Donnerstag, Dezember 13, 2012

Ein schwieriger Patient 3



Ich esse gern. Das ist vermutlich erblich bedingt. Mein Vater hat gerne gegessen und mein Großvater, den ich nicht kennenlernen durfte, vermutlich auch. Leider ist das Oststadt-Krankenhaus eine kulinarisch befreite Zone. Zumindest für mich. Über den Tropf erhalte ich alle lebenserhalten Stoffe, selbst Flüssigkeit. Wenn Patient den ganzen Tag nichts zu tun hat, wäre Essen eine willkommene Abwechslung. Ich frage bei der morgendlichen Visite vorsichtig beim Arzt an.
»Stimmt. Gut, dass Sie fragen. Eigentlich könnten Sie wieder Nahrung zu sich nehmen. Erst einmal aber nur Suppe und Joghurt.«

Besser als nichts. Aber an diesem Tag steht eine weiteres Highlight bevor. Schwester Andrea wird während der Verteilung der Trombosespritzen von einem Handyanruf gestört. Sieht nicht sehr erfreut aus.
»Wir ziehen um«, eröffnet sie uns anschließend. »In einer halben Stunde muss das Zimmer leer sein. Eine MRSA-Patientin wird aus der Notaufnahme auf unsere Station verlegt.«
»Was ist dieses MRSA?«, frage ich.
»Eine antibiotikumsresistente bakterielle Infektion.«
»Fängt man sich vor allem in Krankenhäusern ein. Das ist kein Kindergeburtstag«, weiß Zimmernachbar Götel. Er wird heute entlassen, worüber er sichtlich froh ist.
Ich schlucke erst einmal. Selbst James versteht trotz fehlender Sprachkenntnisse, dass diese Erkrankung uns alle gefährden könnte. Er hält sich den Hals und bettelt »Schwester, Smörtsmiddel.« Kriegt er auch.
James wird in seinem Bett in den Nachbarraum geschoben. Ich darf mit meinem Chemikaliengalgen selber rüber schleichen. Ein schickes Sechs-Bett-Zimmer erwartet uns. Wird immer besser. Zum Glück ist nur ein Bett belegt.
»Hallo, ich bin der Eduard«, stellt sich ein Mann in meinem zarten Alter vor. »Ich musste vor einem halben Jahr meinen Nabeldurchbruch operieren lassen. Reine Routine. Dabei hat mir der übermüdete Chirurg den Darm angeschnitten. An 3 Stellen. Mittlerweile bin ich neunzehn Mal nachoperiert worden. Sie schaffen es nicht, mich wieder zusammenzuflicken.«
»Kunstfehler?«
»Meine Schuld. Ich habe wie jeder unterschrieben, dass Fehler bei der Operation passieren können. Die Ärzte meinen, es wäre mein Problem. Aber aus Kulanz behandeln sie mich weiter.«
Mir wird anders. Vielleicht es doch besser, den Krankenhausaufenthalt Drogen vernebelt vorbeigleiten zu lassen, als immer neue Schauerlichkeiten hören zu müssen. Es scheint genauso wichtig zu sein, das Krankenhaus zu überleben, wie die ursprüngliche Krankheit.

Das Essen wird aufgetischt. Pünktlich erscheint James' Frau. Die kümmert sich wirklich liebevoll um ihren Mann. Während James genussvoll einen Gyrosteller verspeist, verstaut sie all die mitgebrachten Fressalien.
»Mein James, war ein Kerl wie ein Baum. Er hat hundertzwanzig Kilo gewogen. Und heute? Ein Häufchen Elend, das gerade einmal fünfundneunzig auf die Waage bringt.« Ich nicke verständnisvoll.
»James, ich war heute bei der Grundeigentümerversammlung. Da gab es Braunkohl und das Bier, das du immer so gerne trinkst. Da habe ich für dich etwas abgezweigt. Kannst heute Abend in dein Nachttischfach schauen. Deine Hähnchenkeulen sind in der Tüte vom Metzger.«
»Jetzt essen«, röhrt James, denn der Gyrosteller ist bereits verputzt.

Eduard bekommt ebenfalls Suppe, die augenblicklich in einen seiner drei Katheder-Beutel läuft.
»Ich esse nur, um nicht aus der Übung zu kommen«, grinst er. Seine gute Laune ist angesichts der gesundheitlichen Lage bewundernswert.

Nun widme ich mich meinem Essen. Ich habe Spargelcremesuppe bestellt. Die schmeckt eigentlich immer. Ich hätte noch Zucchini-, Tomaten- oder  Gemüsemixsuppe wählen können. Aber ich bleibe noch ein paar Tage hier.
Ich nehme den ersten Löffel und unterdrücke den Impuls, alles wieder zurück zu spucken. Was ist denn das? Ein schleimiger, versalzener Chemiemix, der noch nicht einmal neben einem Spargel im Lager gestanden hat.
Zum ersten Mal während meines Aufenthalts drücke ich die Klingel. Nach 10 Minuten kommt Pfleger Markus.
»Und?«, fragt er gereizt.
»Ich bin eigentlich nicht besonders wählerisch, aber dieses Zeug kriege ich nicht runter. Das hat mit Gemüsesuppe nichts zu tun.«
Er blickt mich mitleidig an. »Sie sind wohl einer von diesen ganz schwierigen Patienten. Was erwarten Sie denn? Das ist ein Krankenhaus. Noch nie einen Fernsehbericht über Verpflegung in Krankenhäusern gesehen? Vollstes Verständnis. Am besten schmeckt meiner Meinung nach die Zucchinisuppe. Da ist natürlich auch kein Gemüse drin. Die schmeckt nach irgendwas und ist grün. Aber wie gesagt: Die lässt sich noch so gerade essen.«

Ich verzichte und bitte darum, wieder an den Ernährungstropf angeschlossen zu werden. Lehnt er ab. Innerlich entwickle ich Aggressionen. Vor allem, weil der Duft von James‘ Braunkohl zu mir rüber zieht. Ich überlege: Seine Frau ist nach Hause gefahren. Ich bin selbst im momentanen Zustand stärker als ein fast Achtzigjähriger. Da könnte ich doch… Nein, ich schäme mich vor mir selber für meine kriminellen Gedanken.

Unsere WG bekommt Zuwachs. Ein hamburgerisch sprechender Dialysepatient mit einem altersbefleckten Gesicht. Dabei ist er gerade mal fünfzig, wie er sofort erzählt. So stelle ich mir Methusalems Großvater vor. Wir geraten gleich aneinander. Da er permanent niest, sage ich »Gesundheit, da hat die Erkältung Sie aber schwer erwischt.« Ich dachte, das wäre freundlich. Denkt er aber nicht.
»Sind Sie komplett verrückt. Das ist doch keine Erkältung! Das liegt an den Wassertabletten. Erkältung, sowas Bekloppten habe ich noch nie gehört. Gehen Sie mir weg, Sie Besserwisser.«
Im Geiste erkläre ich unsere Freundschaft für beendet, bevor sie begonnen hat. Als nächstes beehrt uns Arno.

»Ich bin Epileptiker, dreißig Jahre an der Nadel und HIV positiv. Ich will hier meinen Magen durchchecken lassen.«
Alle denken dasselbe. Ein Junkie auf kaltem Entzug. Das könnte Probleme geben.
»Woher weißt du denn, dass du HIV positiv bist?«, fragt schließlich Eduard.
»Ich hatte so eine Fixerfreundin. Mit der habe ich mal aus Versehen gepoppt. Und irgendwann im Krankhaus haben mir die Ärzte gesagt, Herr Pohl, Sie haben da was. Kein Ding.«
»Hast du es mit Methadon probiert?«
»Ach, nö. Das mag ich nicht. Schließlich kann ich nur einen Tod sterben, da ist es egal woran.«
»Ich mag euch Brüder nicht. Ihr seid Abschaum«, keift der Hamburger neben mir.
Arno schaut nur stoned aus der Wäsche. Dann erblickt er James‘ Braunkohl. »Ich habe noch überhaupt nichts gegessen. Kann ich etwas abhaben?«
»Herkomm, ich geb dir«, strahlt James. Mensch, hätte ich nur eher gefragt. So schaufelt sich Arno den Rest von James‘ Nachtisch hinter die Kiemen und staubt noch eine Hähnchenkeule ab. Dann geht er rauchen.

Zum Abendessen bekomme ich Milchsuppe. Riecht ekelerregend. Arno raucht noch immer draußen in der Kälte. Meine Chance.
»Hast du vielleicht noch eine Hähnchenkeule übrig, James?«
»Ich Smörtsmiddel, du chicken.«
Ich tausche gern. Auch wenn ich ein schwieriger Patient bin, ist für einen Moment meine Welt wieder in Ordnung. Zum Nachtisch leere ich ein Bier. So lässt es sich selbst im Oststadt-Krankenhaus aushalten.

Mittwoch, Dezember 12, 2012

Ein schwieriger Patient 2



Ich bin wirklich ein schwieriger Patient. Vielleicht liegt das an meinen westfälischen Wurzeln. Ich bin ein ungeselliger Typ, der gern für sich alleine in den Untiefen seiner Gedanken rumwatet. Natürlich liebe ich meine Familie über alles. Wenn ich meine Frau sehe, geht für mich die Sonne auf. Der Anblick meines Sohnes lässt mich heller strahlen als ein japanisches Atomkraftwerk. Das reicht mir allerdings schon. Natürlich schlürfe ich gerne in Autorenkollegen Kerschkamps Kellerbar süffigen Rotwein oder erörtere mit Joe in Charlies Eck die weltpolitische Lage. Aber ein Dreibettzimmer ist definitiv mit 2 Personen überbelegt. Hätte ich nur die Zusatzversicherung für ein Einzelzimmer abgeschlossen.

Ich muss allerdings zugeben, dass Herr Götel ein feiner Kerl ist. Vor seiner Pensionierung hat er als Braumeister bei Herrenhäuser die Qualität des besten Hannöverschen Bieres sichergestellt. Ein wichtiger Job. Nun spielen seine Nieren verrückt, was aber nicht an übermäßigem Biergenuss liegt. Er trinkt nämlich nur Rotwein.

Schwierigkeiten habe ich eher mit James. Der stammt aus der Karibik, hat die erste Hälfte seines Lebens in London verbracht, die zweite in Hannover. Leider spricht er ein für mich unverständliches Deutsch. Daher probiere ich es mit Englisch. Er schaut mich erstaunt mit seinen braunen Rehaugen an, als hätte das Krankenhausbett zu ihm gesprochen. Okay, Englisch ist auch nicht sein Ding. Ein armer Tropf. Schwaches Herz, versagende Nieren, astronomische Zuckerwerte. Dennoch verspeist er den ganzen Tag Hähnchenkeulen, die ihm seine Freu mitbringt, damit er wieder zu Kräften kommt. Ich hingegen erhalte nach 3 Operationen in 4 Tagen und einer Woche Intensivstation nur einen intravenösen Chemiemix.
»Jetzt gibt es Lecker-Lecker, Herr Bresser«, begrüßt mich Schwester Bonnie, als sie eine neue Lösung an meinen Chemikaliengalgen an klemmt. Nur weil ich krank bin, muss sie nicht in Baby-Sprache mit mir schnacken.
»Ich nehme Pommes Currywurst mit ein wenig Majo. Dazu ein Pils.«
Sie schaut mich mitleidig an. Und James‘ Hähnchenkeulen duften. Hmm. Das nehme ich ihm aber nicht übel. Anstrengend hingegen sind seine permanenten Rufe nach dem Pflegepersonal. Besonders in der Nacht.

»Schwester! Ich Smörtsmiddel.«
»Bitte?«
»Er möchte Schmerzmittel«, übersetze ich um 4 Uhr morgens gerne. James entdeckt in Nacht auch immer neue medizinische Notlagen. Er verlangt nach einem Ohrenarzt, einem Hautspezialisten oder duscht ganz einfach zu ungewöhnlichen Tages- bzw. Nachtzeiten. Und bis auf mich versteht ihn keiner. Das schlaucht ganz schön. Er unterstellt dem Pflegepersonal, seine Anliegen absichtlich zu ignorieren. Ein durchaus begründeter Verdacht, schließlich lässt sich niemand gerne als »Arschloch« oder »Bastard« titulieren. Nur weil die Dialyseabteilung nicht um kurz nach Mitternacht für James geöffnet werden kann. Faulpelze, pflichte ich ihm bei.

Der Stress geht los, als Steffi mich besuchen kommt. Sie wirkt blass und übermüdet. Kein Wunder, berufliche Selbstständigkeit und schulpflichtiges Kind  sind anstrengend genug, und jetzt der Mann im Krankenhaus on top. Das kann keiner brauchen.

Steffi holt ein Notizbuch aus der Tasche.
»Als ich gestern aus dem Krankenhaus nach Hause gekommen bin, musste ich bis dreiundzwanzig Uhr telefonieren. Grüße von deiner Mutter, deinen Schwestern, Tante Trudi und Onkel Ingo, Kerschkamp, Joe, den Wiemers, meiner Mutter, meiner Schwester, Gerda und Hans-Wilhelm sowie den Schneiders.«
»Oh, danke. Wer sind Gerda und Hans-Wilhelm?«
»Deine Cousine zweiten Grades aus Extertal.«
»Die haben uns einmal besucht. Da war ich 4.« Verzweifelt versuche ich mich an ein Gesicht zu erinnern.
»Deine Mutter hat sie angerufen. Gerda ist doch Krankenschwester. Die war ganz entsetzt, wie sie mit dir hier umspringen.«
»Ist doch ganz okay. Mir geht es den Umständen entsprechend gut«, beteure ich.
»Aber es könnte dir besser gehen, sagt Gerda. Sie wird dich besuchen und die Ärzte richtig auf den Pott setzen.«
Mühsam richte ich mich auf.
»Ich habe keine Kraft für Streitigkeiten. Ich muss mich erholen.«
»Die Wiemers, Onkel Ingo und Joe wollen dich auch besuchen. Joe trinkt zwar nicht mehr, aber dir will er eine Kiste Herrenhäuser ins Krankenhaus schmuggeln. Onkel Ingo möchte dir auf der Ukulele indische Gesundheitsmantras vorspielen. Dann wärst du sofort geheilt. Die Wiemers denken, eine Partie Mensch ärgere dich nicht täte dir gut.«

»Keine Besuche. Und wenn, dann für höchstens eine halbe Stunde«, stöhne ich. »Ich brauche wirklich nur Ruhe.« Da sage ich zwar immer, wenn wir irgendwo eingeladen sind, aber diesmal stimmt es wirklich. Sonst besuchen mich die meisten dieser Leute auch nicht. Warum jetzt, wo ich noch weniger Gesellschaft gebrauchen kann als sonst. Steffi verspricht, sich fünf Stunden freizuschaufeln, um alle wohlmeinenden Verwandten und Bekannten über die Besuchsregelung zu informieren. Ich bin sehr dankbar.

Leider bleibe ich nicht lange alleine.
»Halli, hallo, hallöle. Wie geht es denn unserem armen Patienten?« Dieser Flummi im knallgelben Kleid könnte Gerda sein. Hans-Wilhelm, ein komplett schwarz gekleideter Gothic mit ausrasierter linker Scheitelhälfte, folgt ihr bedächtig. Leider bin ich zu sehr geschwächt, um auf der Stelle zu flüchten.
»Ich Smörtsmiddel, Schwester«, stöhnt James.
»Sie Armer, werden Sie hier nicht richtig versorgt? Bei uns Extertal wären Sie besser aufgehoben.« Gerda öffnet die Zimmertür und brüllt »Schwester, kommen Sie doch endlich!« in den Flur.
»Was denn?«, fragt Schwester Bonnie, nur leicht gereizt.
»Der Mann stirbt vor Schmerzen. Ich bin Kollegin aus Extertal. Da kümmern wir uns um unsere Patienten.«
»Herr Semisanan hat erst vor einer halben Stunde Medikamente bekommen. Seien Sie beruhigt. Es ist alles gut.«
»Unmöglich«, flüstert Gerda Schwester Bonnies Rücken hinterher.

»Leben kommt, Leben geht«, murmelt Hans-Wilhelm. »Die Wahrheit ist auf dem Friedhof.«
»Hans, nu lass mal«, maßregelt ihn Gerda. Aus unerfindlichen Gründen fühle ich mich wesentlich schlechter als heute Morgen.
»Nenn mich Evil Darkness. Mein alter Name liegt in der Gruft.« Hans kann auch laut, wundere ich mich.
»Werd nicht komisch. Außerdem sind wir wegen Micha hier.«
Ich stöhne demonstrativ auf. »Ich bin sooooo müde. Außerdem schmerzt mein Bauch. Längeren Besuch halte ich nicht aus.« Das ist sogar die Wahrheit.
»Ganz normal«, Gerda klopft mir auf den Bauch, was einen weiteren Schmerzensschrei hervorruft. »Entschuldige, mein Lieber. Das hätte mir als Schwester nicht passieren dürfen. Jedenfalls ist es bei so einer schwierigen Operation kein Wunder, dass du geschwächt bis. Immerhin bist du knapp dem Tod von der Schüppe gesprungen.«
»Ich beneide dich. Wie schaut der Tod aus?«, fragt Evil Darkness.
»Nicht, wie man sich vorstellt. Eher wie ein Hippi. Sehr bunt, sehr ungepflegt. Er hat Yellow Submarine gepfiffen«, behaupte ich.
 »Nicht wahr!«, staunt Hans.

»Nun wollen wir die Caféteria besichtigen. Kommst du mit?«, fragt Gerda.
Ich zeige auf die Schläuche, die meinen Körper verlassen.
»Dann trinken wir ein Käffchen mit auf dich, Cousin.«
Sie verlassen unser Zimmer. James blickt mich fragend an. »Verrückte?«
»Bauern aus Ostwestfalen. Ganz schlimm Verrückte. Hast du noch Schmerzmittel übrig?«
Hat er. Damit ist alles leichter zu ertragen.

Ich telefoniere mit Steffi. Ab sofort empfange ich keinerlei Besuche am Krankenbett. Außer den inneren Familienkreis, das müssen die anderen aber nicht wissen. Ich bin halt ein schwieriger Patient.

Dienstag, Dezember 11, 2012

Ein schwieriger Patient



Gesundheit ist mir wichtig. Zumindest seit drei Monaten. Da erzählte mein Kumpel Joe in Charlies Eck, dass er zu einer Heilpraktikerin ginge. Fand ich erst einmal seltsam.
»Schau auf meinen Kopf«, sagte Joe. Tatsächlich. Wo vor vierzehn Tagen noch eine kahle Steppe gähnte, sprossen nun braune Härchen.
 »Was ist passiert?«, fragte ich. »Ist das ein Toupet?«
»Von wegen. Ich bin zu Sibylle Wägrich, einer Heilpraktikerin, gegangen. Die hat meine Ernährung umgestellt, gibt mir homöopathische Medikamente und motiviert mich. Seitdem fühle ich mich dreißig Jahre jünger.«
»Ha«, sage ich. »Und trotzdem haust du dir die Hefeweizen rein? Oder gehören die zur Therapie?«
»Naturtrüber Apfelsaft. Frag Charlie. Alkohol gehört meiner finsteren Vergangenheit an. Nun lebe ich im Licht.«
Unser Stammtisch endete kurz darauf. Joes Licht schien mir einfach zu hell.

»Du bist einfach nur neidisch«, belehrte mich meine Frau.
»Worauf neidisch? Ich habe noch alle Haare«, protestierte ich.
»Und deine Geheimratsecken? Außerdem schadet dir eine gesündere Lebensweise nicht. Du warst schon fitter.«
Da hat sie zweifellos recht. Also vereinbare ich einen Termin mit Sybille. Bereits eine Woche später gehören Alkohol, Nikotin und Süßigkeiten auch meiner finsteren Vergangenheit an. Fleisch, Kaffee und Rockkonzerte meide ich. Ebenso anregende Tees,  Gekochtes und Punkkonzerte. Dafür trinke ich nach Kuhmist schmeckende Aufgussgetränke, verschlinge Rohkost und lausche CDs mit rauschenden Flüssen. Besonders gut gefällt mir die Donau. Klingt nach einem harten Programm, ist es auch. Dennoch fühle ich mich besser. Bis gestern.

In der Nacht krampft sich mein Bauch zusammen, gleichzeitig wird mir übel. Am Morgen drauf ist die Übelkeit verschwunden. Allerdings schmerzt der Bauch, wenn ich mich bewege. Also bleibe ich erst einmal im Bett liegen. Um sechzehn Uhr kommt unser Sohn nach Hause.   
»Wie lange willst du noch liegenbleiben?«
»Bis es mir besser geht.«
»Wann geht es Dir besser?«
»Wenn der Bauch nicht mehr schmerzt.«
»Du liegst bereits seit gestern Abend im Bett«, stellt Marten fest. »Vielleicht solltest du zu Sybille gehen.«
Nein, nicht zu Sybille. Wenn ich trotz ihrer Rosskur krank werde, zieht sie härtere Seiten auf. Das hat sie mir bereits angekündigt. Ich mag mir nicht ausmalen, wie diese aussehen mögen.
»Bei akuten Problemen ist ein traditioneller Mediziner besser. Der weiß was er tut und therapiert nicht wild drauf los«, behaupte ich.
»Dann geh hin«, beendet Marten das Gespräch und widmet sich lieber seiner Legoeisenbahn.

Ich suche die Adresse eines Allgemeinmediziners aus meiner Nähe im Internet, ziehe mich an und schlurfe los. Eine halbe Stunde später sitze ich in Dr. Maurers Behandlungszimmer. Ich schildere meine Symptome.
»Das könnte vieles sein«, stellt Maurer fest. »Geben Sie uns eine Urinprobe.«
Ich setze mich mit einem Plastikbecher auf Toilette. Es kommt nichts. Bekomme ich nun keine Diagnose?
»Alles in Ordnung?«, ruft eine Sprechstundenhilfe durch die Klotür.
»Ich kann nicht.«
»Nicht gut. Sie sind ein schwieriger Patient.«
Aha, kann ich doch nichts für.
Wieder im Sprechzimmer sagt Dr. Maurer zu mir: »Kein Problem. Allerdings sind meine Diagnosemöglichkeiten erschöpft. Bitte gehen Sie ins Krankenhaus in die Notaufnahme. Die werden Ihnen weiterhelfen.«

Kurz darauf stehe ich in der Kälte, in der Hand eine Überweisung ins Krankenhaus. Mein Buch schmerzt beim Laufen und ich tue mir selber Leid. Ich jammere etwas vor mich hin, doch kein Passant hält an und erkundigt sich nach meinem Schlechtbefinden. Es hilft alles nichts. Ich rufe mir ein Taxi und lasse mich zum Oststadtkrankenhaus befördern. Auch der Taxifahrer ignoriert meine um Mitleid bettelnden Blicke und schaut starr auf die Fahrbahn.
»Mir geht es heute nicht so gut. Bauch«, erkläre ich. »Daher muss ich ins Krankenhaus.«
»Die Roten spielen sich zurzeit eine Scheiße zusammen, was.«
»Mal schauen, ob ich den heutigen Tag noch überlebe.«
»Die sollten mit Slomka schleunigst verlängern, wenn Sie mich fragen.«
Als wir am Krankenhaus angekommen sind, gebe ich ihm kein Trinkgeld. Wenn ich mich über Fußball unterhalten will, fahre ich kein Taxi sondern gehe zum nächsten Kiosk. Idiot.

Im Krankenhaus nimmt mich Pflegeschüler Dennis in Empfang. Er stellt mir jede Menge Fragen.
»Gewicht? Größe? Krankheiten? Krankheiten in der Familie?«
Geht ihn nichts an. Er nickt nur gleichmütig. »Sie sind krank, nicht ich. Geben Sie uns eine Urinprobe.«
Nicht schon wieder. Ich sitze wieder mit einem Plastikbecher auf Toilette und fühle mich blockiert.
»Alles in Ordnung, Herr Bresser?«, schallt es durch die Tür.
»Klappt nicht«, bekenne ich frustriert. »Vielleicht kann ich was trinken? Das wäre förderlich«
»Geht nicht«, brüllt Dennis durch die Tür. »Bevor Sie operiert werden, dürfen Sie nichts trinken. Wenn Sie nicht pinkeln können, ist es nicht weiter schlimm.«
Nun weiß das ganze Krankenhaus über meine Urinierhemmung Bescheid. Super. Und wieso operieren? Sollte nicht vorher eine Diagnose gestellt werden?

Richtig. Darum kümmert sich Dr. Schmauch, ein kreidebleicher Assistenzarzt mit schulterlangen schwarzen Haaren und rumänischem Akzent. Erinnert mich an eine Dracula-Verfilmung mit Bela Lugosi. Der Mann ist mir unheimlich.
»Was genau ist Symptom?«
»Wenn ich mich bewege, fühlt sich mein Bauch unangenehm an.«
»Sie leiden Schmerzen?«
»Ein unangenehmes Gefühl, keine richtigen Schmerzen.«
»Aha.«
Dr. Schmauch tastet meinen Bauch ab. Dabei drückt er so fest, dass ich aufstöhne.
»Oho«, freut der sich. »Doch Schmerz!«
»Eher unangenehm.«
Dr. Schmauch schüttelt den Kopf. »Sie müssen entscheiden. Sonst keine Diagnose. Sie sind schwieriger Patient.«
Das höre ich heute zum zweiten Mal. Schmauch reibt meinen Bauch mit schmieriger Paste ein und führt eine Sonde über meinen Bauch. Währenddessen murmelt er grimmig vor sich hin.
»Und?«, frage ich schließlich.
»Ich sehe nichts. Spreche mit Oberarzt.«

Der steht kurz darauf an meiner Liege. Ein solariumgebräunter Sonnyboy im Jogginganzug.
»Ich bin Dr. Kaltenbach. Entschuldigen Sie meinen Aufzug, ich bin eigentlich bereits im Feierabend. Wo ist das Problem?«
»Schwierig Patient. Kann nicht sagen, ob Schmerzen hat. Bei Sonographie habe ich nichts entdeckt.«
»Ich glaube nicht, dass ich mehr als du entdecke«, sagt Kaltenbach. Das macht Hoffnung. Zehn Minuten später hat auch er meinen ganzen Bauch abgetastet. Der Monitor hat nichts gezeigt.
»Gab es schon mal Probleme in Ihrer Familie mit dem Bauch?«, fragt er.
Was haben die Bauchschmerzen meiner Eltern mit mir zu tun.
»Nicht, dass ich wüsste«, antworte ich dennoch brav.
»Okay, Herr Bresser. Wir haben 2 Möglichkeiten. Wir können Ihnen auf Verdacht Antibiotika geben. Sollte aber etwas Akutes vorliegen, könnte sich ihr Zustand verschlimmern. Oder wir öffnen Ihren Bauch und schauen, was dort los ist. Das ist zweifelslos die bessere Alternative.«
Klingt beides nicht gut. Aber die Operation scheint unausweichlich.
»Eine super Entscheidung«, freut sich Kaltenbach. »Dr. Schmauch bereitet sie auf den Eingriff vor.«

Der stellt mir die gleichen Fragen, die ich bereits Pflegeschüler Dennis beantwortet habe. Vorerkrankungen, Erkrankungen in der Familie, Allergien. Wenn das so weiter geht, kann ich auf Vollnarkose verzichten. Ich werde immer schläfriger.
Dann werden mir diverse Löcher in die Arme gestochen, Blut abgezapft.
»Möchten Sie eine Scheiß-Egal-Pille?«, fragt mich Dennis.
»Ach, nö. Ich bekomme noch genug Chemie.«
Dann schiebt er mich in die Anästhesie. Unterwegs erfahre ich, dass er in Vahrenwald zusammen mit seiner Freundin lebt. Die heißt Andrea und arbeitet als PTA. Er fragt mich noch diverse Dinge über meine Frau, meinen Sohn und unsere Wohnung. Wie in Trance antworte ich, obwohl ich nicht verstehe, warum meine Antworten für die Operation wichtig sind.
In der Narkosestation muss ich kräftig durch eine Sauerstoffmaske atmen. Währenddessen tropft eine durchsichtige Flüssigkeit über einen Schlauch in meine Vene. In meinem Kopf spielen die Beatles Sergeant Pepper. Dazu grelle Farben und haarige Pilzköpfe. Und das, wo ich die Beatles hasse.

Als ich aufwache ist helllichter Tag. Ich liege in einem Krankenhauszimmer, eine Ärztearmee umringt mein Bett. Träume ich noch?
»Da ist er wieder unter den Lebenden, der Herr..«, ein rundlicher Arzt schaut auf das Namensschild an meinem Bett. »…Bresser. Da haben Sie sich ein schönes Ding eingefangen. Blinddarmdurchbruch mit Bauchfellentzündung. Heute Abend öffnen wir Ihren Bauch erneut.« Er klopft mir jovial aufs Bein. »Mal schauen, ob da wieder alles in Ordnung ist. Kein Grund zur Panik. Manchmal muss man in solchen Fällen bis zu 10 Mal nachoperieren. Sie sind halt ein schwieriger Patient.«
Seine Gefolge nickt andächtig. 

In diesem Moment sehne ich mich nach Sybille zurück. Die fand mich nie schwierig.

Samstag, Dezember 08, 2012

Den Letzten beißt das Schwein


Unser neuer Münsterland-Krimi mit Dieter Nannen ist überall vorbestellbar:

Detektiv Dieter Nannen soll von seinem Vater eine halbe Million Euro erben. Leider ist diese Erbschaft an eine Bedingung geknüpft: Nannen muss den Detektivjob an den Nagel hängen. Da in seiner Kasse Ebbe herrscht, stimmt er zähneknirschend zu und heuert als Buchhalter auf einem Ferienbauernhof an. Doch schon bald stolpert er über die erste Leiche. Zwar ist es nur ein totes Kaninchen, aber Mord ist Mord – und sein Jagdinstinkt geweckt. Als kurz darauf ein Attentat auf Bauer Rexforth verübt wird, gerät ein ungeheuerlicher Fall ins Rollen.

Natürlich ist dieser witzige und spannende Roman auch bei euren lokalen Buchhändlern erhältlich.Viel Spaß beim Lesen. Wir freuen uns.

Dienstag, Dezember 04, 2012

Ich bin doch nicht der Weihnachtsmann

Jeder Mensch braucht Vorbilder, selbst ich. Ephraim Kishon schrieb unvergleichbar komische Geschichten mit zeitlosem Humor. Zu ihm schaue ich gerne auf. Mahatma Gandhis gewaltloser Widerstand hat zum Ende der britischen Kolonialherrschaft in Indien beigetragen. Ich wäre froh, wenn meine Texte nur ein Hundertstel Promille bewirken würden. Mahatma ist mein Held. Ein weiteres Vorbild ist mein Freund Andreas Schmidt. Der versteht es, Geld anzuziehen und bei sich zu behalten. Ein insbesondere für Autoren nicht zu unterschätzende Eigenschaft. Andi ist personifizierter Erfolg. Da in seinem Unternehmen noch weitere Andreas Schmidts beschäftigt sind, wurde ihm die Mailadresse andreas.schmidt248@telecom.de zugeteilt. Er schrieb sofort eine Beschwerde an die Konzernleitung, dass ihm bei seiner Arbeitsleistung andreas.schmidt1 zustehen würde. Und die gab ihm recht. Allerdings konnte aus organisatorischen Gründen die Adressen nicht getauscht werden. Aber zweitausend Euro Schmerzensgeld im Monat sind auch nicht zu verachten. Andi und Kerstin wohnen in Waldhausen. Wer diesen Hannoveraner Stadtteil kennt, empfindet Schwabing und Blankenese als soziale Brennpunkte. Die Millionen-Villa von Ex-Kanzler Schröder wird von den Nachbarn hinter vorgehaltener Hand als sozialer Wohnungspfusch bezeichnet. Immer brachte Gerhard eine Armee von Personenschützern ins Viertel. Das gefällt den paranoiden Waldhausenern. Selbst die Gullideckel sind dort mit Stacheldraht und Selbstschussanlagen ausgestattet. Andi hat die Villa im Park auf einer Zwangsversteigerung für einen Appel ohne Ei hinterhergeschmissen bekommen. Diesen Geschäftsinn besäße ich auch gerne. Heute heiraten Andi und Kerstin. Die standesamtliche Trauung fand am Morgen ohne Gäste im Alten Rathaus statt. »Sekt und Schnittchen am Morgen verursachen frühzeitigen Kater. Das will keiner«, erklärt mir Andi. Die Hochzeitsfete findet in einer Schrebergartenkolonie statt. Andis Vater gehört dort eine Parzelle. Auf dem Gelände hat Andi ein Bierzelt aufgestellt. Asiatische Lampions mit Drachen und Geishas dekorieren die Räumlichkeit. Die wurden bestimmt im Ein-Euro-Shop verramscht. Warum nicht. Die Atmosphäre ist ruhig und entspannt. Ich kenne viele Gäste. Ärzte, Manager, Professoren. Wenn es dazu nicht gereicht hat, haben sie wenigstens ein juristisches Examen in der Tasche. »Die Getränke sind Produktionsüberschüsse. Die habe ich für einen Spottpreis bekommen. Das Büffet war auch ein Schnäppchen. Der Hirsch ist zufällig vom LKW gefallen. Ich wette, so preiswert und stilvoll zugleich hat noch niemand geheiratet.« Andi zählt die Scheine meines Präsents und trägt die Summe zufrieden in ein Notizbuch ein. »Aber das Highlight ist DJ Tommek. Den habe ich inklusiv Anlage für schlappe hundert Euro gebucht. Der bietet ein speziell für meine Gäste zugeschnittenes Unterhaltungsprogramm. Und eine Überraschung hat er auch noch in petto. Was das ist, hat er noch nicht mal mir verraten.« Es fasziniert mich immer wieder, was Andi für kleinstes Geld auf die Beine stellt. Wir holen uns Hirsch mit Rotkohl und Preiselbeeren vom Buffet und schlemmen friedlich vor uns hin. Aus den Boxen säuselt Sinatras My Way. Alles ist schön bis… »Hallo Hannover! Seid ihr bereit für die Party des Jahres?«, dröhnt es aus den Boxen. Alle zucken zusammen, alle schweigen. Schließlich sind Teller und Münder gefüllt. »Hannover, ich höre nichts!« Das Schweigen wird leiser, bestimmt um 50 Dezibel. Alle bestaunen ihn gebannt. Als stünde eine Mischung aus Giraffe und Nilpferd auf der Bühne und würde die Heilige Schrift rezitieren. Rückwärts. Dann setzt entrüstetes Getuschel ein. Unser Sohn sagt »Ein lustiger Mann«. Der Meinung ist er allerdings alleine. »Ihr werdet heute feiern, bis die Schwarte kracht. Begrüßt meinen alten Freund Wollo.« Ein kleiner, dicker Mann im roten Bademantel hüpft neben Tommeks DJ-Pult. Er trägt eine quadratische Brille und eine Zipfelmütze auf dem Kopf. »Hallo Hannover! Seid Ihr da? Ich bin der Partygott. Wollt Ihr Party machen?« Wollen wir nicht, zumindest nicht mit Wollo und Tommek. Doch es handelt sich um eine rhetorische Frage, denn ohrenbetäubende Musik knallt durch den Raum. Und schon geht sie los: Die Polonaise Blankenese. Während Wollo trällert, zieht Tommek die Leute von den Sitzen. Kartoffeln fallen auf den Boden, Bierschaum spritzt. Egal. Jetzt geht die Party richtig los. Doch gute Laune versprüht nur Tommek. Und der Bräutigam. Dessen kompletter Körper grinst. Die anderen hetzen mit verkniffenen Gesichtern hinter dem DJ her. Als er an unserem Tisch vorbeikommt, reißt er auch an mir. Doch ich hocke auf der Bank wie ein Fels. »Komm, sei kein Spielverderber«, herrscht mich Tommek an. »Ich habe keine Zeit für dich.« Seelenruhig beiße ich in eine Preiselbeere. Tommek mustert mich finster. »Das merke ich mir.« Gott sei Dank stoppt die Polonaise hinter Wuppertal, und es herrscht wieder Ruhe. Zumindest für zehn Sekunden. Dann singt Wollo in ohrenbetäubender Lautstärke seinen neusten Hit Ich bin doch nicht der Weihnachtsmann, der es allen Frauen besorgen kann. Die Erwachsenen schweigen pikiert, den Kindern scheint es allerdings zu gefallen. Sie bauen sich vor Wollo auf und klatschen dem Mann im roten Bademantel zu. Als Wollo geendet hat, will der DJ spielen. Er hat auch bereits einen Kandidaten auserkoren. »Mein schmaler Freund. Begleite mich doch bitte auf die Bühne.« Er grinst mich dreckig an. Das würde mich nur peripher tangieren, wenn nicht Andi aufmunternd brüllen würde »Micha, Micha.« Da kann ich schlecht nein sagen. »So, mein Junge. Das hier ist die Chantal, meine Freundin und Assistentin.« Eine Blondine mit Kylie-Minogue-Dauerwelle und offenem Dekolleté lächelt ins Publikum. Sie legt mir eine Binde über die Augen. Dann muss ich Sachen fühlen. Glitschiger Kram. Ah, Hirsch mit Preiselbeeren. Sehr lustig. Ich höre vereinzeltes Gelächter. Schleimige Flüssigkeit. Rate ich auch nicht. Slimy. Aha. Mittlerweile zweifele ich an Andis These, dass günstig immer das Beste ist. Zumindest ein bisschen. »Und wenn unser Micha jetzt das Richtiger errät, gewinnt er den Hauptpreis. Eine Karte für Wollos Konzert in Charlies Eck.« Super. Das freut mich aber. Chantal führt meinen Finger in eine glitschige Öffnung. Das ist doch nicht etwa… Nein, das kann nicht sein. Ich reiß mir die Binde von den Augen. Chantal dreht sich um und schließt die Hose. Vereinzeltes Gelächter. Ich fühle mich erniedrigt, was nicht oft vorkommt. »Auch das hat unser Micha nicht erraten. Schade. Gönn dir noch etwas Hirschkeule. Unser Wollo rockt die Party mit seinem Megahit Mach’s mir noch einmal Wollo.« Als ich bedröppelt zu meinem Platz schleiche, klopft mir Andi auf die Schulter. »War doch lustig, Micha. Mach nicht so ein Gesicht. Für hundert Euro liefert Tommek doch eine Riesenshow.« Wenn ich in die Gesichter der anderen Gäste schaue, fühlen die sich ähnlich gut amüsiert wie ich. Einige sprechen Andi an, doch der besänftigt und jubelt Tommek zu. »So, und jetzt bitte ich das glückliche Brautpaar auf die Bühne.« Andi und Kerstin wollen nicht, aber da haben sie die Rechnung ohne Tommek gemacht. Der schickt seinen Gehilfen Wollo los, der die beiden nach vorne zerrt. Auch ihre Augen werden verbunden. Ich gestehe, dass ich Andi diesen Spaß gönne. Warum soll nur ich blamiert werden. Diesmal geht es ums Schmecken. Salat wird sofort von beiden geraten. Als nächstes gibt es Regenwürmer. Bah. Mich wundert, dass die beiden noch nicht das Handtuch schmeißen. Sie wirken ziemlich angefressen. Dem Grinsen der übrigen Gäste nach zu urteilen, tut das niemandem leid. Chantal holt zwei längliche Gegenstände aus ihrem Beutel, präsentiert sie grinsend der Hochzeitsgesellschaft. Ein leidendes Stöhnen geht durchs Publikum. Ein neuer Höhepunkt. »Erst vorsichtig dran lecken, dann lutschen«, empfiehlt Tommek. Als Andi sich das Objekt in den Mund schiebt, lachen alle. Kaum zu glauben. Andi reißt sich die Binde von den Augen. »Du lässt mich einen Dildo lutschen?«, fragt er ungläubig. »Du wolltest Party, du bekommst Party, mein Freund«, strahlt Tommek. »Party, Party«, skandiert Wollo. »Jetzt geht die Luzie ab«, freut sich Chantal. »Von nun an gelten andere Regeln«, erklärt Andi. »Keine Spiele, keine deutsche Musik und kein Wollo-Auftritt. Haben wir uns verstanden?« »Ausgeschlossen. Du wolltest Party, du bekommst Party«, wiederholt sich Tommek. Dann flüstert er Andi etwas ins Ohr. Der nickt. Er hastet zum Geschenktisch, rafft diverse Scheine zusammen und drückt diese wenig später Tommek in die Hand. »Gut«, sagt dieser. »Ihr wollt es ja nicht anders. Ihr hättet die beste Party haben können, die Hannover je erlebt hat. Müsst ihr mit leben. Nicht mein Problem. Spaßbremsen.« Fortan läuft ein angenehmer Musik-Mix aus verschiedenen Jahrzehnten. Wollo und Chantall verlassen die Feier, DJ Tommek steht mit verschränkten Armen neben seiner Anlage. »Es hat mich tausend Euro gekostet, die Party dieses Wahnsinnigen zu stoppen«, seufzt Andi. »Manchmal ist billig die schlechte Alternative«, feixe ich. »Warum?«, fragt Andi erstaunt. »Der zweitgünstigste DJ hat tausendfünfhundert verlangt. Sollte ich noch einmal heiraten, würde ich Tommek wieder engagieren. Nur ohne Wollo.« Mittlerweile suche ich mir ein neues Vorbild für meine Finanzen. Dagobert Duck und Christian Wulff habe ich ebenfalls von meiner Liste eliminiert. Es ist nicht einfach.

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