Mittwoch, Mai 15, 2013

Unser Sohn träumt davon, Versicherungskaufmann zu werden :-(

Schnack beim Abendessen:

Marten: Ich habe meine Ziele geändert. Ich sitze später mit Krawatte in einer Versicherung und korrigiere Schadensakten.
Michael: Wieso denn das? Du wolltest Unternehmen gründen, die Welt erobern, als Survival-Spezialist die Menschen erstaunen. Wieso Versicherungskaufmann?????

Marten: Mein Lehrer hat gesagt, kein Kind würde später das, was es sich heute vorstellt. Er wollte Lokführer werden, ist dann aber Lehrer geworden, weil er da weniger zu tun hat.
Michael: Aber gib doch nicht mit 9 schon deine Träume auf! Die ganze Welt steht dir offen.

Marten: Michael, du verstehst mal wieder gar nichts. Wenn ich träume, Lokführer zu werden, arbeite ich später bei der Versicherung. Wenn ich jetzt plane, bei der Versicherung zu ackern, werde ich später Lokführer oder führe ein Eisenbahnunternehmen. Niemand wird das, was er sich als Kind erträumt. So werden meine Ziele ganz einfach Realität.

Montag, Mai 13, 2013

Schweizer Steuermodelle

Als ich nach Hause komme, hängt aus dem Fenster im 3. Stock ein Bierkasten an der Fassade. Aus der Wohnung dringt Rauch. Kein Grund zur Sorge. Das ist Horsts Wohnung. Trotzdem sehe ich nach dem Rechten.


Die Tür ist verschlossen. Als ich klingele, öffnet Horst. In seinen Augen entdecke ich Panik, aber vielleicht sehe ich Gespenster.



»Moin, Horst. Was ist los?«

»Die ARGE tickt aus, Bresser. Die glauben mir nicht mehr, dass ich mittellos bin. Ich kann jede Sekunde mit einer Kontrolle rechnen, hat mein Fallmanager gesagt. Und da werden alle Staubkörner in Geld bewertet. Auch im Ausland.«

»Wie kommen die darauf, dass du Vermögen gehortet hast?«

»Sippenhaft. Dieser Bayern-Präsi Hoeneß soll Hunderte von Millionen in der Schweiz gebunkert haben. Da verdächtigen Finanzamt und ARGE jetzt jeden. Mein Fallmanager vermutet, dass ich Bierkästen in der Schweiz versteckt habe. Dabei brauen die so schlechte Suppe, dass kein deutsches Bier dort sicher wäre.«

»Dass ausgerechnet der selbstgerechte Prediger der Nation Hoeneß Steuern hinterzieht, hat mich schon erstaunt. Aber bei diesem Bayerngesocks sollte man alles Schlechte zutrauen.«



»Wenn einer selbstgerecht ist, dann eine Schwatzbacke wie du, Bresser. Jeder macht irgendwann ein Fehlerchen. Ich verlege meine Kippen, Uli seine Millionen. Sind wir deshalb schlechte Menschen?«

»Sicherlich nicht. Aber Steuerhinterziehung im großen Stil ist kein Kavaliersdelikt. Mir ist es außerdem ein Rätsel, warum eine Privatperson hunderte Millionen auf der hohen Kante haben muss. Ich hätte bei dem Vermögen kein Problem, dem Staat einige Millionen abzugeben.«



»Du bist ein fantasieloser Trottel. Das ist Erotik pur. Der Hoeneß besitzt einen eigenen Geldspeicher, in dem er wie Dagobert Duck in seiner Kohle schwimmt. Das erregt ihn wie der Honig Winnie Pooh. Bei 5 Millionen weniger fällt der Sprung vom Drei-Meter-Brett härter aus. Ist doch logisch.«

»Du zeigst für alles Verständnis«, knurre ich.



»Auf so einen Blödsinn kann auch nur ein Intelligenzlegastheniker wie du kommen. Natürlich nicht. Ich habe kein Verständnis, dass Muddi extra für Uli ein Gesetz schaffen wollte, dass er straffrei ausgeht. Das ist ungerecht. Für Hartzer wie mich hätte das Gesetz nämlich nicht gegolten. Nur für Steueralzheimerpatienten.«

»Hast du etwa auch Gelder versteckt?«



Horst blickt mich verschwörerisch an. »Erzähl bloß keinem von meinen schwarzen Roth-Händle-Depots in Nicaragua. Nicht mal dem Uli.«

Mittwoch, Mai 08, 2013

Horst twittert für die Piraten

Als ich nachmittags nach Hause komme, steht Horst am Flurfenster und bläst Rauchkringel auf die Straße.


»Moin, Horst. Schnupperst du frische Luft?«

Horst hustet wie ein altersschwacher Traktor.

»Halt die Fresse, Bresser. Ich arbeite.«

Er bläst weitere Kringel in Richtung des Porschehändlers auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Ich betrete unser Haus und stelle mich neben Horst.



»Nur mal für einfach strukturierte Menschen wie mich: Was arbeitest du denn gerade?«

»Du bist noch blöder, als du aussiehst. Ich tittere.«

»Pardon?«

»Tittern, Nachrichten mit höchstens 140 Zeichen in die Welt pusten. Du hast die Zeichen der Zeit verschlafen, Bresser. So kommuniziert der moderne Mensch heute.«

»Ich will nicht klugschnacken. Aber es heißt twittern und funktioniert übers Internet.«

»Von mir aus twittern. Aber die Geschichte mit dem Internet ist Tinnef. Du verschickst kurze Textnachrichten. Manche Leute digital übers Netz, ich analog per Rauchzeichen. So habe ich diesen Bernd Schlömer von der Piratenpartei verstanden.«

»Woher kennst du Schlömer?«



Horst steckt sich eine neue Zigarette an.

»Eine Empfehlung der ARGE. Ich will mich politisch betätigen. Mein Fallmanager meint, bei einer Idiotenpartei würde ich den geringsten Schaden anrichten. Damit hat er meinen Ehrgeiz geweckt. Dieser Ponader ist ein netter Arbeitskollege in der Hartzbranche. Der hat mit sofort die Nummer seines Kumpels Schlömer gegeben. Feiner Kerl, leider selbst für einen Hartzer etwas faul.«



»Ich persönlich finde die Piraten inakzeptabel. Julia Schramm verkündet, dass geistiges Eigentum ekelhaft sei, lässt ihr eigenes Buch aber nicht downloaden. Wasser predigen und Wein saufen.«

»Blödsinn, ich saufe nur Bier. Und recht hat die Schramm. Eigentum jedweder Art kotzt mich auch an. Willst du eine Roth-Händle? Meine Zigaretten sind deine.«

»Ich rauche nicht mehr.« Schon beim Gedanken an Horsts Peststumpen bekomme ich Atemnot.



»Dann kann ich nichts ändern. Die Zeit ist noch nicht reif für das Piratenprogramm. Vielleicht sollten wir darüber abstimmen, ob wir abstimmen sollen, über eine Strategieänderung abzustimmen.«

»Nett, dass du einfache Leute wie mich mit ins Piratenschiff holen willst.«

Horst schaut mich entsetzt an.



»Nichts liegt mir ferner, du Flachpfeife. Es reicht, dass du in meinem Haus lebst. Die Piraten sind die einzige Partei, die um des Abstimmens willen abstimmt. Ist das nicht fantastisch? So kommt nie Langeweile auf und jeder glaubt, dass sich irgendwas bewegt, ohne dass es einen Millimeter vorwärts geht. So kommt nie Langeweile auf.«

»Abstimmen nach Godot. Nein, danke. Dafür ist mir meine Zeit zu schade.«



Horst seufzt und holt eine Bierflasche aus der Seitentasche seiner Khakihose.

»Du raschelst wieder gar nichts, Bresser. Die meisten Politiker sind geltungssüchtig, korrupt oder schlichtweg dumm. Meistens in Kombination. Gefährlich! Die Piraten würden nie etwas Schlimmes anstellen, weil sie mit Abstimmen beschäftigt sind. Das ist die Zukunft unseres Landes: Altruismus durch bewegten Stillstand. Prost.«

Montag, Mai 06, 2013

Horst beim NSU-Prozess

Ich bringe Horst die BILD-Zeitung vom Kiosk. Als ich die Wohnungstür öffne, höre ich Horsts Stimme aus der Roth-Händle-Wolke.


»Du hast richtig gehört, du Spacken. Ich verkaufe mein Los nicht. Schreib dir das hinter die Ohren.«

Ein Handy aus der Anfangszeit des Mobilfunks fliegt gegen die Wand.

»Moin, Horst. Alles klar bei dir?«

Horst lässt sich aufs Sofa fallen.

»Ich bin fix und fertig, Bresser.« Er öffnet ein Herri und leert in einem Zug die halbe Flasche. »Das waren die Penner von der Süddeutschen. Ich solle meinen Gerichtsplatz beim NSU-Prozess abtreten. Der FAZ habe ich schon erzählt, wo der Bartel den Most holt.«

»Was hast du mit dem NSU-Prozess zu tun? Da wurden doch nur Plätze an Pressevertreter verlost.«

»Bin ich. Idee der ARGE. Ich könnte doch aufstocken. Da ich gute Eingaben verfasse, müsste ich auch eine Zeitung herausgeben können. Was tut man nicht alles für seinen Fallmanager. Ich publiziere ein Punk-Fanzine wie sie in den Neunzigern hip waren. Fuck the Fascho-System. Merk dir den Namen.«

»Wusste ich gar nicht«, bekenne ich.

»Ich arbeite seit 2 Jahren an der Erstausgabe. Gut Ding will Weile haben. Jedenfalls habe ich mich für einen Presseplatz beworben. Erweiter schließlich mein journalistisches Spektrum. Und gewonnen. Ist das nicht geil.«

Horsts Egoismus ist unbegreiflich. »Und was willst du der Presse aus Punksicht über Frau Zschäpe mitteilen?«

»Ich könnte natürlich über ihre Ideologie, Thor-Steinar-Klamotten und den üblen Musikgeschmack schnacken. Aber ich werde meinen Platz an einen türkischen Kollegen abgeben. Da bin ich solidarisch.«

»Nett von dir. Hätte ich einem Journalisten, der als Fachblatt ausschließlich die BILD konsumiert, gar nicht zugetraut.«

Horst steckt sich eine neue Zigarette an.

»Sarkasmus macht hässlich, Bresser. Um ehrlich zu sein: Ich hätte neben einer Kollegin von der Bäckerblume gesessen. Und das geht gar nicht. Die wollte nur über Plätzchen, Kümmelbrote und Laugenbrezeln berichten. Alles was Zschäpe so im Knast verputzt. Da steh ich überhaupt nicht drauf. Schließlich schuckere ich völlig antifaschistisch nur Weißbrot. Prost.«

Donnerstag, Mai 02, 2013

Oscar Lafontaines Leopardenfell

Ich bringe Horst Äpfel und Brot vorbei. Der Arme hat keine Zeit zum Einkaufen. Schließlich bereitet er seine Selbstständigkeit vor.
Die Nacktposter sind allerdings abgehängt, und der junge Bruce Springsteen strahlt wieder von der Wand. Zumindest kann ich das Leuchten seiner Augen unter der Dunstglocke schwarzen Tabaks erahnen.

»Moin, Horst. Hast du die Aktbilder in deine neuen Geschäftsräume am Mittellandkanal transportiert?«, frage ich neugierig.
»Dass FKK-Ressort hat sich erledigt. Lohnt sich nicht.«
»Du warst doch ganz begeistert. Was ist passiert?«
Horst öffnet sich ein Herri und leert die Flasche bis zur Hälfte.
»Ich bin jetzt informiert. Langsam hat es sich rumgesprochen, dass die Hartzer die Bundestagswahl entscheiden können. Schließlich gibt es viereinhalb Millionen von uns. Deshalb hat mich Oscar besucht. Ich wäre Hannovers bekanntester Langzeitarbeitsloser und sollte Stimmung für die Linken machen.«
»Was hat das mit deinem Geschäft zu tun?«

»Oscar hat mir abgeraten. Ich sei dann Kapitalist und Feind des Proletariats. Ich würde meine Angestellten ausbeuten, eine Betriebsratsbildung behindern und nach meinem Tod in einem heißeren Höllenkessel brutzeln als die KIK- und Amazoneigentümer. Als Hartz-4-Empfänger könnte ich mehr für die Menschheit erreichen.«
»Oscar ist doch auch Kapitalist. Ich sage nur Armani-Jeans.«
»Er hat gewusst, dass du das anführen würdest.«
»Woher kennt er meinen Namen? Ich habe ihn noch nie persönlich getroffen. Lege auch keinen Wert darauf.«
»Ich habe ihm gesagt, dass mein pessimistisches Arschloch von Nachbar ihn schlecht machen wird. Er kennt genug Deppen wie dich, meinte er. Die Designerreizwäsche für Sarah und das echte Leopardenfell vor dem Kamin sind übrigens Presselügen.«

»Wenn Oscar das sagt. In meiner Welt sind Unternehmen wichtig. Wer soll sonst dein Bier brauen, der Staat?«
»So weit seid ihr gar nicht auseinander. Oscar will auch freie Unternehmer. Und das Gute ist: Wenn die über den Hartz-4-Satz hinaus verdienen, zahlen sie Reichensteuer, die wiederum den Hartz-4-Empfängern zu Gute kommt. Finanziell stehe ich mich als Hartzer besser und tue Gutes, wenn ich ihn richtig verstanden habe.«

»Ich verstehe es nicht.«
»Ist auch egal. Hauptsache, du machst dein Kreuz an der richtigen Stelle. Oscar und Sarah richten es für dich.«
»Wählst du denn die Linken?«

»Bist du jetzt total bekloppt? Im Wahlbüro gibt es kein Bier; außerdem herrscht Rauchverbot. Ohne diese Stimulantien fehlt mir die Inspiration, meine Entscheidung noch zu überdenken. Die Yogisches-Schweben-Partei finde ich auch interessant.«
Ich verrate ihm nicht, dass man auch per Brief wählen kann, sondern stoße lieber mit ihm an.

Blog-Archiv