Montag, November 08, 2010

Bestseller 17: Neustart mit Ingwer-Bionade




Die Minister-Stüve-Straße ist eine reine Wohngegend. Wo soll hier ein Geschäftshaus sein? In Nummer sechzehn finde ich den Verlag. In einem stinknormalen Mehrfamilienhaus. Mike Marré wohnt in der zweiten Etage. Marré trägt trotz des eher warmen Klimas ein grau-schwarz-karriertes Sakko und eine noch grauere Stoffhose mit überdimensionierten Taschen an den Hosenbeinen. Schräger Typ. Eine rote Haartolle hängt mitten auf seiner Stirn, die Koteletten wuchern bis zum Hals. Er blickt durch eine Hornbrille, die an die schicken Achtziger-Jahre-Modelle erinnert. In der Hand hält er einen erloschenen Zigarillo. Er mag ein wenig älter als ich sein, schätze ihn auf knappe vierzig.
»Guten Tag, was kann ich für Sie tun? », fragt er mit ausgesuchter Höflichkeit.
»Horst Stengel, wir hatten gestern telefoniert. Wegen des Jobs.»
»Klasse, komm rein», freut er sich. Die Wohnung sieht aus, als wäre ein Tornado durch eine Bibliothek gewütet. Überall liegen Bücher, Papiere und Ordner. Auf dem Regalen, Schränken und dem Boden. Den Teppich sieht man nur an vereinzelten Stellen. Gemütlich finde ich es nicht.
»Entschuldige, wie es hier aussieht. Aber ich habe einfach keine Zeit, klar Schiff zu machen. Das wäre dann unter anderem deine Aufgabe», zündet er sich mit einem Zippo den Zigarillo wieder an, der sofort wieder erlischt.
Er führt mich nach dem Hinweis »Bitte auf keine Unterlagen treten» durch den Flur ins Arbeitszimmer. Hier dasselbe Bild. Sein Schreibtisch quillt über, der Fußboden ist mit Papier belegt.
»Man sagt, das Genie beherrscht das Chaos», lächelt er. »Ich bin anscheinend kein Genie.»
Ich darf einen Stapel mit Ordnern vom Stuhl nehmen und mich drauf setzen. Aus einem Kühlschrank hinter ihm nimmt er eine Flasche Ingwer-Bionade und schmeißt sie mir rüber. Ich bedanke mich artig, öffne sie und nehme einen Schluck. Lecker.
»Ich bin, wie du siehst, ein Kleinverleger. Ein Mann-Betrieb. Habe früher eine Lehre als Verlagskaufmann gemacht, wollte mich aber nie an einen Arbeitgeber binden. Eine schwierige Situation. Dann habe ich mich irgendwann selbstständig gemacht. Ich gebe Krimiautoren der Pulp-Tradition heraus. Da suche ich mir ältere Schätzchen, bei denen ich günstig an die Lizenz komme oder auch jüngere deutsche Autoren des Underground.»
Underground. Genau mein Ding.
»Ich schreibe auch. Habe gerade Schiffbruch mit einem Verlag erlebt.»
Erzähle ihn von meinem Leidensweg, lasse nichts aus, male meinen großartigen Roman in schillerndsten Farben aus. Und Mike sagt »Klingt gut. Warum nicht?»
Ich kann es nicht fassen, starre ihn mit großen Augen an.
»Wenn jemand so viel für sein Ziel auf sich nimmt, muss es irgendwann belohnt werden. Mail mir dein Skript, dann schaue ich es mir genauer an.»
»Wieviel verkaufst du denn von einem Buch? », frage ich.
»Wenn es gut läuft, vielleicht tausend Bücher. Von Meine geliebte Wumme spuckt Blei haben wir tausendfünfhundert verscherbelt. Das ist unser Verlagsbestseller. Weißt du: Ich produziere on demand: Wenn jemand was kauft, wird es gedruckt. So gehe ich kaum Riskio ein. Ich übernehme Lektorat, Gestaltung und Werbung. Bringt keine hohen Umsatzzahlen, aber ich kann davon leben und die Autoren fahren auch nicht schlecht damit.»
Das klingt nicht so, als ob ich in nächster Zeit meinen Lebensunterhalt mit meinem Buch bestreiten könnte. Allerdings haut er nicht so auf die Kacke wie Frau Ahmert. Ist doch ein Lichtblick denke ich schließlich.
»Es würde mich freuen, wenn du meinen Roman herausbringen würdest», sage ich daher.
Mike wiegelt ab. »Erst mal abwarten. Wann kannst du bei mir anfangen?»
Ich überlege kurz und meine schließlich, dass übermorgen ein guter Arbeitsstarttermin wäre. Hoffentlich lebe ich dann noch.
»Prima. Du solltest erst mal Ordner für jedes Buchprojekt anlegen und dieses Papierchaos beseitigen. Dann sehen wir weiter. Ich habe massenhaft Aufgaben, für die mir selber jegliche Zeit fehlt», startet er bereits den fünften Versuch, den Zigarillostumpen zum Stinken zu bringen.
Wir vereinbaren, dass ich erst mal eine Woche im Monat voll arbeite. Was über die vierhundert Euro hinausgeht, bezahlt er mir cash. Das gefällt mir. Zufrieden schiebe ich nach Hause ab. Ein Job, der Spaß und Bares bringt. Kann mich nicht erinnern, wann ich das letzte Mal zu dem Vergnügen kam.

Um kurz vor neunzehn Uhr treffen wir uns vor dem Versteck der Polizei. Antje küsst mich, freut sich sehr, mich zu sehen, obwohl wir uns erst am Morgen getrennt haben. Wie soll das mit Amerika gehen? Die Wohnung liegt in einem Mietshaus mit acht Parteien. Wir klingeln bei Müller und stiefeln eine Treppe hoch. Unauffällig, der Herr Müller. An der Tür hängt allerdings eine Art Adventskranz ohne Kerzen. Ziemlich vergammelt. Scheint den Nachbarn egal zu sein, denn das Teil hängt bestimmt seit über einem Jahr. Kleine öffnet. Eingerichtet ist die Bude nicht, wie ich sofort sehe. An der Wand steht ein Tisch, worauf sich diverser technischer Schnickschnack befindet. Abhörvorrichtung. Davor sitzt ein etwa fünfzigjähriger Mann mit Vollbart und Segelohren.
»Hi», grüßt er. »Ich bin Kommissar Wegner, der Abhörspezialist. Kannst mich Kalle nennen. Tut jeder.»
»Stasi-Kalle», grinst Kleine. Bullen haben einen seltsamen Humor.
Ich bekomme ein Mikrophon unter das Shirt gesteckt und einen Sender in die Hosentasche.
»Fein», sagt Kleine. »Nichts zu sehen. Verhalten Sie sich unauffällig und versuchen ihn zu Aussagen über kriminelle Handlungen zu verleiten.»
»Ist das nicht widersprüchlich?», frage ich. »Was, wenn er Lunte riecht?»
Kleine verdreht die Augen. »Wir sind sofort zur Stelle. Unsere Eingreiftruppe von sieben Mann lauern in unmittelbarer Nähe. Die schlagen sofort zu, wenn wir Gefahr wittern. Keine Sorge.»
»Wann soll ich los?», frage ich. Meine Knie zittern. Antje merkt das und legt den Arm um meine Schultern.
»Geht schon alles gut, vertrau mir», flüstert sie.
»Warten Sie noch eine halbe Stunde», blickt Kleine auf die Uhr. »Kalle kocht uns einen Kaffee.»
Der Abhörspezialist schaut furstriert, begibt sich aber in die kleine Küche und füllt vier Tassen mit Nesskaffee. Schmeckt nicht und macht mich noch nervöser. Antje hält meine Hand. Kleine spricht ab und an unverständliche Codes in sein Funkgerät. Stasikalle spielt Solitaire auf seinem Laptop. Flucht, wenn die Karten gegen ihn sind als würde es um Kohle gehen. Schließlich hallt »Zielperson auf F 5», aus dem Funkgerät. Kleine blickt mich an.
»Lüscherhoff hat gerade das Spezial betreten. Wir warten fünf Minuten, dann gehen Sie los. Dann geht die Luzzi ab», grinst er selbstgefällig. Er sitzt schließlich in Sicherheit.
Sekunden dehnen sich zu Minuten. Bis Kleine schließlich sagt »Los. Viel Glück.»
Kalle sagt, ohne sich von seinen Karten abzuwenden »Du machst das schon. Bis später.»
Antje küsst mich. »Süßer, ich bin immer bei dir, auch wenn ich nicht da bin. Ich habe eine kleine Überraschung für dich. Aber komm erst heil zurück.»
»Ich freue mich», sag ich automatisch, verlasse die Wohnung und wandere los. Kopf leer, Nerven angespannt.

Beim Special steht Ronni an der Tür. Er grinst, als hätte er soeben eine Million beim Lotto abgezogen.
»Unser Starautor», klopft er mir auf die Schulter. »Ich wusste, dass du in den Schoß der Familie zurückkehrst. Nimm unsere kleine Schönheitsoperation nicht persönlich. Ist alles beruflich.»
Hat anscheinend zu viel Mafiastreifen konsumiert. Schlagartig verschwindet die Nervosität aus meinem Nervensystem. Dem werde ich es zeigen.
Ich lege ihm den Arm um die Schultern und drücke, dass es selbst dem Schrank weh tut. Erstaunt blickt er mich an.
»Ich freue mich riesig, mit euch weiterzuarbeiten. Habe diverse Ideen, die ich mit Pierre durchsprechen werde.»
»Na dann geh rein», brummt er. Erstaunlich viel los heute. Freier aller Herren Länder plaudern mit den Damen und schlürfen Sekt. Russlana sehe ich auch, sie zwinkert und prostet mir zu. Dann befummelt sie wieder den feisten Opa in krachledernen Shorts mit Gamsbarthut. Sexy Typ.
Pierre sitzt an einem Tisch in einer Loge unter einer einem Kerzenleuchte nachempfundenen Lampe. Er trägt einen cremefarbenen Anzug und ein weißes Hemd mit einer Rose im Knopfloch. Smarter geht’s nicht. Er nippt an einem Cappuccino und brütet über Excel-Sheets. Konzentriert, sehen wie Umsatz- oder Gewinn- oder Verlustrechnungen aus. Als er mich bemerkt, knipst er sein gewinnendes Lächeln an.
»Horst, ich freu mich, dich wieder zu sehen», schüttelt er mir die Hand. Er weist auf die Unterlagen vor ihm. »Langweiliger Buchhaltungskram, aber als Selbständiger muss sich ja einer drum kümmern.»
Klingt wie ein von Bürokratie genervter Backshopbesitzer. Aus dem kleinen Kopfhörer, den Kalle installiert hat, höre ich Kleine »Gehen Sie auf den Small-Talk ein. Tun Sie, als ob Sie ganz entspannt wären.»
Hält der mich für blöd?
»Versteh ich», sage ich und versuche entspannt und selbstbewusst zu klingen. »Obwohl ich in geistiger Umnachtung eine Umschulung zum Kaufmann abgeschlossen habe, hat mich das ganze Zahlenzeug immer angeödet.»
Wir beide nicken, verstehen einander.
»Hauptsache, die Kasse stimmt am Monatsende», sagt Pierre. »Schließlich habe ich einen Haufen Angestellter, die gefüttert werden wollen.»
Der gute Familienvater. Ich könnte kotzen.
»Der Staat macht es uns allen nicht einfach», gebe auch ich einen Allgemeinplatz von mir.
Pierre verdreht gespielt verzweifelt die Augen.
»Kommen Sie zur Sache», dröhnt Kleine.
»Mir hat der Besuch deiner Schläger überhaupt nicht gefallen», tue ich ihm den Gefallen.
»Sie sollten nur mit dir reden», versichert Pierre. »Leider ist es schwierig, gute Angestellte zu finden, die sich strikt an deine Weisungen halten. Bernie scheint da etwas übermotiviert gewesen zu sein. Er geht auch zurück nach Thailand.»
»Nagel Sie ihn fest, dass er den Auftrag gegeben hat! Aber bleiben Sie verbindlich», nervt der Kommissar. Hat gut reden, das Schlimmste, was er zu befürchten hat, ist Kalles Koffeingebräu.
»Komm schon. Du hast Ronny und diesen Neandertaler Bernie losgeschickt, damit sie mir die Nase richten. Kein Problem, ich habe diesen kleinen Denkanstoß gebraucht. Ich hatte gezweifelt, dass ich mit dir den Erfolg erreiche, den ich haben will. Doch ich bin in mich gegangen, habe meinen inneren Buddha befragt, und bin zu dem Schluss gekommen, dass wir uns gegenseitig stützen werden. Ich verschaffe dir neue Ideen für die Filmproduktion, du gibst mir finanziellen Raum für Romanprojekte.»
Ich kann nicht glauben, welchen Mist ich von mir gebe. Innerer Buddha. Da spricht der Autor aus mir.
Doch Pierre scheint darauf anzuspringen. Bedächtig nickt er.
»Ich wusste, dass du Vernunft annimmst. Aber Ronny und Bernie haben auf eigene Faust gehandelt. Du kennst mich doch. Ich bin strikter Gegner von Gewalt.»
Glatt wie ein mit Vaseline eingeschmierter Aal.
»Scheiße», flucht Kleine über den Kopfhörer.
Pierre winkt durch den Raum und Ronny steht sofort an unserem Tisch. Pierre winkt, und Ronny darf sich setzen.
»Mein Freund Horst meint, ich hätte dich beauftragt, ihn mit physischer Gewalt zu malträtieren. Habe ich dir solche Anweisungen gegeben?», verfällt er in gestelzte Ausdrucksweise.
Ronny schüttelt erstaunt den Kopf.
»Nie im Leben, Cheffe. Keine Ahnung, wie er darauf kommt. Wir haben uns nett unterhalten, nicht wahr, Horst?»
»Tun Sie so, als ob Sie einlenken. Lenken Sie das Gespräch auf Zwangsprostitution. Sagen Sie, Sie wollen mitmischen», weist Kleine an.
»Okay, ich will keinen Streit», bleibe ich cool. »Wie sieht es denn mit dem Nuttengeschäft aus. Ich könnte helfen, Frauen in Osteuropa zu rekrutieren. Die würden für dich arbeiten, ohne einen Cent zu verlangen. Ich bin kommunikativ geschickt, viele Frauen meinen, ich hätte die Redegabe eines Pfarrers. Da könnte die Firma gewaltig profitieren.»
Pierre und Ronni schauen sich ungläubig an, grinsen und lachend schallend.
»Wir verstehen nicht, wovon du sprichst. Was meinst du mit ‚ohne einen Cent zu verlangen’?»
»Machen Sie jetzt Druck», brüllt Kleine.
»Na kommt, ist ja ein offenes Geheimnis, dass ihr hier Mädels ohne Bezahlung die Beine breit machen lasst», hake ich nach.
»Gut so», tönt der Kommissar im Ohr. »Die müssen jetzt die Hosen runterlassen.»
Irgendwas scheint aber mit der Verbindung gründlich schief zu gehen. Der Knopf in meinem Ohr dröhnt und fiept. Rückkopplungen, die haben mir gerade noch gefehlt. Ich zucke zusammen.
»Weißt du, wovon Horst spricht? », fragt Pierre.
Ronny hebt unschuldig die Schultern.
»Keinen Plan. Ich bin ein einfacher Mann. Kenn mich mit Finanzen nicht aus», blickt er mich an. Es fiept wieder.
»Hast du was? », fragt Ronny. »Du wirst uns doch nicht krank?»
»Kein Problem, alles easy», antworte ich und wünsche mich an einen Platz Millionen Kilometer entfernt. Pierre mustert mich misstrauisch. Plötzlich schnell er auf mich zu und reißt mir das Shirt hoch.
»Das Arschloch ist verdrahtet», fällt seine Maske. Ronny mustert mich. Wut strahlt aus seinen Augen. Ich schnelle hoch, doch der Schläger ist schneller. Er reißt mich nach vorne und zerfetzt die Verkabelung. Ich bete, dass die Bullen jetzt zugreifen. Auf einmal reißt sich der Trachtendepp von Russlana los und zieht einen Revolver.
»Polizei. Lassen Sie sofort Herrn Stengel los. Ansonsten schieße ich.»
Pierre hebt die Hände, doch Ronny hält auf einmal auch eine Knarre in der Hand und an meinem Kopf. Ich spüre, wie sich meine Blase erleichtert. Bin doch nicht so hart, wie ich gedacht habe.
»Runter mit der Wumme, sonst blas ich dem Verräter den Schädel zu Matsche», brüllt Ronny.
Der Bulle starrt und hält seine Waffe weiter auf Ronny gerichtet. Ein klassisches Patt.
Doch auf einmal sinkt er zusammen. Russlana hat ihm die Sektflasche über den Kopf gezogen.
»Du sollst Liebe machen mit Russlana. Nicht mit Waffe auf Chef zielen.»
»Seid ihr komplett wahnsinnig», zischt Pierre. »Es gab doch überhaupt kein Problem. Warum müsst ihr ausrasten?»
Ronny nimmt mich in den Schwitzkasten und will mich in Richtung Hinterräume zerren. Ich wehre mich nach Kräften, aber als er mir auf die kaputte Nase haut, bricht meine Gegenwehr zusammen. Unermesslicher Schmerz durchflutet mein Nervensystem. Dann wird die Lokaltür wird aufgerissen.
»Hände hoch und Waffe runter», schreit Kleine. Ronny löst die Sicherung und drückt mir die Waffe ins Ohr. Der Kerl ist wirklich verrückt.
Ein Knall ertönt und Blut spritzt auf mein Gesicht. Ronny lässt mich los, sinkt zusammen. Sein Gesicht ist matschig, sehe ich noch, dann werde ich bewusstlos.

Ich wache in einem Bett mit steifem weißem Leinenbettzeug auf. Ein hinten offenes grünes Hemd umhüllt mich. Ein Blick durchs Zimmer verrät mir: Krankenhaus. Mein Schatz und Kommissar Kleine sitzen auf Besucherstühlen. Antje küsst mich.
»Endlich bist du wieder wach, Süßer. Ich bin vor Angst fast gestorben.»
»Ich auch», gestehe ich und blicke den Kommissar grimmig an. »Die technische Panne hat mir beinahe das Leben gekostet.»
Der Polizist räuspert sich. »Sorry, Herr Stengel. Auch wenn dieser Fehler nicht passieren durfte, ist er geschehen. Ich kann mich nur dafür entschuldigen. Zum Glück ist die Sache relativ glimpflich ausgegangen. Wir haben sofort eingegriffen.»
Ich bin sauer, weiß aber, dass Schuldzuweisungen nichts bringen.
»War denn die Aktion von Erfolg gekrönt? Sitzt Pierre hinter schwedischen Gardinen?»
»Gott sei Dank», seufzt Kleine. »Er hat geleugnet, irgendetwas mit Ronny zu tun zu haben. Und der konnte ja nicht mehr aussagen. Wir haben allerdings im Spezial drei Kilogramm Koks gefunden. Zudem hat eines der Mädchen ausgesagt, sie wäre gegen ihren Willen zur Prostitution gezwungen worden. Lüscherhof hat natürliches alles abgestritten. Ich denke aber, dass es für eine mehrjährige Haftstrafe reichen wird. Gegen Bernd Knoth, der Ihnen die Nase gebrochen hat, liegt ein Haftbefehl vor. Zuhälterei und schwere Körperverletzung. Der Typ hat die Hälfte seines Lebens im Knast zugebracht. Der letzte Abschaum. Jetzt sitzt er für fünf weitere Jahre ein. Ich denke, von diesen Gangstern müssen Sie nichts mehr befürchten, Herr Stengel.»
Das beruhigt mich. Kleine verabschiedet sich. Er wollte nur nach meinem Gesundheitszustand schauen.
»Die Ärzte sagen, es war nur der Schock. Sie können heute wieder nach Hause.»
Super. Hätte keine Lust gehabt, an diesem trostlosen Ort längere Zeit zu verweilen. Fühle mich auch komplett fit. Antje hat mir frische Klamotten mitgebracht, so dass einem Umzug in die heimischen vier Wände nichts mehr im Wege steht.
Kleine zieht von dannen, hinterlässt noch eine Pralinenschachtel von Gubor. Scheinen nicht viel Kohle zu bekommen, die Bullen.
»Sie haben einen guten Job gemacht, Herr Stengel. Bis bald.»
Das hoffe ich nicht. Die Action der letzten Tage reicht mir fürs ganze Leben.
Antje küsst mich, dass mir heiß wird. Wirklich höchste Zeit, nach Hause zu kommen.
»Ich hab dir doch von einer Überraschung erzählt», flüstert sie, während sie meinen Schritt streichelt.
Fragend blicke ich sie an.
Sie zaubert einen Briefumschlag hervor.
»Hier ist ein Flugticket drin. Damit kannst du in vier Monaten über den Teich segeln und deine Liebste besuchen.»
»Super», stammele ich. Habe gedacht, die Überraschung sei, sie würde in Hannover bleiben.
»He, Sweety. Freust du dich gar nicht? Ist doch heiß. Dann machen wir New York unsicher.»
»Doch, klar. Finde ich gigantisch», freue ich mich langsam doch. New York könnte cool sein. Da gibt es bestimmt geile Konzerte und Lesungen.
Als eine halbe Stunde später die Zimmertür hinter Antje ins Schloss fällt, weiß ich: Ein weiterer Neuanfang erwartet mich.

Montag, November 01, 2010

Zoran Drvenkar: Du



"Sorry" hat mich schon restlos begeistert. "Du" ist mindestens genauso gut.

Erzählt werden die Erlebnisse eines gesichtlosen Killers, einer Mädchen-Clique und einer Gangsterfamilie. Der Vater eines der Mädchen, Taja, stirbt. Dies ist der Auslöser für einen Aneinanderreihung unheilbringender Ereignisse, Lügen, Intrigen, Verrat und Gewalttaten, was in einem grandiosen Finale in Norwegen gipfelt.

Die Erzählstränge werden virtuos miteinander verwoben. Fragt man sich anfangs, wie die Charaktere zusammenhängen, bringt Drvenkar im Fortgang Licht in die Dunkelheit, kehrt dann aber wieder zu ihr zurück.

Überraschende Wendungen und dramatische Höhepunkte setzen den Leser auf eine Achterbahnfahrt der Adrenalinkicks.

Erzählt wird das Ganze, noch stärker als bei "Sorry", in der Du-Perspektive. Dadurch wird der Leser direkt angesprochen und gerät in einen hypnothischen Sog. Das schreckliche Geschehen wird direkt miterlebt. Einfach grandios.

Herrlich finde ich auch die absurden Zwischentöne. So werden einige Kapitel aus der Perspektive einer Leiche geschrieben. Diese lockern diesen tief finsteren Roman humoristisch auf.

Ich bin schwer begeistert und kann diesen fulminanten Thriller nur wärmstens empfehlen.

Bestseller 16: Andi sucht seinen Song



»Pardon? », frage ich.
»Sie suchen das Gespräch mit Lüscherhof. Konfrontieren ihn mit seinen Gesetzesverstößen, Drogen, illegale Prostitution, Erpressung. Natürlich sind Sie verkabelt. Wir schneiden alles mit und nehmen ihn fest. Wie klingt das?»
»Nach einem Haufen Scheiße», werde ich direkt. »Ich soll die Kohlen aus dem Feuer holen und setze mein Leben aufs Spiel. Ist doch Ihr Job. Ich habe aufgemuckt, deshalb hat er mir die Schläger auf den Hals geschickt. Das fällt es ihm doch auf, wenn ich ihn aushorche. Vor allem, weil ich Bea die Wahrheit über ihn gesteckt habe.»
Antje kichert nervös. Ihr gefällt die Sache ebenso wenig wie mir.
Kleine räuspert sich. »Ich sehe das als einzige Chance. Sie kommen an ihn ran, ohne dass er Argwohn schöpft. Sie haben ihren Fehler eingesehen. Sie haben versucht etwas zu ändern. Keiner hat Ihnen geglaubt. Selbst ihre Ex-Freundin nicht. Die ganze Sache hat Ihnen nur Ärger eingebracht. Warum also nicht lieber mitmischen, dann haben Sie wenigstens Geld. Angst und Gier – das wird er verstehen. Wenn wir Aussagen bekommen, in denen er Verbrechen zugibt, schnappt die Falle zu. Wenn irgendeine Gefahr droht, greifen wir ein. Also gibt es keinen Grund, sich Sorgen zu machen. Sie müssen natürlich cool bleiben. Aber damit haben Sie bestimmt kein Problem. Als Lindener Szenetiger», fügt er süffisant hinzu.
Ich überlege hin, überlege her, komme zu keinem Schluss, während mich der Polizist erwartungsvoll anschaut. Schließlich streichelt mich Antje. Sie sagt »Mach es Sweety. Dieses Arschloch muss aus dem Verkehr gezogen werden. Wird schon nichts passieren.»
Meine schmerzende Nase sagt etwas anderes. Doch schließlich sage ich »Gut. Ich ruf Pierre an.»
»Fein. Ich wusste, dass Sie ein Mann der Tat sind, Herr Stengel.»
Hätte ich mir nie geträumt, dass mich ein Bulle lobt. Was soll es. Hat ja nur Antje gehört.
»Versuchen sie für morgen Abend einen Termin in seiner Firma zu vereinbaren», empfiehlt Kleine.
Ich zögere.
»Na los. Wir stehen auf ihrer Seite», ermutigt mich Kleine.
Ich nehme mein Handy und wähle Pierres Büronummer.
»Pierre Lüscherhof», tönt es sanft aus dem Hörer.
»Horst hier.»
Es folgt eine kurze Pause.

»Horst, das ist eine Überraschung. Ich hatte den Eindruck, wir hätten eine kleine Meinungsverschiedenheit. Nicht von meiner Seite, nur von deiner. Und die Geschichten, die du meiner geliebten Bea erzählt hast. Das fand ich nicht nett. Dein Glück, dass sie Dir nicht geglaubt hat. Du solltest auch mal an die arme Bea denken: Sie hat endlich die perfekte Beziehung mit einem erfolgreichen Mann. Bedenke eines, mein Freund: Nicht durch Feindschaft kommt in dieser Welt Feindschaft zur Ruhe. Durch Nichtfeindschaft kommt sie zur Ruhe.»,
Er redet wie ein mit Weihrauch eingenebelter Lokalpolitiker. Am liebsten würde ich ihm durch das Telefon die Fresse polieren. Aber cool bleiben. Schließlich bin ich undercover.
»Ich war undankbar. Du warst großzügig und ich habe es vermasselt. Vielleicht überfordert mich die Situation. War immer politisch korrekt. Da ist es mir zunächst schwer gefallen zu akzeptieren, dass ich nun im Rotlichtbusiness tätig bin.»
Kleine hebt den Daumen. Ich bin gut.
»Aber ich habe nachgedacht. Gegen Berny und Ronny komm ich nicht an. Die können mich zermatschen, wenn du das sagst. Außerdem kann ich mit dir größeren Erfolg haben. Du sicherst mir finanziellen Freiraum für meine künstlerischen Aktivitäten. Außerdem schnuppere ich in andere Bereiche hinein. Kurzum: Ich möchte gerne weiter für dich arbeiten. Habe schon eifrig Gedanken fürs Drehbuch gesammelt. Vielleicht können wir mein Aufgabengebiet erweitern.»
Ich warte auf eine Reaktion.
»Das erstaunt mich», sagt Pierre. Jede Ironie ist aus seiner Stimme gewichen.
»Lass uns persönlich über alles reden. Wie wäre es morgen Vormittag in deiner Firma?»
Nach einer lang gedehnten Pause sagt Pierre »Gut. Ich bin nicht nachtragend. Morgen Abend im Spezial. Vielleicht finde ich auch Verwendung für dich in anderen Bereichen. Wir werden sehen.»
Kleine nickt zufrieden.
»Unser Date steht?», frage ich.
»Klar. Ich stehe zu meinem Wort. Bis morgen.»
Ich lege auf.
»Super, alles geritzt», freut sich Kleine. »Ein Treffen in der Filmfirma wäre natürlich besser. Das wäre wesentlich übersichtlicher. Aber im Spezial kriegen wir das auch hin.»
Mir ist mulmig, aber besser die Initiative ergreifen, als wie das Lamm vor der Schlachtbank auf Pierres Schlägertrupp zu warten.
»Na denn. Wie gehen wir weiter vor?», frage ich betont cool.
Kleine nickt anerkennend. Er berichtet, dass die Bullen auf der Goethestr. eine Wohnung angemietet haben.
»Von dort haben wir einen raschen Zugriff. Sie brauchen sich keine Sorgen zu machen», wiederholt er.
»Ich komme mit», erklärt Antje, streckt herausfordernd das Kinn vor, verschränkt die Arme vor der Brust.
»Ausgeschlossen», entgegnet Kleine bestimmt.
»Jep», erklärt Antje. »Ich lasse doch meinen Süßen nicht alleine zu diesem Teufel. Wenn etwas passiert, könnte ich mir das nie verzeihen.»
Kleine wirkt genervt. »Überlassen Sie das den Profis, Frau Weber. Ich halte es für eine schlechte Idee, wenn Sie Herrn Stengel begleiten. Das ist kein Kindergeburtstag.»
»Entweder gemeinsam oder gar nicht. Ansonsten heize ich die Presse an. Ich kenne genug Leute beim Stadtkind und Schädelspalter», verschärft sich Antjes Ton.
Gleich gehen sie sich an die Gurgel.
»Ich glaube auch nicht, dass du mitkommen solltest», versuche ich zu vermitteln. »Die Kerle sind brandgefährlich. Wenn ich mit Anhang auftauche, werden sie bestimmt misstrauisch. Das ist nicht die Heilsarmee. Wie wäre es, wenn du mit den Herren von der Polizei in der Nachbarwohnung Position beziehst?»
Die Begeisterung der beiden sinkt in den Minusbereich.
»Das würde unsere Arbeit nur erschweren. Am Besten, Sie bleiben zu Hause und lassen uns machen. Wir verstehen was von unserem Job», knurrt Kleine und holt eine Zigarette aus der Schreibtischschublade, die er sich hinters Ohr klemmt.
»Ich bin bei Ihnen. Ansonsten können Sie sich ihren Einsatz sonst wohin klemmen.»
Kleine betastet seine Kippe, als wäre sie der Busen seiner Frau. Schließlich quetscht er ein gequältes »Okay» durch die Zähne.
Wir verabreden uns für neunzehn Uhr am nächsten Tag. Treffpunkt: Die konspirative Wohnung. Trotz des flauen Gefühls im Magen spüre ich eine Art Vorfreude. Pierres selbstgefällige Visage hinter schwedischen Gardinen. Eine verlockende Vorstellung. Ist vielleicht auch eine Rache an Bea. Bei dem Gedanken verschwindet das keimende Hochgefühl abrupt. Bea hat einen Kerl wie Porno-Pierre wirklich nicht verdient.
Wir genehmigen uns im World-Coffee noch zwei Latte Macchiato. Überteuert, aber lecker.
»Es wird sich alles regeln», streichelt mich Antje. »Alles wird gut.»
»Du gehst nach Amerika. Wird wirklich alles gut?», frage ich.
»Mensch, der Studiengang Kunst wird in Hannover geschlossen. Ich habe beim Studium etwas geklüngelt. Einen Abschluss hätte ich schon ganz gerne.»
Ich blicke sie groß an. Das hat sie mir zum ersten Mal erzählt.
»Aber ausgerechnet New York. Gibt es keine nähere Möglichkeit?»
Antje seufzt.
»Es ist mein Traum», sagt sie. »Und Träume sollte man leben. Du bist auch ein Traum. Ich weiß es doch auch nicht», wirkt sie resigniert.
Ich sage nichts und blicke trübsinnig in meinen Milchschaum. Da klingelt mein Telefon.
»Siebke, Arbeitsagentur. Herr Stengel, wie geht’s.»
Ach ja, die Jungs vom Amt gibt es auch noch. Eigentlich könnte ich einen Job gut gebrauchen. Denn mit Pierre werde ich definitiv nicht mehr zusammenarbeiten.
»Wenn Sie wüssten, Herr Siebke», seufze ich. »Mit der Veröffentlichung hat es sich vorerst erledigt. Haben Sie einen Moment Zeit?»
Hat er. Ich berichte von der Verlagspleite. Die Pierre-Geschichte lasse ich aus. Klar. Muss er nicht wissen, dass ich Schwarzgeld kassiert habe.
»Sie haben wirklich Pech», tröstet Siebke. »Ich habe aber ein Angebot, dass vielleicht Ihre Stimmung aufhellen wird.»
»Schießen Sie los», ist mein Interesse geweckt.
»Wir haben eine Anfrage von einem Verlag für eine Aushilfskraft. Ist zwar nur auf Vierhundert-Euro-Basis, aber immerhin. Da dachte ich gleich an Sie. Vielleicht können Sie da wertvolle Kontakte knüpfen. Heißt Dark-Underground-Publishing und liegt in der Minister-Stüve-Straße. Ansprechpartner ist Herr Mike Marré.»
Er gibt mir noch eine Rufnummer.
»Klasse, den ruf ich nachher an», freue ich mich.
»Sie sind echt ein klasse Typ, Herr Siebke», lasse ich meinen Gefühlen freien Lauf.
»Ich weiß», lacht Siebke. »Machen Sie was draus. Ich denke, das ist ein guter Job. Lassen Sie von sich hören.»
»Habe ich es nicht gesagt, Sweety. Alles wird gut», strahlt Antje.
»Schauen wir mal», gebe ich mich zurückhaltend.
Ich rufe Marré an.
»Klar, Mann. Freue mich, dass du kommst. Bin in der Firma. Ich erwarte dich morgen im Laufe des Tages, okay?», ist das Date festgezurrt. Läuft wie geschmiert.
Wir gehen zu mir. Knutschen fällt schwer. Meine Nase schmerzt bei jeder Berührung. Sehr zu unserem Bedauern. Doch als sie zärtlich mein Hemd auszieht, überströmt Wohlgefühl meinen lädierten Körper. Mein Schwanz richtet sich kerzengerade auf. Ich ziehe ihr Oberteil aus, ihren BH, lecke Antjes Arme, ihren Rücken, wechsele die Seite und widme mich ihren Brüsten. Immer vorsichtig mit der Nase. Gar nicht so leicht. Sie stöhnt. Ihre Augen weiten sich. Jetzt schleckt sie, langsam über meine Brust, den Bauch, Bauchnabel, Unterkörper durch den Busch bis hin zum Penis. Sie knabbert, bis ich vor Lust aufschreie. Dann nimmt sie ihn in den Mund. Ihre Zunge massiert die Schwellkörper in Hochform. Ich versuche an etwas völlig abturnendes zu denken, um den Orgasmus hinauszuzögern. Mir kommt –ich weiß nicht warum- Franz Müntefering in den Sinn. Sofort köchelt meine Lust nicht mehr auf Vollgas, sondern nur auf sechzig Prozent, was immer noch ein erstaunlicher Wert ist. Ich ziehe meinen kleinen Freund aus Antjes Saugmund, drehe sie um und nehme sie von hinten. Erst wild, dann werden meine Bewegungen langsam und hart zugleich. Antje schreit kurz auf, dann erhöhe ich mein Tempo bis wir wild miteinander verschmelzen.

Glücklich liegen wir aufeinander und kommen langsam wieder zu Atem. Das war der beste Sex meines Lebens, denke ich.
»Sweety, wir sich physisch und psychisch eine Fleisch gewordene Kommunion», seufzt sie.
»Fantastisch», bestätige ich. Wir entspannen und genießen. Ich lege Schmusemucke in den CD-Schacht. Chris Isaak flüstert zu Surfgitarre You owe me some kind of love.
Wir halten uns fest, streicheln und streichen über den Körper des anderen, schwelgen im Endorphinrausch. Bis wir einschlafen, friedlich träumend, ohne Sorgen.

Am nächsten Morgen klingelt es in aller Herrgottsfrühe.
»Verdammt. Ist doch mitten in der Nacht. Scheiße», flucht Antje und auch mir gehen ähnlich freundliche Worte durch den Kopf. Pierres Schläger werden es nicht sein, schließlich sind wir heute Abend verabredet. Oder?
Gott sei Dank schlendert Andi durch die Tür. In der Hand eine Sporttasche von Puma.
»Alles easy, Hotte?», fragt er lässig.
Antje zieht sich an, läuft auf ihn zu und umarmt ihn strahlend.
»Mit dir haben wir jetzt nicht gerechnet. Alles klar in Burma?»
Andi fläzt sich aufs Sofa und steckt sich eine Zigarette an.
»Habe mich selbst entlassen. Die wollten mich noch zwei Tage einsperren, aber nicht mit mir.»
Antje und ich schauen uns mit großen Augen an.
»Und was ist mit Therapie? Dir ist doch klar, dass es nicht so weitergeht wie bisher», sage ich. Mir ist unangenehm, dass ich wie ein Sozialpädagoge klinge, aber Andi wirkt, als hätte es den Zusammenbruch nie gegeben.
Andi wird jedoch wider Erwarten ernst.
»Hab mich über ambulante Therapien informiert. Hab zwar kein Bock, zu einem Psychoheini zu rennen, aber Kathrin hat mir ins Gewissen geredet. Ruf morgen ein paar Leute an. Allein schaff ich das nicht.»
»Find ich gut», sagt Antje und gibt ihm eine Cola. »Bist zu jung, um dein Leben hinzuschmeißen. Echt, Alter. Das fände ich traurig.»
»Keine Ahnung», bläst Andi einen Rauchkringel. »Sehe irgendwo keine Perspektive. Die Kunst hat mir früher Freude gemacht, heute habe ich Angst vor ihr. Mein Leben hat keine Richtung, dreht sich im Kreis. Das einzige Gute momentan ist Kathrin. So eine Perle hatte ich noch nie. Die checkt echt, was abgeht. Aber vielleicht fehlt mir auch nur ein Song.»
»Ein Song? », frage ich.
Andi nickt.
»Es gibt doch einschneidende Erlebnisse in deinem Leben. Was war deine erste Platte und was hat sie dir bedeutet?»
Ich überlege.

»Skandal im Sperrbezirk von Spider Murphy Gang. Der Song hatte einen wavingen Sound, fand ich damals cool. Muss elf gewesen sein, um den Dreh. Bin voller Stolz mit der Scheibe nach Hause gekommen und Vater hat sie aufgelegt. Ich dachte, das gefällt ihm. Aber sein Gesicht wurde immer länger. Erinnerst du dich ‚Und draußen vor der großen Stadt steh’n die Nutten sich die Füße platt.’ Hat mich gefragt, ob ich weiß, was Nutten sind.»
Antje und Andi blicken neugierig. »Und, wusstest du es? », fragt Antje.
»Klar», grinse ich. »Ich hatte meine Schulkameraden Dietmar Braun gefragt. Hübsche Bienen. Wobei mir nicht klar war, was an Bienen schön sein kann. Mein Vater ist ausgerastet. Dieses Lied würde sich an das Primitivste im Menschen richten. Hat noch ein paar Psalmen aufgesagt. Dann hat er die Scheibe konfisziert und in den Tresor gesperrt. Da wurde mir klar, dass Mucke ungeheure Sprengkraft hat. Selbst Spider Murphy Gang. Als ich älter war, hab ich Hüsker Dü und Black Flag in Disko-Laustärke abgespielt. Habe immer gehofft, dass der Geist des Punks meinen Vater kontaminiert. Vergeblich.»
Andi nickt.
»Und bei dir», fragt er meinen Schatz.
»Ich habe früher nur Chartzeug gehört, weiß gar nicht mehr, was Anfang der Neunziger in war. Da hatte der Bruder meiner Freundin Miri eine CD von den Toten Hosen im Zimmer liegen lassen. Bommerlunder und Opelgang waren megacoole Songs. Wir haben uns alles besorgt, was wir an Material über die Hosen in die Finger kriegen konnten. Dann haben wir uns an einem Nachmittag eingeschlossen und uns wie Campino gestylt. Wir fanden uns hammer abgefahren. Leider konnten weder meine Eltern noch meine alten Freunde meine Wandlung nachvollziehen. Die fragten, ob ich einen an der Klatsche hätte. Da bin ich auf den Trichter gekommen, dass ich mein eigenes Ding machen muss. Meine Bilder wurden wütender, in meinen Texten traute ich mich mehr. Und ich wollte nur noch weg aus der Provinz. So war das damals. Und bei dir, Muchacho?», gibt sie die Frage an Andi zurück.
»Nirvana. Ich habe Curt Cobain auf MTV gesehen. Die haben von Knack My Sharona performt. Das hat mein Leben komplett geändert. Zorn, Aggression auf die Gesellschaft und das Leben an für sich. Ich habe ja immer von zu Hause Zucker in den Arsch geblasen bekommen. Kohle war nie ein Thema. Dafür ließen sich die Alten selten blicken. Ein Instrument konnte ich kaum zwischen den Händen halten. Da habe ich mich auf die Malerei gestürzt, Ausdrucksmalerei. Da konnte ich meinen Gefühlen freien Lauf lassen. Und hey, da gab es Leute, die meine Bilder gut fanden. Habe in Cafés und Bars ausgestellt und eine ganze Menge verkauft. Für einen unbekannten Autodidakten nicht schlecht. Meine Mappe an der Uni wurde problemlos angenommen. Habe mich echt weiterentwickelt. Doch hr habt ja selbst miterlebt, wo ich heute ausstelle. Mit Pech bei Nazispacken in der Provinz. Für mich ist Kunst eine Sackgasse. Keine Breitenwirkung. Wenn so ein abgehalfterter Müsli meine Werke geil findet, lässt mich das kalt. Vielleicht ist mein Weg ein anderer», wird er philosophisch.
»Was ist mit deinem Traum, in Indien auszustellen?», frage ich.
»Bringt doch auch nichts», wehrt Andi ab. »Und dann?»
»Und was willst du stattdessen machen? Eine Ausbildung beim Klempner um die Ecke? Würde dich das mehr befriedigen?»
Andi überlegt und zündet sich eine neue Zigarette an der alten an, bevor er diese ausdrückt.
»Na, darüber habe ich mir noch keine großen Gedanken gemacht. Aber vielleicht ist die Idee gar nicht so schlecht. Da siehst du, was du gemacht hast und kriegst Anerkennung. Ist doch eine super Sache, wenn die Scheiße nicht mehr aus dem Abfluss fließt, oder?»
Unsere Begeisterung hält sich in Grenzen.
»Aber ich brauche Inspiration», springt er auf und läuft nervös durch die Wohnung. »Ich brauche einen Song, der mir eine neue Richtung weist. So etwas wie damals Nirvana. Einen Song, der mir neue Energie gibt, Horizonte öffnet. Vielleicht hilft mir die Therapie. Kathrin unterstützt mich. Sie ist geerdeter als ich, das ist gut.»
Seine Worte geben keinen Sinn. Für mich. Antje scheint eine Bedeutung zu spüren und umarmt ihn.
»Wir wünschen dir alles erdenkliche Glück dabei, Amigo. Du wirst deinen Weg finden.»
Andi verabschiedet sich, will ein wenig chillen und Therapieangebote im Internet checken. Ich klopf ihm auf die Schulter.
»Bin immer für dich da, companero», sage ich. »Wir schaffen das zusammen.»
Dankbar lächelt Andi, lässt die coole Fassade fallen.
»Danke, Horst. Es ist toll, dass ich Freunde wie euch habe, dass ihr mein ganzes Selbstfindungsgequatsche ertragt. Ich liebe euch.»
Auch wenn ich seine Rede übertrieben finde, kommen mir fast die Tränen. Wir drücken uns noch mal, dann verschwindet Andi und lässt uns emotional aufgewühlt zurück.
Wir stürzen einen Kaffee hinunter. Dann geht Antje nach Hause, will etwas für den USA-Umzug organisieren. Wirkt melancholisch. Ich fühle mich richtig traurig, nicht nur ein bisschen, lasse mir aber nichts anmerken. Alles scheint im rasanten Umbruch. Vielleicht ist das schlecht, vielleicht gut, das wird die Zukunft zeigen. Aber die kümmert mich momentan wenig. Momentan denke ich nur von Stunde zu Stunde. Momentan steht mein Vorstellungsgespräch an, fällt mir ein.

Montag, Oktober 18, 2010

Bestseller 15: Begegnung mit Jesus' Jünger



Bevor ich nach Hause gehe, hole ich Frustbewältiger vom Kiosk: Eine Kiste Herrenhäuser. Ich glaube kaum, dass irgendjemand auf diesem Planeten größeren Anlass hat, sich quälenden Depressionen hinzugeben. Es scheint nichts zu laufen. Laufen lasse ich Becks Loser, den perfekten Soundtrack zu meinem Leben. Erstens: Meine Liebste ist enttäuscht von mir und siedelt nach Amiland über. Zwischen beiden Sachverhalten besteht zwar kein direkter Zusammenhang, aber das ist mir momentan egal. Ich köpfe die erste Flasche.
Zweitens: Ich habe zwar einen großzügigen Vorschuss von meinem Arbeitgeber erhalten, doch das miese Schwein erpresst mich. Dafür gibt es allerdings keinen Anlass mehr, da ich gebeichtet habe. Meine Lust, für Pierre zu arbeiten, bewegt sich im Minusbereich. Aber er wird kaum einen Aufhebungsvertrag mit mir unterschreiben. Ich beschließe, das Problem auszusitzen. Einfach keine Reaktion zeigen. Der wird Besseres zu tun zu haben, als mir hinterherzulaufen. Ich köpfe die zweite Flasche. Drittens: Mein bester Freund liegt auf der Intensivstation im Krankenhaus. Wenn er nicht schleunigst clean wird, dürfte er eine geringe Lebenserwartung haben. Ich weiß nicht, wie ich ihm wieder auf die Beine helfen soll. Bin ja kein Therapeut. Ich köpfe die dritte Flasche. Viertens: Meine Verlegerin verarscht mich. Nach abgesprochenen dreitausend Euro soll ich ihr weiteres Geld zukommen lassen. Ein Fass ohne Boden, wie es scheint. Ich köpfe leicht angeduselt die vierte Flasche. Es ist sechzehn Uhr dreißig. Da dürfte im Verlag noch gearbeitet werden. Ich greife zum Hörer.
»Bitte», meldet sich eine Bassstimme. Seltsam, wir haben bei unserem Besuch keinen Mann im Verlag gesehen.
»Horst Stengel hier», artikuliere ich etwas undeutlich. »Ich will Frau Ahmert sprechen. Wegen meines Buches. Es kann nicht sein, dass ich noch mehr zahlen soll als die vereinbarten dreitausend Euro», stottere ich wütend herum.

Am anderen Ende wird zunächst geschwiegen, dann sagt er in breitem Badener Akzent »Mein Name ist Zimmer von der Kriminalpolizei Offenburg. Wir ermitteln gegen den Ahmert-Verlag wegen Insolvenzverschleppung und Eingehungsbetrug. Zurzeit führen wir eine Durchsuchung der Räumlichkeiten durch.»
Ich bin geplättet.
»Was heißt das?», frage ich.
»Wie ich Ihren Ausführungen entnehmen kann, sind sie Autor des Verlages?»
»Ja, aber Frau Ahmert wollte neben dem bereits gezahlten Betrag weitere Gelder von mir. Für ihren in Südamerika verschleppten Bruder. Sonst würde es mit der Veröffentlichung dauern.»
Herr Zimmer räuspert sich.
»Eigentlich darf ich zu laufenden Verfahren nichts sagen. Aber wir gehen davon aus, dass Frau Ahmert Verträge abgeschlossen hat und wusste, dass sie die Bücher nicht herstellen kann. Der Verlag scheint seit längerem vollkommen überschuldet zu sein. Der einzige Posten von Wert, die Druckerei, wurde vor drei Monaten zu einem verdächtig niedrigen Preis an einen Investor aus Großbritannien verkauft. Alles sehr undurchsichtig. Frau Ahmert wird aber nach jetzigem Ermittlungsstand nicht in der Lage sein, noch irgendein Buch herauszubringen. Tut mir Leid, dass ich Sie enttäuschen muss. Wenn ihr Name in den Unterlagen steht, werden Sie einen Anhörungsbogen der Staatsanwaltschaft erhalten. Nochmals: Für die Autoren tut es mir Leid. Trotzdem einen schönen Abend.»
Er legt auf. Ich köpfe die fünfte Flasche, oder ist es bereits die sechste? Zählen habe ich längst aufgegeben. Es steht schlimmer, als ich angenommen habe. Geld weg, keine Chance auf Veröffentlichung. Der Traum vom Bestseller geplatzt wie eine Seifenblase, die auf Stacheldraht landet. Ich fühle mich, als ob ich in verschiedene Richtungen loslaufe, aber immer nur in derselben Sackgasse lande. No exit. Ich brauch jemanden, mit dem ich sprechen kann, der mir neue Wege aufweist. Antje. Nein, die kann ich nicht anrufen. Sie ist ja Teil meiner Krise. Wäre unsere Beziehung noch intakt, würde es mir bestimmt besser gehen. Fünfzig Prozent besser, schätze ich vorsichtig. Oder sogar sechzig? Vielleicht sollte ich mich versöhnen, flüstert der Alkohol. Ich greife zum Hörer. Will mein Herz ausschütten. Doch dann flüstert der männliche Stolz: Mach dein Glück nicht so stark von einer Frau abhängig. Da kommt mir eine Idee.

Ich schmeiße den Rechner an und surfe auf Google. Nachdem ich die Wörter „persönliche“, „Krisen“ und „Forum“ eingetickert habe, werde ich fündig. Das Katastrophen-Forum bildet eine Community von Leuten wie mir, die auf der Schattenseite des Lebens krauchen. Die Rubriken Beziehungskrisen, finanzielle Pleiten, ungerechte Behandlungen, Behördenwillkür, Mobbing und viele andere zeigen mir, dass ich mich mit Gleichgesinnten austauschen kann. Die Kollegen haben Ähnliches erlebt.
Ich registriere mich und notiere unter der Rubrik Lebenskrisen meine gesammelten Desaster. Kurze Zeit später aktualisiere ich die Seite. Super, es hat jemand geantwortet. Der User Krisenmanager, ebenfalls aus Hannover, schreibt mir, dass seine Biographie noch finsterer als meine ist. Haus ist abgebrannt, seine Frau ist weg, er hat Krebs bekommen, ist aber inzwischen geheilt, hat seinen Job verloren und hundertfünfzigtausend Euro Schulden. Ich komme aus dem Staunen nicht heraus. Da geht es mir ja richtig gut. Ich schreibe, dass mich sein Schicksal berührt. „Kein Mitleid“, antwortet er. Er sei auf einem guten Weg. Ein Mensch müsse aus Krisen gestärkt hervorgehen. Ich bewundere ihn. Kein Jammern, kein Hadern mit den Ungerechtigkeiten des Lebens. Dieser Mann steht wie ein Fels in der Brandung. Ich frage ihn, woher er seinen Optimismus nimmt.
Sport lautet die überraschende Antwort. Er habe für einen Marathonlauf trainiert und diesen ein halbes Jahr später erfolgreich absolviert. Dann hätte sich alles andere auch ergeben. Kann ich mir schwer vorstellen. Einfach durch die Gegend laufen und der Buchvertrag kommt von selber, die Frau kehrt zurück und Porno-Pierre streicht mich aus seinem Gedächtnis? Da sei ja nur ein Beispiel. Er habe noch ganz andere Methoden zur Krisenbewältigung in seinem Zauberkoffer. Klingt ein wenig nach Tony Robbins und ähnlichem Motivationsscheiß, zu dem mich Bea überreden wollte. Schreibe ich ihm auch. Nein, keine Angst. Er sei nur ein Self-Made-Crises-Fighter. Wir würden nah beieinander wohnen. Er komme gerne morgen bei mir vorbei. Da könnten wir ein wenig plaudern. Wahrscheinlich würde ich dann meine Situation differenzierter sehen. Was heißt differenzierter? Aber ich bin beim mindestens zehnten Bier, da sind solche Fragen nebensächlich. Ich schicke ihm per Mail meine Adresse. Es schadet sicher nicht, mit einem ehemaligen Leidensgenossen über die Ungerechtigkeit der Welt und der Frauen zu quatschen. Er verspricht im Laufe des Vormittags aufzutauchen. Wir verabschieden uns. Ich lege Coldplay in den CD-Schacht und versinke bei weiteren Herrenhäusern in bittersüßer Melancholie, bis ich auf meiner Couch einschlafe.

Am nächsten Morgen erwache ich, weil in meinem Kopf eine Abrissbirne gegen die Synapsen zu bollern scheint. Jede Sekunde ein neuer Schmerz. Zumindest kurzfristig treten meine sonstigen diversen Probleme in den Hintergrund. Zudem bemerke ich durch den grauen Schleier des Katers hindurch, dass es an der Tür klingelt. Sturm, als stünde eine Katastrophe bevor und ich sollte vor den nahenden Fluten evakuiert werden. Ich stelle fest, dass ich mich gestern nicht ausgekleidet habe. Ich fühle mich zwar matschig und müffele auch leicht, aber das wird bestimmt dieser Forumsheini sein, erinnere ich mich mühsam. Während ich hin- und herüberlege, ob ich zuerst Kaffee aufsetzen oder die Tür öffnen soll, schellt es weiterhin, als wäre jemand mit dem Finger auf der Schelle kleben geblieben. So eilig ist meine Rettung auch nicht, denke ich und widme mich zunächst dem Kaffee. Jeder kleine Schritt dieser alltäglichen Verrichtung fällt mir schwer. Als braune Suppe in die Glaskanne tropft, merke ich, dass ich den Filter vergessen habe. Scheint nicht mein Tag zu werden. Da sich an der Klingelkulisse nichts geändert hat, beschließe ich die Kaffeeproblematik später anzugehen.

Als ich die Tür öffne, erwartet mich eine Überraschung. Eine unangenehme, was sonst. Ronny und ein noch unsympathischer aussehender Typ mit Glatze und einem Zöpfchen drängen mich in die Wohnung. Dieser trägt einen pinken Anzug, darunter ein weißes fast bis zum Bauchnabel geöffnetes Hemd.
»Morgen Schisser, gestern wieder zu tief ins Glas geschaut, was? », tätschelt mir Ronny das Kinn, was einem mittleren Erdbeben gleicht. Ich falle gegen die Wand.
»Vorsicht, Vorsicht, Kollege, deine Wohnung hat viele Stolperfallen», grinst Ronny. »Hab ich dir schon Bernie vorstellt? Ein Kumpel, der aus Thailand zum Europaurlaub gejettet ist. Hilft Pierre beim Aufbau einer Auslandsniederlassung. Läuft gut. Kaum Kosten, viel Ertrag. Außerdem hatte Bernie Probleme mit den Bullen hier in Deutschland. Die wollten ihn echt verknacken. Dabei ist Körperverletzung heute doch ein Kavaliersdelikt.»
Er lässt sich auf meine Couch fallen. Bernie bleibt stehen, knackt mit den Handgelenken und grinst hohl.
»Bin ein toller Kavalier. Weiß die Polente gar nicht zu schätzen», textet er mich zu und steckt sich eine Zigarette an. Ronny steht auf, holt meine Hannover-Tasse aus dem Schrank und kippt sich Kaffee ein, als sei er hier zu Hause. Er nimmt ein Schluck und spuckt sofort auf den Boden.
»Bah, willst du mich vergiften, Alter? Wenn du Zeug in den Abguss kippst, bekommst du Probleme mit den Umweltfuzzis. Ist ja kriminell.»
Ronny und Bernie lachen dreckig im Chor, dass ich Angst bekomme, dass der Putz von der Decke bröckelt.
»Was wollt ihr? », frage ich. »Ihr könnt mich nicht erpressen. Meine Freundin kennt die Geschichte vom Spezial. Ist alles in Ordnung. Ihr könnt Pierre sagen, für einen Gangster arbeite ich nicht. Die Kohle kriegt er innerhalb des nächsten Jahres zurück.»
Meine beiden Besucher blicken sich an, verziehen die Gesichter und brechen wieder in schallendes Gelächter aus. Können sich gar nicht mehr beruhigen. Bernie ascht aufs Linoleum. Wie krieg ich das Gespann nur wieder aus der Wohnung?
»Hör zu, mein Freund», wird Ronny mit einem Schlag ernst. »Wer mit Pierre Geschäfte macht, steigt nicht einfach aus. Capice? Der Vertrag ist sozusagen auf Lebenszeit geschlossen. Der Boss vertraut dir, und du schwörst bedingungslose Treue. Treue bis in den Tod.»
Dieses Ganovengesabber geht mir gehörig auf den Zeiger. Wen will er mit diesen Sprüchen beeindrucken? Aber seine aggressive Aura lähmt meine Zunge.
»Pierre hat mich gestern zu sich gerufen. Ronny sagte er, der Horst macht mir Sorgen. Ich glaube, der hat die Prinzipien unserer Geschäftsbeziehung nicht richtig verstanden. Das waren Pierres Worte. Ich bin ein einfacher Mann der Tat. Ich könnte mich nie so gewählt ausdrücken.
Aber dann habe ich überlegt und mir gedacht: Der Boss hat wie immer Recht. Da habe ich gesagt: Mein lieber Pierre, es kann sich nur um ein kleines Missverständnis handeln. Nichts, was man nicht aus der Welt schaffen könnte. Ich werde mit Horst reden. Horst versteht und ist wieder auf unsere Unternehmensziele eingenordet. Und zur Unterstützung nehme ich Bernie mit. Der hat Erfahrung mit Motivation. Was denkst du darüber, Schisser?»
In Gedanken spreche ich ein Stoßgebet. „Lieber Gott, ich habe mich lange nicht bei dir gemeldet. Wenn es dich geben sollte, lass Ronny und Bernie schnellstmöglich von hier verschwinden, ohne dass mein Mobiliar oder meine Gesundheit Schaden nehmen.“
Nichts passiert, hätte mich auch gewundert.
»Ich höre nichts, Arschloch. Hast du mich nicht verstanden?», hievt Ronny seine hundertzwanzig Kilo Muskeln von der Couch. Ich weiche unwillkürlich zurück. Da schellt es.
»Wer ist das?», fragt Bernie panisch und holt einen Revolver aus dem Jackett. Oh Gott, die Kerle sind bewaffnet.
»Bestimmt nur die Post. Halt den Ball flach, Bernie. Wir leben in einem Rechtsstaat. Da kommen einem keine bewaffneten Psychos auf die Bude», gackert Ronny. Bernie kichert, wirkt aber noch immer nervös.
Doch das Klingeln dauert an.
Ronny runzelt die Stirn.
»Erwartest du Besuch, Freak?»
Ich überlege. Das könnte der Typ aus dem Forum sein.
»Ein Bekannter wollte heute Morgen vorbeikommen. Den kann ich auch nicht abwimmeln. Da wittert der Verdacht.»
Es klingelt unermüdlich weiter. Scheint sich zur Mode zu entwickeln. Ronny überlegt angestrengt. Es sieht aus, als ob seine gesamten drei Gehirnzellen auf Hochtouren laufen.
»Steck die Knarre weg», faucht er Bernie an. »Muss denken.»
Bernie streichelt über die Waffe, bevor er sie wieder in den Tiefen seines Sakkos verschwinden lässt.
»Mach auf. Sag ihm, wir sind Freunde. Du hast nicht viel Zeit. Und dann beförderst du ihn wieder an die frische Luft. Capice?»
Ich nicke und öffne. Vor mir steht ein wandelnder Meter mit braunen Locken in einem billigen C&A-Anzug. Die Krawatte hängt schiefer als der Turm von Pisa. Er strahlt über alle vier Backen. Dabei sind seine Zähne nikotinvergilbt. In der Hand hält er eine schwarze Laptoptasche.
»Krisenberater zur Stelle. Darf ich reinkommen? », wartet er meine Antwort nicht ab und stiefelt ins Innere meiner Wohnung. »Oh, du hast Freunde zu Besuch. Entzückend. Aber das macht nichts. Meine Botschaft hilft allen zu einem besseren Leben.»
Ich schließe die Tür, während es sich Krisenberater neben Ronny bequem macht. Der fühlt sich sichtlich unwohl. Er ruckelt nervös auf der Couch hin- und her, als würde sein Hintern jucken.
»Mein Name im Real Life ist übrigens Carsten Roschke. Und Horst, noch immer depri drauf?», quatscht er in einer Tour, als liefen seine Stimmbänder auf Autopilot.
»Horst, die Vergangenheit war gestern, aber heute fängt deine Zukunft an.»
Ronny gibt in Kniehöhe Handzeichen. Anscheinend soll ich Roschke so schnell wie möglich vor die Tür befördern. Bernie scheint allerdings angetan. Sein Gesicht zeigt etwas Ähnliches wie ein Lächeln.
»Carsten, es passt momentan schlecht», versuche ich mein Glück. »Wir sind in einer geschäftlichen Besprech…»
Roschke winkt ab. »Papperlapapp. Was ich euch zu erzählen habe, wird eure Perspektiven so grandios erweitern, dass ihr euch fragen werdet, was ihr ohne mich im Leben getan habt. Wie ich Horst bereits geschrieben habe, stand es um mich nicht zum Besten.»
Er berichtet Ronny und Bernie von den unzähligen Katastrophen seines Lebens. Bernie strahlt immer mehr, Ronny wird zeitgleich nervöser.
»Gibt es nicht», weiten sich Bernies Augen. »Du hast ja die Scheiße an den Hacken.»
»Und ich habe meine Lektion gelernt, lieber Freund», nickt Carsten. »Denn dann kam ein Erlebnis, das mein Leben zum Guten bekehrte: Ich traf nicht Jesus; nein viel besser: Guido Klatt vom GWD.»
Bernie hängt an seinen Lippen. Ich warte auch gespannt. Nur Ronny platzt langsam der Kragen.
»Komm zum Punkt, Kollege. Wir haben nicht bis morgen Zeit», steht seine Aggressivität kurz vor ungezügelter Eruption.
»Halt den Ball flach, Ronny», tadelt Bernie. »Mich interessiert, was der Kollege zu sagen hat. Bitte lass dir Zeit, Carsten.»
»In einer Stunde haben wir einen Termin in Braunschweig. Uns rennt die Zeit davon.»
Ich habe keinen Zweifel, dass Ronny keine Skrupel hat, mich und Roschke als Bonus zu vermöbeln. Zu meinem Glück scheint Bernie wirklich auf den Knaller zu stehen.
»Dann fahr alleine», wird er abgebügelt. »Ich regele das hier schon.»
Wütend erhebt sich Ronny. Die ganze Show umsonst.
»Wir sprechen uns noch. Ich komme wieder», zischt er mir im Herausgehen zu.
»Wirklich schade, lieber Freund, dass du uns schon verlassen willst», säuselt Roschke. »Denn das Beste kommt erst jetzt. Ein Modell, wie du im Jahr mehrere hundert bis tausend Talerchen sparen kannst. Aber deine Kontoauszüge hast du wahrscheinlich nicht dabei?»
Ronny knallt die Tür hinter sich zu.
Carsten hebt bedauernd die Schultern. »Wer nicht will, der hat schon. Ich werde euch jetzt ein fantastisches Konzept verraten, was euer Leben auf eine neue Stufe des Wohlstandes hieven wird. Versprochen.»
Er quatscht von Lebensversicherung, Vermögensumschichtungen, Fondssparplänen und Steuerersparnissen. Mir wird schlecht, aber in Bernie hat er ein bereitwilliges Opfer gefunden.
Leider hat Bernie keine Kontoauszüge dabei, hebt sein Geld sowieso lieber bar auf. Aber über Investments hat er auch schon oft nachgedacht. Vielleicht sollten sie sich mal zum Bierchen in der Kneipe treffen? Dann hat er alles dabei. Roschke strahlt.
»Mein lieber Horst, wie sieht es denn bei dir aus? Wenn du kein passives Einkommen erwirtschaften willst, habe ich ein fantastisches Jobangebot für dich. Werde Juniorberater unter meinen Fittichen», baggert er. »Dann kommt das Glück wie von alleine in dein Leben zurück. Die Verdienstaussichten bei minimalem Arbeitseinsatz sind fantastisch.»
Dankend lehne ich ab.
»Ich dachte, du würdest mir bei meinen konkreten Problemen weiterhelfen. Und nicht irgendwelchen Finanzkram aufschwatzen.»
Roschke verzieht enttäuscht das Gesicht. »Jetzt bist du undankbar. Der GWD hat alle meine Probleme beseitigt. Ich glaube, nein weiß heute: Es gibt überhaupt keine Probleme, nur Herausforderungen.»
»Sorry, da habe ich kein Interesse dran. Ich muss jetzt einige wichtige Telefonate führen. Wenn ihr euer Gespräch woandershin verlegen könntet, wäre ich dankbar.»
Beide brummeln. Da scheint eine wirklich feste Männerfreundschaft entstanden zu sein. Mir soll es Recht sein. Zumindest sind meine Knochen heile geblieben. Sie beschließen in dem Dönerladen zwanzig Meter weiter zu quatschen. Roschke verabschiedet sich.
»Horst, das wird alles wieder», er drückt mir seine Visitenkarte in die Hand. »Wenn du noch Fragen hast, ich habe jederzeit ein offenes Ohr für dich. Und wegen der Freundin: Beim GWD arbeiten jede Menge heißer Häschen. Siehst ja nicht übel aus, da staubst du bestimmt was ab», kneift er ein Auge zu.
Ein Kotzbrocken erster Güte. Aber im Internet merkst du oft spät, welcher Idiot sich hinter dem wohlklingenden Nick verbirgt.
»Man sieht sich», lüge ich. Als er aus der Tür ist, sagt Bernie »Ich muss noch eine Minute mit Horst alleine unter vier Augen sprechen.»
Er schließt die Tür und rammt mir ansatzlos seinen Ellenbogen in den Magen. Ich sinke zusammen, doch er reißt mich an den Haaren hoch und rammt mir seinen Arm vor die Nase. Ein unermesslicher Schmerz lässt mich zusammenzucken. Blut strömt über mein Gesicht. Ich übergebe mich. Bernie springt zur Seite.
»Hör zu, Wichser. Ein schlechtes Wort über Pierre zu irgendjemanden, und du kommst nicht so glimpflich davon. Dann ist der Schongang beendet. Fick nie einen Ficker. Hast du mich verstanden, Pisser?»
Ich nicke, sehe aber nichts, da er mir auch an der Wange eine Platzwunde verpasst haben muss. Zufrieden nickt Bernie.
»Wenn ich noch mal wiederkommen muss, hast du hoffentlich dein Testament gemacht. Dann bin ich nicht so launig aufgelegt. Bedank dich bei Carsten.»
Er schlägt mich noch mal halbherzig in den Magen und verschwindet. Eine weitere Fontäne Magensäure schießt aus meinem Mund. Ich schleppe mich zur Couch und sinke ins Polster. Dabei blute ich alles voll, aber das stört mich momentan am Wenigsten. Es klingelt wieder.
Verdammt, ist heute Tag der offenen Tür. Bernie und Ronny können es nicht wieder sein, überlege ich. Dann ist es auch nicht riskant, die Tür zu öffnen. Schlimmer kann es nicht mehr kommen.

»Sweety, wie siehst du denn aus», erschreckt sich Antje. »Was ist denn passiert?»
»Mitarbeitergespräch mit den Chargen von Porno-Pierre», stöhne ich. Antje holt einen Waschlappen und wischt mir das Blut aus dem Gesicht. Schmerzt noch immer unglaublich.
»Ich glaube, deine Nase ist gebrochen. Du musst zum Arzt.»
»Gleich», stöhne ich. »Ich fühle mich zu schlecht, um weite Fahrten zu unternehmen.»
»Jetzt erzähl schon, wer hat dich so zugerichtet?»
Stöhnend berichte ich von meinem unerfreulichen Besuch. Antje kommt aus dem Staunen nicht heraus.
»Ich will nicht die Klugschwätzerin spielen. Eigentlich bist du selber Schuld. Wie kannst du dich mit solchen Gesocks einlassen? Jetzt brauchen wir eine Lösung. Du musst diesen Pierre anzeigen.»
»Der lässt mich umbringen», verkneife ich mir einen Aufschrei, als Antje unabsichtlich meine Nase berührt.
»Fassen wir zusammen. Der Kerl erpresst dich, in seinem Lokal werden harte Drogen konsumiert, es ist fraglich, ob die Frauen alle freiwillig für ihn arbeiten. Das dürfte doch reichen.»
»Wofür? », frage ich verzweifelt. »Ich habe keinen Beweis. Wenn die Bullen das Spezial durchsuchen, werden sie nichts finden. Der Kerl ist mit allen schlechten Wassern dieser Welt gewaschen. Und ob eines der Mädels gegen Pierre aussagt, wage ich auch zu bezweifeln.»
»Aber versuchen müssen wir es», drängt Antje. »Der lässt dich sonst nie in Ruhe. Und ich gebe diesem Bernie recht: Beim nächsten Mal werden sie nicht nur deine Nase brechen.»
»Warum interessiert dich das eigentlich? Wir sind doch getrennte Leute?», kann ich mir nicht verkneifen.
»Süßer, Pack schlägt sich, Pack verträgt sich», grinst sie. »Ich habe überreagiert. Es war nicht okay, dass du mich angelogen hast. Hat mich schwerer enttäuscht, als ich gedacht hätte. Und du hast dich überhaupt nicht gefreut, dass ich nach New York gehe. Das war auch kein Burner.»
»Was erwartest du? », frage ich fassungslos. »Du ziehst tausend oder mehr Kilometer weit weg und ich soll Purzelbäume vor Glück schlagen? Aber mittlerweile denke ich, dass unsere Beziehung halten wird. Deine USA-Aufenthalt dauert ja nicht die Ewigkeit.»
Antje schaut ein wenig traurig. »Finde ich auch nicht toll. Es war eigentlich nicht geplant, dass ich mich verliebe.»
»So ist das Leben», klinge ich nur etwas resigniert. »Vielleicht suche ich mir einen Zweitjob, dann kann ich mir auch die Flugtickets leisten», rede ich uns gut zu.
Ich streichele Antjes Kopf. Ihre Augen schimmern feucht.
Wir sitzen eine Weile schweigend und sinnieren, halten uns in den Armen.
Lass uns jetzt ins Krankenhaus fahren, um dich zu versorgen», spielt sie die Fröhliche. »Wir können den Andi auch gleich besuchen. Ist ja praktisch, dass du dich heute hast zusammenschlagen lassen.»
Ich merke in diesem Augenblick, wie sehr ich sie liebe und könnte losheulen. Doch ich spiele auch den Zweckfröhlichen. Wir rufen ein Taxi, Kohle habe ich im Moment genug.
Der Fahrer mustert mich kritisch und will mich eigentlich nicht transportieren.
»Wenn die uns nicht mitnehmen, werde ich an die Presse gehen. Unterlassene Hilfeleistung ist weiß Gott keine Kleinigkeit. Ich sehe schon die Schlagzeile in der BLÖD: Deutschlands herzlosester Taxifahrer», faucht Antje ihn an.
»Schon gut. Aber wenn er meine Sitze voll blutet, zahlt er die Reinigung», knurrt er.
Er sieht nicht, dass Antje ihm den Stinkefinger zeigt. Hauptsache, er kutschiert uns.
»Übrigens. Mit meinem Buchvertrag ist es auch Essig», erzähle ich. Klingt wegen des Nasendefekts etwas seltsam, aber ich denke, ich kann mich an den Sound gewöhnen.
Antje schaut mich groß an. Und ich erzähle auch diese Geschichte meines ach so traurigen Lebens.
»Holy Shit. Wie viel Pech kann ein einziger Mensch nur haben? », fragt sie.
Ich überlege. Es hätte natürlich eine gewisse Berechtigung, wenn ich mich als stärkster Pechmagnet der Welt bezeichnen würde. Realistisch und objektiv betrachtet gibt es sicherlich Milliarden Menschen, denen es deutlich schlechter gehen würde. Immerhin leide ich unter keiner Hungersnot, keiner tödlichen Krankheit oder wohne in einem Land wie dem Irak, wo das Überleben des Tages bereits ein Erfolg ist. Naja, zumindest letzterer Punkt kann ich heute auch für mich verbuchen.
»Alles halb so wild», entgegne ich dennoch. »Wir fahren nachher zur Polizei. Dann hat der Ärger vor Pierres Schlägern ein Ende. Und ich werde mit Bea telefonieren, was für ein Arschloch sie sich da angelacht hat.»

Im Krankenhaus werde ich in der Chirurgie nach einer Stunde Wartezeit behandelt. Geht ja schnell. Ich erzähle dem Arzt, dass ich die Kellertreppe hinunter gestürzt sei. Der hoch gewachsene, hagere Kerl, der mich an Lucky Luke nach dreiwöchigem Hungerstreik erinnert, nickt ironisch.
Er schickt mich zum Röntgen. Antje wartet unterdessen in der Cafeteria. Eine Stunde später studiert er die Aufnahmen meines Naseninnerns.
»Das ist halb so wild», erklärt er. »Er handelt sich um eine geschlossene, unverschobene Fraktur. Da ist keine Therapie notwendig. Glück im Unglück. Wir legen Ihnen einen neuen Verband an. Wenn Sie möchten, können Sie nach einem Monat wiederkommen. Dann werde ich den Zustand ihrer Nase noch mal begutachten. Es sollte dann aber alles wieder in Ordnung sein. Sie dürfen sich allerdings zehn Tage lang nicht schnäuzen. Alles klar?»
Das sind doch gute Nachrichten. Ich habe schon gefürchtet, den nächsten Monat im Krankenhaus verbringen zu müssen. Eine Krankenschwester desinfiziert die Platzwunden, legt einen Verband an, dann werde ich entlassen.
Antje schlürft einen Kaffee und liest Tina Uebels Horro Vacui.
»Und, wie ist das Buch?», frage ich. »Die Frau ist eine Slamerlegende.»
Antje blinzelt. »Super, Ich bin Duke fand ich allerdings besser. Das fand ich mit zwanzig saucool. Wir simulieren ein aufregendes Leben, weil die Spießerwelt uns ankotzt. Na, jetzt brauch ich mir dank meinem Zuckerboy die Realität nicht aufregend zu denken», grinst sie. »Was macht deine Nase?»
Ich berichte, dass mit meinem Zinken alles gut ist.
»Hoffentlich bleibt meine Nase nicht schief», grinse ich. »Obwohl mir das ein unverwechselbares Äußeres geben würde.»
Antje lacht. »Ich werde dich auch lieben, wenn dein Näschen nicht kerzengerade in die Landschaft ragt. Äußerlichkeiten werden in der heutigen Welt überbewertet.»
Wir gehen zu Andy. Er liegt mittlerweile auf der Neurologie. Als wir sein Zimmer betreten, hat er die Augen geschlossen. Kathrin sitzt an seinem Bett und streichelt ihn über den Bauch.
»Hi, ihr», freut sie sich. Andi öffnet die Augen.
»Hallo», sagt er schlapp. Wir drücken die beiden.
»Du siehst etwas ramponiert aus, Alter», lächelt Andi. »Du hast auch schon mal besser ausgeschaut», gebe ich das Kompliment zurück.
»Habe es etwas zu wild getrieben», gibt Andi zu. »Momentan habe ich die Dosis meiner Stimmungsheber nicht im Griff. Ich war so down, Alter. Kannst du dir nicht vorstellen. Ich dachte, probier mal H. Das gibt dir ein Gefühl der Geborgenheit. Hat es auch, allerdings hat es mich fast gekillt. Nie wieder», seufzt er.
»Und nun? », fragt Antje. »Dir ist doch klar, dass es so nicht weitergehen kann, oder? Die Chemie bringt dich sonst eher über kurz als lang unter die Erde.»
Andi schaut Kathrin in die Augen, Kathrin schaut Andi in die Augen.
»Momentan denke ich lieber gar nichts. Fühl mich noch ziemlich gerädert. Aber Kathrin meint, nun ja. Ich werde mich wohl in Therapie begeben müssen. Ich dachte nicht, dass ich so fertig bin, wie es jetzt aussieht.»
Er schaut uns an.
»Ja, ist auf Kathrins Mist gewachsen, aber ich glaube sie hat Recht. Bisher habe ich gedacht, ich brauche Kicks, um meine Kreativität anzukurbeln. Aber who knows?»
Wirkt nicht recht überzeugt. Aber ist auch nicht anders zu erwarten. Wer krempelt schon mühelos von heute auf morgen seinen Lifestyle um.
»Und bei euch?», fragt er. »Du hast mir noch immer nicht erzählt, wie deine Nase zu der schicken Jacke kommt. Ist das eine Mode, die ich verpasst habe?»
Ich erzähle kurz, wie ich mich heldenhaft gegen Pierres Schlägertruppe gewehrt habe. Andi und Kathrin staunen.
»Der Hammer. Was hat der davon, dich zu drangsalieren?»
Ich zucke mit den Achseln.
»Macht, denke ich. Der ist es gewohnt, dass er die Leute in seinem Umfeld fest in der Hand hat. Um seine Pornoproduktion auf Vordermann zu bringen, braucht er einen Kreativen wie mich, der nicht aus dem Rotlichtmilieu stammt. Er behandelt mich aber genauso wie seine sonstige Bagage. Das kann nicht funktionieren. Ich gehe mit Antje zu den Bullen.»
»Ich bin stolz auch dich, Sweety», umarmt mich Antje. »Du bringst eine Linie in dein Leben.»
»Und Amerika? », fragt Kathrin. »Wie habt Ihr euch das gedacht? Ist schon eine Strecke, finde ich.»
Wir schweigen. Wird sich sicherlich finden, obwohl es mir vor dem Abschied graut.
»Ich werde neben dem Studium arbeiten und oft rüber fliegen», erklärt Antje schließlich und drückt mich noch fester.
»Ja dann», sagt Andi.
Wir verabschieden uns mit dem Versprechen, morgen wiederzukommen. Freudig bemerke ich, wie innig Kathrin Andi küsst. Trotz seiner Schwierigkeiten, seines verseuchten Körpers besteht Hoffnung auf eine Zukunft voller Liebe. Oder mutiere ich zum Spießer? Egal, jetzt werde ich erst mal Bea über ihren Macker aufklären.

Da ich das wahrscheinlich unangenehme Telefonat herauszögern will, gebe ich vor, Hunger zu haben. Wir holen uns vom türkischen Supermarkt um die Ecke Börek und essen auf der Bank vor dem Krankenhaus. Antje futtert Spinat, ich Hackfleisch. Ist wie bei Döner. Frauen essen Huhn, weil sie es für weniger fett halten. Männer ziehen das leckere Lammfleisch vor. Vom Kaloriengehalt vermute ich keine großen Unterschiede. Ob es Untersuchungen der Stiftung Warentest dazu gibt?
»Willst du jetzt anrufen? », fragt Antje. Ein unangenehmes Gefühl im Magen macht sich breit, aber ich kann es nicht endlos herauszögern. Konfrontieren wir Bea mit der unbequemen Wahrheit, dass ihr Traumschloss auf Morast gebaut wurde.
»Horst», begrüßt sie mich freudig. »Schön, dass du anrufst. Pierre hat mir so viele gute Dinge über dich erzählt. Eure Zusammenarbeit soll seine Firma enorm weiterbringen. Ist auch toll, dass ihr euch privat so gut versteht und bald zum Dreh nach Ibiza fliegt. Ich freu mich so.»
»Da muss ich dich enttäuschen», fällt es mir nicht leicht, die Lobhudelei zu unterbrechen. »Pierre ist nicht der, für den du ihn hältst.»
Schweigen. Dann fragt sie »Was meinst du damit?»
»Dein Freund dreht Pornofilme, keine Kunst. Das finde ich persönlich nicht verwerflich, aber er betreibt nebenbei Bordelle mit Zwangsprostituierten. Mich hat er zu erpressen versucht. Als er damit keinen Erfolg hatte, haben mich seine Bodyguards zusammengeschlagen.»
Bea zögert einen Moment, dann lacht sie schallend.
»You’re kidding, honey. Im Ernst, wie gefällt dir die Zusammenarbeit mit Pierre? Ist er nicht ein wundervoller Mann? Das kann ich jetzt ohne Gewissensbisse fragen, wo auch du eine neue Freundin hast, n’est ce pas.»
Ich blicke Antje an, zucke Hilfe suchend die Schultern.
»Du verstehst nicht, das meine ich vollkommen ernst. Hast du schon Pierres Firma besichtigt, oder warst in einem seiner Lokale? Bei dem Kerl siehst du den Stecken vor lauter Dreck nicht mehr.»
Wieder zögern.
»Ich finde es nicht nett, was du über Pierre sagst. Deine Beschuldigungen sind völlig halt- und geschmacklos. Selbstverständlich hat er mich durch seine Firma geführt. Das asiatische Flair ist sicherlich Geschmackssache, aber Pierre bezieht seine Kraft aus der Weisheit des Buddhismus. Da sehe ich nichts Verkehrtes dran. Ich weiß nicht, warum du mir Pierre madig machen willst.»
Ihre Stimme hat an Schärfe gewonnen.
»Ich will ihn nicht schlecht machen, er ist schlecht. Ich will dir nur die Augen öffnen. Frag ihn doch mal, was das Spezial im Steintorviertel für ein Lokal ist. Was er für die Zwangsprostituierten bezahlt hat, was für ein Gefühl es ist, Leuten Drogen ins Getränk zu schütten und kompromittierende Fotos zu schießen.»
»Du sprichst in Rätseln, mein Lieber», verbreitet Beas Stimme die Wärme eines vereisten Kühlschranks. »Ich habe aber auch keine Zeit, deinen Märchen zu lauschen. Wenn du Probleme mit Pierre hast, kläre sie mit ihm, lass mich aus dem Spiel. Ich wünsch dir einen schönen Tag.»
Damit legt sie auf.
»Sie glaubt mir nicht», fühle ich mich bedröppelt.
»Wie sollte sie», sagt Antje. »Wenn mir jemand erzählt, dass du ein Massenmörder bist, würde ich auch auflegen. Wahrscheinlich», grinst sie.
»Wer weiß, was der Typ mit Bea vorhat. Gutes sicherlich nicht.»
»Da können wir wenig machen. Lass uns zur Polizei gehen.»
Machen wir. Wir setzen uns in die Straßenbahn und fahren zum Hauptbahnhof. Die Wache in der Herschelstraße liegt gleich nebenan. Roter Backsteinbau, der verstaubte Behördenaura ausstrahlt.
Wir werden zu Kommissar Kleine geleitet. Er sitzt in einem fünf Quadratmeter kleinen Raum, die Wand ist mit Familienfotos tapeziert. Er hat zwei Kinder, beides Jungen, blond und hübsch. Er selbst wirkt für seine fünfzig Jahre drahtig und durchtrainiert. Das blaue Hemd frisch gestärkt, der schwarze Schlips sieht aus, als käme er gerade von einer Beerdigung.
Ich erzähle ihm von meinen Erlebnissen im Spezial.
Er nickt, schreibt auf einen Block, nickt und schreibt. Dann murmelt er »Der schöne Pierre, so kennen wir ihn.»
»Er ist bei Ihnen gelistet? », fragt Antje erstaunt.
Kleine nickt.
»Lüscherhof ist erst seit ein paar Jahren in der Rotlichtszene tätig. Mit Anfang dreißig ein Startup. Das Studium im Ausland scheint sich auszuzahlen. Eigentlich passt er überhaupt nicht in die Zuhälterbranche. Als er das Spezial ins Hannover und einige Läden in Berlin übernommen hat, fand das die Konkurrenz gar nicht gut. Da hat er sich allerdings auf skrupellose Weise Respekt verschafft. Zwei Konkurrenten, ein Russe und ein Türke wurden auf offener Straße hingerichtet. Anders kann ich es nicht nennen. Lüscherhof war nichts zu beweisen. Er hielt sich zu den jeweiligen Tatzeitpunkten in Asien auf. Aber seitdem hatte er Ruhe. Wir befürchteten, dass sich insbesondere die Russen-Fraktion diesen Angriff nicht gefallen lassen würde. Aber komischerweise blieb es ruhig. Bis heute. Er hat sich anscheinend wirklich Respekt verschafft.»
»Warum haben Se ihn nicht festgenommen?», frage ich erstaunt und mich schauert es, wenn ich denke, dass ich mit einem Schwerverbrecher zusammen gesessen habe.
»Keine Beweise», seufzt Kleine. »Seine Läden wurden alle einige Male durchsucht. Wir haben nichts Illegales gefunden. Wir wissen nur, was unsere Informanten flüstern. Außerdem beginnt Lüscherhof legale Firmen aufzubauen. Dazu zähle ich die Filmgesellschaft und einen Laden mit japanischen Antiquitäten. Lackschalen, wirklich wertvolle Ware. Es ist allerdings nicht klar, ob diese Aktivitäten rein zur Tarnung dienen oder ob er sich aus dem Rotlichtmilieu zurückziehen will. Es werden Kontakte zur Yakuza, der japanischen Mafia, vermutet.»
Ich bekomme es mit der Angst zu tun. Beas Macker scheint skrupelloser zu sein, als ich vermutet habe.
»Und nun? », frage ich. »Er hat mich bedroht, seine Schläger haben mir die Nase gebrochen. Können Sie ihn nicht festnehmen lassen?»
Kleine lächelt müde.
»Meinen Sie die gestehen? Und außer Ihnen hat die keiner gesehen. Einen Zusammenhang mit Lüscherhof werden die sowieso leugnen. Natürlich werden wir Sie von Amts wegen befragen, aber große Hoffnungen kann ich Ihnen nicht machen.»
Verdammt. Ich habe keine Lust zu sterben.
»Dann müssen Sie Horst unter Polizeischutz stellen», fordert Antje. »Wenn dieser Pierre seine Konkurrenten ermordet, wird er mit Horst kurzen Prozess machen.»
»Lüscherhofs Männer haben schließlich nicht gedroht, Sie zu töten, oder?»
»Nein», verzweifele ich. »Aber wenn Sie ihn verhören, weiß er, dass ich ihn verpfiffen habe. Das ist doch ein logischer Schritt in seiner Welt. Er fährt wieder ins Ausland, und meine Leiche liegt auf der Limmerstraße. Und keiner kann sich erklären, warum.»
»Ich versteh überhaupt nicht, warum Lüscherhof den Horst in seinem Verbrecherladen haben will. Kriminelle Energie hat er bisher nicht gezeigt», kann Antje Kleines Bericht noch immer nicht nachvollziehen.
Der Polizist überlegt. »Das ist wirklich seltsam. Aber ich denke, dass er wirklich Fuß in seriösen Bereichen fassen will. Pornofilmen ist zumindest nicht illegal. Und dabei benötigt er unverbrauchte Leute, die nicht aus dem kriminellen Milieu stammen. Allerdings scheint es ihm schwer zu fallen, seine Geschäftspraktiken zu ändern.»
Wir wissen nicht, ob das stimmt. Ist zumindest eine Theorie. Ich erzähle, dass wir Bea nicht von Pierres Machenschaften überzeugen konnten.
»Bei ihr hat er sich bisher von seiner besten Seite gezeigt. Lüscherhof spielt gerne den Mann von Welt. Er ist gebildet und charmant. Bis er die Maske fallen lässt, kann es dauern. Und dann», Kleine schweigt bedeutungsvoll »dann ist es zu spät. Aber das sind nur Mutmaßungen. Um auf Ihre Frage zurückzukommen, Herr Stengel, ich fürchte, wir können da wenig tun. Es gibt keine Beweise.»
Wir blicken auf den Boden, wissen nicht, was wir sagen sollen. Mein Magen ist ein einziger Eisklumpen. Schließlich sage ich »Irgendetwas müssen Sie tun. Wenn mir etwas passiert, geht Antje an die Presse.»
»Genau», triumphiert Antje. »Wir gehen an die Presse. Wenn Sie uns nicht helfen, können Sie einpacken, mein Freund. Dann ist es Essig mit dem Job als Polizeipräsi.»
Kleine lächelt müde.
»Für einen solchen Posten diene ich zu gerne dem Bürger. Politik ist nicht mein Ding. Aber vielleicht habe ich doch eine Idee, wie wir an Pierre rankommen können.»
Wir starren ihn mit offenen Augen an.
»Und welche?», fragen wir.
Er blickt verschwörerisch.
»Wenn Sie mutig sind, Herr Stengel, spielen Sie für uns den Lockvogel.»

Sonntag, Oktober 10, 2010

Bestseller Kapitel 14: Ikonen, New York und der ganze normale Lebenswahnsinn



Es ist kurz vor zwölf. Ich nehme eine Dusche. Tut gut. Anschließend wechsele ich die Kleidung, die nach billigem Parfum und Fusel stinkt. Fühle mich menschlicher als am Morgen. Doch der Frust sitzt noch immer tief in allen Poren. Der lässt sich nicht so einfach wegduschen. Im Edeka kaufte ich Würstchen, Bauchfleisch und einen Sixpack Herrenhäuser. Dann wandere ich die viereinhalb Kilometer über die Leine in die Nordstadt. Die Sonne kann meine trüben Gedanken auch nicht erhellen. Der Georgengarten ist eigentlich ein fantastischer Ort zum Chillen. Erinnert an die Landschaften aus Miss-Marple-Filmen. Ist nicht so snobby wie der Große Garten von Herrenhausen, wo Familien und Hannovers feinere Gesellschaft flanieren. Der Georgengarten ist Kult für alle, die eher am Rand der Gesellschaft rumkrabbeln.
Andi und Kathrin finde ich auf einer Decke. Sehen ähnlich trübe aus wie ich. Antje baut gut gelaunt den Grill auf und schüttet Kohlen auf den Rost. Dabei summt sie Living la vida loca.
»Sweety», küsst sie mich leidenschaftlich. »Ist dein Tag genauso grandios wie meiner. Es gibt etwas Giga-Fantasto-Geiles zu feiern.»
»Naja», brumme ich. »Ich muss dir etwas erzählen. Was ist mit den Beiden los?», zeige ich auf Andi und Kathrin. »Die blicken ja drein, als seien Weihnachtsmann und Osterhase am gleichen Tag gestorben.»
Andi verdreht genervt die Augen. Erst jetzt fällt mir das Veilchen an der rechten Seite auf.
»Das ist nicht lustig. Weiß Gott nicht», faucht Kathrin.
»Sorry», sage ich. »Reiner Galgenhumor. Mein Tag war auch komplett beschissen. Was ist denn los?»
»Ich bin erledigt», spricht Andi mehr mit sich selber als mit uns.
»Bitte?»
Andi winkt ab, scheint keine Lust mehr zum Reden zu haben.
»Andi war noch immer fix und fertig, dass seine Bilder in dem Nazischuppen in Wesel gestanden haben. Da hat er sich diesen Säge gekrallt. Wir sind zu seiner WG gefahren. Turner wohnt gar nicht mehr dort. Hat sich einen Bulli für fünfhundert Euro gekauft und ist runter nach Georgien, um humanitäre Hilfe zu leisten. Da wohnen jetzt völlig strange Typen. So eine Mischung aus supercool und aggro. Konnten wir nicht einordnen. Ob das auch Studenten sind?»
»Penner. Alles Penner und Wichser», wirft Andi ein.
»Da lief die ganze Zeit der Judgement-Night-Sampler. Die haben zu Disorder von Ice-T und Slayer geposed und gegröhlt. War, this is not our war. Echt beängstigend. Der Text war auch noch falsch. Vollpfosten. Dieser Säge auch. Der war der Schlimmste. Ein komplettes Arschloch.»
»Der war früher in Ordnung. Ich schwör’s euch», verteidigt Andi.
»Ice-T ist doch okay? »¸frage ich.
»Hotte, das sind weder Metallheads noch Hip-Hopper, sondern eine ganz üble Brut. Warte doch einfach mal ab, was Kathrin noch erzählt.»
Kathrin redet sich in Rage.
»Wir kommen in das Zimmer von diesem Säge. Da hängen verschiedene Bilder mit Überschriften in Sütterlinschrift. Deutschland steh auf und so ein Zeug. Gegen Kapitalismus und Weltjudentum. Als Bettüberzug dient eine Reichskriegsfahne. White-Power-Bildschirmschoner auf dem Rechner. Alles klar? Dieser Typ ist bis in die Haarspitzen Nazi, genau wie seine Kumpel. Andi hat ihn gefragt, ob er weiß, wo er seine Bilder hingebracht hat. Da meinte er, das wäre doch eine geile Location. Andi wäre jetzt in der Szene eine Ikone.»
»Was?», kann ich es nicht fassen. »Bei den Nazispacken?»
Andi nickt finster.
»Die haben eine neue Richtung», erklärt uns Kathrin. »Autonome Nationalisten. Die kannst du nicht von Linken unterscheiden. Selbe Klamotten, selbe Musik, politische verbreiten die nur Hass. Säge meinte, es wäre im Guerilla-Krieg vorteilhaft, wenn sie nicht wie Nazis aussehen. So sind sie schlagkräftiger. Die besuchen auch Ausbildungscamps für Nahkämpfer. Ganz schrecklich. Und der Höhepunkt ist das hier.»
Sie drückt mir ein Poster in die Hand.
„Ausstellung mit zeitgenössischer völkischer Kunst in Barsinghausen. Im Jugendzentrum Bunker stellen sieben Künstler aus, die ihr Schaffen dem Kampf gegen den internationalen Kapitalismus, Globalisierung und den Chimäre einer multikulturellen Gesellschaft gewidmet haben. Eines der Zugpferde der Bewegung ist der neunundzwanzigjährige Andreas Bohemian, der sein Schaffen der Philosophie seines Idols Ernst Zündel widmet.“
»Was soll das und, wer ist Ernst Zündel?», frage ich verwirrt.
»Dieser Säge ist geistig komplett verstrahlt. Anscheinend waren er und Andi stoned, als sie sich mal unterhalten haben. Er hat Andis Objekte bei seinen Nazikumpeln in Wesel ausgestellt. Die waren begeistert. Da hat er Gelder aufgetan und weitere Bilder von Andi gekauft, die in einer kleinen Galerie in der Nordstadt ausgestellt wurden. Irgendwie hat er geglaubt, dass sie beide auf der nationalistischen Welle schwimmen. Oder ihm war egal, was Andi dazu sagt. Diese Typen spielen auch Ärzte und Slime, alles Bands, die diesen Nazischrott ablehnen. Und Ernst Zündel ist ein Holocaust-Leugner, der im Knast sitzt. Eine ganz üble Bazille. Andi hat Säge deutlich die Meinung gegeigt, da wurde dieser Typ handgreiflich. Er hat ihm ein blaues Auge verpasst. Dann sagte er, Andi soll sie doch verklagen. Da seien schon ganz andere dran gescheitert. Wenn er nicht mitzieht, machen ihn Säges Kumpels platt»
»Diese Plakate hängen in der Uni aus, diese Plakate hängen in der Limmer Straße, die hängen an Litfass-Säulen. Ich bin doch jetzt komplett unten durch. Das glaubt mir doch keiner, dass ich benutzt werde und mit diesem Dreck nichts zu tun habe.»
Andi schluckt ein paar Pillen, steckt sich eine Kippe an. Sieht blass aus, als hätte er schon lange nicht mehr geschlafen. Er tut mir leid.

Mir fällt es schwer, tröstende Worte zu finden. Eine üble Sache. Gerade in Linden werden solche Plakate genau angesehen. Und dann ist er wirklich Bodensatz. Muss sich eine neue Stadt suchen. Ich sehe keinen Ausweg. Aber ich kann mir nicht mal selber helfen, wie sollte ich dann meinen Freunden Perspektiven aufzeigen. Ich klopfe ihm auf die Schulter, um meine Solidarität zu demonstrieren. Keine Reaktion.
»Jetzt lasst uns feiern. Da können wir momentan nichts dran ändern», klatscht Antje in die Hände. Ich reiche ihr mein Fleisch, doch irgendwie ist keiner in Fetenstimmung.
»Also, was ich euch sagen wollte», leuchten Antjes Augen, während sie die Würste auf dem Grill platziert. »Ich habe ein Stipendium in New York bekommen. Ist das nicht der Hammer, Sweety?»
Ich fühle mich, als ob mir der Boden unter den Füßen weggezogen wird. Wie sah mein morgendliches Fazit aus: Neben all der Scheiße an den Hacken, habe ich wenigstens Antje.
»Ihr sagt gar nichts. Freut ihr euch denn nicht? », fragt Antje noch immer strahlend.
Ich setze mich neben Andi und Kathrin und nehme ein Bier.
»Doch, toll. Wann geht es los?», versuche ich mir meine Enttäuschung nicht anmerken zu lassen.
»In zwei Monaten. Oh, da muss ich verdammt viel organisieren. Neue Wohnung finden, alte auflösen. Mit der neuen dürfte allerdings einfach sein, ich kann da auf dem Campus wohnen. Ich freu mich so. Und mein Schatz besucht mich alle paar Monate.»
»Ich glaube, du überschätzt meine finanziellen Fähigkeiten», fällt mir wenig zu dieser optimistischen Sicht ein.
»Soviel kostet ein Flug nach New York auch nicht mehr.»
»Wie viel denn?»
»Na, so vierhundert um den Dreh»¸wird sie zaghafter.
»Und einen Rückflug muss ich auch buchen. Um mir das leisten zu können, brauch ich einen Job als Investmentbanker an der Frankfurter Börse. Träum weiter, Chérie.»
»Was bist du denn so giftig? », fragt sie enttäuscht. »Du hast doch jetzt einen Bombenjob bei dieser Produktionsgesellschaft.»
»Dazu muss ich noch etwas erzählen. Bitte setz dich.»
Antje folgt. Das Fleisch brutzelt unterdessen munter weiter auf dem Grill. Aber das stört keinen. Kathrin brütet vor sich hin, Andi ebenso, unterbrochen von Griffen in die Hosentasche, aus der er seine kleinen Muntermacher oder Baldrianpillen herausholt.
Ich lege die Karten offen auf den Tisch, verschweige nicht ein schmutziges Detail. Die Mädels starren mich mit offenem Mund an. Andi starrt immer blasser in die Weite des Parks.
»Warum hast du mich angelogen, Horst? Das finde ich total daneben», faucht Antje. Sie wirkt enttäuscht, auch ein wenig kalt.
»Ich habe mich nicht getraut. Ich wollte gut aussehen, wollte, dass du stolz auf mich bist.»
»Alter, war ich doch auch. Wir haben in der kurzen Zeit, in der wir zusammen sind, so viel durchgemacht. Aber dein fehlendes Vertrauen kotzt mich an. Und wenn es dir Spaß macht, mit Nutten zu ficken, bitte. Tut dir keinen Zwang an.»
Sie schmollt. Kein Wort darüber, dass dieser Gangster Pierre mich erpresst. Ich bin auch enttäuscht.
»Ist doch ein Hammer, dass mich der Kerl unter Druck setzt. Einfach so», wende ich mich an alle.
Kathrin und Antje schauen mich an, als hätte ich etwas verbrochen. Andi starrt apathisch auf den Boden, das interessiert ihn alles nicht.
»Wer weiß, ob du mit dieser Nutte gepoppt hast. Kannst dich ja an nichts erinnern. Aber das ist mir so was von egal», zischt Antje. Klingt aber nicht, als würde sie das kalt lassen.
»Mensch, Schatz, ich bin da doch nur hingegangen, um die Konzepte zu besprechen.»
»Kennst du den Film Crossroads über den Blues-Sänger Robert Johnson? Der hat seine Seele dem Teufel verkauft, damit er ein erfolgreicherer Musiker wird. An den erinnerst du mich. Für deinen Traum tust du alles. Lässt dich mit dem letzten Pack ein. Müsste dir doch klar sein, dass es in der Pornobranche nicht wie im Blümchenladen zugeht», sagt sie verzweifelt.
»Vielleicht war ich etwas naiv. Aber Pierre ist Beas Freund, und die ist super korrekt. Da habe ich ihm vertraut», versuche ich mich zu verteidigen.
»Etwas naiv. Du bist die personifizierte Blauäugigkeit. Manchmal fast dumm.»
Das geht zu weit. Als ob ich es nicht schwer genug hätte, beleidigen braucht sie mich nicht.
»Wenn ich so dumm bin, frage ich mich, was du an mir findest. Aber Madame rauscht auch bald über den großen Ozean ab. Respekt.»
»Ich verfolge meine Ziele, ohne mir gleich Freier zu suchen, mit denen ich für Kohle ins Bett hopse. Aber das scheint nicht auf Gegenseitigkeit zu beruhen», redet sie sich in Rage.
»Wenn wir uns gegenseitig so egal sind, können wir uns auch trennen», sage ich kühl in der Hoffnung, dass sie mir vehement widerspricht.
»Ja, vielleicht ist es das Beste. Ich fühle mich von dir hintergangen.»
Scheiße.
»Also sind wir auseinander? », frage ich verunsichert.
Antje überlegt nur kurz.
»Ja, hat ja anscheinend keinen Zweck mit uns.»
Jetzt kann ich es mir schenken, von den Schwierigkeiten mit der Verlegerin zu erzählen. Mein Leben rollt unaufhaltsam dem Abgrund zu.
»Andi, komm wach auf», streichelt Kathrin Andis Kopf. Mein Kumpel ist zusammengesunken, liegt verkrümmt auf der Decke, Speichel fließt aus seinem Mund.
Antje und ich beugen uns ebenfalls über ihn, er atmet stoßweise, aber schwach.
»Hat er sich heute morgen schlecht gefühlt?», fragt Antje ratlos.
»Ich weiß nicht, machte eigentlich einen ganz normalen Eindruck. War nur total deprimiert wegen der Geschichte mit Säge», weint Kathrin. »Was ist denn los, Andi?»
Doch Andi antwortet nicht. Sein Kopf dreht sich etwas nach links, seine Augen sind geschlossen.
»Wir müssen sofort einen Krankenwagen rufen, der stirbt uns sonst hier weg», gewinnt Antje als erstes die Fassung wieder. Frauen sind zupackender als Männer.
»Hat jemand sein Handy dabei?»
Damit kann ich dienen, mich wenigstens etwas nützlich machen.
»Bitte schicken Sie sofort einen Krankenwagen in den Georgengarten gegenüber vom Nordstadtspielplatz. Ein Freund von uns ist kollabiert. Nein, keine Ahnung warum. Vielleicht die Hitze. Kommen Sie schnell.»
Kathrin legt Andis Kopf auf ihren Schoß, streichelt ihn, flüstert ihm beruhigende Worte zu. Minuten gerinnen zu Stunden. Wir sitzen wie gelähmt. Ich stehe einmal auf und kippe Bier über den Grill. Das Fleisch ist mittlerweile verkohlt. Ein rundum gelungener Tag. Durchtränkt mit Melancholie wie ein End-of-Green-Song.
Schließlich kommen die Sanitäter. Laufen viel zu langsam mit ihrer Bahre über den Rasen. Ob ihnen klar ist, dass es hier um Leben und Tod geht.
»Hallo», grüßen sie lax. Andi wird kurz untersucht, dann haben sie es auf einmal eilig.
»Ein Junkie. Wenn wir Pech haben schafft er es nicht mehr», spricht er in sein Funkgerät.
Sie tragen Andi rennend zum Auto. Kathrin läuft ihnen nach und fragt atemlos »Wo bringen Sie ihn denn hin?»
»Krankenhaus Siloah. Notaufnahme. Drücken Sie die Daumen. Das wird eine ganz knappe Angelegenheit.»
Wie erschlagen sinkt Kathrin auf den Bürgersteig, Antje und ich schleichen langsam zu ihr hinüber.
»Ich verstehe nicht, wie das passieren konnte», murmele ich und lege tröstend meinen Arm um Kathrins Schulter.
»Na», sagt Antje schnippisch. »Wieso wundert dich das? Andi steht doch ständig unter Chemie. So lang kennen wir uns nicht. Aber da hat er ständig was genommen. Irgendwann kolloabiert der Body.»
»Entschuldige, dass ich mich um meinen Freund sorge», fauche ich.
»Mach ich auch», erwidert Antje. »Dennoch: Sein Lifestyle ist zu intensiv. Too much is too much.»
»Er ist Künstler», verteidige ich Andi. »Er braucht den Kick als Inspiration.»
»Drogen sind scheiße», meldet sich Kathrin zu Wort.
»Ich bin auch Künstlerin», stöhnt Antje. »Dröhne ich mich deshalb dauernd zu? Es ist okay, sich ab und an zu kicken. Aber sich von der Chemie versklaven zu lassen, finde ich abartig. Ich habe keine Lust, mein Leben wie Jim Morrison oder Hans Fallada von Drogen und Alk bestimmen zu lassen.»
Kathrin weint.
»Könnt ihr eure blöden Diskussionen nicht später führen. Andi ringt mit dem Tod, und ihr führt öde Grundsatzgespräche», steht sie auf. »Ich fahre ins Krankenhaus. Ich will ihm nah sein.»
Antje und ich schauen ein wenig verlegen drein.
»Ich komme mit», erkläre ich. »Lass uns ein Taxi nehmen. Ich zahl das.»
»Oh, von der Pornoindustrie gesponsert. Nein, danke», zischt Antje.
»Eure Streitereien kotzen mich an», schreit Kathrin wütend und läuft los.
Ich renne ihr nach.
»Warte», hole ich sie ein. Antje kommt langsam nach.
Ich würde mich am liebsten bei ihr entschuldigen. Mir kommt der Verdacht, dass ich ganz schöne Scheiße gebaut habe. Aber was hätte ich anderes tun können? Die Ereignisse haben sich überschlagen und mich überrollt. Etwas Verständnis für meine Situation würde mir gut tun. Antje blickt an mir vorbei auf Kathrin.
»Du hast Recht, Süße», sagt sie. »Begraben wir die Streitaxt.» Sie reicht mir die Hand, schaut mir aber nicht in die Augen. Zögernd ergreife ich sie.

Dann nehme ich das Handy und rufe ein Taxi. Der Fahrer, ein Typ Ende vierzig mit Zopf und wallendem Vollbart, hat Quasselwasser getrunken.
»Seid ihr Studenten?», fragt er. Keiner antwortet.
»Ich studiere Sozialpädagogik. Hatte mehrfach Pech, dass die Studienordnung gewechselt hat. Jetzt fressen mich die Gebühren auf. Was macht ihr so, um euer Recht auf Bildung zu finanzieren?»
»Horst schreibt Pornos», kann es sich Antje nicht verkneifen. Kathrin und ich schauen sie genervt an.
Finde ich spießig, dass sie auf dieser Geschichte rum reitet.
»Er ist aber auch kein Student sondern Autor», fügt sie hinzu. Macht es nicht besser.
»Ich schreibe auch», erklärt der Taximensch. »Politische Gedichte. Ich bin übrigens der Fred. Habe leider noch keinen Verleger gefunden. Wollt ihr eins hören?»
Wollen wir nicht, aber das stört ihn wenig.
»In den Keller gepfercht hause ich. Auf der Flucht vor Hatz 4. Kriminalisiert, maskiert, demotiviert und frustriert. Der Blick aus dem Fenster führt ins Nichts. Habe keine Liebe zu erwarten von dieser Fucking Society.»
Erwartungsvoll dreht er sich um.
»Wie findest du das? Ist nur ein Auszug. Ey, Alter. Hast du vielleicht Connections zu einem Verleger?»
Ich überlege kurz ihm die Ahmert zu empfehlen, aber so gehässig bin ich doch nicht.
»Nein, für Lyrik kenne ich keinen Interessenten», sage ich.
»Schade, wäre besser als Autor die Kohle direkt aufs Konto zu bekommen, als sich Tage und Nächte im Taxi um die Ohren zu schlagen.»
Die Leute haben bunte Illusionen vom Autorenleben, denke ich. Wie ich bis vor kurzem auch.
Plötzlich wird Fred aggressiv.
»Finde ich echt Scheiße von dir, dass du mir nicht helfen willst. Naja, so ist das in Deutschland. Jeder ist sich selbst der Nächste. Wenn ich irgendwann super erfolgreich bin, kenn ich dich auch nicht mehr.»
Hallo? Wir sind fünf Minuten in seinem Taxi gefahren. Wenn ich nicht voll Sorge um Andi wäre, könnte ich laut loslachen. Das Leben ist schon skurril.
»Tut mir Leid», murmele ich, um ihn nicht zu reizen.
Wir erreichen den Parkplatz vor dem Krankenhaus. Ich drücke ihm die sieben Euro in die Hand, die das Taxameter anzeigt.
»Viel Glück. Nimm es mir nicht übel, aber ich kann wirklich nichts für dich tun», versuche ich etwas Nettes zu sagen. Doch er schweigt und verzieht patzig das Gesicht. Antje und Kathrin verlieren kein Wort, laufen zum Eingang des Krankenhauses. Drei Männer sitzen in Jogginganzügen auf einer Bank vor der Pforte, rauchen und kloppen Skat.
Siloah ist idyllisch an einem Kanal zur Leine gelegen. Dahinter Schützenplatz und Stadion. Wer Halligalli braucht, ist dort richtig. Das Krankenhaus selber besteht aus mehreren abgrundtief hässlichen Sechziger-Jahre- Bauten. Andi liegt auf der Intensivstation. Wir stehen vor der verschlossenen Tür. Kein Einlass. Irgendwann kommt ein Arzt heraus. Zerknautschtes Gesicht mit dicker Hornbrille, vielleicht fünfzig. Laut Namensschild Dr. Hornbacher.
»Wir sind Freunde von Andreas Bohemian. Er liegt bei Ihnen auf der Station. Wir möchten gerne wissen, wie es ihm geht», frage ich.
Der Arzt nimmt seine Brille ab und poliert sie mit einem weißen Tuch.
»Ein Herr Bohemian liegt nicht bei uns. Tut mir Leid.»
Ich versuche mich zu erinnern, wie Andi mit richtigen Namen heißt.
»Ein Herr Bothe? Wir waren bei ihm, als er zusammengebrochen ist.»
»Sie sind leider keine engen Angehörigen. Daher darf ich Ihnen keine Auskunft geben.»
Kathrin fängt wieder an zu weinen.
»Sagen sie uns: Wird er überleben?»
Der Arzt räuspert sich.
»Können Sie mir die Kontaktdaten seiner Eltern geben?»
Wir zucken die Achseln.
»Ich glaube, er stammt aus Peine. Aber ich kenne seine Eltern nicht», gestehe ich. Schon erstaunlich, wie wenig ich über meinen besten Freund weiß.
»Kommen Sie mit in die Cafeteria? », stiefelt er los, ohne eine Antwort abzuwarten.
Wir folgen ihm wie die Lemminge, was bleibt uns übrig, wenn wir Näheres zu Andis Zustand erfahren wollen.
Der Arzt holt einen Kaffee und setzt sich an einen Tisch. Seine Stirn glänzt vor Schweiß.
»Auch wenn ich Ihnen keine Auskunft geben darf. Ihr Freund braucht dringend Hilfe. Das war ein Warnschuss und Hilferuf zugleich. Herr Bothe richtet sich kontinuierlich zu Grunde. Wir haben in seinem Blut diverse illegale Substanzen festgestellt, die dem Organismus bleibende Schäden zufügen. Ausschlaggebend war allerdings der Konsum von Heroin. Da keine Einstiche festgestellt wurden, hat er die Droge anscheinend geschnupft.
Wahrscheinlich zum ersten Mal, aber da bewegen wir uns zurzeit auf dem Gebiet der Spekulation. Allerdings mehr als er verkraften konnte. Daher gehe ich davon aus, dass er den Zusammenbruch bewusst kalkuliert hat. Dies ist allerdings eine rein persönliche Einschätzung. Ohne wissenschaftliche Relevanz.»
Wir hören ihm staunend zu. Bis auf Antje. Die nickt, als hätte sie alles schon längst gewusst.
»Er wird die Überdosis überleben. Klar, kein Problem. Aber wenn Herr Bothe so weiterlebt, ist sein früher Tod bereits vorhersehbar. Ich werde ihm raten, sich schleunigst in therapeutische Behandlung begeben. Und dabei sind gute Freunde wichtig.»
Er steht auf.
»Morgen wird Ihr Freund verlegt. Dann können Sie ihn besuchen. Guten Tag.»
Mit wehendem Kittel schreitet er aus der Cafeteria.
»Es wird alles gut», verbreite ich Optimismus.
»Es wird alles fucking gut, sicher», ironisiert mich Antje.
»Wenn er nicht mit dem Scheiß aufhört, liegt er bald unter der Erde. Da brauchen wir uns nichts vorzumachen. Dem Jungen fehlt eine Perspektive.»
Sie hat Recht.
»Ich ziehe nach Hannover», sagt Kathrin. »Ein Wechsel ist sicherlich möglich. Zusammen schaffen wir das.»
»Süße, wenn du nur zu ihm ziehst, weil du ein Helfersyndrom pflegen willst, habt ihr keine Zukunft. So ein Entzug geht an die Substanz.»
Immer pragmatisch, meine Ex-Liebste.
»Gib ihnen doch eine Chance. Willst Du Andi mit seinen Problemen alleine lassen?», frage ich wütend.
»Schon gut», beschwichtigt Antje. »Wollte ich nur anmerken. Finde ich gut, dass du ihn unterstützt. Wenigstens das ist gut an dir.»
»Wir lieben uns», beteuert Kathrin. »Und mit Liebe ist alles möglich. Auch wenn ich vielleicht ein Semester verliere, Andi ist wichtiger.»
Obwohl es blauäugig klingt, habe ich bis vorhin auch an die Macht der Liebe geglaubt. Aber vielleicht habe ich zu viel Mist gebaut. Meine Lüge war wirklich keine Glanznummer.
»Das finde ich super», sage ich niedergeschlagen.
Antje schaut ebenfalls verlegen. Wir haben unsere Beziehung selbst zerstört, hauptsächlich ich.
»Ich habe einige Dinge in meinem Leben zu regeln. Wir sehen uns morgen bei Andi», verabschiede ich mich. Ich drücke Antje verlegen die Hand, weiß nicht, was ich sagen soll.
»Mach’s gut», sagt sie.
Kathrin drückt mich. Wir fühlen uns tief verbunden in der Sorge um Andi. Ich spüre Antjes Blicke in meinem Rücken, doch ich drehe mich nicht um. Auch wenn es mir schwer fällt.

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