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Montag, Oktober 04, 2010

Bestseller Kapitel 13: Zwischen kolumbianischen Drogenbossen und russischen Huren



Schwarz und warm und dumpf. Sekunden quälen sich dahin, bis ich meine Augen öffnen kann. Meine Ohren sind schon wach. Während der Kleister der Nacht langsam bröckelt, höre ich eine Stimme.
»Russisch Frau sind immer feucht.»
»Mhm, ja, ich spür, wie hart du bist. Jaaa, mhm, reib dich an mich, starker Hengst.»
Mit einem Ruck bin ich wach, gebe aber zu schlafen vor. Mein Kopf schmerzt, als hätte im Schädelinnern eine Herde Mustangs ein Western-Rodeo veranstaltet. Ich fürchte, mein neuer Arbeitgeber hat mir was in den Sekt geschüttet. Und ein Vitaminpräparat wird das kaum gewesen sein. Jede einzelne Zelle scheint gegen meinen Körper mit Schmerzattacken zu rebellieren.
Ich befinde mich immer noch im Puff, wird mir schnell klar. Ein schwarz gehaltener Raum mit einigen Kerzen und einem Himmelbett. Auf diesem liege ich wie mich das Universum in die Welt geworfen hat. Splitternackt. Neben mir liegt ein Kondom, wobei ich nicht erkennen kann, ob es gebraucht ist, oder einfach nur ausgepackt. Ich habe doch nicht…? Nein, ich kann es mir nicht vorstellen.
Ich blicke aus den Augenwinkeln auf Russlana, die sich ebenso nackt auf einem dunkel gepolsterten Liegestuhl räkelt. Ihr Busch ist rasiert, sie spreizt die Beine und streichelt sich dazwischen, während sie telefoniert und mit der freien Hand zum Schampusglas greift. Ich hoffe für sie, dass er nicht gespritzt ist. Im Hintergrund dudelt süßliche Klaviermusik.
»Ja, steck ihn mir zwischen die Zeh. Da stehen ich drauf», säuselt sie. Dann bemerkt sie, dass ich aufgewacht bin.
»Rambo, muss Schluss machen. Mein Mann kommt und prügeln mich grün und grau», verhunzt sie die Redensart originell. Mir ist aber nicht nach lachen.
»Ciao Baby. Ja, ruf mich wieder an. Du hast mich richtig besorgt.»
Sie drückt eine Taste auf ihrem Headset und lächelt mich an.
»Na, mein starker Hengst, wieder von tot aufgewacht.»
Mit den Pferden scheint sie es zu haben. Mühsam richte ich mich an der Bettlehne auf.
»Was mache ich hier? », erkenne ich die Stimme nicht, die meinem Mund entströmt. Heiser krächze ich, als hätte ich gestern mehrere Stunden Karnevalslieder gejohlt.
»Oh, du hast mit Russlana gemacht viel Liebe, schönes Liebe. Ich bin lange nicht mehr so fein ran genommen worden», stöhnt sie kurz auf.
Obwohl ich jede Anstrengung meiden sollte, werde ich langsam sauer.
»Wie können wir gevögelt haben, wenn ich mich an nichts erinnern kann. Bin doch schon in der Bar fast eingeschlafen.»
Russlana grinst schelmisch.
»Oh, wie ein wütender Stier hat du Russlana gebändigt. Russlanas Mund hat müden kleinen Krieger wach gemacht. Dann warst du nicht zu halten. Von Seite, von unten, in Popo. Das hat Russlana am besten gefallen. Klein Horst ist einfach süß, wie Rambo Stallone.»
Die kann mir viel erzählen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass wir etwas miteinander gehabt haben. Erstens ist sie nicht mein Typ, zweiten würde ich Antje nicht betrügen.
»Ist Richi Claydermann nicht toller Klavier Spieler? », fragt sie.
»Wo sind meine Klamotten? », frage ich zurück. Die Frau lügt bereits, wenn sie guten Tag sagt.
»Heißt Balade pour Adeline. Stück hat er geschrieben für Mädchen wie Russlana. Hat sich verliebt und immer Stück gespielt in Bar. Dort hat es gehört wichtiger Plattenboss. Und haben daraus Platte gemacht.»
»Und was willst du mir damit sagen? », werde ich ungeduldig. »Wo sind bitteschön die Sachen, die ich angehabt habe, als ich hier rein gekommen bin?»
»Du kannst auch für Russlana machen Kunstwerk. Schreiben Gedichte über zarte Beine wie Pasternak oder Geschichte mit Abenteuer wie Puschkin? Bitte. Russlana dann macht Liebe mit dir ohne Geld.»
Die Alte ist komplett bekloppt. Da ich meine Kleider auf dem Boden gefunden habe, brauche ich das Gespräch nicht fortzuführen. Mühsam krauche ich zu meinen Sachen. Russlana gibt vor, mir zu helfen, doch ihre Finger zielen auf meinen Penis. Ich wehre sie fast grob ab. Beleidigt verzieht sie den Mund.
»Hat dir nicht gefallen, mit Russlana zu ficken?», wird sie ordinär. Wortlos kleide ich mich an.
»Ich glaube dir kein Wort!», krächze ich schließlich.
»Was du nicht glauben? Warum?» Geschmeidig wie eine Katze springt sie aufs Bett, greift den Kondom und hält ihn mir unter die Nase. Voll mit Sperma. Verdammt.
»Das kann nicht von mir stammen», erkläre ich. »Ich war gestern vollkommen groggy. Unvorstellbar, dass ich mit dir Sex hatte. Bin doch im Laufen weggepennt.»
»Russlana weiß, was sie weiß», erklärt die Nutte zweideutig und spuckt auf die Lümmeltüte.
»Hat sich noch kein Mann beschwert über Ficki-Ficki mit Russlana.»
Sie dreht den Liegestuhl demonstrativ um und schaut mich mit dem Rücken an. Soll mich das stören. Ich schaffe es wirklich, mich anzuziehen, fühle mich mittlerweile aber auch besser. Russlana schimpft in ihrer Muttersprache, ich ignoriere sie und verlasse völlig zerknautscht das Zimmer. Langsam schreite ich zur Treppe und humpele die Stufen hinunter. Mist, die haben mich in den zweiten Stock verfrachtet. Noch eine Treppe. Ich begegne niemandem, bis ich unten bin.

Der Muskelmann vom Eingang sitzt mit einem Kaffee an der Bar und raucht. Dunhill. Der Kerl hat Stil, auch wenn er nach Knast riecht.
»Horst? »¸begrüßt er mich mit dreckigem Grinsen. »Wie war die Toberei mit Russlana? Ich bin übrigens Ronny, Pierres rechte Hand. Ich erledige die ganze Drecksarbeit, auf die der Chef kein Bock hat.»
Er reicht mir die Hand. Seine Jackettärmel spannen sich gefährlich, als ob der Stoff gleich reißen würde. Ich ignoriere seine Pfote, bis er sie achselzuckend wieder auf den Tisch legt.
»Muss nach Hause», murmele ich.
»Oh, sexy Stimme», bellt Ronny. »Ich weiß aus eigener Erfahrung, wozu das Miststück fähig ist. Sie kommt übrigens aus Moldawien. Dort habe ich sie in einem Café aufgegabelt. War ein Schnäppchen, die Gute. Und sie hat vom ersten Tag an gefickt, als wäre sie seit zwanzig Jahren im Business. Ich hab halt ein Händchen für Talente. Vielleicht sollte ich mich als Scout für Germany’s next Top-Nutte bewerben. Trink einen Kaffee mit Old Ron. Geht aufs Haus», lässt er wieder seine sympathische Lache ertönen. Eine Hustenattacke folgt, die er mit einem Zug an der Kippe besänftigt.
»Ciao. Bis bald», verabschiede ich mich. »Habe leider keine Zeit.»
Auf einmal verschwindet jegliche gespielte Freundlichkeit aus Ronnys Gangstervisage.
»Setz dich! Meine Einladung schlägt keiner aus.»
Er ist kein Typ, mit dem man diskutiert, also lasse ich mich auf einen Barhocker nieder. Ronny stellt mit schleimigem Grinsen einen Kaffee vor mir.
»Milch, Zucker? Ich lese dir jeden Wunsch von den Lippen ab.»
Ich fühle mich noch immer gerädert. Lasse daher sein Gequatsche über mich ergehen. Seinen Kaffee schlürfe ich auch. Tut echt gut.
»Ja, die Russlana», drückt er seine Kippe in den Aschenbecher, als wolle er sie zerquetschen.
»Die hat noch andere Qualitäten. Ist ein Super-Model. Hat auch schon in ein paar Filmen mitgespielt. Da braucht Harry nicht viele Anweisungen geben.»
Warum labert er mich voll. Bin von der letzten Nacht fertig genug.
»Schau her, hier bringt sie Höchstleistung», hält er mir ein Foto unter die Nase.
Müde richten sich meine Augen nach rechts. Dann schrecke ich auf und mein kompletter Kopf dreht sich.
»Was ist das?»
Ronny schaut auf die Fotos.
»Oh, da habe ich mich wohl vertan. Das sind die Schnappschüsse von gestern Nacht. Russlana meinte, ihr beide wäret so ein schönes Paar, das müssten wir fotografieren. Da hat sich Old Ronny nach oben begeben und mit der Kamera rumgespielt. Du warst auch angetan von der Idee.»
Auf einem Bild ist zu sehen, wie Russlanas Mund Hotte junior in Form bringt. Auf einem anderen Portrait vergnüge ich mich mit ihr doggy style. Die Augen habe ich geschlossen, sieht aber verteufelt echt aus.
»Ihr habt mir was in den Sekt getan. Ich war völlig weggetreten. Das ist eine Riesensauerei. Vernichte die Bilder auf der Stelle.»
Belustigt schüttelt Ronny den Zeigefinger.
»Was für böse Worte. Nein, nein. Und auf Forderungen reagiere ich allergisch, mein Freund.»
»Was wollt ihr von mir», schreie ich. Heraus kommt nur das übliche Krächzen, was Ronny noch mehr amüsiert.
Dann wird er ernst.
»Pierre hält viel von diesem Betriebswirtschaftskram. Das hat er ja studiert. Für mich wäre das nichts. Stundenlanges Büffeln. Igitt. Die Mitarbeiter müssen gebunden werden, predigt er bei jeder Teamsitzung. Und das gilt vom Amüsiermädchen über mich bis hin zum Drehbuchautor», tippt er mir auf die Schulter. Tut weh.
»Ich verstehe nicht», murre ich. »Ob ihr diese Fotos von mir habt, oder nicht. Dadurch schreibe ich weder besser noch schneller.»
Ronny lacht. »Hör zu. Wenn du bei Pierre arbeitest, siehst du Sachen, die andere Leute interessieren, die sie nicht interessieren sollten. Ich erwähn da nur mal die Perle von Pierre. Was Männe macht, geht die nichts an. Soll denken, er fabriziert künstlerische Filme. Vielleicht einige Werbestreifen, um das Konto aufzubessern. Und alles ist okay. Solltest du jemals auf die Idee kommen, bei deiner Ex, mehr zu plaudern, als Cheffe gefällt, werden diese Fotos per Expresspost an deine Alte geschickt. Ist eine reine Vorsichtsmaßnahme. Wir wissen, dass du verschwiegen bist. Aber wenn nicht…», er schweigt beredt.
»Und dann komme ich mit einigen Kumpels zur dir auf Besuch. Und wir werden dir jeden Knochen einzeln brechen. Nein, wir werden dich nicht umbringen, sei beruhigt, aber die Schmerzen werden unermesslich sein», kracht sein Arm auf meine Schulter.
»Hast du mich verstanden, Pissgesicht?»
Habe ich.
»Übrigens. Deine Idee mit dem Grafen fanden wir nicht schlecht. Fuckola hieß er? Genial, könnte von mir sein. Pierre lässt dir ausrichten, dass du ein Expodingsbums oder wie das heißt bis Ende der Woche ausarbeiten sollst. Schaffst du das, Kollege?»
»Exposé, ja, mach ich.»
Dann lässt er mich gehen. Erzählt mir noch, wie geil er mich findet, aber wär halt sein Job. Kann er nichts machen und so weiter und so fort. Das Verhältnis seiner Physis zu meiner gleicht dem Donald Ducks zu einem Panzer. Also verzichte ich auf einen Versuch, ihm die Fotos zu entreißen und verschwinde grußlos.

Draußen wanke ich zur Straßenbahnhaltestelle. Was soll ich tun? Antje von meinem wahren Aufgabengebiet erzählen. Ich weiß nicht, ob sie mir die Lüge verzeiht. Und die Fotos mit Russlana sehen verdammt echt aus. Ob sie mir meine Geschichte glauben würde. Ich überlege hin, überlege her. Verfluche mich, dass ich mich mit diesen Gangstern eingelassen habe. Ich erinnere mich an Worte meines Vaters. Gibst du dem Satan den kleinen Finger, frisst er dich mit Haut und Haaren. Da hat der alte Herr einmal Recht gehabt. Ich habe keine Ahnung, wie ich aus der Kiste wieder rauskomme. Ich fühle mich befleckt. Es ist wirklich kein gutes Feeling, erpressbar zu sein.
Niedergeschlagen komme ich eine Viertelstunde später zu Hause an, nehme die Post aus dem Briefkasten, ohne sie eines Blickes zu würdigen. Körperlich bin ich immerhin wieder einigermaßen auf dem Damm. Nur die Seele ächzt. Ich spreche laut in die leere Wohnung »Ich fühle mich Scheiße! »
Erwartungsgemäß antwortet niemand.

Dann Mailcheck. Nur Spam bis auf eine Nachricht von Antje. Sie freut sich euphorisch aufs Grillen, muss etwas mit mir besprechen. Ist voller Ekstase. Wenigstens eine Person, der es gut geht. Von der Ahmert niente. Verstärkt meinen Frust. Ich wähle die Offenburger Nummer. Es dauert zwei Minuten, bis abgenommen wird.
»Gisela Ahmert Verlag.»
Oh, die Chefin selbst ist an der Strippe.
»Guten Tag, Frau Ahmert. Horst Stengel aus Hannover hier. Ich wollte mich erkundigen, wie es mit meinem Buch steht.»
Sie überlegt.
»Herr Stengel, gut, dass Sie anrufen. Mir geht es gerade wahnsinnig schlecht.»
Und mir? Wenn die eine Ahnung hätte. Höflich frage ich »Warum, Frau Ahmert?»
Sie stöhnt.
»Ich habe einen Bruder Arno. Er arbeitet für die deutsche Botschaft in Bogota. Die deutschen Diplomaten unterstützen die Regierung im Kampf gegen den Drogenhandel. Das wird natürlich von der Mafia nicht gerne gesehen, Her Stengel. Das können sie mir glauben.»
»Sicher», sage ich und frage mich, wo die Pointe lauert. Zur prophylaktischen Beruhigung stecke ich eine Zigarette an.
»Das Drama ist: Die Rebellen wollen hunderttausend Dollar. Sonst bringen sie meinen Bruder um. Ich habe bereits fünfzigtausend nach Kolumbien überwiesen. Aber meine finanzielle Lage ist alles andere als rosig, Herr Stengel.»
»Ist sicher schlimm. Aber wann erscheint denn nun mein Buch?», werde ich ungeduldig.
»Herr Stengel, es fällt mir schwer, Sie zu bitten. Dennoch, könnten sie mich dabei unterstützen, meinen Bruder aus der Gefangenschaft freizukaufen?»
Ich halte mich für einen sozialen Menschen, aber Geisel aus den Händen der Drogenmafia zu befreien. Das übersteigt meine Fähigkeiten.
»Was erwarten Sie denn von mir? », frage ich genervt.
»Wenn jeder meiner Autoren fünftausend Euro spenden würde, könnten wir Ingo befreien. Ich bin nicht nur Verlegerin sondern auch Mensch. Dann hätte ich den Kopf frei, um die zahlreichen Bücher herauszubringen, die momentan auf Halde liegen.»
»Heißt Ihr Bruder nicht Arno?», fühle ich mich verarscht.
»Es ist doch wohl egal, wie mein Bruder heißt. Es geht hier um Menschen, nicht um Namen, Herr Stengel. Gerade Sie als Autor sollten das wissen.»
Das ist die Höhe. Ob die Frau weiß, was für Mühe es mich gekostet hat, die dreitausend Euro aufzubringen.
»Hören Sie mir zu. Ich habe meine Eltern angepumpt, mit denen ich seit Jahren kaum Kontakt habe. Ich bin mit einer Kaffeefahrertruppe durch die Botanik gegondelt, in der Hoffnung, ein paar Euros abzustauben. Jetzt arbeite ich für einen Pornofilmer, der mich nebenbei noch erpresst. Und das alles, damit mein Buch erscheint. Und jetzt sagen Sie mir, dass ich noch fünftausend Euro für ihren Bruder aufbringen soll, von dem Sie nicht einmal zu wissen scheinen, wie er wirklich heißt. Das steht nicht im Vertrag.»
Ich krieche fast in die Muschel.
»Mein Bruder heißt Arno Ingo Ahmert. Wie gesagt, Herr Stengel», entgegnet sie kalt. »ich bin in erster Linie Mensch, erst danach kommt die Verlegerin. Ich werde alles tun, um meinen Bruder zu befreien. Von den finanziellen Problemen meines Hotels habe ich ihnen gar nichts erzählt. Auch nicht von meinen schwerkranken Eltern, die ich finanziell unterstütze. Brauch ich auch nicht. Andere Autoren sind da freigiebiger. Deren Bücher werden natürlich vorgezogen. Guten Tag.»
Sie legt auf. Ich starre den Hörer an. Das hat sie doch nicht wirklich gesagt. Ich drücke auf Wahlwiederholung.
»Sie haben die Nummer des Gisela-Ahmert-Verlags gewählt. Leider rufen Sie außerhalb unserer Geschäftszeiten an. Bitte hinterlassen Sie eine Nachricht nach dem Signalton. Wir rufen Sie gerne zurück.»
»Frau Ahmert, ich bin kurz davor ausfällig zu werden. Es ist doch nicht Ihr Ernst, dass sie mein Buch nur herausgeben, wenn ich Ihnen weitere fünftausend Euro überweise. Rufen Sie sofort zurück. Ich will eine feste Zusage für den Termin der Buchveröffentlichung. Ansonsten wende ich mich an die Polizei. Das ist Betrug. Jawohl, Betrug.»
Ich finde meine Ansage hilflos, aber anderes fällt mir nicht ein. Die Ahmert schlägt mir in den Bauch, haut mir den Baseballschläger über die Rübe und reißt mir die Eier ab. Zwar nur metaphorisch, schmerzt aber genauso. Ich lasse mich aufs Sofa fallen. Soviel Aufriss für eine Karriere, die in den Fluten des Jordans versinkt, bevor sie begonnen hat. Ich ziehe ein Fazit. Mein Portemonnaie ist zwar momentan voll, aber dies verdanke ich einem Job im Halbweltmilieu, bei dem ich erpresst werde. Mein Buch wird am Sankt Nimmerleinstag erscheinen. Meine Exfreundin ist mit diesem Zuhälter zusammen. Und Perspektive: Null. Ein ernüchterndes Fazit meines Lebens.
Doch halt: Antje liebt mich. Da kann ich doch nicht alles verkehrt gemacht haben. Vielleicht hat sie eine zündende Idee, wie ich die Ahmert zum Verlegen meines Romans bewegen kann. Den gordischen Knoten mit Pierre muss ich zerschlagen, will schließlich nicht als kompletter Loser dastehen.
»Pierre Lüscherhof Media.»
»Horst am Apparat.»
»Mein Freund, schön, dass du anrufst. War doch gestern eine nette Feier? Wir hatten alle viel Spaß. Ist der Rausch verflogen und der Kopf wieder klar?», lacht er leise.
»Was soll die Geschichte mit den Fotos? Ich lasse mich nicht von dir erpressen. Wenn du meinst, dass ich unter Druck schneller liefere, liegst du falsch. Ich bin Künstler, keine Nutte, die vielleicht die Taktzahl ihrer Freier erhöhen kann», lasse ich meinem Frust freien Lauf.
Pierre gackert.
»Welch hässliche Worte. Buddha sprach: Groll mit uns herumtragen ist wie das Greifen nach einem glühenden Stück Kohle in der Absicht, es nach jemandem zu werfen. Man verbrennt sich nur selbst dabei. Nimm es nicht persönlich, mein Freund. Ich agiere in einem aggressiven Umfeld. Da benötige ich loyale Mitarbeiter. Loyal bis in den Tod. Und das ist keine Redensart», wird er ernst. »Du weißt Dinge über mich, die kein anderer zu wissen braucht. Und umgekehrt genauso. Das nennt man eine Win-Win-Situation. Sollte ein Mitarbeiter abtrünnig werden, entwickelt es sich zu Loss-Loss. Andere Unternehmer verklagen untreue Beschäftigte, ich ruiniere ihr Leben. Das überlegt sich jeder zwei Mal, hab ich nicht recht? Du musst dir keine Sorgen machen. Ist eine reine Vorsorgemaßnahme. Deine Verbindung zu meiner Verlobten spielt sicherlich auch eine Rolle. Sie braucht nicht alles wissen. Sieh es als kleine Versicherung, dass deine Lippen versiegelt sind. Sonst alles klar?»
Mir wird mit einem Schlage eines klar: Ich darf mich nicht länger rumschubsen lassen. Muss agieren, nicht reagieren. Wenn ich akzeptiere, mich von diesem Verbrecher erpressen zu lassen, bin ich verloren. Früher oder später lande ich im besten Falle im Knast, im schlimmsten auf dem Friedhof.
»Ich habe bereits gute Fortschritte bei dem Drehbuch gemacht», lüge ich. »Aber ich werde nicht eher liefern, bis du mir Fotos und Negative auslieferst. Das ist keine Verhandlungssache.»
Für einen Moment schweigt Pierre.
»Du machst mich sehr traurig, mein lieber Horst», spricht er eher wie ein Pfarrer als ein Zuhälter. »Ich bezahle dich üppig und habe dir viel Vertrauen entgegengebracht. Vertrauen in deine Fähigkeiten und dich als Menschen. Deshalb habe ich dir einen großzügigen Vorschuss gewährt, mit dir gefeiert, dich mit den wichtigen Leuten meines Firmenimperiums bekannt gemacht. Und was ist der Dank? Drohungen und Beleidigungen.»
Er schweigt, erwartet, dass ich meine Treue bekunde.
»Erst Fotos und Negative. Mir ist egal, wie du deine Sklaven gefügig machst, nicht mit mir. Kannst du dir bis morgen überlegen. Wenn die Bilder dann nicht in meinem Besitz sind, gehe ich zur Polizei. Irgendwas werden die Bullen schon bei dir finden. Das nutzt dem Geschäft sicherlich wenig, und du bist doch Geschäftsmann.»
Es ist gewagt, einem Typen wie Pierre zu drohen. Der wirkt auch verblüfft, scheint keinen Widerspruch gewohnt zu sein.
»Mein lieber Horst. Lass uns das noch mal besprechen. Komm einfach in der Firma vorbei. Oder heute Abend im Spezial.»
Seine Worte klingen moderat, seine Stimme gefriert geradezu.
»Sorry, keine Zeit. Steck mir die Fotos und Negative in einen Briefumschlag und schick ihn per Post. Bis Mitte nächster Woche hast du dann dein Exposé und die Hälfte vom Drehbuch. Sonst bekommst du nichts von mir.»
Ich lege auf. Bin mir nicht sicher, welche Folgen meine Rebellion haben wird. Ich halte es jetzt aber doch für besser, Antje reinen Wein einzuschenken. Dann entfiele jeglicher Grund für eine Erpressung und ich wäre frei.

Sonntag, September 19, 2010

Bestseller Kapitel 11: Kollegen vögeln gratis



Am Morgen erwache ich, weil Antje mich küsst. Eine schöne Art, den Tag zu begrüßen.
»Na, hast du gut geschlafen?», grinst Antje. Ich sitze immer noch in den schwarzen Shorts und schwarzen T-Shirt vor dem Rechner. Das Bier ist mir aus der Hand gefallen und hat sich über meine Klamotten ergossen. Lecker rieche ich.
»Ich habe in der Nacht meinen Roman fertig gestellt», strahle ich. »Leider hast du schon geschlafen. Hätte gerne mit dir gefeiert.»
Antje reibt sich die Hände und strahlt. »Fantastisch, ich freu mich so. Gigagigageil. Ich bin echt froh. Und, wie gut ist er geworden?»
Sie streichelt meine Brust. Tut wirklich gut. Ein wenig zerschlagen fühle ich mich doch.
»Ein Meisterwerk, denke ich. Habe es gestern noch mal überflogen. Zum Ende hin reißt Fred Sauger die Coca-Cola-Fahne vom Mond und beherrscht von dort die ganze Welt. Ich werde ihn gleich heute an die Ahmert schicken. Die können ihn dann sofort lektorieren, wenn ich die dreitausend Taler überwiesen habe.»
»Und was willst du da unternehmen? Rufst Du Beas Freund an?»
»Ja, ich vereinbare so schnell wie möglich einen Termin. Werde dann ein wenig beschäftigt sein, aber Zeit habe ich ja. Meinen Job bin ich schließlich los.»
»Das war keine Glanztat; Horst Stengel», mahnt Antje mit erhobenem Zeigefinger.
»Ich weiß», stöhne ich. »Am liebsten würde ich mich entschuldigen, aber ich habe keine Lust, dem Professor noch mal unter die Augen zu treten oder mit ihm zu telefonieren. Erstens muss ich den Vorschuss zurückzahlen, zweitens hält der mich jetzt für den letzten Idioten.»
»Für noch weniger, glaub mir», grinst Antje. »Schwamm drüber. Jetzt schau in die Zukunft. Bereite dich mental auf das Gespräch mit dem Produzenten vor. Sieh dich als erfolgreichen Autor, der sofort engagiert wird. Ich muss los, die Uni ruft. »
»Bleibst du nicht zum Frühstück?», frage ich enttäuscht.
Antje küsst mich. »Habe gleich Material –und Sinneserfahrung, super Seminar. Das will ich nicht verpassen. Wir schwelgen bei exotischem Essen, orientalischen Gerüchen, abenteuerlichen Farben und schillerndem Sex.»
»Sex im Seminar. Da komme ich mit», grinse ich.
»Du Lustmolch. Nee, besser ich komme heute Abend zu und mit dir. Da können wir den Abschluss deines Romans zelebrieren.» Sie küsst mich leidenschaftlich, dass ich alles um mich vergesse. Gefühlte Sekunden löst sie sich von mir.
»Viel Glück, Sweety. Fahr auf die Überholspur» Ihr Wunsch ist mir Befehl, denke ich voller Optimismus.

Ich blicke ihr vom Fenster aus nach, wie sie die Straße entlang schlendert, wie sexy sich die Backen ihres Hinterns bewegen. Dann brühe ich mir einen Kaffee auf und schicke der Ahmert die Mail mit dem fertigen Roman. Postwendend kommt die Antwort.
„Lieber Herr Stengel, ich freue mich, dass Ihr Meisterwerk nun abgeschlossen ist. Gerne gebe ich es ins Lektorat. Die vom Lektor vorgeschlagenen Änderungen besprechen wir dann unverzüglich mit Ihnen. Vorab überweisen Sie aber bitte die ausstehenden dreitausend Euro. Erst nach Eingang auf unserem Konto können wir tätig werden. Herzliche Grüße aus Offenburg auch an Íhren Freund. Ihre Gisela Ahmert.“
Das erscheint mir doch ein wenig geldgierig. Wenn Andi mir ein neues Bild zeigt, frage ich ihn auch nicht sofort nach den dreißig Euro, die er mir noch schuldet. Nur mal hypothetisch gesprochen. In der Regel schulde ich ihm Geld. Sie wird ihren Zaster kriegen.
Das Telefon klingelt.
»Hallo Herr Stengel, Siebke von der Arbeitsagentur. Wie geht es Ihnen?»
Ach je, hat der Professor ihn bereits angerufen?
»Was ist denn gestern in Sie gefahren? Professor Chong war ganz außer sich.»
»War nicht gut drauf. Der Job ist nichts für mich. Bin eher der Typ für geschliffene Worte als für akkurate Zahlen. Haben Sie keine Arbeit im sprachlichen Metier für mich?»
Siebke wird ärgerlich. »So geht das nicht, Herr Stengel. Ich unterstütze Sie, wo ich kann. Aber Sie müssen sich auch helfen lassen. Die Arbeit bei Pekingtech war eine große Chance für Sie. Ich kenne Herrn Chong seit Jahren als sehr zuverlässigen Arbeitgeber. Alle Arbeitssuchende, die ich zum Professor geschickt habe, sind hochzufrieden. Und mit Ihrer Qualifikation kann ich Sie primär nur in kaufmännische Jobs vermitteln. Zeitungen melden sich in der Regel nicht beim Arbeitsamt, wenn sie Leute suchen. Ich fürchte, das Arbeitslosengeld wird Ihnen gesperrt.»
Das hat gerade noch gefehlt. Er wirkt sauer.
»Ich hatte wirklich vor, diese Stelle anzunehmen. Aber meine Ausbildung liegt Jahre zurück. Ich habe beim Probearbeiten die Konten verwechselt und wusste nicht, was ich tun sollte. Damit ist Herrn Chong auch nicht gedient. Wenn Sie etwas Leichteres für mich hätten, sagen wir im Einkauf. Dafür reichen meine kaufmännischen Kenntnisse.»
Siebke stöhnt. Nach langer Pause sagt er »Sie machen es mir nicht leicht. Na gut, das kann ich noch mal drehen. Aber beim nächsten Job müssen Sie bei der Stange bleiben. Ansonsten kann ich Sie nicht mehr decken.»
Er ist wirkliche eine große Seele.
»Danke, Herr Siebke. Das vergesse ich Ihnen nicht. Im Übrigen kommt bald mein erster Roman raus. Ich werde ihn meiner Freundin und Ihnen widmen, weil Sie beide mich immer unterstützt haben.»
»Das freut mich», lockert sich die Laune des Arbeitsamtmitarbeiters. »Super, Herr Stengel. Vielleicht kommen Sie ja doch im literarischen Gebiet unter. Ich habe es leider nicht geschafft. Aber ich war auch nicht wirklich gut. Heute sehe ich das ein wenig differenzierter als in meiner wilden Zeit. Na schön, wenn ich etwas habe, melde ich mich sofort.»
»Nochmals vielen Dank. Bis bald.»
Das konnte ich noch gerade hinbiegen. Bei einem anderen Arbeitsvermittler hätte ich vollkommen in der Luft gehangen. Na, ich will jetzt diesen Pierre anrufen. Ich schlürfe den Kaffee aus, zünde mir eine Zigarette an. Dann bin ich gewappnet.

»Pierre Lüscherhof Media», meldet sich ein sanfter Bariton.
»Hallo, hier ist Horst Stengel. Ich bin ein Bekannter von Bea. Sie hat mir erzählt, du brauchst einen Drehbuchautor.»
Die Stimme am anderen Ende lacht.
»Ah, mein Vorgänger. Ja, das ist richtig. Und zwar händeringend. Wir sind eine junge Firma, wollen richtig durchstarten, aber es fehlt an guten Konzepten. Wie wäre es, wenn du einfach vorbeikommst und wir quatschen ein wenig.»
Da hört sich richtig gut an.
»Ich habe Zeit.»
»Gut, wir sitzen im Alten Flughafen in Vahrenheide. Sagen wir, in einer Stunde?»
Gebongt.
Ich ziehe eine orangefarbenes Hemd und eine Militaryhose an. Passt optisch nicht optimal zueinander, aber im Spiegel sehe ich wie ein kreativer Schreiber aus. Tiefsinnig und verrückt, frei von dem Zwang des Normalbürgers sich beim Vorstellungsgespräch in Schale zu schmeißen. Ich packe Notizbuch und Füllfederhalter ein und los geht die Fahrt. Bereits ein halbe Stunde später stehe ich vor einem Betonklotz, der frühe eine Lagerhalle gewesen sein mag. Im Eingangsbereich hängt das Bild eines goldenen Buddhas vor rotem Hintergrund. Sieht klasse aus. Sowieso steht an jeder Ecke eine Buddhastatue, was dem ganzen einen Esotouch verleiht. Die Stimmung ist ruhig und freundlich, ganz anders als ich das hektische Filmbusiness erwartet habe.
Eine Sekretärin nimmt mich in Empfang.
»Kann ich etwas für Sie tun? », fragt auch sie freundlich. Nicht aufgesetzt, wie in Klamottenläden oder bei Mac Doof.
»Ich bin Horst Stengel. Herr Lüscherhof erwartet mich.»
»Herr Stengel. Das freut mich, Sie kennen zu lernen», schüttelt sie meine Hand. »Ich bin Simone Mieden, Herrn Lüscherhofs Assistentin. Ich habe schon viel von Ihnen gehört.»
Das wundert mich.
»Was denn?», frage ich erstaunt. »Wir kennen uns persönlich noch nicht.»
»Frau Gunkel hat oft über Sie gesprochen. Hat ihr schriftstellerisches Talent in den höchsten Tönen gelobt. Ihr neuer Roman soll die Literaturszene revolutionieren. Wir denken, dass Sie der richtige Mann sind, um uns nach vorne zu bringen», schmiert sie mir Honig um den Dreitagebart. Mir gegenüber hat Bea meine schriftstellerischen Ambitionen nie dermaßen gelobt. Vielleicht verklärt da die Erinnerung. Aber es tut gut, in warmen Worten zu baden. Wenn finanziell etwas dabei rumkommen sollte, umso mehr.
Sie führt mich in ein helles Büro an den Wänden Fotos von Parklandschaften, in den Ecken die Buddhas. Pierre gefällt mir. Ist zwar nicht dieselbe Szene, aber scheint ein sympathischer Typ zu sein. Steckt in einem dezent lilafarbenen Anzug. Die Haare stehen modisch gestylt in allen Himmelsrichtungen vom Kopf ab. Soll zufällig aussehen, ist aber kalkuliert arrangiert. Warme blaue Augen, die mich direkt mustern. Stört mich nicht, dass er mich bei Bea ausgestochen hat. Die beiden scheinen zueinander zu passen.
»Hallo, ich bin Pierre», begrüßt er mich. »Schön, dass es so schnell ging.»
»Es würde mich freuen, wenn ich dir helfen kann.»
Wir setzen uns an einen niedrigen Mahagonitisch, Mo bringt mir Kaffee, Pierre Tee.
Er hat ein schwarzes Paper-Blank-Buch mit Jugendstilmotiven vor sich liegen.
»Ich möchte dich heute etwas näher kennen lernen. Dir schildern, was wir brauchen. Dann sehen wir, ob es passt.», erzählt er mit leiser melodischer Stimme.
»Finde ich gut», sage ich und hole mein Notizbuch aus der Tasche.
»Ich wurde in München geboren und bin dort zur Schule gegangen. Nach dem Abitur war ich vier Jahre beim Bund, weil mein Vater meinte, ich müsste mir Stärke antrainieren. Das hat mir allerdings nicht gefallen. Dazu bin ich zu individualistisch. Danach habe ich fünf Jahre BWL studiert, habe mich auch in anderen Disziplinen wie Philosophie und asiatischer Kunstgeschichte umgetan. Anschließend habe ich in Hong-Kong ein zweisemestriges MBA-Studium absolviert. Was sollte ich danach tun? Ich hoffe, ich langweile dich nicht», fragt er. Aber ich weiß, dass ihm eigentlich egal ist, was ich denke. Wirklich starken Persönlichkeit ist es latte, was andere von ihnen denken.
»Nein, erzähl weiter», ermuntere ich ihn.
»Ich bin für ein halbes Jahr in ein japanisches Zen-Kloster gegangen. Ich habe in meiner Jugend oft Jan-Willem van de Wetering gelesen .»
»Wer?»
»War ein niederländischer Krimischriftsteller mit philosophischer Dimension. Der hat nach dem letzten Krieg längere Zeit in Japan verbracht. Das war jedenfalls die härteste Zeit meines Lebens. Strengste Disziplin, vier Uhr in der Nacht aufstehen, um zu meditieren. Tagsüber musste ich putzen, meditieren, kochen, meditieren. Das ewiger Plappermaul im Kopf wurde besänftigt.»
»Und, bist du erleuchtet? », frage ich mit leicht ironischem Unterton.
»Nein, aber plötzlich wusste ich, was ich nach dem Studium machen will. Ich kehrte nach Deutschland zurück und betrieb mit einem Studienfreund mehrere Lokale in Hannover und Braunschweig. Meine Eltern sind wohlhabend, daher war Kapital nie ein Problem. Irgendwann wurde das Gastronomiebusiness langweilig. Ich ließ mich ausbezahlen und behielt nur noch zwei von sechs Lokalen. Von dem Geld gründete ich vor einem Jahr die Lüscherhof Media. Wir haben einige viel versprechende Projekte, aber der große Wurf fehlt. Dafür möchten wir dich gewinnen. Aber zurück zu mir.» Er macht eine Pause und nippt am Tee. Er hört sich gerne reden, ich hoffe, er kommt bald zum Punkt.

»Privat läuft es blendend», strahlt er. Innerlich verdrehe ich die Augen. »Es ist noch nicht so lange her, dass Bea und ich uns kennen gelernt haben. Aber ich bin mir sicher: Sie ist meine absolute Traumfrau. Es ist schön, dass eure Trennung völlig harmonisch und schmerzfrei auf beiden Seiten ablief. »
Bla bla. Hat sie ihm diesen Stuss erzählt?
»Jedenfalls wollen wir heiraten. Ich habe gehört, dass auch du eine neue Partnerin hast. Ihr seid schon jetzt herzlich eingeladen. Das Event wird wahrscheinlich Anfang nächsten Jahres stattfinden. Christian Wulff und Angela werden wir auch einladen.»
Der kennt ja Gott und die Welt, denke ich neidisch. Obwohl ich weder heiraten noch mich mit unserem Bundespräsidenten um die Häuser ziehen will.
Auch wenn ich Antje wirklich liebe und Bea mittlerweile keine Träne nachweine, fühle ich doch einen Stich in der Brust. Ist zwar Blödsinn, aber ich fühle mich, als hätte er mir Bea geklaut. Ist Quatsch, denke ich. Sollte mich für die beiden freuen.
»Nun, genug von mir. Jetzt würde ich gerne ein wenig von dir erfahren.»
Super, über mich selbst zu erzählen, hasse ich. Erinnert mich an ein Vorstellungsgespräch, was es im Grunde auch ist.
»Was möchtest du wissen?», frage ich ein wenig hilflos.
»An welchen Projekten du arbeitest, deine Visionen für die Zukunft, beruflich und privat.»
Er schaut mich neugierig an. Die anfängliche Sympathie verfliegt. Ein Karriereheini, der die üblichen Klischeefragen stellt, mit deren Antworten der Spießer andere Menschen in eine Kiste packen kann.
»Darüber hast du dir doch Gedanken gemacht? Ich gehe davon zumindest aus, dass sich jeder erwachsene Mensch über seine Ziele und Träume im Klaren ist», bohrt Pierre nach. Er holt ein silbernes Zigarettenetui aus der Tasche und steckt sich eine Zigarette. Mir bietet er keine an. Auf einen Knopfdruck fährt ein Aschenbecher aus der Tischplatte.
»Technisches Spielzeug liebe ich», erklärt Pierre. »Nun?»
»Ich habe gerade meinen ersten Roman fertig gestellt. Memoiren eines Egels. Er wird im Laufe des Jahres im Ahmert-Verlag erscheinen. Der verschafft mir den Durchbruch in der Subliteratur Szene. Ich werde von vielen Veranstaltern angefragt und bin nicht mehr auf Lohnjobs angewiesen.»
Pierre nickt zufrieden und notiert etwas in seinem Buch. Er blickt mich fragend an. Noch mehr?
»Und ich performe bei Poetry-Slams. Das sind Dichter-Wettstreite. Das Publikum entscheidet, welcher Vortrag der Beste war. Ich lese Kurzgeschichten und manchmal Gedichte mit politischer Botschaft. Mein Traum ist es, Drehbücher für Kinofilme zu schreiben.»
Man sollte in einem Vorstellungsgespräch darauf hinweisen, dass man den Job unbedingt haben will, habe ich gelesen. Pierre nickt wieder. Scheint angetan zu sein.
»Super, ich denke, dass passt gut. Weiß du, wir haben bereits zehn Filme produziert. Die Drehbücher haben die Regisseure zusammengeschustert. Haben sich nicht schlecht verkauft. Aber auf Dauer halte ich dieses Konzept für wenig Erfolg versprechend. Ich möchte weg vom DVD-Markt und rein ins digitale Fernsehen. Da liegt das Geld auf der Straße. Aber dafür müssen wir unsere Strukturen professionalisieren. Ein guter Autor, später ein gutes Autorenteam ist ein Muss. Ansonsten werden wir in fünf Jahren wieder vom Markt verschwunden sein. Du musst Ideen haben, die deine Filme unverwechselbar machen. Fantasie- und anspruchsvoll, so stelle ich mir das vor. Keine Massenware für den Grabbeltisch. Du sollst uns helfen, eine Unique Selling Proposition zu erarbeiten. Später fährst du mit unseren Regisseuren zu den Drehorten nach Rumänien, Litauen oder wo immer du möchtest, um die Produktion künstlerisch zu überwachen. Wie klingt das für dich?»
Ich kann es nicht glauben. Das ist das große Los. Freie Hand bei künstlerischer Gestaltung bei Filmproduktionen. Ein Traum wird wahr.
»Klingt super», bricht es aus mir heraus. »Ich habe da schon einige Ideen, die ich nur etwas ausarbeiten muss.»
»Das freut mich», lächelt Pierre und drückt seine Zigarette sorgfältig aus.
»Jetzt müssen wir nur noch das Finanzielle klären. Ich könnte mir ein Modell als freier Mitarbeiter vorstellen. Du erhältst fünfzehntausend für ein produziertes Drehbuch. Für einen Tag am Set bekommst du vierhundert zuzüglich Spesen. Unser Ziel ist es, vier qualitativ hochwertige Filme pro Jahr herauszubringen. Ich weiß, dass das kein Spitzensalair ist, aber das Unternehmen steckt noch in den Kinderschuhen. Wenn sich unsere Ziele mit dir verwirklichen, wird das Gehalt natürlich entsprechend aufgestockt. Möchtest du trotzdem für uns arbeiten?»
Das sind fantastische Summen. Wenn das kein „Spitzensalair“ ist.
»Super, wir sind im Geschäft.
Pierre gibt mir feierlich die Hand.
»Freut mich ungemein. Bea erzählte, über wie viel ungenutztes Potential du verfügst. Sie hat die Wahrheit gesagt. Das wird sich bei uns entfalten», klopft er mir auf die Schulter.
Er hebt ein Telefon ab.
»Mo, bringst du den Vertrag, den wir vorbereitet haben? Horst steigt bei uns ein.»
Wenig später schwebt die Assistentin mit einem Haufen Papier auf einem Silbertablett ein. Pierre scheint einen etwas pompösen Stil zu lieben.
»Freut mich, dass du uns verstärkst», sagt Simone. »Wenn du bei irgendwas Hilfe brauchen solltest, sprich mich an. Wir wollen, dass sich alle Mitarbeiter pudelwohl fühlen.»
»Ja», bestätigt Pierre. »Zufriedene Mitarbeiter sind der Garant für den Erfolg. Das ist unsere Philosophie, mit der ich immer gut gefahren bin. Ist vielleicht der Frieden des Zen-Buddhismus, der mich von meinen Kollegen unterscheidet.»
Ich studiere den Vertrag. Dort ist alles so festgehalten, wie wir besprochen haben. Fallen oder Kleingedrucktes kann ich nicht erkennen. Euphorisch unterschreibe ich. Dann Pierre.
»Nur noch eines», sagt er. »Die Filmbranche ist ein sensibles Geschäft. Die Verschwiegenheitsklausel im Vertrag ist sehr wichtig. Das schließt deine Freunde und Bekannte ein. Bitte kein Wort zu Bea über unsere Projekte. Was erzählenswert ist, wird sie von mir erfahren.»
Versteh ich nicht ganz. Warum soll ich Bea nichts über die Drehbücher erzählen. Kann mir nicht vorstellen, dass sie mit den Infos gleich zur Konkurrenz rennt. Aber ich muss nicht alles verstehen. Hauptsache ich kann mich gegen gute Bezahlung kreativ austoben. Daher sage ich »Klar, kein Problem. Mein Schweigen gehört dir.»
Darauf gibt mit Pierre noch mal die Hand.
»Ich freue mich, dass du loyal bist. Das habe ich auch nicht anders erwartet.»
Jetzt ist es an der Zeit mit meiner Bitte herauszurücken.
»Pierre, ich habe da momentan einen kleinen Engpass. Die Herausgabe meines Romans ist noch nicht hundertprozentig finanziert. Könnte ich einen kleinen Vorschuss bekommen?»
Pierre lacht melodisch. »Sicher, so knapp bin ich nicht bei Kasse.»
Er holt aus seiner Tasche einen Briefumschlag und zählt sechs Scheine ab. Dreitausend Euro. Ich komme mir noch immer wie in einem Traum vor. Soviel Geld habe ich noch nie in der Hand gehalten. Damit ist die Finanzierung meines Buches gesichert. Zudem kann ich wie Graf Koks auf die Pauke hauen.
»Reicht das? », fragt er beiläufig, als wären es Fünfer.
»Klar», versuche ich cool zu bleiben.
»Weißt du was, lass uns heute Abend, unsere Zusammenarbeit begießen. Eines meiner Lokale, das Spezial liegt in der Scholvinstraße. Schau doch einfach vorbei. Ich bin da ab einundzwanzig Uhr.»
»Gerne», freue ich mich.
»So, jetzt zeige ich dir die Produktionsräume und einige deiner zukünftigen Kollegen», steht Pierre auf.
»Ihr dreht auch hier in Hannover? », frage ich erstaunt.
»Ja. Manche Innendrehs brauchen nicht unbedingt im Ausland oder besonderen Locations abgefilmt werden. Ist eine Frage der Kosten. Und bisher produzieren wir ja nichts Außergewöhnliches. Wie gesagt, wir setzen da auf deine Fantasie. Die Sets sind groß genug, dass vier Filme gleichzeitig abgedreht werden können.»
Ich bin beeindruckt. Und die setzen auf mich. Na gut, ich habe die Storylines einiger Roadmovies im Kopf. Liebe und Abenteuer. Das dürfte ziehen. Wir laufen durch einige Gänge und Pierre öffnet eine weiße Tür. „Bitte Ruhe, hier wird gedreht!», steht auf einer weiß lackierten Metalltafel.
Als wir durch die Tür spazieren, erwartet mich eine Überraschung.
»Was ist das?», verliere ich ein wenig die Fassung.
Doch Pierre hört mich nicht. Zwischen zwei Stellwänden mit schrillen 70er-Jahre Tapeten penetriert ein stämmiger Mann eine Blondine mit gigantischem Busen. Made in Silikon-Valley.
Das ganze wird von einem Typen mit Handkamera und einer Standkamera abgefilmt. Ein etwa sechzigjährer Mann im Trenchcoat und ein bulliger Typ in Uniform beobachten das Ganze.
»Harry», ruft Pierre.
»Stopp, macht mal fünf Minuten Pause. Und Igor, wechselt bitte die Position. Da muss mehr Bewegung rein.»
»Okay», sagt Igor mit unverkennbar russischem Akzent und wischt sich den Schweiß von der Stirn.
Der Alte schiebt sich die Sonnebrille auf die Stirn, mustert mich kritisch.
»Bringst du Frischfleisch, Pierre? Heute caste ich nicht. Wir produzieren gerade Supermöpse 4», wirkt Harry ärgerlich über die Unterbrechung.
»Siehst du? », fragt mich Pierre. »Supermöpse. Das ist schon tausend Mal da gewesen. Völlig ausgelutscht. Wir brauchen innovative Stoffe. Horst ist unser neuer Autor. Er soll mit euch Regisseuren die künstlerische Leitung übernehmen.»
Der Geruch nach Schweiß und Sperma raubt mir die Luft. Eine ältere Brünette saugt an Igors bestem Stück.
»Ihr dreht Pornos?», ringe ich um Fassung.
Pierre blickt mich erstaunt an.

»Ist doch kein Problem für dich? Weißt du, wenn wir Dr. Schiwago mit Til Schweiger neu verfilmen wollten, würden die Drehbuchautoren Schlange stehen. Aber Erotik hat noch immer den Geruch des Aussätzigen. Verstehst du? Aber der niedere Wurm hat ein Recht auf Leben wie der stolze Adler.»
Harry grinst.
»Junge, ich dreh seit mehr als zwanzig Jahren Bumsstreifen. Und es hat mir immer gefallen. Ich erinnere mich noch», schwelgt er in nostalgischen Erinnerungen. »Mein erster Streifen als Darsteller war Muschis von der letzten Schulbank. Mitte der Siebziger, da konntest du noch experimentieren. Eine psychedelische Orgie mit Led-Zeppelin-Untermalung. Der Blockbuster ist nur in exklusiven Kinos gelaufen, das war ein Gassenhauer.»
»Nein», sage ich zögernd. »Ist kein Problem. Kommt nur etwas überraschend.»
Über die Verschwiegenheitsklausel kann ich nur lachen. Als ob ich meinen Freunden freiwillig erzähle, dass ich Pornos texte. Später kann ich meinen Enkeln beim Lagerfeuer berichten, ich sei jung gewesen und hätte das Geld gebraucht, was sogar stimmt.
»Du hast Recht, Pierre. Wir brauchen neue Ideen. Aber ich weiß nicht, ob der Junge das schafft. Der hat doch keinen blassen Schimmer von unserer Branche.»
Pierre erregt sich.
»Genau das ist es, Harry. Er hat keine Erfahrungen im Metier. Ist frei und unverbildet. Da kommen die besten Ideen. Er bespricht seine Szenarien mit dir, und du sorgst dich um die Umsetzung. So stell ich mir das vor.»
Harry überlegt.
»Vielleicht eine gut Idee. Schließlich bin ich immer offen für Neues. Willst du dich mit Titty vergnügen? Sozusagen als Einführung», lacht Harry scheppernd, Pierre kichert in sich hinein.
Der Silikonbusen fährt sich verführerisch mit der Zunge über die Lippen und winkt.
»Nein», wehre ich ab. »Bin in festen Händen.»
»Ja und? », fragt Pierre. »Wenn sich die Gelegenheit bietet, mit einer Profiactrice zu kopulieren? Würde dir sozusagen einen Insidereinblick in unseren Job geben.»
Da hat sich Bea einen tollen Typen geangelt. Der findet es okay, wenn Mann nebenbei mit Pornohäschen poppt. Ich komme mir einerseits spießig vor, andererseits fände ich es auch nicht prall, wenn Antje aus beruflichen Gründen mit ihrem Kunstprofessor pennen würde.
»Heute nicht. Bin nicht in Stimmung», versuche ich mich herauszureden.
»Was? Wenn du mehr auf Männer stehst. Victor ist bi.»
Der Russe zieht mich mit den Augen aus. Ich fühle mich unbehaglich.
»Wie sollen wir weiter verfahren, Pierre? Ich denke, dass ich erst mal Ideen für Plots sammele und sie dann mit dir und Harry durchspreche. Was meinst du?»
Pierre überlegt. Aber nur kurz.
»Super, Horst. Wir können uns nächste Woche zusammensetzen, wenn du magst. Oder noch früher. Du meldest dich einfach.»
Das findet Harry auch gut.
»Unsere Verabredung für heute Abend steht?»
Ich habe keine Lust mehr, sage aber zu. Zum Abschied umarmen mich die beiden, freuen sich über unsere Zusammenarbeit. Harry wiederholt sein Angebot: Kollegen dürfen gratis vögeln. Warum muss ich immer ins Klo greifen.

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