Schickes Interview mit Radio 21 über unser aktuelles Buch "111 Gründe, Hannover 96 zu lieben".
Böse Stimmen bezeichnen ihn als Mischung aus Mario Barth und Mr. Bean. Mit Recht. Homepage:www.rockdasdorf.de
Samstag, September 21, 2013
111 Gründe, Hannover 96 zu lieben
Schickes Interview mit Radio 21 über unser aktuelles Buch "111 Gründe, Hannover 96 zu lieben".
Montag, September 16, 2013
Das rote Manifest der Fußballfreunde von Stephanie Ristig-Bresser
Prolog.
Michael: „Mit unserem 96-Buch und unseren Lesungen liefern wir einen Rundumschlag zu den Roten. Eigentlich ist doch jetzt alles gesagt, oder?"
Steffi: „Erstens gibt´s ja hier auf unserem Blog ständig was Neues und zweitens ist das überhaupt erst der Anfang von allem.“
Michael: „Was kann denn jetzt noch kommen…?“
Steffi: „Michael, denk mal mit. Der Ball ist rund, damit das Denken seine Richtung ändern kann. Wir schreiben ein Manifest! Ein rotes Manifest der Fußballfreunde von uns Roten. Aus Hannover für die ganze Fußballwelt! Frei nach Ernst Reuter können wir dann sagen: Fußballfreunde dieser Welt, schaut auf diese Stadt!!!“
Prolog Ende.
Okay, ein Manifest soll es werden. Ein rotes Manifest für unsere Roten. Aus alter roter Liebe heraus geschrieben. Wie beginnt man ein Manifest? Am besten mit einem Zitat von großen Menschen, die viele Menschen bewegten. Wie wär´s mit Tocotronic? Na bitte, wir sind so frei:
„Ich möchte Teil einer neuen Fußball-Bewegung sein.“
(Wort-Variation nach Tocotronic)
Die Faszination Fußball bewegt allwöchentlich und jedes Wochenende Millionen Menschen in Deutschland und auf der ganzen Welt – in den Stadien, auf den Bolzplätzen, beim Public Viewing, vor den heimischen Bildschirmen, unterwegs auf den Mobilgeräten. Während Politik viele kalt lässt, während Pastoren in leeren Kirchen predigen, ist Fußball in aller Munde – an den Stammtischen, beim Kaffeeklatsch, bei Business-Meetings, in den Soziale Netzwerken. Beim Fußball leben wir unsere Begeisterung aus, liegen uns in den Armen, trocknen unsere Tränen, feiern Siege, betrauern Niederlagen.
Gemeinsam geteilte Begeisterung erzeugt eine unglaubliche Kraft, einer Magie gleich, die Wunder vollbringen kann, die aus uns ein Wir macht. Damit können wir unsere Mannschaft zum Sieg tragen, werden zum Wir für unseren Verein – der Profi wie der Funktionär, der Fan wie der Journalist, der Sponsor wie der Vereins-Mitarbeiter. Lasst uns alle gut miteinander umgehen. Respektvoll. Jeder von uns hat seine Rolle und ist wichtig. Nur wenn wir gemeinsam an einem Strang ziehen, führen wir unseren Verein zum Erfolg.
Liebe Fußballprofis, Helden und Hoffnungsträger,
Chapeau, ihr habt es geschafft und habt Eure Leidenschaft für den Sport zum Beruf gemacht – nicht nur mit Eurem Talent, sondern oft auf einem disziplinierten, hart erkämpften Weg. Toll, dass Ihr das gemeistert! Ihr steht im Rampenlicht, seid die Aushängeschilder des Vereins, seid unsere Vorbilder. Die Energie und Euphorie von uns Fans, unsere Sehnsüchte und Hoffnungen konzentrieren sich auf Euch. Das tut sicherlich gut, ist aber genauso oft schwer, mit diesen Energien umzugehen. Manch einem steigt das zu Kopf, einem anderen wird der Druck zu groß. Sorgt gut für Euch, schafft Euch Schutzräume, wenn Ihr sie braucht, bleibt Ihr selbst.
Und vergesst dabei nicht: Wir Fans brauchen Euch wir Ihr uns braucht. Deswegen hebt nicht ab, sondern bleibt in Kontakt mit uns. Und nehmt Eure Rolle als Vorbilder wahr: Wenn Ihr keine Gewalt im Stadion wollt, macht uns fairplay vor. Engagiert Euch auch neben dem Platz, sprecht nicht nur für Nutella und Milchschnitten, sondern macht uns auf Themen aufmerksam, denen wir uns als Gesellschaft annehmen müssen. Unsere Augen ruhen auf Euch!
Liebe Journalisten, mentale Gatekeeper,
ihr erzählt die Geschichten rund um den Fußball, macht Meinungen macht, kreiert Images, baut Helden auf, zerstört Karrieren. Ihr seid mentale Gatekeeper, entscheidet, welche Geschichten sich in den Medien wiederfinden, an den Stammtischen weitergetragen werden, welche Bilder sich in unseren Köpfen einbrennen. Auch das ist eine machtvolle Aufgabe. Geht behutsam mit ihr um, auch wenn Ihr Quote machen müsst, gerade in Zeiten einer sich verändernden Medienwelt. Vergesst niemals, dass Ihr über Menschen schreibt, dass Ihr Geschichten produziert, die Konsequenzen haben.
Bleibt kreativ, seziert und repetiert nicht die ewig gleichen Stories. Schaut auch mal in andere Richtungen, amüsiert und unterhaltet uns gut, zeigt die schillernde Vielfalt, die die Faszination Fußball bereit hält – auch abseits des Platzes, ohne dabei gleich zu Paparazzi zu werden. Erkennt die Grenzen an und erspürt sie, die Privatsphäre, die auch jeder Prominente braucht, um Mensch bleiben zu können – und überschreitet diese Grenzen nicht.
Traut Euch als Meinungsmacher auch dazu, einmal Themen zu setzen, die nicht der vermeintlichen Mainstream-Erwartung eines Fußballfans entsprechen, erzählt Randgeschichten, beschreibt behutsam Typen, die weicher sind als die männlichen, scheinbar unkaputtbaren Bollwerke. Zeigt uns, dass Fußball auch weiblich ist. Dadurch verändern sich die Bilder in unserem Kopf, werden bunter - und unsere Einstellung toleranter. Fordert uns ruhig! Wir Medienkonsumenten sind vielleicht aufgeschlossener als Ihr denkt.
Liebe Funktionäre, Jongleure unserer Leidenschaft,
die Ihr den Ball am Laufen haltet, das Unternehmen Fußball UND den Verein zum Erfolg führt. Ihr habt einen verantwortungsvollen Job. In der Profiliga jongliert Ihr mit Millionen. Respekt! Und doch geht es im Unternehmen Fußball nicht nur um Gewinnmaximierung. Vergesst nicht: die heutigen Profiunternehmen sind aus Vereinen entstanden. Vereine werden beseelt durch Menschen, die diesem Verein Leben einhauchen. Einige dieser Seelen haben vielleicht weniger Geld, sie bezahlen dafür aber mit einer anderen Währung: Mit ihrer Leidenschaft, ihrem Engagement, ihrer Kreativität. Für diese besagten Seelen ist der Verein auch ein Stück Heimat. Das soll und muss so bleiben, auch wenn mancher Millionendeal finanziert werden muss. Hier lässt sich sicherlich an anderen Finanzschrauben drehen, nicht unbedingt an allen Ticketpreisen. Wir wünschen Euch ein glückliches Händchen bei dieser Jonglage!
Liebe Fans, zauberhafte Möglichmacher,
der Schluss geht an uns. Ohne uns, ohne dass wir allwöchentlich die Stadien füllen, in den Kneipen, beim Public Viewing, zu Hause vor den Fernsehschirmen die Fußballspiele verfolgen, gäbe es diesen ganzen Zauber gar nicht. Lasst uns stolz auf uns gemeinsam sein und respektvoll miteinander umgehen! Dabei ist wichtig: Weder der Stadionbesuch, noch der Stehplatz in der Nordkurve, noch der Business-Seat machen uns zum „besseren Fan“. Wir sind gemeinsam und vielfältig für unseren Verein da – der VIP-Karteninhaber wie der Ultra, der Familienvater wie auch der, der nur gelegentlich den Weg ins Stadion findet. Unsere Vielfalt macht uns aus.
Lasst uns unserer Mannschaft treu bleiben – in guten wie in schlechten Zeiten, egal, ob es gerade regnet oder schneit. Gerade in Talsohlen sind wir als zwölfter Mann unglaublich wichtig. Denn wir wissen am besten, wie es geht, unsere Mannschaft zum Sieg zu tragen. Dabei kennt unsere Leidenschaft Grenzen: Niemals üben wir Gewalt aus oder gefährden andere Menschen.
So, wie wir respektvoll miteinander umgehen, sollten wir auch tolerant mit unseren Profis und Funktionären sein. Auch sie haben mal gute und mal schlechte Tage. Wenn es mal nicht so läuft, sollten wir nicht gleich unsere Kinderstube vergessen. Leidenschaftliche Kritik ist gesund, aber bei all der Leidenschaft dürfen wir nicht vergessen, dass sie sich an Menschen richtet, die wir bewundern und vor denen wir eigentlich großen Respekt haben.
Respekt zollen wir selbstverständlich auch unseren Gegnern. Erstens macht es richtig Spaß, sich (mit einem Augenzwinkern) anzufrotzeln und zweitens braucht es ja Gegner, um sich zu messen und gewinnen zu können. Dabei können wir ruhig leidenschaftlich werden, die Grenze ist aber selbstverständlich bei jedweder Gewalt erreicht.
„Fußball ist nicht alles.“ Und vergessen wir nicht das Drumherum. Jedes Mal, wenn wir einen Gegner zum Heimspiel begrüßen, sind die Fans und die Mannschaft zu Gast in unserer Stadt, unserer Heimat. Lasst uns sie als Gäste begrüßen, vor oder nach dem Spiel einladen, unsere Stadt von ihren besten Seiten zu zeigen. Und wenn wir unsere Mannschaft zu einem Auswärtsspiel begleiten, ist das zugleich eine Einladung, nicht nur das Stadion sondern die vielen anderen Facetten dieser Stadt, deren Gast wir sind, kennen zu lernen.
Schließlich: Ein Fußballspiel setzt eine unglaubliche Energie und Euphorie frei. Wie es wohl wäre, wenn wir ein wenig von dieser Begeisterung in unseren Alltag zu transportieren? Lasst uns also Fußballfeste feiern, leidenschaftlich unsere Mannschaft anfeuern. Lasst uns in den Armen liegen, im Freudentaumel auf den Straßen tanzen, Tränen trocknen, Niederlagen meistern, Siege erringen. Und lasst uns genauso das Leben feiern wie ein Fußballspiel. Mit all unserer Leidenschaft.
Montag, Juli 22, 2013
Männchen piss
Im Treppenhaus finde ich mehrere Schalen mit kalten Pommes Frites. Ziemlich ekelhaft. Ich entsorge den Abfall im Hausmüll. Mir fällt nur ein Mitbewohner ein, der diese Sauerei verursacht haben kann. An Horsts Wohnungstür hängt ein Foto des belgischen Männeken Pis. Allerdings ist es mit einem roten Balken durchgestrichen. Darunter steht in Fettschrift BRÜSSELER BÜROKRATEN UNERWÜNSCHT.
Ich
versuche, die Tür zu öffnen, aber sie hakt.
»Vorsicht,
du Flachpfeife!«, brüllt Horst. »Du zerstörst mein Lager.«
Ich
kann hören, wie Horst träge Kartons übers Laminat schiebt. Dabei flucht er wie
ein Bierkutscher.
»Verdammter
Ökospießer« ist noch das netteste Kompliment. Fünf Minuten später öffnet sich
die Tür. Ich tappe durch ein Gang zwischen Kartons bis zu Horsts Sofa.
»Moin,
Horst. Meintest du mich mit verschimmelter Vegetarierschlumpf?«
»Nicht,
doch. Die Millionen anderer Idioten, die in meine Wohnung wollen.«
Horst
öffnet eine Flasche Herri und nimmt einen kräftigen Schluck.
»Sehr
charmant. Was willst du mit all den Kartons, willst du umziehen«, frage ich
neugierig.
»Willst
du umziehen«, äfft mich Horst nach. »Ich bunkere für schlechte Zeiten. Solltest
du auch tun, Bresser.«
»Was
für schlechte Zeiten denn?«, frage ich ein wenig verwirrt.
»Du
kriegst aber auch gar nichts mit. Die Diktatur in Brüssel wird uns schlimmer
knechten als Honecker die DDR. Da wette ich Hektoliter an Bier drauf. Na,
zumindest eine Flasche.«
»Hast
du deshalb die Pommesschalen im Treppenhaus platziert?«
Horst
erhebt sich.
»Bresser,
diese Technokraten müssen merken, dass sie nicht alles mit uns kleinen Leuten
machen können. Wir müssen Zeichen setzen, auch wenn es nur im lokalen Rahmen
ist.«
»Worum
geht es denn genau?«
Horst
fuchtelt mit der Faust vor meiner Nase rum. Ich fühle mich unbehaglich.
»Die
verbieten Glühbirnen und Mentholzigaretten. Die haben den Schuss doch nicht
gehört, die Pommesfresser in ihrem Europaparlament.«
»Mein
lieber Horst, im Europaparlament sitzen Abgeordnete aus allen EU-Ländern, nur
der Sitz liegt in Brüssel.«
Horst
packt mich am Hemd. »Sind wir heute im Klugscheißmodus, Bresser? Ob Brüssel
oder Amsterdam. Belgien bleibt Belgien. Was ändert das an den verheerenden
Tatsachen?«
Ich
befreie mich und gehe zum Fenster.
»Lauf
nur weg. Bald siehst auch du kein Licht in der Dunkelheit. Erklär das nur
deinem Sohn. In deiner Haut möchte ich nicht stecken. Ich bin wenigstens nur
für mich allein verantwortlich.«
Ich
lächele. »Horst, es gibt nur keine herkömmlichen Glühbirnen mehr, dafür viel
effizientere Energiesparlampen.«
»Und
die sind vergiftet. Lass eine runterfallen, und deine Bude stinkt wie eine
Quecksilberfabrik. Und du willst mir was von Ökologie erzählen.«
»Okay,
das stimmt schon«, räume ich ein. »Aber kein Grund, Panik zu schieben. Horst,
das Leben geht trotz der EU weiter.«
Horst
steckt eine Mentholzigarette in Brand.
»Sicher?
Helmut Schmidt fegt den Mentholzigarettenmarkt leer, Steinbrück den für
Glühbirnen. Die Politiker haben zwar keine Ahnung, wissen aber eher als der
Bürger, wenn Gefahr droht.«
»Und
du hast eine LKW-Ladung Glühbirnen gekauft. Dann kann ja nichts passieren. Aber
was willst du mit Mentholzigaretten. Sowas rauchst du doch eigentlich nicht.«
Horst
schnippt den Stummel angewidert in den Ascher. Dann lächelt er, als hätte ihn
Jesus persönlich gesegnet.
»Keine
Krise ohne Chance. Wenn Helmut Schmidts Vorrat von 35.000 Kippen in einem Jahr
aufgebraucht sind, biete ich ihm meine an. Der zahlt auch 100 Euro die
Schachtel. Dann sitzen wir hier im Glühbirnenlicht, schnacken, rauchen und
planen die Weltrevolution.«
Ich
schüttele den Kopf.
»Unser
Altkanzler ist nicht gerade als Revolutionär bekannt. Du träumst, Horst.«
»Du
bist intellektuell einfacher strukturiert als eine Amöbe, Bresser. Der Schmidt
ist ein brillanter Strategie und für eine Schachtel Zichten plant der mir eine
bessere Revolution als Castro. Und dann halt dich fest, EU. Prost.«
Donnerstag, Juli 18, 2013
Feinripp-Rap
Als ich das Treppenhaus betrete, dröhnt aus Horsts Butze undefinierbarer Lärm. Springsteen ist das nicht. Ich wandere nach oben und werde von harten Beats empfangen. Ich öffne die Tür.
Horst steht am Fenster, in
der Hand ein Megaphon. Er trägt eine Jeans, die ihm in der Kniekehle hängt.
Darüber strahlt sein Feinripp-Slip in dreckig gelb. Seine Oberkörper wird von
einem Kapuzenpulli mit der Aufschrift »Wedding, äy!« verhüllt. Um den Hals
baumelt ein Mercedesstern.
»Du
bist ein Fresser, du Penner heißt Bresser, ich fick dich in den Arsch. Yo, Mann.
Ich ficke BKA, LKA und USA. Yo, Alta«, textet Horst unbeholfen aber laut.
»Moin,
Horst. Was erzählst du denn da? Ich bin entsetzt.«
Horst
geht zum Ghettoblaster und stellt die akustische Umweltverschmutzung ab.
»Du
störst, Bresser. Ich trainier für meine neue Karriere.«
»Meinst
du es gibt dir jemand Geld dafür, mich zu beleidigen.«
Ich
werfe ihm zehn Cent hin.
»Damit
du aufhörst«, fauche ich.
»Ruhig,
Bresser. Das ist nicht persönlich gemeint. Die ARGE hat einen neuen Psychotest
mit mir gemacht. Meine Stärken liegen im musischen Bereich. War mir auch neu,
aber die ARGE irrt nie. Gute Chancen hast du beim Rap, meinte mein Fallmanager.
Sein Sohn würde diesen Buschdingsbums vergöttern. Von dem hat er mir eine CD
gebrannt. Sollte ich mir zur Inspiration anhören.«
»Du
weißt, dass Musik kopieren verboten ist. Gerade Bushido hat Leute verklagt, die
seine Songs aus dem Internet kostenlos runtergeladen haben.«
Horst
schaut erstaunt.
»Wieso
Musik? Das ist die Möglichkeit, mit meinem temporären Tourette-Syndrom Geld zu
scheffeln. Hat Bushido nicht anders gemacht.«
»Dennoch
ist es verboten, Musik zu kopieren.«
Horst
steckt sich eine Roth-Händle an.
»Mein
Fallmanager hat eine Sicherungskopie gemacht. Willst du Philister uns etwa
anschwärzen?«
»Natürlich
nicht, du bist doch mein Freund.«
»Nee,
bin ich nicht. Dein Nachbar zu sein, reicht mir voll und ganz. Jedenfalls haue
ich ein paar Beleidigungen raus und erhalte den Integrations-Bambi von Burda.
So mein Plan. Als Rapperkampfnamen habe ich mir Leineficker ausgedacht. Wie
findest du den?«
Ich
öffne eine Flasche Herri, die ich unter dem Besuchersessel gefunden habe. Das
kühle Bier in meiner Kehle fährt den Puls runter.
»Furchtbar.
Ich werde deine Machwerke nicht kaufen. Such dir einen anständigen Job.«
Horst
erhebt sich und schnaubt vor Wut.
»Was
stellt sich der Herr Oberspießer denn vor: Schlagersänger, Banker oder
Politiker?«
»Vielleicht
etwas Bodenständiges. Unser Biohof sucht immer Fahrer. Du müsstest aber
nüchtern bleiben.«
»Biokurier,
immer mal was Neues. Alles Schwuchteln und Pussies, würde der Rapper in mir sagen.«
»Mensch,
Horst. Du sammelst heute Unsympathiepunkte ohne Ende.«
»Für
mich kein Problem. Hast du eigentlich arabische Wurzeln? Dann könnten wir einen
Vertrag schließen, dass du für mich sämtliche Geschäfte führen darfst und ich
wäre jegliche Verantwortung los.«
»Ausgeschlossen.
Du beleidigst alle Politiker, und ich werde dafür verknackt. Das könnte dir so
passen.«
»Schlappschwuchtel.
Wer nicht für mich ist, ist gegen mich. Schäuble, Merkel und Steinbrück sind
meine Buddies. Die wissen, dass die Freundschaft eines zukünftigen
Bambi-Preisträgers gut im Lebenslauf aussieht.«
»Im
Ernst?«, frage ich erstaunt.
»So
ernst, wie ich Rapper werden will, du intellektuelle Blindschleiche. Aber es
wäre nett, wenn du ein Video von meinen Sangeskünsten aufnehmen würdest. Dann
begreift selbst mein Fallmanager, dass bei mir Hopfen und Malz verloren ist.«
Horst
öffnet ebenfalls eine Flasche Herri.
»Hätte
Bushido auch machen sollen. Dann wäre er zwar abgebrannt wie ich, könnte aber
noch guten Gewissens in den Spiegel schauen. Prost.«
Montag, Juli 15, 2013
Die Zwei-Euro-Frau
Unser Treppenhaus riecht nach Zitronenfrische. Seltsam,
normalerweise stinkt es dort nach Horsts Zigarettenrauch. Ich betrete Horsts
Wohnung und bin überrascht: Die Wände seines Ein-Zimmer-Klos sind mit Fotos von
Luxusmöbeln beklebt. Horst selber trägt einen Anzug und hat seine
Jimi-Hendrix-Gedächtnisfrisur zu einem Scheitel gekämmt. Wirkt spießig. Doch
auch Horsts Wohnung duftet wie ein Puff vor Beginn des Abendgeschäfts.
»Moin,
Horst. Bereitest du dich gerade auf einen neuen Job als Staubsaugervertreter
vor?«, frage ich.
»Du
laberst wieder Stuss, Bresser. Nein, ich wandele auf Freiersfüßen. Mein
Fallmanager denkt, ich brauche eine Beziehung, ein reiche Frau am besten. Dann
würde sich das mit der Arbeit von selber regeln. Gute Idee. Ich habe mehrere
Frauenzeitschriften durchgelesen. Jetzt weiß ich, wie die Damen ticken. In
wenigen Tagen erliegt meine Angebetete meinem Charme.« Horst strahlt wie ein
japanischer Reaktor. Solange ich Horst kenne, hat seine längste Beziehung 2
Tage gedauert.
»Und
hast du schon das Opfer deiner Charmeoffensive auserkoren?«, frage ich.
»Na
klar.« Horst zeigt mir das Foto einer blassen Frau, deren blonde Haare schlaff
auf ihre Schultern fallen. Sie trägt einen dunkelblauen Hosenanzug. Wenn man
Geld sparen
will,
lädt man so eine Person zu seiner Party ein, und all deine Gäste flüchten.
»Nett«,
sage ich, um Horst nicht zu beleidigen. »Wer ist das, kenne ich sie?«
»Du
bist ungebildeter als jeder Rütlischüler. Das ist Kristina Schröder, die ist
Ministerin. Ein Schnuckelchen.«
»Die
ist Ministerin? Für welches Ressort?«
Horst
zuckt mit den Schultern. »Komm ich nicht drauf. Warte… Für Hunde? Nee. Bordsteine
in den neuen Bundesländern? Auch nicht. Ich hab’s: Familie.«
Jetzt
erinnere ich mich auch.
»Hat
die nicht auch ein Buch schreiben lassen. Danke, emanzipiert sind wir selber.
Ich habe es selber nicht gelesen, aber sie soll behaupten, dass Feminismus
Blödsinn ist. Wer mit dem goldenen Löffel im Mund geboren wurde und sich von
Assistenten die Doktorarbeit zusammenklöppeln lässt, hat natürlich wenig
Verständnis für die Sorgen alleinerziehender Mütter.«
»Böse
Unterstellungen, Bresser. Ihre Doktorväter sagen, es sei alles tacko bei
Tinchens Disse zugegangen. Außer ihrem guten Aussehen finde ich ihre
Emanzdingsbums-Einstellung scharf: Sie verdient das Geld, und ich schmeiße zu
Hause den Haushalt. Bier und Kippen muss sie nicht auch noch einkaufen.«
»Es
gibt aber ein Hindernis: Soviel ich weiß, ist Tinchen bereits verheiratet. Sie
ist die erste Ministerin, die während ihrer Amtszeit ein Kind bekommen hat.«
Horst
zieht eine Grimasse.
»Mist.«
Dann hellt sich seine Miene auf.
»Du
hast recht, Bresser. Ihre Leistungen als Ministerin sind bescheidener als dein
Geschreibsel. Wenn sie Casanova Horst Kraschinski verfällt, heiraten wir in
Vegas, ich maile das Hochzeitsfoto an die BILD und Merkel spricht ihr wegen
Bigamie ihr Vertrauen aus. Und wir bekommen eine fähige neue Ministerin mit
Gespür für die Probleme der Bevölkerung.«
»Und
was macht ihr, Kristina und du?«
Horst
nimmt eine Flasche Herri aus der Fototapete. Guter Trick.
»Kristina
hat jede Menge Potenzial, das sie nur nicht abruft. Sie arbeitet als
2-Euro-Jobber für die ARGE und ich bleibe zu Hause und hüte unsere Kinder. Ich
will zehn Stück. Denn mit 70 will ich auch nicht mehr das schwere Bier vom
Kiosk schleppen müssen. Prost.«
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