Ich bringe Horst eine Tüte Biotomaten aus der Gemüsekiste vorbei. Raucher brauchen Vitamine. Aber Horst gibt seine Hartz-4-Gage lieber für süffiges Herrenhäuser als für Gemüse und Obst aus. Kann ich verstehen, muss halt Prioritäten setzen.
Mein Nachbar hockt vor seinem Laptop und starrt auf die Benutzeroberfläche von Windows 98. In seiner rechten ist seine Roth-Händle-Zigarette zur Aschesäule verglüht. Neben seinem IKEA-Tisch vom Sperrmüll lungern 5 halb gefüllte Bierflaschen. Seltsam, normalerweise lässt Horst keinen Schluck vom Göttertrunk verkommen.
»Moin, Horst. Geht’s dir gut?«
»Du stellst Fragen wie ein gehirnamputierter Idiot, Bresser. Wie sollte es mir gutgehen? Du siehst doch, was ich mache!«
Ich überlege, habe aber keine Idee.
»Mensch, ich warte auf die Obsoleszenz. Das müsste selbst einem Dämlack wie dir einleuchten.«
»Die was?«
»Beziehst du deine nur aus dem Proletariatsfernsehen? O B S O L E S Z E N Z. Frag deinen Sohn, der weiß garantiert, was das bedeutet: Die Lebensdauer von Produkten wird durch bei der Herstellung eingebaute Fehler künstlich verkürzt. Ich habe gelesen, dass mein Laptop 15 Jahre alt wird. In 5 Minuten dürfte es sich von dieser Welt verabschieden.«
»Schweinerei, davon habe ich auch gehört. So zwingen dich Unternehmen, die neusten Produkte zu kaufen.«
Horst blickt mich erstaunt an. »Ich finde es klasse. Mein Fallmanager hilft mir, ein neues Gerät zu beantragen, wenn der Ömmes hier den Geist aufgibt. Irgendwomit muss ich ja Eingaben und Bewerbungsschreiben verfassen.«
»Aber so wird doch ein künstlicher Bedarf geschaffen. Die Leute kaufen mehr, es entsteht mehr Abfall, nachhaltig ist das nicht.«
»Papperlapapp. Du verstehst einfach nichts von Wirtschaft, Bresser. Wenn ich etwas Neues bekomme, explodieren meine Endorphine. Alles gut. Wenn ich nach 15 Jahren einen neuen Rechner besorgen muss, nutze ich den alten nachhaltig. Aufgeschraubt wird er mir gute Dienste als Aschenbecher oder Zeitungshalter leisten. Sei mal ein wenig kreativ.«
Horst schaut auf die Uhr.
»Mist. Alles funktioniert. Wieder keinen neuen Rechner.« Er steckt sich eine frische Roth-Händle an.
»Tut mir Leid. Da war dein Computerhersteller besser als sein Ruf. Vielleicht ist diese Obsoleszenz auch nur eine Zeitungsente.«
In diesem Augenblick kracht die Lampe von der Decke. Horst blickt verwirrt wie ein Hamster auf LSD. Dann schnappt er sich sein Notizbuch und blättert wild darin herum.
»Dreck. Ich habe die Daten verwechselt. Mein blöder Rechner hält noch weitere 15 Jahre. Die Lampe, die meine Mutter vor vierzig Jahre gekauft hat, sollte heute ihren Geist aufgeben. Die hätte ich gerne noch länger behalten.«
»Du kannst sie dir immerhin am Kabel als Kette um den Hals hängen.«
»Spar dir deinen albernen Sarkasmus, Bresser.«
»Immerhin halte deine wenigen Besitztümer«, versuche ich, Horst zu trösten.
»Dafür unternehme ich auch jede Menge. Tag für Tag konserviere ich mein Eigentum mit Tabakrauch. Deshalb funzt alles bis in die Ewigkeit. Eigentlich bin ich Nichtraucher.«
»Im Ernst?«
»Ich bin auch nicht arbeitslos. Bresser, und du glaubst noch an den Weihnachtsmann. Prost.«
Böse Stimmen bezeichnen ihn als Mischung aus Mario Barth und Mr. Bean. Mit Recht. Homepage:www.rockdasdorf.de
Donnerstag, Mai 30, 2013
Montag, Mai 27, 2013
150 Jahre SPD - Oh weh
Horsts Wohnungstür war für mehrere Tage verschlossen. Heute dringt aber wieder ätzender Qualm durch die Türfuge. Ich bin beruhigt. Mein Nachbar hockt auf dem Sofa, um den Hals einen Hannover-96-Schal.
»Moin, Horst. Ich habe mir Sorgen gemacht. Wo warst du?«
Horst legt seine Roth-Händle auf den überquellenden Ascher.
»Habe Geburtstag gefeiert und die Puppen tanzen lassen«, krächzt er. »Meine Stimmbänder sind immer noch ramponiert.«
»Herzlichen Glückwunsch. Leider habe ich kein Geschenk dabei. Wird aber nachgereicht.«
»Doch nicht ich. Die SPD ist 150 geworden. Liest du eigentlich keine Zeitung?« Er winkt mit der aktuellen BILD.
»Was machst du denn auf dem Sozigeburtstag. Ich wusste gar nicht, dass du Parteimitglied bist.«
»Bist du bekloppt? Mein Fallmanager ist Mitglied. Der konnte nicht teilnehmen und hat mir seine Karte geschenkt. Ich solle mal sehen, dass die Roten nicht nur aus Agenda-2010-Darth-Vaders bestehen. Richtig nette Menschen hat er mir versprochen.«
»Und?«
»Ich bin mir nicht sicher, ob die nett sind. Und Menschen?« Horst öffnet ein Herri. »Die sahen schon seltsam aus. Habe mich in die erste Reihe zwischen Steinbrück und Gabriel gesetzt. Da kam so ein Muttchen angetapert. Frisur aus den 50ern, Klamotten aus den 70ern und eine freudlose Miene, als hätte Männe kein Mammut erjagt. Die wollte wirklich meinen Platz. Sehr unhöflich.«
»Horst, das war Frau Merkel, unsere Bundeskanzlerin.«
»Bresser, du spinnst.« Horst zeigt mir einen Vogel. »Ich mag zwar ungebildet sein, aber verscheißern lass ich mich nicht. Die Merkel ist doch nicht in der SPD! Obwohl das eigentlich auch egal ist. Einen großen Unterschied entdecke ich zwischen diesen seltsamen Parteien nicht.«
»Die Merkel war als Ehrengast eingeladen. Habt ihr trotzdem schön gefeiert?«
»Sachen gibt es, die gibt es gar nicht. Doch war nett. Wir haben die Internationale; Brüder zur Sonne, zur Freiheit und Wann wir schreiten Seit‘ an Seit‘ geträllert. Die Merkel am Lautesten.«
»Ich bin entsetzt. Merkel steht für ein Deutschland des Stillstands, für die Verarmung des Mittelstands; die Frau geht doch gar nicht.«
Horst schüttelt den Kopf und raucht seine Zigarette bis auf einen mikroskopisch kleinen Stummel runter.
»Du schnallst gar nichts, Bresser. Ich habe mit der Frau Sekt schlürft und Austen verschnuckert. Die hat für alles Verständnis. Sie wollte mir sogar einen Job verschaffen. Praktikant im Bundestag. 3,50 am Tag. Und sogar die Chance auf einen Anschlussvertrag. Geil, wa? Ich darf sogar den Koks von den Toiletten wegschnüffeln. Siggi und Per haben zugestimmt. Das sind jetzt meine Buddies. Wenn du einmal zusammen besoffen in der Ecke gelegen hast, verbindet das. So geht Politik, Bresser.«
»Willst du wirklich nach Berlin gehen?«, frage ich leicht enttäuscht. »Du liebst doch Hannover.«
»Bist du bekloppt. So besoffen kann ich gar nicht sein, dass ich für 3.50 Euro am Tag malochen gehe. Da würde ich doch den Staat abzocken. Das könnte ich mit meinem Gewissen nicht vereinbaren. Per und Angie waren traurig, Siggi hat es emotionslos aufgenommen. Ich glaube, der will den Koks von den Bundestagstoiletten allein für sich haben. Soll er. Muss ja nicht leben, wie ein Hund.«
»Sind das jetzt deine neuen Freunde? Dann brauchst du mich ja nicht mehr.« Ich merke, dass ich eifersüchtig bin.
»Wir waren nie Freunde, sind keine Freunde und werden nie welche sein, Bresser. Du bist mein Nachbar. Schlimm genug. Die Angie, Siggi und Per sind Marionetten des Großkapitals. Meine einzigen Freunde sind Herri und Roth-Händle. Auf die kann ich mich immer verlassen. Prost.«
»Moin, Horst. Ich habe mir Sorgen gemacht. Wo warst du?«
Horst legt seine Roth-Händle auf den überquellenden Ascher.
»Habe Geburtstag gefeiert und die Puppen tanzen lassen«, krächzt er. »Meine Stimmbänder sind immer noch ramponiert.«
»Herzlichen Glückwunsch. Leider habe ich kein Geschenk dabei. Wird aber nachgereicht.«
»Doch nicht ich. Die SPD ist 150 geworden. Liest du eigentlich keine Zeitung?« Er winkt mit der aktuellen BILD.
»Was machst du denn auf dem Sozigeburtstag. Ich wusste gar nicht, dass du Parteimitglied bist.«
»Bist du bekloppt? Mein Fallmanager ist Mitglied. Der konnte nicht teilnehmen und hat mir seine Karte geschenkt. Ich solle mal sehen, dass die Roten nicht nur aus Agenda-2010-Darth-Vaders bestehen. Richtig nette Menschen hat er mir versprochen.«
»Und?«
»Ich bin mir nicht sicher, ob die nett sind. Und Menschen?« Horst öffnet ein Herri. »Die sahen schon seltsam aus. Habe mich in die erste Reihe zwischen Steinbrück und Gabriel gesetzt. Da kam so ein Muttchen angetapert. Frisur aus den 50ern, Klamotten aus den 70ern und eine freudlose Miene, als hätte Männe kein Mammut erjagt. Die wollte wirklich meinen Platz. Sehr unhöflich.«
»Horst, das war Frau Merkel, unsere Bundeskanzlerin.«
»Bresser, du spinnst.« Horst zeigt mir einen Vogel. »Ich mag zwar ungebildet sein, aber verscheißern lass ich mich nicht. Die Merkel ist doch nicht in der SPD! Obwohl das eigentlich auch egal ist. Einen großen Unterschied entdecke ich zwischen diesen seltsamen Parteien nicht.«
»Die Merkel war als Ehrengast eingeladen. Habt ihr trotzdem schön gefeiert?«
»Sachen gibt es, die gibt es gar nicht. Doch war nett. Wir haben die Internationale; Brüder zur Sonne, zur Freiheit und Wann wir schreiten Seit‘ an Seit‘ geträllert. Die Merkel am Lautesten.«
»Ich bin entsetzt. Merkel steht für ein Deutschland des Stillstands, für die Verarmung des Mittelstands; die Frau geht doch gar nicht.«
Horst schüttelt den Kopf und raucht seine Zigarette bis auf einen mikroskopisch kleinen Stummel runter.
»Du schnallst gar nichts, Bresser. Ich habe mit der Frau Sekt schlürft und Austen verschnuckert. Die hat für alles Verständnis. Sie wollte mir sogar einen Job verschaffen. Praktikant im Bundestag. 3,50 am Tag. Und sogar die Chance auf einen Anschlussvertrag. Geil, wa? Ich darf sogar den Koks von den Toiletten wegschnüffeln. Siggi und Per haben zugestimmt. Das sind jetzt meine Buddies. Wenn du einmal zusammen besoffen in der Ecke gelegen hast, verbindet das. So geht Politik, Bresser.«
»Willst du wirklich nach Berlin gehen?«, frage ich leicht enttäuscht. »Du liebst doch Hannover.«
»Bist du bekloppt. So besoffen kann ich gar nicht sein, dass ich für 3.50 Euro am Tag malochen gehe. Da würde ich doch den Staat abzocken. Das könnte ich mit meinem Gewissen nicht vereinbaren. Per und Angie waren traurig, Siggi hat es emotionslos aufgenommen. Ich glaube, der will den Koks von den Bundestagstoiletten allein für sich haben. Soll er. Muss ja nicht leben, wie ein Hund.«
»Sind das jetzt deine neuen Freunde? Dann brauchst du mich ja nicht mehr.« Ich merke, dass ich eifersüchtig bin.
»Wir waren nie Freunde, sind keine Freunde und werden nie welche sein, Bresser. Du bist mein Nachbar. Schlimm genug. Die Angie, Siggi und Per sind Marionetten des Großkapitals. Meine einzigen Freunde sind Herri und Roth-Händle. Auf die kann ich mich immer verlassen. Prost.«
Donnerstag, Mai 23, 2013
Ein Hoch auf die Frauenquote
Als ich zu Horsts Wohnung hochstiefele, begegne ich dem Getränkelieferanten, der einen Hubwagen mit 3 Kisten Herri die Treppen hochzieht. Eine Tagesration. Auf einmal öffnet sich Horsts Tür. Mein Nachbar reißt dem Boten die Karre aus der Hand, lädt die Kisten ab und brüllt ihn an:
»Damit eins klar: Beim nächsten Mal schickt ihr eine Frau, Machoschweine!«
Er quittiert dem verstörten Jungen widerwillig den Empfang.
Ich helfe ihm, das flüssige Gold in die Wohnung zu tragen.
»Was war denn das gerade?«, frage ich Horst, nachdem alles verstaut ist.
»Ich bin fuchtig. Die CDU will eine Frauenquote erst ab 2020 einführen, sagt die BILD. Und dass auch nur, weil Uschi aufgemuckt hat. Sauerei. Und das unter einer Kanzlerin.«
»Du kennst doch die Politik. Die SPD ist nicht sozial, die CDU nicht christlich, die Grünen wollen Windräder nur, solange sie nicht in Nähe der eigenen Kommune stehen.«
Horst zündet sich eine Roth-Händle an und hüllt den Raum in dichte Qualmschwaden.
»Dein Pessimismus wellt meine Fußnägel, Bresser. Einfach zum Kotzen. Die Uschi ist die Vorzeigefrau. Jettet in der Welt rum, pflegt ihren dementen Vater, betreut in Vollzeit ihre sechs Kindchen und setzt sich gegen den Fraktionszwang für Frauen ein. Wenn das keine Christin ist, war Jesus auch keiner.«
»Die lässt ihre Kinder doch von Staatssekretaren bekuscheln. Wie soll jemand dieses Pensum sonst schaffen. Lass dich doch nicht von jeder dahergelaufenen Politikschnalle bezirzen. Die lügt doch, wenn sie den Mund aufmacht.«
»Diese böswilligen Verallgemeinerungen stehen dir nicht, Bresser.« Horst öffnet ein Bier. »Warum sollen Menschen nicht das Unmögliche schaffen? Eine enge Weltsicht, du Kleingeist. Sie hat gekämpft wie eine Löwin.«
»Und du meinst, Frauen fühlen sich beim Bierkästen schleppen benachteiligt?«
Horst grinst verschmitzt. »Nö. Aber vielleicht lerne ich so eine nette Frau kennen. Eine Frau mit Affinität zum Bier wünsche ich mir von ganzem Herzen. Trinkt Röschen von der Leyen eigentlich Herri?«
»Damit eins klar: Beim nächsten Mal schickt ihr eine Frau, Machoschweine!«
Er quittiert dem verstörten Jungen widerwillig den Empfang.
Ich helfe ihm, das flüssige Gold in die Wohnung zu tragen.
»Was war denn das gerade?«, frage ich Horst, nachdem alles verstaut ist.
»Ich bin fuchtig. Die CDU will eine Frauenquote erst ab 2020 einführen, sagt die BILD. Und dass auch nur, weil Uschi aufgemuckt hat. Sauerei. Und das unter einer Kanzlerin.«
»Du kennst doch die Politik. Die SPD ist nicht sozial, die CDU nicht christlich, die Grünen wollen Windräder nur, solange sie nicht in Nähe der eigenen Kommune stehen.«
Horst zündet sich eine Roth-Händle an und hüllt den Raum in dichte Qualmschwaden.
»Dein Pessimismus wellt meine Fußnägel, Bresser. Einfach zum Kotzen. Die Uschi ist die Vorzeigefrau. Jettet in der Welt rum, pflegt ihren dementen Vater, betreut in Vollzeit ihre sechs Kindchen und setzt sich gegen den Fraktionszwang für Frauen ein. Wenn das keine Christin ist, war Jesus auch keiner.«
»Die lässt ihre Kinder doch von Staatssekretaren bekuscheln. Wie soll jemand dieses Pensum sonst schaffen. Lass dich doch nicht von jeder dahergelaufenen Politikschnalle bezirzen. Die lügt doch, wenn sie den Mund aufmacht.«
»Diese böswilligen Verallgemeinerungen stehen dir nicht, Bresser.« Horst öffnet ein Bier. »Warum sollen Menschen nicht das Unmögliche schaffen? Eine enge Weltsicht, du Kleingeist. Sie hat gekämpft wie eine Löwin.«
»Und du meinst, Frauen fühlen sich beim Bierkästen schleppen benachteiligt?«
Horst grinst verschmitzt. »Nö. Aber vielleicht lerne ich so eine nette Frau kennen. Eine Frau mit Affinität zum Bier wünsche ich mir von ganzem Herzen. Trinkt Röschen von der Leyen eigentlich Herri?«
Dienstag, Mai 21, 2013
Tomaten für den European Song Contest
Meine bessere Hälfte schickt mich zu Horst. Ich soll ihm Tomaten vorbeibringen. Ich merke vorsichtig an, dass unser Nachbar keine besondere Begeisterung für Gemüsegeschenke zeigt. Ihm scheint eine Ernährung aus Bier und Zigaretten auszureichen.
»Du kaust doch nur die gängigen Klischees über Hartz-4-Empfänger wieder. Von dir erwarte ich mehr Weitblick.«
Wie immer hat sie recht.
Missmutig tapere ich die 12 Treppenstufen nach oben. Horst sitzt zusammengesunken auf dem Sofa. Über den Augen trägt er eine Migränemaske, im Mund steckt eine dampfende Roth-Händle.
»Moin, Horst. Alles gut bei dir?«, frage ich doch etwas besorgt.
»Ich bin fix und fertig. Mein Fallmanager hat mir geraten, den European Song Contest anzuschauen. Ich sei doch kulturell interessiert. Wenn ich trainieren würde, könnte ich dort nächstes Jahr auftreten und wäre wieder erwerbstätig.«
»Die verlangen viel von dir. Der Grand Prix ist nichts für zart besaitete Gemüter. Besonders der rumänische Beitrag: Ein als Dracula kostümierter Opernsänger schrillt in einer Blutdekoration, dass die Trommelfelle vibrieren. Schön ist anders.«
Horst zieht sich die Maske vom Kopf.
»Du hast wieder mal gar nichts kapiert, Bresser. Das ist große europäische Kunst. Einzeln vielleicht Schrott, insgesamt eine Revolution. Jedes Land hat seinen Müll nach Malmö geschickt. Kann Mensch besser den europäischen Gedanken von 2013 leben? Hier waren die Griechen sogar um Welten besser als die deutsche Diskotussi. Europa holt auf, wir bauen ab.«
»Es gibt Verschwörungstheorien, dass Europa uns wegen Merkels Spardiktat nur 18 magere Punkte gegeben hat.«
»Wenn die wirklich Muddi hätten abstrafen wollen, hätten sie diese Cascada von 15 debilen Ballettspacken umtanzen lassen, die ihr Pyros ins Dekolleté geschmuggelt hätten. Ich habe den Eindruck, dass sie eher was gegen die Belgier hatten. Die Hupfdohlen haben den Jungen doch ganz wuschig gemacht. Du musst außerdem nicht jeden Scheiß glauben, den die deutsche Verdummungspresse schreibt. Apropos, hast du mir eine BILD mitgebracht?«
»Vergessen. Möchtest du Tomaten?«
Horst öffnet sich ein Herri.
»Gib her. Kann nicht schaden.«
Das freut mich wirklich.
»Ernährst du dich jetzt doch gesünder? Eine weise Entscheidung.«
»Ich frage mich wirklich, wie du mit so wenig Intelligenz durchs Leben gekommen bist, Bresser. Den Schweinskram esse ich doch nicht, den hebe ich für den ESC im nächsten Jahr auf.«
»Willst du damit die Interpreten beschmeißen? Gewalt ist keine Lösung!«
»Quatsch, ich trete als Sänger auf. Ich bin das typische Produkt von Merkeldeutschland: Hässlich, untalentiert und verarmt, dabei aber sexy wie Schmitz Katze. Wenn das nicht funzt, sollen mich die Dänen ruhig mit deinen Tomaten bewerfen.«
»Und warum bist du so fertig, wenn alles prima ist?«
Horst zündet sich an der alten Roth-Händle eine neue an.
»Ist doch klar, du Vollpfosten. Weil ich ein ganzes Jahr warten muss, bis ich mich Europa präsentiere. Bis dahin vernichte ich genügend Bier, um die rumänische Konkurrenz ohne seelischen Schaden zu überstehen. Prost.«
»Du kaust doch nur die gängigen Klischees über Hartz-4-Empfänger wieder. Von dir erwarte ich mehr Weitblick.«
Wie immer hat sie recht.
Missmutig tapere ich die 12 Treppenstufen nach oben. Horst sitzt zusammengesunken auf dem Sofa. Über den Augen trägt er eine Migränemaske, im Mund steckt eine dampfende Roth-Händle.
»Moin, Horst. Alles gut bei dir?«, frage ich doch etwas besorgt.
»Ich bin fix und fertig. Mein Fallmanager hat mir geraten, den European Song Contest anzuschauen. Ich sei doch kulturell interessiert. Wenn ich trainieren würde, könnte ich dort nächstes Jahr auftreten und wäre wieder erwerbstätig.«
»Die verlangen viel von dir. Der Grand Prix ist nichts für zart besaitete Gemüter. Besonders der rumänische Beitrag: Ein als Dracula kostümierter Opernsänger schrillt in einer Blutdekoration, dass die Trommelfelle vibrieren. Schön ist anders.«
Horst zieht sich die Maske vom Kopf.
»Du hast wieder mal gar nichts kapiert, Bresser. Das ist große europäische Kunst. Einzeln vielleicht Schrott, insgesamt eine Revolution. Jedes Land hat seinen Müll nach Malmö geschickt. Kann Mensch besser den europäischen Gedanken von 2013 leben? Hier waren die Griechen sogar um Welten besser als die deutsche Diskotussi. Europa holt auf, wir bauen ab.«
»Es gibt Verschwörungstheorien, dass Europa uns wegen Merkels Spardiktat nur 18 magere Punkte gegeben hat.«
»Wenn die wirklich Muddi hätten abstrafen wollen, hätten sie diese Cascada von 15 debilen Ballettspacken umtanzen lassen, die ihr Pyros ins Dekolleté geschmuggelt hätten. Ich habe den Eindruck, dass sie eher was gegen die Belgier hatten. Die Hupfdohlen haben den Jungen doch ganz wuschig gemacht. Du musst außerdem nicht jeden Scheiß glauben, den die deutsche Verdummungspresse schreibt. Apropos, hast du mir eine BILD mitgebracht?«
»Vergessen. Möchtest du Tomaten?«
Horst öffnet sich ein Herri.
»Gib her. Kann nicht schaden.«
Das freut mich wirklich.
»Ernährst du dich jetzt doch gesünder? Eine weise Entscheidung.«
»Ich frage mich wirklich, wie du mit so wenig Intelligenz durchs Leben gekommen bist, Bresser. Den Schweinskram esse ich doch nicht, den hebe ich für den ESC im nächsten Jahr auf.«
»Willst du damit die Interpreten beschmeißen? Gewalt ist keine Lösung!«
»Quatsch, ich trete als Sänger auf. Ich bin das typische Produkt von Merkeldeutschland: Hässlich, untalentiert und verarmt, dabei aber sexy wie Schmitz Katze. Wenn das nicht funzt, sollen mich die Dänen ruhig mit deinen Tomaten bewerfen.«
»Und warum bist du so fertig, wenn alles prima ist?«
Horst zündet sich an der alten Roth-Händle eine neue an.
»Ist doch klar, du Vollpfosten. Weil ich ein ganzes Jahr warten muss, bis ich mich Europa präsentiere. Bis dahin vernichte ich genügend Bier, um die rumänische Konkurrenz ohne seelischen Schaden zu überstehen. Prost.«
Donnerstag, Mai 16, 2013
Horst bewirbt sich bei Germany's next Top Model
Als ich das Treppenhaus betrete, stolziert Horst die Stufen runter. Auf dem Kopf balanciert er ein Buch, in der rechten Hand die obligatorische Roth-Händle, in der linken ein Herri. Seine Füße stecken in High Heels. Er trällert krumm und schief »Weil ich ein Mädchen bin«.
»Moin, Horst. Bist du es wirklich?«
Horst erschrickt, stolpert und lässt die Bierflasche fallen. Er kullert drei Stufen runter, ehe ich ihn auffange.
»Du, Idiot. Siehst du nicht, dass ich arbeite? Wie komme ich jetzt an ein neues Bier?«
Schuldbewusst hole ich eine volle Flasche aus unserer Wohnung.
»Wurde auch Zeit«, grummelt Horst.
»Jetzt erkläre mir deinen Aufzug.«
»Die ARGE behauptet, der Zug wäre für mich abgefahren. Heute müsste man für einen Job nicht mehr eine Ausbildung haben oder studieren. Ich sollte meine Personality developen und Character zeigen. Am besten in mehreren Facetten.«
»Ich verstehe kein Wort«, gebe ich zu.
»Bresser, du Vollpfosten. Es kommt heute aufs Gesamtpaket an. Du kritzelst deine Bücher zusammen, und kümmerst dich keinen Deut um dein Styling. Du bist out.«
»Aber du trägst den selben Jogginganzug wie immer.« Ich bin ein wenig ratlos.
»Wen stört es? Dafür bewege ich mich sexy.« Horst wackelt mit dem Hintern. Das ist nicht schön.
»Die meisten Jobs werden heute durch Casting-Shows vermittelt. Mein Fallmanager hat gute Beziehungen zu Heidi Klum. Wenn ich reinklotze und elegant den Catwalk laufe, werde ich vielleicht Germany’s next Top-Model. Dann reise ich durch die Welt, trinke Schampus und verputze Rohkost.«
»Aber Bier ist dann auch verboten. Du musst schließlich auf deine Linie achten.«
»Kein Bier?« Horst wird nachdenklich. »Dann gehe ich zu DSDS oder Voice of Germany. Die Kandidaten dürften wenigstens im Flugzeug kopulieren, sagt die BILD. Das sind zwar auch prekäre Beschäftigungsverhältnisse, immerhin bin ich dann Z-Promi.
»Bist du doch jetzt schon. Aber um im Proletariat-TV Erfolg zu haben, müsstest du eine rührselige Lebensgeschichte vorweisen: Krebskranke Mutter, Drogensucht, Großvater mit Hämorriden.«
Während Horst sein Herri leert, überlegt er.
»Kann ich nicht. Mir geht es einfach viel zu gut. Kannst du mir nicht eine schlimme Geschichte erfinden, damit ich in diese seltsame Welt passe?«
»Moin, Horst. Bist du es wirklich?«
Horst erschrickt, stolpert und lässt die Bierflasche fallen. Er kullert drei Stufen runter, ehe ich ihn auffange.
»Du, Idiot. Siehst du nicht, dass ich arbeite? Wie komme ich jetzt an ein neues Bier?«
Schuldbewusst hole ich eine volle Flasche aus unserer Wohnung.
»Wurde auch Zeit«, grummelt Horst.
»Jetzt erkläre mir deinen Aufzug.«
»Die ARGE behauptet, der Zug wäre für mich abgefahren. Heute müsste man für einen Job nicht mehr eine Ausbildung haben oder studieren. Ich sollte meine Personality developen und Character zeigen. Am besten in mehreren Facetten.«
»Ich verstehe kein Wort«, gebe ich zu.
»Bresser, du Vollpfosten. Es kommt heute aufs Gesamtpaket an. Du kritzelst deine Bücher zusammen, und kümmerst dich keinen Deut um dein Styling. Du bist out.«
»Aber du trägst den selben Jogginganzug wie immer.« Ich bin ein wenig ratlos.
»Wen stört es? Dafür bewege ich mich sexy.« Horst wackelt mit dem Hintern. Das ist nicht schön.
»Die meisten Jobs werden heute durch Casting-Shows vermittelt. Mein Fallmanager hat gute Beziehungen zu Heidi Klum. Wenn ich reinklotze und elegant den Catwalk laufe, werde ich vielleicht Germany’s next Top-Model. Dann reise ich durch die Welt, trinke Schampus und verputze Rohkost.«
»Aber Bier ist dann auch verboten. Du musst schließlich auf deine Linie achten.«
»Kein Bier?« Horst wird nachdenklich. »Dann gehe ich zu DSDS oder Voice of Germany. Die Kandidaten dürften wenigstens im Flugzeug kopulieren, sagt die BILD. Das sind zwar auch prekäre Beschäftigungsverhältnisse, immerhin bin ich dann Z-Promi.
»Bist du doch jetzt schon. Aber um im Proletariat-TV Erfolg zu haben, müsstest du eine rührselige Lebensgeschichte vorweisen: Krebskranke Mutter, Drogensucht, Großvater mit Hämorriden.«
Während Horst sein Herri leert, überlegt er.
»Kann ich nicht. Mir geht es einfach viel zu gut. Kannst du mir nicht eine schlimme Geschichte erfinden, damit ich in diese seltsame Welt passe?«
Abonnieren
Posts (Atom)