch wenn ich in vielen Dingen ein konservativer Traditionalist bin; ich kann nur am Computer schreiben. Das liegt zum einen an meiner katastrophalen Handschrift. Meine Klassenlehrerin Frau Schnarrenberg ließ mich als einzigen noch bis zur achten Klasse ein Schönschreibheft führen. Ohne jeden Erfolg. Zum anderen kann ich am Rechner rasch Änderungen durchführen. Gefallen mir Worte, Wortstellung oder Rhythmus nicht, lösche und ändere ich völlig schmerzfrei. Kein Durchstreichen, Rätseln über den Sinn, Zerknüllen und vom Neuen beginnen. Zufrieden speichere ich die Datei unter dem Namen Cool-Linden.doc. Nächste Woche beginne ich mit dem neuen Projekt und vibriere voll Vorfreude.
Andi ruft an.
»Hi», meldet er sich tonlos.
»Was geht ab? Alles klar? Habe den Job beim Film bekommen. Finanzierung für mein Buch ist gesichert. Das nächste Projekt ist bereits in der Mache. Läuft alles wie geschmiert», texte ich munter drauf los.
»Horst», sagt Andi lebendig wie eine Wachsfigur. »Fühle mich wie ausgekotzt. Bin noch immer deprimiert. Wo ist meine Perspektive? Ich weiß nicht, was für Bilder ich in Zukunft malen soll. Sehe da nichts vor mir. Meine Kunst muss in jedem Fall klar von den Rechten abgegrenzt sein. Doch ich weiß nicht wie. So eine Lebenskrise habe ich noch nie erlebt. Mir ist klar, dass du auch keine Lösung weißt. Aber ich muss mit jemanden reden.»
Auf Deprigesülze habe ich keine Lust. Will eigentlich meine Euphorie teilen, geht aber nicht. Muss verschwiegen sein.
»Was ist mit Kathrin? Die Frau liebt dich, das sieht ein Blinder ohne Krückstock.»
»Horst, das ist allein mein Problem. Du kennst ja meine Werke am Besten. Wenn wir uns von Verbrechern instrumentalisieren lassen, ist das unsere eigene Schuld. Ich muss für die Scheiße mit den Glatzen selber die Verantwortung übernehmen. Aber die wiegt schwer. Vielleicht sollte ich etwas ganz anderes machen. Die Straßen putzen oder bei Conti Reifen wuchten. Was weiß ich. Aber ich will keine Schuld am neuen Holocaust tragen.»
Neuer Holocaust, das scheint mir maßlos übertrieben.
»Wir haben doch ein paar Mal drüber gesprochen. Das liegt nicht an dir, wenn dieser Säge deine Bilder bei den Idioten unterstellt, und das denen noch gefällt. Zeigt doch nur, wie hohl die sind. Mach dir keinen Kopf. Bist du morgen beim Grillen dabei?»
»Ja sicher. Ich glaub, ich schieß mir die Birne zu. Vielleicht löst das die Blockade. Ich weiß auch nicht.»
Ich beginne mir langsam, Sorgen zu machen. Es gibt, viele Leute, die den ganzen Tag jammern. Andi gehört nicht dazu. Und seine depressive Phase scheint sich kontinuierlich zu verstärken.
»Mach keinen Scheiß, Alter. Reiß dich zusammen. Das ganze Drogenzeug bringt dich auch nicht weiter. Ist okay, sich ab und an einen Kick zu holen. Aber als dauerhafte Lebensstrategie führt dich das nur in eine Sackgasse. Wirf doch einmal eine Woche keine Pille ein, kein Koks. Dann wird es dir sicherlich besser gehen. Und die richtigen Ideen kommen von selbst.»
Ich quatsche wie ein Schmalspurtherapeut, weiß aber keine andere Möglichkeit, ihn aufzubauen.
»Danke, dass du zugehört hast», flüstert Andi. »Du warst immer ein guter Freund. Nicht so ein Wichtigtuer wie viele andere. Hast mir auch unbequeme Sache gesagt. Das weiß ich echt zu schätzen.»
»Andi, das geht mir umgekehrt genauso. Morgen grillen wir schön, trinken ein paar Bierchen und dann sieht die Welt wieder anders aus. Ich bin bis jetzt auch aus jeder Krise herausgekommen. Und ich hatte schon viele.»
»Ja, schauen wir», klingt er genauso down wie zu Beginn unseres Gesprächs. »Dann bist morgen.»
Irgendwie hat mich das Gespräch erschöpft. Ich sorge mich um Andi und muss über seinen Satz nachdenken, dass wir immer an unserem Unheil Schuld sein sollen. Ich weiß nicht, ob er da vielleicht doch Recht hat. Über hochphilosophische Fragen grübelnd lege ich mich auf die Couch und dämmere weg.

Kurz nach zwanzig Uhr fahre ich in die Stadt. Das Spezial liegt im Steintorviertel, dem Rotlichtviertel von Hannover. Muss nichts heißen. Als ich beim Lokal angekommen bin, stelle ich fest, dass es doch was heißt. Das Spezial ist ein lupenreiner Puff. Im Fenster räkeln sich leicht bekleidete Mädchen und versuchen Passanten durch dezentes Winken in das Lokal zu locken. Ich habe keine Lust mehr auf diese Feier. Fünf Minuten stehe ich vor dem Laden und bin mir unschlüssig. Schließlich gehe ich doch rein. Der Schrank vom Filmset arbeitet als Türsteher. Grinsend begrüßt er mich.
»Ah, Horst. Am ersten Arbeitstag gleich ein Nümmerchen schieben? Herzlich willkommen im Spezial. Der Chef wartet schon auf dich.»
Der etwa hundert Quadratmeter große Raum ist komplett mir rotem Plüsch verkleidet. Kerzenleuchtern nachempfundene Lampen sorgen für gedimmtes Licht. Scheint noch nicht viel los zu sein. Fünf Damen im Alter von Anfang zwanzig bis Mitte dreißig räkeln sich auf den Sofas. Eine will sich gleich auf mich stürzen. Doch Pierre winkt. Er sitzt mit Harry und zwei Frauen an einem Tisch. Vor ihnen Champagner. Die kleine Schwarzhaarige zieht einen enttäuschten Flunsch, wirft mir aber einen Kussmund zu. Pierre überlegt es sich anders und winkt sie zu uns.
»Horst, wie stehen die Aktien. Schön, dass du gekommen bist», er streichelt der aufdringlich geschminkten Blonden übers Bein. Bea ist das nicht.
Harry hat schon ganz schön getankt.
»Heute lassen wir die Puppen tanzen. So jung kommen wir nie wieder zusammen», gröhlt er und greift seiner Begleitung, einer rassigen Rothaarigen in den Ausschnitt und holt eine Brust hervor.
»Ja, war ein anstrengender Tag heute», wirft Pierre wie immer sehr distinguiert ein. »Hast du dir schon Gedanken über neue Konzepte gemacht?»
Die Schwarzhaarige sitzt jetzt neben mir, hat ein Schampusglas vor mich platziert und fummelt an meinem Rücken herum.
»Ach Quatsch. Jetzt wird gefeiert. Die Arbeit kann bis morgen warten. Russlana ist eine besonders edle Stute. Da vergisst du jeden Stress, mein Freund. Ich relaxe hier schneller als im Meditationsraum», blinzelt er. Mir wird das Mädel zu aufdringlich, ich entferne ihre Hand von meinem Rücken und lege sie zurück auf ihr Bein.
»Gefalle ich dir nicht? », haucht sie.
»Ich habe eine Freundin», erkläre ich, obwohl ich weiß, dass das hier gar nichts zählt.
»Ja und? », fragt sie. »Freundin muss nix wissen von Russlana. Wir machen schönen Abend und morgen bist du lieb zu Freundin.»
Pierre hat ein Metalldöschen auf den Tisch gelegt. Seine Dame streicht ihm im Schritt herum.
Er öffnet es. Weißes Pulver. Gekonnt schüttelt er zwölf Lines auf den Tisch. Die Mädchen sind zuerst dran. Mit einem von Pierres Hunderten schniefen sie den Stoff in die Nüstern.
»Für mich nicht. Danke. Bin zurzeit auf dem Gesundheitstrip. Da halte ich mich zurück.»
»Du hältst dich mit allem zurück. Mensch, Junge, das geht alles aufs Haus. Du kannst mit der Russlana machen, wovon deine Perle noch nie was gehört hat. Ich glaube, der steht auf Eis am Stiel», bellt er. Mit ihm der Rest des Tisches. Selbst Pierre kichert leise in sich hinein.
»Wenn er nicht will, lass ihn. Ich bin selber in festen Händen, aber als Geschäftsmann bin ich verpflichtet, meine Ware zu prüfen. Außerdem enthüllt die Vielfalt den Reiz des Einzigartigen», spricht er und wiegt den Busen der Blonden, die lasziv kichert. Aus den Boxen säuselt Lee Hazlewood vom Kater nach dem Genuss von Summer Wine.
Ich fühle mich genervt, bedrängt, will einfach nur weg. Die Atmosphäre ist stickig, warm voll billigen Parfüms. Meine Zunge fühlt sich belegt an.
»Trink, Junge», gießt Russlana mir Blubberwasser in einen Kelch. »Das macht locker und regt Sinne an.»
»Mal was anderes», fragt Pierre und positioniert eine Sonnenbrille auf seiner Nase. Dabei ist es gar nicht hell. »Was hast du dir bezüglich neuer Filme ausgedacht? Eigentlich wollen wir feiern und nicht über die Arbeit reden, aber ich bin neugierig.»
Hinter meinem Rücken fummelt Russlana an meinem Sektglas rum. Soll sie, dann brauch ich die dekadente Plörre nicht zu trinken.
»Ich habe viele Ideen», bin ich froh, eine Pause vor den Zudringlichkeiten der Frau gewährt zu bekommen. So erzähle ich von Graf Fickola, schmücke alles aus, weise auf möglich Kosten und Einsparmöglichkeiten hin. Pierre ist begeistert.
»Harry, ich habe doch gesagt, der Junge ist Gold wert. Da sprechen wir auch eine intellektuelle Zielgruppe an. Ficken und sich bilden könnte unser Slogan heißen. Da greift auch der Gymnasiallehrer zu. Und der Unterschichtkunde interessiert sich eh nur für Geschlechtsorgane. Das hat die Zielgruppenforschung herausgefunden, die ich letztes Jahr in Auftrag gegeben habe. Entschuldige meine etwas drastische Wortwahl, aber wir wissen alle, wovon wir reden.»
»Kein Problem», sage ich.
Von Sekt und Koks euphorisiert, klopft er mir auf die Schulter. »Fein gemacht, Horst.»
In Harry Achtung scheine ich auch gestiegen zu sein.
»Respekt, Junge, Respekt», dröhnt er. »Habe in meinem Leben bestimmt zehntausend Bumsstreifen gesehen, aber so eine Story ist mir noch nicht unterkommen. Einen Adelsfilm mit Graf Fickuld habe ich mal gedreht. Der lebte aber in einem gewöhnlichen Apartment. Deine Idee könnte ein Renner werden.»
»Trink, Hörstelchen, trink», hält Russlana mir den Sekt vor den Mund. »Prost. Auf unseren Horst», ruft der Rest der Runde. Berauscht von der Anerkennung trinke ich das Brausewasser in einem Zug hinunter.
Inzwischen hat sich der Laden gefüllt. Eine Gruppe Geschäftsleute mit angeborenen Krawatten sucht den schnellen Kick. Sofort werden sie von der entsprechenden Anzahl Mädchen bezirzt.
Ich fühle mich breit wie nach einer Kneipentour, obwohl ich nur einen Sekt getrunken habe. Harry fängt zu singen an »Wir wollen rammeln, rammeln rammeln, rammeln, wollen rammeln, rammeln, rammeln, wollen rammeln, rammeln, rammeln, wollen Sex.»
Normalerweise würde mich Harry Prollogehabe ankotzen, aber im Vollrausch finde ich es lustig.
»Ich dachte, du wärst das letzte Arschloch, aber du bist nur lustig», johle ich. Alle lachen. Ich bin über meine Worte mehr als erstaunt, nüchtern würde ich mich nie wie ein testosterongesteuerter Talkshowschwachmat äußern. Das johle ich in die fröhliche Runde. Alle lachen noch lauter. Die Businesstypen fallen wiehernd in den Gelächterchor mit ein. Die Lautstärke zerfetzt langsam mein Nerven. Ich sehe alles nur wie durch Nebel. Das Rot des Raumes saugt mich auf. Mir wird alles egal.
»Horst hat zu tief ins Glas geschaut», höre ich Pierres hallende Stimme. »Bring ihn an einen Platz, wo er sich ausruhen kann.»
Ich fühle Bewegung, es läuft mich. Dann wird alles schwarz und warm und dumpf.

Montag, September 13, 2010

Bestseller Kapitel 10: Kaffee, Karaoke & Kündigung



Wir fahren zu meiner Wohnung. Ich schmeiße eine Runde Herrenhäuser, langsam kommen wir runter vom misslungenen Deister-Trip.
»Ohne Spesen nichts gewesen», seufzt Andi, während ich die Hellacopters in den CD-Schacht schmeiße. Mucke, um die Laune wieder in höhere Gefilde zu tunen.
»Es ist unglaublich, dass solche Verbrecher wie Klobusch frei durch die Landschaft laufen dürfen. Die gehören doch in den Knast», ereifert sich Kathrin. »Wenn ich in ein paar Jahren Kids unterrichte, habe ich ein schlechtes Gefühl, die später auf die Gesellschaft loszulassen.»
»Übertreib mal nicht», beruhigt Andi. »Die kommen schon klar. Wenn die Stöpsel groß sind, wird es auch keine Kaffeefahrten mehr geben. Oder fällt da irgendjemand unter fünfzig drauf rein.»
Wir schauen uns an und prusten los.
»Ich doch nicht», sage ich. »Es war doch von vornherein klar, dass wir nur gelinkt werden sollten. Wir sind nur mitgefahren, um soziologische Studien zu treiben.»
»So ist unsere Generation, allem Neuen gegenüber aufgeschlossen. Auch wenn es der letzte Dreck ist.»
»Welche Generation sind wir eigentlich?», fragt Kathrin. »Ich fühle mich weder als Angehörige der Golf- noch der Praktikumsära.»
Wir überlegen.
»Du fällst sowieso aus dem Raster. Schließlich bist du fünfzehn Jahre jünger als wir. Für dich muss noch ein Name kreiert werden», sagt Andi. »Hotte und ich jedenfalls gehören zur Generation Straßenbahn.»
Alle starren ihn an.
»Was soll das heißen?», fragt Antje. »Das habe ich noch nie gehört. Ist das ein neuer Schmöker, der dir erklärt, was du bist?»
»Nee», winkt Andi lässig ab. »Das ist meine Philosophie. Wir sind jünger als die Golfer. Die sind zudem ziemlich gesettlet. Sind mit dem goldenen Löffel in der Kauleiste aufgewachsen. Wir sind komplett anders. Wir hängen unsere Nase nach keiner Ideologie, versuchen selbst was auf die Beine zu stellen. Abseits vom Mainstream. Ich bin Künstler, Hotte Autor, das sagt doch alles.»
»Darling, das ist aber kaum repräsentativ für eure Zeitgenossen», grinst Antje. »Die meisten sind unpolitisch und am Weltgeschehen desinteressiert. Gehört ihr nicht zu der Fraktion, die man als Generation Doof bezeichnet? Und wieso Straßenbahn?»
Andi lacht und leert den Herrenhäuser Göttertrunk.
»Da verwechselst du was. Die Doof-Fraktion ist doch nur ein Marketing-Trick. Die hat es noch nicht mal in die Wikipedia geschafft. Vielleicht aus Blödheit. Aber ich werde mir auf Generation Straßenbahn ein Trademark anmelden lassen. Wir verzichten bewusst auf materielle Gegenstände wie den fetten Schlitten vor der Palasttür und legen unsere Wege mit öffentlichen Verkehrsmitteln zurück. Das ist unsere politische Aussage.»
»Interessant», meine ich und zünde mir eine Camel an. »Und was besagt die konkret?»
»Mensch, Hotte. Bist doch sonst nicht auf den Schädel gefallen. Das heißt, dass wir uns nicht von materiellen Vorgaben der Gesellschaft versklaven lassen. Außerdem erlebst du mehr in den Öffis. Denk an unseren Offenburg-Trip. Wir sind kommunikativ und weltoffen.»
Da hat er Recht. Im Auto hätten wir nur halb so viel Spaß gehabt. Und Kathrin hätte er auch nicht kennengelernt.
»Ich fühle mich wohl als Mitglied der Generation Straßenbahn», erkläre ich daher.
»Das müsste aber noch cooler klingen», sagt Antje. »Wie wäre es mit subway generation. Oder Underground Generation. Ein englischer Begriff wirkt überzeugender.»
Andi reckt scheinbar verzweifelt die Arme zur Decke.
»Baby, du verstehst uns nicht. Gerade der Blick nach Amerika, nach glitzernden Namen, neuen Moden und gesteigerten Rekorden widerspricht dem Gedanken der Generation Straßenbahn. Wir sind Individualisten. Anerkennung in einem oberbayrischen Kuhdorf zählt mehr als der Oscar in Glamourwood.»
»Sorry», grinst Antje. »Da ich zehn Jahre jünger bin, verzichte ich auf Fame in Oberammergau und beanspruche Subway Generation für mich. Ihr könnt gerne Straßenbahn verwenden.»
Andi und Kathrin beschließen, bei Andi einen Namen für Kathrins Generation zu finden, während Antje und ich uns mental auf die Feier mit den Chinesen vorbereiten.

Wir machen uns frisch, duschen, doch ein dreckiges Gefühl bleibt. Selbst Antjes samtweiche Haut, ihre zarten Hände und ihr feuchter Mund können mich nicht aufbauen.
»Ist vielleicht der Stress. Die Möglichkeiten, das fehlende Geld zu besorgen, haben sich verringert. Und die Klobusch-Geschichte hat mich etwas runter gezogen», suche ich nach Erklärungen.
Antje streichelt meinen Rücken, führt meine Hände zu ihrer Vagina, die ich liebevoll massiere.
»Das klappt schon», weiß sie und stöhnt lustvoll auf. »Wenn du auf dem richtigen Weg bist, unterstützt dich das Universum. Wirst schon sehen. Ich glaube fest daran, dass du dein Buch veröffentlichst, und dass ich in New York studieren werde. Ich sehe das jeden Abend wie einen Film vor mir. Sweety, du solltest einfach mehr an dich glauben. Außerdem gehörst du zur Generation Achterbahn, ihr seid doch Macher.»
»Straßenbahn heißen wir», muss ich grinsen. Ein typischer Andischwachsinn.
Vielleicht hat sie Recht. Fällt mir aber noch schwer. Vor allem die Sache mit New York. Fernbeziehung über den großen Teich? Das funktioniert nicht. Oder doch? Der USA-Trip ist eine Riesenchance für meine Liebste. Ich weiß, dass ich mich freuen soll, aber meine Gefühle fahren wirklich Achterbahn.
Sie stöhnt.
»Entspann dich einfach», reibt sie meinen Rücken, kratzt, massiert, streichelt. »Du hast schon mehr geleistet als die meisten Schreiber. Fast jeder hat einen angefangenen Roman in der Schublade und schreibt ihn nicht fertig. Ausreden findet man immer. Du hast immerhin einen Vertrag, jemand glaubt an dich. Ich allemal.»
»Mein Roman ist noch nicht fertig», werfe ich ein und winde mich lustvoll, genieße die Berührungen.
»Aber so gut wie. Und du kämpfst für das, was dir wichtig ist. Wie viele Leute tun das schon. Und das Geld bekommen wir zusammen.»
Ich fühle mich jetzt doch erregt, nehme sie und dränge sie gegen die Duschwand. Kraftvoll, fast brutal dringe ich in sie ein. Ihre Augen weiten sich. Unter meinen Stößen kommt sie mit mir zusammen. Ich fühle mich eins mit ihr.
»Geh nicht in die Staaten», bitte ich, als wir uns erschöpft abtrocknen.
Sie streichelt mich.
»Sweety, jeder muss den ihm vorbestimmten Weg gehen. Meiner führt nach Amerika. Seitdem ich ein kleines Mädchen war, habe ich davon geträumt. Es wäre ein Fehler, seine Wünsche aufzugeben. Man kann in einer Beziehung niemanden besitzen. Wir verbringen nur einen Teil des Weges miteinander. Wenn die Beziehung Substanz hat, vielleicht das ganze Leben. Ich bin mir sicher, dass unsere Liebe auch über Distanz halten wird.»
»Ich will dich nicht besitzen», werfe ich rasch ein. »Aber New York ist eine größere Entfernung als Laatzen oder Bremen. Selbst Berlin oder München sind näher. Und Fernbeziehungen scheitern oft.»
Ich will nicht wie ein Jammerlappen klingen, aber etwas Weises oder Literarisches fällt mir zu diesem Thema nicht ein.
Antje küsst mich. »Noch ist doch gar nichts entschieden, Süßer. Was sollen wir uns über ungelegte Eier den Kopf zerbrechen. Momentan ist dein Buch wichtig. Tausend Euro, da müssen wir klotzen.»
»Aber im Augenblick genießen deine Eier meine ungeteilte Aufmerksamkeit», streichelt sie meine Kronjuwelen, was Horst jun. erregt.
»Wir müssen gleich los», wehre ich weitere sportliche Betätigungen ab.
Wir schmeißen uns in Schale. Das heißt, wir ziehen die alten Klamotten wieder an. Antje hat nichts zum Wechseln mit, und ich finde nicht viel Besseres im Kleiderschrank. Ist aber auch ein Sommerfest, da ist legere Kleidung gefragt.

Habe ich geglaubt. Als wir an der AWD-Hall ankommen, spazieren nur Typen im eleganten Dreireiher und Frauen in festlichen Kleidern durch die Pforte. Alles Chinesen.
»Meinst du auch, dass wir vielleicht ein wenig underdressed rumlaufen?», fragt Antje.
»Sieht so aus. Aber ich fahr jetzt nicht mehr zurück, um mich in andere Klamotten zu stürzen. Außerdem: Anzug und Krawatte fehlen in meinem Kleiderschrank. Bin mehr der lässige Typ.»
»Ich eigentlich auch. Aber für solche Anlässe bin ich auch gerüstet. Ist schließlich die Feier von deinem Chef. Keine Ahnung, wie die Chinesen drauf sind. Aber wir könnten ihn blamieren.»
Ich winke ab. »Der sieht das total locker. Ist ein chilliger Typ, lässt überhaupt nicht den Chef raushängen.» Kann ich zwar bisher noch nicht beurteilen, hoffe ich aber.
»Wenn du meinst», rollt Antje zweifelnd die Augen.
Die Türsteher, eine Bulle, dessen Hemd zu platzen droht, mustert uns abschätzig.
»Heute geschlossene Gesellschaft. Geht ins Faust oder Glocksee.»
Ich werde wütend. »Ich stehe auf der Gästeliste von Professor Chong. Horst Stengel, ich bin sein persönlicher Assistent», sage ich kalt.
»Moment», entgegnet er noch kühler. »Ich vergewissere mich. Freddy, übernimm mal.»
Ein ebenso zart gewachsener Kollege hütet jetzt den Einlass.
»Persönlicher Assistent, soso», grinst Antje. »Hast mir gar nichts von deiner Beförderung erzählt, Sweety.»
»Du musst nur dran glauben, dann passiert es. Erzählst du mir doch immer.»
»Oh, jemand hört mir zu», verbeugt sich Antje geschmeichelt. »Na, vielleicht nicht alles. Deine Karriere im Computerbusiness steht ja erst am Anfang. Aber wer weiß es schon.»
Der Stämmige kommt zurück.
»Wenn ich bitten darf», winkt er uns durch die Tür. In seinem Gesicht steht purer Unglaube, dass wir hier richtig sind.
Als wir ins Innere spazieren, merken wir auch warum. Hier sind alle Chinesen Niedersachsens versammelt. Sie sitzen an langen Tischen in ihren schicken Anzügen und trinken Sekt oder andere leichtfüßige Getränke. Ja, und dann gibt es uns. Schäbig gekleidete Deutsche. Ist wie aus einem Bewerbungstest für Doofe. Wer passt nicht in dieses Bild?
Antje flüstert »Jetzt heißt es Stärke zeigen. Ist doch alles ganz normal, oder? Fassen wir es als Ehre auf.»
Wir lassen uns von einer Bedienung an Professor Chongs Tisch führen. Der lauscht der Rede eines Typen auf der Bühne. Natürlich auf Chinesisch. Neben ihm thront Juvenna und nippt von Zeit zu Zeit an einem Getränk, das nach Tomatensaft aussieht.
»Ah, Debi», hat sie mich wieder erkannt. Schwaches Lächeln. Daneben sitzt ein chinesischer Kollege, den ich flüchtig beim Vorstellungsgespräch gesehen habe. Er stellt sich als Trieu vor. Trieu leitet das Lager. Mit dem Unterton des Bedauerns erzählt er, dass kein anderer Kollege kommen wollte. Dabei sei für ihn das Sommerfest der Höhepunkt des Jahres.
Professor Chong strahlt wie Buddha nach der Erleuchtung.
»Horst, Sie sind wenig unpassend gekleidet. Das ist der Botschafter von Taiwan»¸zeigt er auf die Bühne. Ich hüstele verlegen.
»Darf ich Ihnen meine Partnerin Antje Weber vorstellen.»
Antje knickst formvollendet, lächelt schelmisch. Sie gefällt meinem Boss, das sehe ich. Ihr Charme gleicht den Kleidungs-Fauxpas aus.
Wir lauschen andächtig der beeindruckenden Rede, die Visionen offenbart, von denen Mao nicht geträumt hätte. Leider verstehen wir kein einziges Wort, keine Silbe. Ein exotischer Akustikschwall, der in den kurzen Sprechpausen von tosendem Beifall unterbrochen wird.
»Es geht um Taiwans Stellung gegen China. Er sagt, dass wir uns der Macht des Bruders nicht unterordnen werden», übersetzt Trieu. »Taiwan gibt Minderheiten viele Freiheiten. Dort sind zum Beispiel Hochzeiten von Homosexuellen erlaubt. Taiwanesen sind politisch viel fortschrittlicher als China.»
Wir nicken beeindruckt. War uns nicht bewusst, dass es einen Unterschied zwischen beiden Kulturen gibt.
Dann gibt es Essen. Super. Wir haben heute bis auf dünnen Kaffee noch nichts zu uns genommen. Ein großes Buffet ist aufgebaut. Viele verschiedene Fleischsorten, etwas Gemüse, diverse Saucen. Wir packen uns die Teller voll, ohne zu wissen, was wir da verspeisen. Schmeckt vorzüglich. Der Professor hat sich nur wenig aufgetan, aber Juvenna hat richtig zugeschlagen. Sie mampft und schmatzt, dass es eine helle Freude ist. Ihren Mann scheint dies aber nicht zu stören.
»Professor Chong, ich habe eine Frage», versuche ich nach Abschluss des Dinners mit Pflaumenwein mein Anliegen vorzutragen. Doch der Chef bittet mich zu schweigen.
»Jetzt singen wir», erklärt er. Singen? Antje und ich schauen uns fragend an. Auf der Bühne wird eine Leinwand enthüllt, und dann geht die Post ab. Chinesen scheinen Karaoke zu lieben. Leider kennen wir kein Lied, da es sich ausschließlich um chinesische Popmusik handelt, die für europäische Ohren gewöhnungsbedürftig klingt. Meistens gefühlvolle Balladen, in denen Mädchen ihren Kerlen nachweinen. Eine Mordsgaudi für die Anwesenden. Trieu wippt mit dem Fuß im Takt.
»Debi, sink a sonk», fordert mich Juvenna auf, die Bühne zu entern. Bei meinen dürftigen Sprachkenntnissen fühle ich mich veralbert. Dankend lehne ich ab. Unsere Tischnachbarn lachen sich kaputt. Trieu springt schließlich auf die Bühne und versucht sich an einer Art Hip-Hop-Stück. Graffitisprayer in Hong-Kong tanzen und malen auf der Leinwand. Er singt furchtbar und bewegt sich hüftsteif. Das tut der Stimmung aber keinen Abbruch, hebt sie sogar. Der Saal feiert ihn.
»Ist wirklich lustig», freut sich Antje. »Danke, Sweety, dass du mich mitgenommen hast. Wenn die Show vorbei ist, dürfte die Laune deines Chefs so gut sein, dass er den weiteren Vorschuss sofort abnickt.»
Ich hoffe es auch. Doch zwei Stunden später ist die Feier noch nicht vorbei. Trieu erklärt, dass eine Tombola stattfindet. Die Gewinne werden den Platznummern zugelost.
Ein Junge schreit auf. Der Sprecher winkt ihn nach vorne.
»Der Kollege hat eine Rundreise durch Europa gewonnen», klärt uns Trieu auf.
Der Nächste jubelt.
»Ein Computer, kein guter Preis. Hat doch jeder», kommentiert unser Nachbar. Würde mir reichen.
»Ein Auto»; »Karten für ein U2-Konzert», »Dreißigtausend Euro», »Einen Monat im Wellnesshotel» sind die weiteren Gewinne. Auf einmal rüttelt er wie wild an meinem Arm.
»Deine Nummer wurde gezogen. Du musst nach vorne. Ich freu mich so für dich.»
Ich freu mich auch. Durch ein Spalier aus freundlich klatschenden Chinesen schreite ich zur männlichen Glücksfee. Ein bärtiger Mann mittleren Alters, der mich an den Regisseur John Woo erinnert. Auch er lächelt freundlich.
»Ich habe die Nummer vierhundertfünfundsechzig.»
Verständnislos schaut er mich an.
»Four hundred fifty-six», wiederhole ich. Er versteht, er grinst, schaut auf seine Liste, schaut mich an und greift in eine Kiste neben sich.
»Here is your price, my friend.»
Und schon bin ich stolzer Besitzer eines Pfund Kaffees. Und zwar Jakobs Krönung. Der Saal klatscht frenetisch. Ich fühle mich verarscht. Am Liebsten würde ich ihm den Kaffee sonst wohin stecken.
Der nächste Gewinner steht schon vor dem Tombolatisch. In einem neuen Smart darf er nach Hause fahren. Wütend gehe ich zurück zu meinem Platz. Die Leute rufen mir etwas zu. Sollen Glückwünsche sein. Mir reicht es.
Antje küsst mich und lacht ebenfalls. »Das hat schon eine Menge Komik. Ist heute nicht dein Tag, Sweety, aber du hast ja mich.»
»Ich gratuliere Sie», strahlt Chong, Juvenna lacht sich tot. »Coffee, Debi, fine, fine.» Sie hebt den Daumen mit anerkennendem Gesichtsausdruck. Da kann man unterschiedliche Sprachen sprechen, Körpersprache ist international.
Trieu zumindest schaut ein wenig tröstend. »Nimm es leicht, mein deutscher Freund. Andere haben gar nichts gewonnen. Du gehörst zu den Auserwählten.»
»Ach was», sage. »Ich habe keine Lust, mich länger verarschen zu lassen. Ihr alle denkt, ich wäre ein Typ, mit dem ihr machen könnt, was ihr wollt», werde ich lauter. »Aber nicht mit mir. Steck dir doch dein Geld sonst wohin, ich kündige», sage ich zum Professor. Eigentlich schreie ich mehr, was mir schon beim Entschlüpfen der Worte Leid tut. Aber mein Zorn auf die Welt braucht ein Ventil.
»Horst», wird der Professor ernst. »Wir machen doch nur Spaß. Beruhigen Sie sich und lachen. Ist wirklich lustig. Ein Paket Kaffee.»
Antje wirkt entsetzt »Keep cool, sweetheart. Wir lachen mit dir, nicht über dich. Kann doch nicht jeder den Hauptgewinn abzocken.»
Doch ich lass mich nicht beruhigen. Kaffee putscht auf, dieser besonders.
»Sagen Sie ihren Freunden, dass ich nicht auf Almosen angewiesen bin», zische ich. »Ich will auch nicht mehr bei Ihnen arbeiten. Suchen Sie sich einen neuen Deppen.»
Der Professor versteht mich nicht, sagt immer nur »Aber Horst.»
Ich stehe auf, drücke Chong das Bohnenpaket in die Hand und breche auf.
»Warte, warte», brüllte Antje und hastet hinter mir her. Ich beginne zu rennen und bleibe erst vor der AWD-Hall stehen.
»War das nötig? », schimpft sie, als sie mich eingeholt hat. »Was kann der Professor dafür, dass du den Kaffee gewonnen hast.»
»Die haben mich doch nach Strich und Faden vorgeführt. Alle gewinnen die tollsten Preise und ich bekomme so einen Scheiß. Fällt dir das nicht auf? Die haben sich gegen mich verschworen:»
»Jetzt komm wieder runter. Vielleicht hat das der Tombolaleiter getan. Wer weiß es schon. Aber es ist doch dumm, deinen Chef anzumachen. Der hat dich definitiv nicht über den Leisten gezogen. Im Gegenteil. Als du deinen Kaffee abgeholt hast, habe ich mit ihm über dein Geldproblem gesprochen.»
»Du hast was? », frage ich verblüfft.
»Alles wäre kein Problem gewesen», stampft sie ärgerlich mit dem Fuß auf.
»Der ist total nett. Er hätte dir die tausend Euro gegeben und in Raten in den kommenden Monaten abgezogen. Alles hätte sich für dich zum Guten gewendet. Aber der Herr Dichter kriegt einen Ausraster und versaut alles. Wirklich toll gemacht, Horst. Manchmal bist du vollkommen dämlich.»
»Hätte er doch nie gemacht. Wenn ich bei der Verlosung nur den verfickten Kaffee bekomme und kein Auto.» Ich weiß, dass ich den letzten Mist erzähle, habe aber keine Ahnung, wie ich aus der Nummer herauskommen soll, ohne das Gesicht zu verlieren.
Antje wird richtig wütend. »Was hat denn der Professor damit zu tun. Wenn du meinst, die ganze Welt hat was gegen dich, tust du mir Leid. Übernimm doch selber die Verantwortung für dein Leben. Es gibt genug Leute, die dich unterstützen.»
Sie hat Recht. Dümmer hätte ich mich nicht verhalten können. Am meisten ärgere ich mich über mich selber. Eine dicke Chance vermasselt, das fehlende Geld aufzutreiben. Super, Hotte.
»Sorry, alles meine Schuld. Und nun?», zeige ich mich einsichtig.
»Geh zurück zum Professor und entschuldige dich. Sag, du hättest Grippe oder so und deshalb etwas überreagiert. Vielleicht gibt er dir deinen Job zurück und zahlt den Vorschuss trotzdem.»
Meine kleine Optimistin.
»Das geht nicht. Dem kann ich nicht noch mal unter die Augen treten. Was denkt der von mir?»
»Kann dir doch egal sein. Einen Versuch ist es allemal Wert. Sonst wird es schwierig.»
»Ausgeschlossen», wehre ich ab. »Auf die Knie fallen und rumlügen ist noch nie mein Ding gewesen. Und mit Schwierigkeiten habe ich mein ganzes Leben zu kämpfen gehabt. Was mich nicht umbringt, macht mich stärker.»
»Schlauer Spruch. Und wie willst du jetzt ans fehlende Geld kommen?»
Ich überlege.
»Da bleibt noch der neue Freund meiner Ex. Pierre oder wie der heißt. Der sucht doch einen Drehbuchschreiber. Den ruf ich morgen an.»
Antje hebt zweifelnd die Augenbrauen.
»Wenn du meinst. Aber da wird das Geld sicher nicht sofort fließen. Wenn er überhaupt einen Job für dich hat. Deine Ex ist doch eine bitch.»
Wir bewegen uns langsam in Richtung Bus.
»Wer von uns beiden ist denn Optimist. Und Bea ist gar nicht so schlimm. Immerhin haben wir uns geliebt. Warum sollte das nicht klappen? Bin ja ein guter Schreiber. Ich überzeuge den schon.»
Antje zweifelt immer noch. »Ich kenn mich mit der Filmbranche nicht aus, aber pass bloß auf, dass der Kerl kein Wichser ist.»
»Mensch. Das ist Beas neuer Macker. Der ist die personifizierte Seriosität, frühstückt Austern und fickt mit Krawatte. Ich kenn die Typen, die Bea gut findet.»
»Wenn du meinst, Sweety», zeigt sie sich versöhnt, glaubt daran, dass ich mich selber aus dem Schlamassel rausziehen kann.
»Ich schaff das schon. Spätestens übermorgen habe ich die Kohle an die Ahmert überwiesen.»
Wir fahren zu mir. Antje ist erschöpft, legt sich schlafen. Ich widme mich meinem Roman. Die Worte fließen aus meinem Kopf in die Tastatur, als stünde ich mit einer höheren Quelle der Inspiration in Verbindung. Einfach geil. Ich schreibe bis vier Uhr morgens. Dann ist es vollbracht. Die Memoiren eines Egels sind beendet. Ich platze vor Stolz, überlege mir, Antje zu wecken, um mit ihr anzustoßen. Doch sie schläft friedlich. Ich schaue sie an und bin voll Liebe. Sie glaubt immer an mich. Eigentlich führe ich ein schönes Leben. Ich nehme mir ein Herrenhäuser und lese auf dem Monitor meinen Roman. Treffend, zynisch, voller Weisheit. Das ist das Buch, auf das Literaturdeutschland gewartet hat. Beim dritten Kapitel dämmere ich weg. War ein harter Tag heute.

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