Dienstag, Dezember 04, 2012

Ich bin doch nicht der Weihnachtsmann

Jeder Mensch braucht Vorbilder, selbst ich. Ephraim Kishon schrieb unvergleichbar komische Geschichten mit zeitlosem Humor. Zu ihm schaue ich gerne auf. Mahatma Gandhis gewaltloser Widerstand hat zum Ende der britischen Kolonialherrschaft in Indien beigetragen. Ich wäre froh, wenn meine Texte nur ein Hundertstel Promille bewirken würden. Mahatma ist mein Held. Ein weiteres Vorbild ist mein Freund Andreas Schmidt. Der versteht es, Geld anzuziehen und bei sich zu behalten. Ein insbesondere für Autoren nicht zu unterschätzende Eigenschaft. Andi ist personifizierter Erfolg. Da in seinem Unternehmen noch weitere Andreas Schmidts beschäftigt sind, wurde ihm die Mailadresse andreas.schmidt248@telecom.de zugeteilt. Er schrieb sofort eine Beschwerde an die Konzernleitung, dass ihm bei seiner Arbeitsleistung andreas.schmidt1 zustehen würde. Und die gab ihm recht. Allerdings konnte aus organisatorischen Gründen die Adressen nicht getauscht werden. Aber zweitausend Euro Schmerzensgeld im Monat sind auch nicht zu verachten. Andi und Kerstin wohnen in Waldhausen. Wer diesen Hannoveraner Stadtteil kennt, empfindet Schwabing und Blankenese als soziale Brennpunkte. Die Millionen-Villa von Ex-Kanzler Schröder wird von den Nachbarn hinter vorgehaltener Hand als sozialer Wohnungspfusch bezeichnet. Immer brachte Gerhard eine Armee von Personenschützern ins Viertel. Das gefällt den paranoiden Waldhausenern. Selbst die Gullideckel sind dort mit Stacheldraht und Selbstschussanlagen ausgestattet. Andi hat die Villa im Park auf einer Zwangsversteigerung für einen Appel ohne Ei hinterhergeschmissen bekommen. Diesen Geschäftsinn besäße ich auch gerne. Heute heiraten Andi und Kerstin. Die standesamtliche Trauung fand am Morgen ohne Gäste im Alten Rathaus statt. »Sekt und Schnittchen am Morgen verursachen frühzeitigen Kater. Das will keiner«, erklärt mir Andi. Die Hochzeitsfete findet in einer Schrebergartenkolonie statt. Andis Vater gehört dort eine Parzelle. Auf dem Gelände hat Andi ein Bierzelt aufgestellt. Asiatische Lampions mit Drachen und Geishas dekorieren die Räumlichkeit. Die wurden bestimmt im Ein-Euro-Shop verramscht. Warum nicht. Die Atmosphäre ist ruhig und entspannt. Ich kenne viele Gäste. Ärzte, Manager, Professoren. Wenn es dazu nicht gereicht hat, haben sie wenigstens ein juristisches Examen in der Tasche. »Die Getränke sind Produktionsüberschüsse. Die habe ich für einen Spottpreis bekommen. Das Büffet war auch ein Schnäppchen. Der Hirsch ist zufällig vom LKW gefallen. Ich wette, so preiswert und stilvoll zugleich hat noch niemand geheiratet.« Andi zählt die Scheine meines Präsents und trägt die Summe zufrieden in ein Notizbuch ein. »Aber das Highlight ist DJ Tommek. Den habe ich inklusiv Anlage für schlappe hundert Euro gebucht. Der bietet ein speziell für meine Gäste zugeschnittenes Unterhaltungsprogramm. Und eine Überraschung hat er auch noch in petto. Was das ist, hat er noch nicht mal mir verraten.« Es fasziniert mich immer wieder, was Andi für kleinstes Geld auf die Beine stellt. Wir holen uns Hirsch mit Rotkohl und Preiselbeeren vom Buffet und schlemmen friedlich vor uns hin. Aus den Boxen säuselt Sinatras My Way. Alles ist schön bis… »Hallo Hannover! Seid ihr bereit für die Party des Jahres?«, dröhnt es aus den Boxen. Alle zucken zusammen, alle schweigen. Schließlich sind Teller und Münder gefüllt. »Hannover, ich höre nichts!« Das Schweigen wird leiser, bestimmt um 50 Dezibel. Alle bestaunen ihn gebannt. Als stünde eine Mischung aus Giraffe und Nilpferd auf der Bühne und würde die Heilige Schrift rezitieren. Rückwärts. Dann setzt entrüstetes Getuschel ein. Unser Sohn sagt »Ein lustiger Mann«. Der Meinung ist er allerdings alleine. »Ihr werdet heute feiern, bis die Schwarte kracht. Begrüßt meinen alten Freund Wollo.« Ein kleiner, dicker Mann im roten Bademantel hüpft neben Tommeks DJ-Pult. Er trägt eine quadratische Brille und eine Zipfelmütze auf dem Kopf. »Hallo Hannover! Seid Ihr da? Ich bin der Partygott. Wollt Ihr Party machen?« Wollen wir nicht, zumindest nicht mit Wollo und Tommek. Doch es handelt sich um eine rhetorische Frage, denn ohrenbetäubende Musik knallt durch den Raum. Und schon geht sie los: Die Polonaise Blankenese. Während Wollo trällert, zieht Tommek die Leute von den Sitzen. Kartoffeln fallen auf den Boden, Bierschaum spritzt. Egal. Jetzt geht die Party richtig los. Doch gute Laune versprüht nur Tommek. Und der Bräutigam. Dessen kompletter Körper grinst. Die anderen hetzen mit verkniffenen Gesichtern hinter dem DJ her. Als er an unserem Tisch vorbeikommt, reißt er auch an mir. Doch ich hocke auf der Bank wie ein Fels. »Komm, sei kein Spielverderber«, herrscht mich Tommek an. »Ich habe keine Zeit für dich.« Seelenruhig beiße ich in eine Preiselbeere. Tommek mustert mich finster. »Das merke ich mir.« Gott sei Dank stoppt die Polonaise hinter Wuppertal, und es herrscht wieder Ruhe. Zumindest für zehn Sekunden. Dann singt Wollo in ohrenbetäubender Lautstärke seinen neusten Hit Ich bin doch nicht der Weihnachtsmann, der es allen Frauen besorgen kann. Die Erwachsenen schweigen pikiert, den Kindern scheint es allerdings zu gefallen. Sie bauen sich vor Wollo auf und klatschen dem Mann im roten Bademantel zu. Als Wollo geendet hat, will der DJ spielen. Er hat auch bereits einen Kandidaten auserkoren. »Mein schmaler Freund. Begleite mich doch bitte auf die Bühne.« Er grinst mich dreckig an. Das würde mich nur peripher tangieren, wenn nicht Andi aufmunternd brüllen würde »Micha, Micha.« Da kann ich schlecht nein sagen. »So, mein Junge. Das hier ist die Chantal, meine Freundin und Assistentin.« Eine Blondine mit Kylie-Minogue-Dauerwelle und offenem Dekolleté lächelt ins Publikum. Sie legt mir eine Binde über die Augen. Dann muss ich Sachen fühlen. Glitschiger Kram. Ah, Hirsch mit Preiselbeeren. Sehr lustig. Ich höre vereinzeltes Gelächter. Schleimige Flüssigkeit. Rate ich auch nicht. Slimy. Aha. Mittlerweile zweifele ich an Andis These, dass günstig immer das Beste ist. Zumindest ein bisschen. »Und wenn unser Micha jetzt das Richtiger errät, gewinnt er den Hauptpreis. Eine Karte für Wollos Konzert in Charlies Eck.« Super. Das freut mich aber. Chantal führt meinen Finger in eine glitschige Öffnung. Das ist doch nicht etwa… Nein, das kann nicht sein. Ich reiß mir die Binde von den Augen. Chantal dreht sich um und schließt die Hose. Vereinzeltes Gelächter. Ich fühle mich erniedrigt, was nicht oft vorkommt. »Auch das hat unser Micha nicht erraten. Schade. Gönn dir noch etwas Hirschkeule. Unser Wollo rockt die Party mit seinem Megahit Mach’s mir noch einmal Wollo.« Als ich bedröppelt zu meinem Platz schleiche, klopft mir Andi auf die Schulter. »War doch lustig, Micha. Mach nicht so ein Gesicht. Für hundert Euro liefert Tommek doch eine Riesenshow.« Wenn ich in die Gesichter der anderen Gäste schaue, fühlen die sich ähnlich gut amüsiert wie ich. Einige sprechen Andi an, doch der besänftigt und jubelt Tommek zu. »So, und jetzt bitte ich das glückliche Brautpaar auf die Bühne.« Andi und Kerstin wollen nicht, aber da haben sie die Rechnung ohne Tommek gemacht. Der schickt seinen Gehilfen Wollo los, der die beiden nach vorne zerrt. Auch ihre Augen werden verbunden. Ich gestehe, dass ich Andi diesen Spaß gönne. Warum soll nur ich blamiert werden. Diesmal geht es ums Schmecken. Salat wird sofort von beiden geraten. Als nächstes gibt es Regenwürmer. Bah. Mich wundert, dass die beiden noch nicht das Handtuch schmeißen. Sie wirken ziemlich angefressen. Dem Grinsen der übrigen Gäste nach zu urteilen, tut das niemandem leid. Chantal holt zwei längliche Gegenstände aus ihrem Beutel, präsentiert sie grinsend der Hochzeitsgesellschaft. Ein leidendes Stöhnen geht durchs Publikum. Ein neuer Höhepunkt. »Erst vorsichtig dran lecken, dann lutschen«, empfiehlt Tommek. Als Andi sich das Objekt in den Mund schiebt, lachen alle. Kaum zu glauben. Andi reißt sich die Binde von den Augen. »Du lässt mich einen Dildo lutschen?«, fragt er ungläubig. »Du wolltest Party, du bekommst Party, mein Freund«, strahlt Tommek. »Party, Party«, skandiert Wollo. »Jetzt geht die Luzie ab«, freut sich Chantal. »Von nun an gelten andere Regeln«, erklärt Andi. »Keine Spiele, keine deutsche Musik und kein Wollo-Auftritt. Haben wir uns verstanden?« »Ausgeschlossen. Du wolltest Party, du bekommst Party«, wiederholt sich Tommek. Dann flüstert er Andi etwas ins Ohr. Der nickt. Er hastet zum Geschenktisch, rafft diverse Scheine zusammen und drückt diese wenig später Tommek in die Hand. »Gut«, sagt dieser. »Ihr wollt es ja nicht anders. Ihr hättet die beste Party haben können, die Hannover je erlebt hat. Müsst ihr mit leben. Nicht mein Problem. Spaßbremsen.« Fortan läuft ein angenehmer Musik-Mix aus verschiedenen Jahrzehnten. Wollo und Chantall verlassen die Feier, DJ Tommek steht mit verschränkten Armen neben seiner Anlage. »Es hat mich tausend Euro gekostet, die Party dieses Wahnsinnigen zu stoppen«, seufzt Andi. »Manchmal ist billig die schlechte Alternative«, feixe ich. »Warum?«, fragt Andi erstaunt. »Der zweitgünstigste DJ hat tausendfünfhundert verlangt. Sollte ich noch einmal heiraten, würde ich Tommek wieder engagieren. Nur ohne Wollo.« Mittlerweile suche ich mir ein neues Vorbild für meine Finanzen. Dagobert Duck und Christian Wulff habe ich ebenfalls von meiner Liste eliminiert. Es ist nicht einfach.

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