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Sonntag, Oktober 10, 2010

Bestseller Kapitel 14: Ikonen, New York und der ganze normale Lebenswahnsinn



Es ist kurz vor zwölf. Ich nehme eine Dusche. Tut gut. Anschließend wechsele ich die Kleidung, die nach billigem Parfum und Fusel stinkt. Fühle mich menschlicher als am Morgen. Doch der Frust sitzt noch immer tief in allen Poren. Der lässt sich nicht so einfach wegduschen. Im Edeka kaufte ich Würstchen, Bauchfleisch und einen Sixpack Herrenhäuser. Dann wandere ich die viereinhalb Kilometer über die Leine in die Nordstadt. Die Sonne kann meine trüben Gedanken auch nicht erhellen. Der Georgengarten ist eigentlich ein fantastischer Ort zum Chillen. Erinnert an die Landschaften aus Miss-Marple-Filmen. Ist nicht so snobby wie der Große Garten von Herrenhausen, wo Familien und Hannovers feinere Gesellschaft flanieren. Der Georgengarten ist Kult für alle, die eher am Rand der Gesellschaft rumkrabbeln.
Andi und Kathrin finde ich auf einer Decke. Sehen ähnlich trübe aus wie ich. Antje baut gut gelaunt den Grill auf und schüttet Kohlen auf den Rost. Dabei summt sie Living la vida loca.
»Sweety», küsst sie mich leidenschaftlich. »Ist dein Tag genauso grandios wie meiner. Es gibt etwas Giga-Fantasto-Geiles zu feiern.»
»Naja», brumme ich. »Ich muss dir etwas erzählen. Was ist mit den Beiden los?», zeige ich auf Andi und Kathrin. »Die blicken ja drein, als seien Weihnachtsmann und Osterhase am gleichen Tag gestorben.»
Andi verdreht genervt die Augen. Erst jetzt fällt mir das Veilchen an der rechten Seite auf.
»Das ist nicht lustig. Weiß Gott nicht», faucht Kathrin.
»Sorry», sage ich. »Reiner Galgenhumor. Mein Tag war auch komplett beschissen. Was ist denn los?»
»Ich bin erledigt», spricht Andi mehr mit sich selber als mit uns.
»Bitte?»
Andi winkt ab, scheint keine Lust mehr zum Reden zu haben.
»Andi war noch immer fix und fertig, dass seine Bilder in dem Nazischuppen in Wesel gestanden haben. Da hat er sich diesen Säge gekrallt. Wir sind zu seiner WG gefahren. Turner wohnt gar nicht mehr dort. Hat sich einen Bulli für fünfhundert Euro gekauft und ist runter nach Georgien, um humanitäre Hilfe zu leisten. Da wohnen jetzt völlig strange Typen. So eine Mischung aus supercool und aggro. Konnten wir nicht einordnen. Ob das auch Studenten sind?»
»Penner. Alles Penner und Wichser», wirft Andi ein.
»Da lief die ganze Zeit der Judgement-Night-Sampler. Die haben zu Disorder von Ice-T und Slayer geposed und gegröhlt. War, this is not our war. Echt beängstigend. Der Text war auch noch falsch. Vollpfosten. Dieser Säge auch. Der war der Schlimmste. Ein komplettes Arschloch.»
»Der war früher in Ordnung. Ich schwör’s euch», verteidigt Andi.
»Ice-T ist doch okay? »¸frage ich.
»Hotte, das sind weder Metallheads noch Hip-Hopper, sondern eine ganz üble Brut. Warte doch einfach mal ab, was Kathrin noch erzählt.»
Kathrin redet sich in Rage.
»Wir kommen in das Zimmer von diesem Säge. Da hängen verschiedene Bilder mit Überschriften in Sütterlinschrift. Deutschland steh auf und so ein Zeug. Gegen Kapitalismus und Weltjudentum. Als Bettüberzug dient eine Reichskriegsfahne. White-Power-Bildschirmschoner auf dem Rechner. Alles klar? Dieser Typ ist bis in die Haarspitzen Nazi, genau wie seine Kumpel. Andi hat ihn gefragt, ob er weiß, wo er seine Bilder hingebracht hat. Da meinte er, das wäre doch eine geile Location. Andi wäre jetzt in der Szene eine Ikone.»
»Was?», kann ich es nicht fassen. »Bei den Nazispacken?»
Andi nickt finster.
»Die haben eine neue Richtung», erklärt uns Kathrin. »Autonome Nationalisten. Die kannst du nicht von Linken unterscheiden. Selbe Klamotten, selbe Musik, politische verbreiten die nur Hass. Säge meinte, es wäre im Guerilla-Krieg vorteilhaft, wenn sie nicht wie Nazis aussehen. So sind sie schlagkräftiger. Die besuchen auch Ausbildungscamps für Nahkämpfer. Ganz schrecklich. Und der Höhepunkt ist das hier.»
Sie drückt mir ein Poster in die Hand.
„Ausstellung mit zeitgenössischer völkischer Kunst in Barsinghausen. Im Jugendzentrum Bunker stellen sieben Künstler aus, die ihr Schaffen dem Kampf gegen den internationalen Kapitalismus, Globalisierung und den Chimäre einer multikulturellen Gesellschaft gewidmet haben. Eines der Zugpferde der Bewegung ist der neunundzwanzigjährige Andreas Bohemian, der sein Schaffen der Philosophie seines Idols Ernst Zündel widmet.“
»Was soll das und, wer ist Ernst Zündel?», frage ich verwirrt.
»Dieser Säge ist geistig komplett verstrahlt. Anscheinend waren er und Andi stoned, als sie sich mal unterhalten haben. Er hat Andis Objekte bei seinen Nazikumpeln in Wesel ausgestellt. Die waren begeistert. Da hat er Gelder aufgetan und weitere Bilder von Andi gekauft, die in einer kleinen Galerie in der Nordstadt ausgestellt wurden. Irgendwie hat er geglaubt, dass sie beide auf der nationalistischen Welle schwimmen. Oder ihm war egal, was Andi dazu sagt. Diese Typen spielen auch Ärzte und Slime, alles Bands, die diesen Nazischrott ablehnen. Und Ernst Zündel ist ein Holocaust-Leugner, der im Knast sitzt. Eine ganz üble Bazille. Andi hat Säge deutlich die Meinung gegeigt, da wurde dieser Typ handgreiflich. Er hat ihm ein blaues Auge verpasst. Dann sagte er, Andi soll sie doch verklagen. Da seien schon ganz andere dran gescheitert. Wenn er nicht mitzieht, machen ihn Säges Kumpels platt»
»Diese Plakate hängen in der Uni aus, diese Plakate hängen in der Limmer Straße, die hängen an Litfass-Säulen. Ich bin doch jetzt komplett unten durch. Das glaubt mir doch keiner, dass ich benutzt werde und mit diesem Dreck nichts zu tun habe.»
Andi schluckt ein paar Pillen, steckt sich eine Kippe an. Sieht blass aus, als hätte er schon lange nicht mehr geschlafen. Er tut mir leid.

Mir fällt es schwer, tröstende Worte zu finden. Eine üble Sache. Gerade in Linden werden solche Plakate genau angesehen. Und dann ist er wirklich Bodensatz. Muss sich eine neue Stadt suchen. Ich sehe keinen Ausweg. Aber ich kann mir nicht mal selber helfen, wie sollte ich dann meinen Freunden Perspektiven aufzeigen. Ich klopfe ihm auf die Schulter, um meine Solidarität zu demonstrieren. Keine Reaktion.
»Jetzt lasst uns feiern. Da können wir momentan nichts dran ändern», klatscht Antje in die Hände. Ich reiche ihr mein Fleisch, doch irgendwie ist keiner in Fetenstimmung.
»Also, was ich euch sagen wollte», leuchten Antjes Augen, während sie die Würste auf dem Grill platziert. »Ich habe ein Stipendium in New York bekommen. Ist das nicht der Hammer, Sweety?»
Ich fühle mich, als ob mir der Boden unter den Füßen weggezogen wird. Wie sah mein morgendliches Fazit aus: Neben all der Scheiße an den Hacken, habe ich wenigstens Antje.
»Ihr sagt gar nichts. Freut ihr euch denn nicht? », fragt Antje noch immer strahlend.
Ich setze mich neben Andi und Kathrin und nehme ein Bier.
»Doch, toll. Wann geht es los?», versuche ich mir meine Enttäuschung nicht anmerken zu lassen.
»In zwei Monaten. Oh, da muss ich verdammt viel organisieren. Neue Wohnung finden, alte auflösen. Mit der neuen dürfte allerdings einfach sein, ich kann da auf dem Campus wohnen. Ich freu mich so. Und mein Schatz besucht mich alle paar Monate.»
»Ich glaube, du überschätzt meine finanziellen Fähigkeiten», fällt mir wenig zu dieser optimistischen Sicht ein.
»Soviel kostet ein Flug nach New York auch nicht mehr.»
»Wie viel denn?»
»Na, so vierhundert um den Dreh»¸wird sie zaghafter.
»Und einen Rückflug muss ich auch buchen. Um mir das leisten zu können, brauch ich einen Job als Investmentbanker an der Frankfurter Börse. Träum weiter, Chérie.»
»Was bist du denn so giftig? », fragt sie enttäuscht. »Du hast doch jetzt einen Bombenjob bei dieser Produktionsgesellschaft.»
»Dazu muss ich noch etwas erzählen. Bitte setz dich.»
Antje folgt. Das Fleisch brutzelt unterdessen munter weiter auf dem Grill. Aber das stört keinen. Kathrin brütet vor sich hin, Andi ebenso, unterbrochen von Griffen in die Hosentasche, aus der er seine kleinen Muntermacher oder Baldrianpillen herausholt.
Ich lege die Karten offen auf den Tisch, verschweige nicht ein schmutziges Detail. Die Mädels starren mich mit offenem Mund an. Andi starrt immer blasser in die Weite des Parks.
»Warum hast du mich angelogen, Horst? Das finde ich total daneben», faucht Antje. Sie wirkt enttäuscht, auch ein wenig kalt.
»Ich habe mich nicht getraut. Ich wollte gut aussehen, wollte, dass du stolz auf mich bist.»
»Alter, war ich doch auch. Wir haben in der kurzen Zeit, in der wir zusammen sind, so viel durchgemacht. Aber dein fehlendes Vertrauen kotzt mich an. Und wenn es dir Spaß macht, mit Nutten zu ficken, bitte. Tut dir keinen Zwang an.»
Sie schmollt. Kein Wort darüber, dass dieser Gangster Pierre mich erpresst. Ich bin auch enttäuscht.
»Ist doch ein Hammer, dass mich der Kerl unter Druck setzt. Einfach so», wende ich mich an alle.
Kathrin und Antje schauen mich an, als hätte ich etwas verbrochen. Andi starrt apathisch auf den Boden, das interessiert ihn alles nicht.
»Wer weiß, ob du mit dieser Nutte gepoppt hast. Kannst dich ja an nichts erinnern. Aber das ist mir so was von egal», zischt Antje. Klingt aber nicht, als würde sie das kalt lassen.
»Mensch, Schatz, ich bin da doch nur hingegangen, um die Konzepte zu besprechen.»
»Kennst du den Film Crossroads über den Blues-Sänger Robert Johnson? Der hat seine Seele dem Teufel verkauft, damit er ein erfolgreicherer Musiker wird. An den erinnerst du mich. Für deinen Traum tust du alles. Lässt dich mit dem letzten Pack ein. Müsste dir doch klar sein, dass es in der Pornobranche nicht wie im Blümchenladen zugeht», sagt sie verzweifelt.
»Vielleicht war ich etwas naiv. Aber Pierre ist Beas Freund, und die ist super korrekt. Da habe ich ihm vertraut», versuche ich mich zu verteidigen.
»Etwas naiv. Du bist die personifizierte Blauäugigkeit. Manchmal fast dumm.»
Das geht zu weit. Als ob ich es nicht schwer genug hätte, beleidigen braucht sie mich nicht.
»Wenn ich so dumm bin, frage ich mich, was du an mir findest. Aber Madame rauscht auch bald über den großen Ozean ab. Respekt.»
»Ich verfolge meine Ziele, ohne mir gleich Freier zu suchen, mit denen ich für Kohle ins Bett hopse. Aber das scheint nicht auf Gegenseitigkeit zu beruhen», redet sie sich in Rage.
»Wenn wir uns gegenseitig so egal sind, können wir uns auch trennen», sage ich kühl in der Hoffnung, dass sie mir vehement widerspricht.
»Ja, vielleicht ist es das Beste. Ich fühle mich von dir hintergangen.»
Scheiße.
»Also sind wir auseinander? », frage ich verunsichert.
Antje überlegt nur kurz.
»Ja, hat ja anscheinend keinen Zweck mit uns.»
Jetzt kann ich es mir schenken, von den Schwierigkeiten mit der Verlegerin zu erzählen. Mein Leben rollt unaufhaltsam dem Abgrund zu.
»Andi, komm wach auf», streichelt Kathrin Andis Kopf. Mein Kumpel ist zusammengesunken, liegt verkrümmt auf der Decke, Speichel fließt aus seinem Mund.
Antje und ich beugen uns ebenfalls über ihn, er atmet stoßweise, aber schwach.
»Hat er sich heute morgen schlecht gefühlt?», fragt Antje ratlos.
»Ich weiß nicht, machte eigentlich einen ganz normalen Eindruck. War nur total deprimiert wegen der Geschichte mit Säge», weint Kathrin. »Was ist denn los, Andi?»
Doch Andi antwortet nicht. Sein Kopf dreht sich etwas nach links, seine Augen sind geschlossen.
»Wir müssen sofort einen Krankenwagen rufen, der stirbt uns sonst hier weg», gewinnt Antje als erstes die Fassung wieder. Frauen sind zupackender als Männer.
»Hat jemand sein Handy dabei?»
Damit kann ich dienen, mich wenigstens etwas nützlich machen.
»Bitte schicken Sie sofort einen Krankenwagen in den Georgengarten gegenüber vom Nordstadtspielplatz. Ein Freund von uns ist kollabiert. Nein, keine Ahnung warum. Vielleicht die Hitze. Kommen Sie schnell.»
Kathrin legt Andis Kopf auf ihren Schoß, streichelt ihn, flüstert ihm beruhigende Worte zu. Minuten gerinnen zu Stunden. Wir sitzen wie gelähmt. Ich stehe einmal auf und kippe Bier über den Grill. Das Fleisch ist mittlerweile verkohlt. Ein rundum gelungener Tag. Durchtränkt mit Melancholie wie ein End-of-Green-Song.
Schließlich kommen die Sanitäter. Laufen viel zu langsam mit ihrer Bahre über den Rasen. Ob ihnen klar ist, dass es hier um Leben und Tod geht.
»Hallo», grüßen sie lax. Andi wird kurz untersucht, dann haben sie es auf einmal eilig.
»Ein Junkie. Wenn wir Pech haben schafft er es nicht mehr», spricht er in sein Funkgerät.
Sie tragen Andi rennend zum Auto. Kathrin läuft ihnen nach und fragt atemlos »Wo bringen Sie ihn denn hin?»
»Krankenhaus Siloah. Notaufnahme. Drücken Sie die Daumen. Das wird eine ganz knappe Angelegenheit.»
Wie erschlagen sinkt Kathrin auf den Bürgersteig, Antje und ich schleichen langsam zu ihr hinüber.
»Ich verstehe nicht, wie das passieren konnte», murmele ich und lege tröstend meinen Arm um Kathrins Schulter.
»Na», sagt Antje schnippisch. »Wieso wundert dich das? Andi steht doch ständig unter Chemie. So lang kennen wir uns nicht. Aber da hat er ständig was genommen. Irgendwann kolloabiert der Body.»
»Entschuldige, dass ich mich um meinen Freund sorge», fauche ich.
»Mach ich auch», erwidert Antje. »Dennoch: Sein Lifestyle ist zu intensiv. Too much is too much.»
»Er ist Künstler», verteidige ich Andi. »Er braucht den Kick als Inspiration.»
»Drogen sind scheiße», meldet sich Kathrin zu Wort.
»Ich bin auch Künstlerin», stöhnt Antje. »Dröhne ich mich deshalb dauernd zu? Es ist okay, sich ab und an zu kicken. Aber sich von der Chemie versklaven zu lassen, finde ich abartig. Ich habe keine Lust, mein Leben wie Jim Morrison oder Hans Fallada von Drogen und Alk bestimmen zu lassen.»
Kathrin weint.
»Könnt ihr eure blöden Diskussionen nicht später führen. Andi ringt mit dem Tod, und ihr führt öde Grundsatzgespräche», steht sie auf. »Ich fahre ins Krankenhaus. Ich will ihm nah sein.»
Antje und ich schauen ein wenig verlegen drein.
»Ich komme mit», erkläre ich. »Lass uns ein Taxi nehmen. Ich zahl das.»
»Oh, von der Pornoindustrie gesponsert. Nein, danke», zischt Antje.
»Eure Streitereien kotzen mich an», schreit Kathrin wütend und läuft los.
Ich renne ihr nach.
»Warte», hole ich sie ein. Antje kommt langsam nach.
Ich würde mich am liebsten bei ihr entschuldigen. Mir kommt der Verdacht, dass ich ganz schöne Scheiße gebaut habe. Aber was hätte ich anderes tun können? Die Ereignisse haben sich überschlagen und mich überrollt. Etwas Verständnis für meine Situation würde mir gut tun. Antje blickt an mir vorbei auf Kathrin.
»Du hast Recht, Süße», sagt sie. »Begraben wir die Streitaxt.» Sie reicht mir die Hand, schaut mir aber nicht in die Augen. Zögernd ergreife ich sie.

Dann nehme ich das Handy und rufe ein Taxi. Der Fahrer, ein Typ Ende vierzig mit Zopf und wallendem Vollbart, hat Quasselwasser getrunken.
»Seid ihr Studenten?», fragt er. Keiner antwortet.
»Ich studiere Sozialpädagogik. Hatte mehrfach Pech, dass die Studienordnung gewechselt hat. Jetzt fressen mich die Gebühren auf. Was macht ihr so, um euer Recht auf Bildung zu finanzieren?»
»Horst schreibt Pornos», kann es sich Antje nicht verkneifen. Kathrin und ich schauen sie genervt an.
Finde ich spießig, dass sie auf dieser Geschichte rum reitet.
»Er ist aber auch kein Student sondern Autor», fügt sie hinzu. Macht es nicht besser.
»Ich schreibe auch», erklärt der Taximensch. »Politische Gedichte. Ich bin übrigens der Fred. Habe leider noch keinen Verleger gefunden. Wollt ihr eins hören?»
Wollen wir nicht, aber das stört ihn wenig.
»In den Keller gepfercht hause ich. Auf der Flucht vor Hatz 4. Kriminalisiert, maskiert, demotiviert und frustriert. Der Blick aus dem Fenster führt ins Nichts. Habe keine Liebe zu erwarten von dieser Fucking Society.»
Erwartungsvoll dreht er sich um.
»Wie findest du das? Ist nur ein Auszug. Ey, Alter. Hast du vielleicht Connections zu einem Verleger?»
Ich überlege kurz ihm die Ahmert zu empfehlen, aber so gehässig bin ich doch nicht.
»Nein, für Lyrik kenne ich keinen Interessenten», sage ich.
»Schade, wäre besser als Autor die Kohle direkt aufs Konto zu bekommen, als sich Tage und Nächte im Taxi um die Ohren zu schlagen.»
Die Leute haben bunte Illusionen vom Autorenleben, denke ich. Wie ich bis vor kurzem auch.
Plötzlich wird Fred aggressiv.
»Finde ich echt Scheiße von dir, dass du mir nicht helfen willst. Naja, so ist das in Deutschland. Jeder ist sich selbst der Nächste. Wenn ich irgendwann super erfolgreich bin, kenn ich dich auch nicht mehr.»
Hallo? Wir sind fünf Minuten in seinem Taxi gefahren. Wenn ich nicht voll Sorge um Andi wäre, könnte ich laut loslachen. Das Leben ist schon skurril.
»Tut mir Leid», murmele ich, um ihn nicht zu reizen.
Wir erreichen den Parkplatz vor dem Krankenhaus. Ich drücke ihm die sieben Euro in die Hand, die das Taxameter anzeigt.
»Viel Glück. Nimm es mir nicht übel, aber ich kann wirklich nichts für dich tun», versuche ich etwas Nettes zu sagen. Doch er schweigt und verzieht patzig das Gesicht. Antje und Kathrin verlieren kein Wort, laufen zum Eingang des Krankenhauses. Drei Männer sitzen in Jogginganzügen auf einer Bank vor der Pforte, rauchen und kloppen Skat.
Siloah ist idyllisch an einem Kanal zur Leine gelegen. Dahinter Schützenplatz und Stadion. Wer Halligalli braucht, ist dort richtig. Das Krankenhaus selber besteht aus mehreren abgrundtief hässlichen Sechziger-Jahre- Bauten. Andi liegt auf der Intensivstation. Wir stehen vor der verschlossenen Tür. Kein Einlass. Irgendwann kommt ein Arzt heraus. Zerknautschtes Gesicht mit dicker Hornbrille, vielleicht fünfzig. Laut Namensschild Dr. Hornbacher.
»Wir sind Freunde von Andreas Bohemian. Er liegt bei Ihnen auf der Station. Wir möchten gerne wissen, wie es ihm geht», frage ich.
Der Arzt nimmt seine Brille ab und poliert sie mit einem weißen Tuch.
»Ein Herr Bohemian liegt nicht bei uns. Tut mir Leid.»
Ich versuche mich zu erinnern, wie Andi mit richtigen Namen heißt.
»Ein Herr Bothe? Wir waren bei ihm, als er zusammengebrochen ist.»
»Sie sind leider keine engen Angehörigen. Daher darf ich Ihnen keine Auskunft geben.»
Kathrin fängt wieder an zu weinen.
»Sagen sie uns: Wird er überleben?»
Der Arzt räuspert sich.
»Können Sie mir die Kontaktdaten seiner Eltern geben?»
Wir zucken die Achseln.
»Ich glaube, er stammt aus Peine. Aber ich kenne seine Eltern nicht», gestehe ich. Schon erstaunlich, wie wenig ich über meinen besten Freund weiß.
»Kommen Sie mit in die Cafeteria? », stiefelt er los, ohne eine Antwort abzuwarten.
Wir folgen ihm wie die Lemminge, was bleibt uns übrig, wenn wir Näheres zu Andis Zustand erfahren wollen.
Der Arzt holt einen Kaffee und setzt sich an einen Tisch. Seine Stirn glänzt vor Schweiß.
»Auch wenn ich Ihnen keine Auskunft geben darf. Ihr Freund braucht dringend Hilfe. Das war ein Warnschuss und Hilferuf zugleich. Herr Bothe richtet sich kontinuierlich zu Grunde. Wir haben in seinem Blut diverse illegale Substanzen festgestellt, die dem Organismus bleibende Schäden zufügen. Ausschlaggebend war allerdings der Konsum von Heroin. Da keine Einstiche festgestellt wurden, hat er die Droge anscheinend geschnupft.
Wahrscheinlich zum ersten Mal, aber da bewegen wir uns zurzeit auf dem Gebiet der Spekulation. Allerdings mehr als er verkraften konnte. Daher gehe ich davon aus, dass er den Zusammenbruch bewusst kalkuliert hat. Dies ist allerdings eine rein persönliche Einschätzung. Ohne wissenschaftliche Relevanz.»
Wir hören ihm staunend zu. Bis auf Antje. Die nickt, als hätte sie alles schon längst gewusst.
»Er wird die Überdosis überleben. Klar, kein Problem. Aber wenn Herr Bothe so weiterlebt, ist sein früher Tod bereits vorhersehbar. Ich werde ihm raten, sich schleunigst in therapeutische Behandlung begeben. Und dabei sind gute Freunde wichtig.»
Er steht auf.
»Morgen wird Ihr Freund verlegt. Dann können Sie ihn besuchen. Guten Tag.»
Mit wehendem Kittel schreitet er aus der Cafeteria.
»Es wird alles gut», verbreite ich Optimismus.
»Es wird alles fucking gut, sicher», ironisiert mich Antje.
»Wenn er nicht mit dem Scheiß aufhört, liegt er bald unter der Erde. Da brauchen wir uns nichts vorzumachen. Dem Jungen fehlt eine Perspektive.»
Sie hat Recht.
»Ich ziehe nach Hannover», sagt Kathrin. »Ein Wechsel ist sicherlich möglich. Zusammen schaffen wir das.»
»Süße, wenn du nur zu ihm ziehst, weil du ein Helfersyndrom pflegen willst, habt ihr keine Zukunft. So ein Entzug geht an die Substanz.»
Immer pragmatisch, meine Ex-Liebste.
»Gib ihnen doch eine Chance. Willst Du Andi mit seinen Problemen alleine lassen?», frage ich wütend.
»Schon gut», beschwichtigt Antje. »Wollte ich nur anmerken. Finde ich gut, dass du ihn unterstützt. Wenigstens das ist gut an dir.»
»Wir lieben uns», beteuert Kathrin. »Und mit Liebe ist alles möglich. Auch wenn ich vielleicht ein Semester verliere, Andi ist wichtiger.»
Obwohl es blauäugig klingt, habe ich bis vorhin auch an die Macht der Liebe geglaubt. Aber vielleicht habe ich zu viel Mist gebaut. Meine Lüge war wirklich keine Glanznummer.
»Das finde ich super», sage ich niedergeschlagen.
Antje schaut ebenfalls verlegen. Wir haben unsere Beziehung selbst zerstört, hauptsächlich ich.
»Ich habe einige Dinge in meinem Leben zu regeln. Wir sehen uns morgen bei Andi», verabschiede ich mich. Ich drücke Antje verlegen die Hand, weiß nicht, was ich sagen soll.
»Mach’s gut», sagt sie.
Kathrin drückt mich. Wir fühlen uns tief verbunden in der Sorge um Andi. Ich spüre Antjes Blicke in meinem Rücken, doch ich drehe mich nicht um. Auch wenn es mir schwer fällt.

Montag, August 30, 2010

Bestseller Kapitel 08: Esel ficken in der national befreiten Zone



08. Esel ficken in der national befreiten Zone

Am nächsten Morgen wecken uns laute Stimmen. Verwirrt reibe ich mir den Schlaf aus den Augen, auch Andi und Kathrin haben Schwierigkeiten sich zurechtzufinden. Flirrendes Licht fällt durch das Fenster, reizt die Augen und die Stimmung. Kathrins erste Worte sind »Oh Scheiße». Sie küsst den immer noch in anderen Welten schwebenden Andi und schleicht sich aus dem Zimmer.
»Moin. Alter, was ist das für ein Lärm?» Er will sich eine Zigarette anzünden, doch ich stoppe ihn.
»Für zwei Stunden verhalten wir uns, dass es meinem Vater gefallen könnte. Verstanden?»
»Schon gut», grinst Andi. »Die Kohle für dein Buch kriegen wir zusammen, aber hier bestimmt nicht. Lass uns schauen, was bei deiner Family los ist. Hasta la vista und ab die Post.»
Der Krach kommt aus dem Wohnzimmer. Dort finden wir Vater und Mutter, wieder vollkommen schwarz gekleidet, vor der Flimmerkiste.
»Der Schrecken eines Weltkriegs vergeht im Blick auf die Ewigkeit. Der Zorn, der sich über alle ergießen wird, welche die angebotene Barmherzigkeit, Gnade und Erlösung des Jesus Christus ablehnen, ist viel schrecklicher. Hallelujah, liebe Brüder», dröhnt ein bärtiger Mann im Talar.
Die aufgeheizte Menge in der Turnhalle schreit hysterisch »Gelobt sei Gott, Hallelujah.»
Meine Mutter fordert uns mit einer Handbewegung zum Sitzen auf, doch wir stiefeln in die Küche. Dort sitzt Kathrin bereits am Küchentisch, hat Kaffee gekocht.
»Machen die nichts anderes als beten?», fragt sie entnervt.
»Ich fürchte nicht», murmele ich. Eigentlich sollten die eigenen Eltern nur während der Pubertät peinlich sein, aber diese Show ist nicht mehr zu toppen.
»Mein Alter ist Nazi», wirft Andi ein. Er nimmt einen Schluck Kaffee und eine Scheibe Brot aus dem Korb. »Kein richtiger», schmatzt er. »Aber er sondert eine Menge Stuss über Juden ab. Die wollen die Weltherrschaft und sind an den steigenden Benzinpreisen schuld. Früher hat mich das aufgeregt, heute denke ich: Lass ihn doch erzählen. Er hat auch gute Seiten, ist nur ein wenig blöd.»
»Juden mag mein Vater auch nicht. Die haben schließlich Jesus umgebracht. Ist egal, dass der Messias selber Jude war.»
»Ein religiöser Nazi. Das ist die höchste Stufe der Verblödung», fällt Andi sein abschließendes Urteil. Obwohl er Recht hat, gefällt mir nicht, wie er über den Alten spricht.
»Er hat viel mitgemacht, vergiss das nicht. Seine Erlebnisse haben ihn zu dem Menschen geformt, der er heute ist. Er war nicht immer ein Loser. Der frühe Tod meiner Schwester hat ihm die Psyche verdreht.»
Kathrin schaut zweifelnd.
»Ich bitte dich. Klar ist es hart, ein Kind zu verlieren. Aber das passiert vielen Leuten. Werden die alle zu religiösen Spinnern? »
Vielleicht stimmt das. Aber ich habe keine Lust darüber nachzudenken.
Die Predigt ist zu Ende. Meine Eltern betreten den Raum. Mutter lächelt, Vater mit strengem Blick.
»Ihr habt euch bereits bedient, wie ich sehe», setzt er sich an den Tisch. »Du sollst nicht stehlen, weißt du, wo das steht, Horst?»
„Hiob, lass den Jungen. Die Kinder sind unsere Gäste», wirkt Mutter wütend. Der Alte schaut, als wolle er ihr eine Predigt halten, sagt aber nichts.
Mutter stellt Marmelade, Wurst und Käse auf den Tisch. Dann spricht Vater ein salbungsvolles Gebet. Er möchte, dass unsere Sünden vergeben werden, obwohl er nicht glaubt, dass das möglich ist. Süffisanter Unterton. Andi und Kathrin verdrehen die Augen.
Hiob nippt an seinem Kaffee.
»Ich habe gestern Abend noch mit deiner Mutter gesprochen. Du willst Geld für dein Buch. Ich halte nichts von der Schreiberei, doch Mama will, dass ich dich unterstütze.»
Wir drei schauen erstaunt aus der Wäsche.
»Ich habe in dieser Nacht hart mit mir gerungen, habe den Herrn gefragt und Antwort erhalten. Du sollst Geld von mir bekommen. Aber ich will sehen, dass du es wirklich ernst meinst. Ich gebe dir zweitausend Euro. Den Rest musst du selber hinzuverdienen. Wer sich selbst hilft, dem wird auch der Herrgott helfen.»
Zweitausend, ich bin begeistert.
»Danke», stammele ich.
»Sie wissen nicht, Herr Hiob, wie sehr Sie Horst damit weitergeholfen haben», strahlt Andi. Kathrin nickt auch freudig. »Sie sind gar nicht so übel, wie ich dachte.»
Die Miene des Alten verfinstert sich sofort.
»Es ist der Willen Gottes, den auch ich nicht immer verstehe», knurrt er. Er drückt mir einen Scheck in die Hand. Dabei zittert er leicht. Dann quetscht er meine Hand.
»Auch wenn ich dich nicht verstehe. Viel Glück in deinem weiteren Leben», brummt er. Wenn mich nicht alles täuscht, bildet sich eine Träne in seinem rechten Auge. Doch er steht auf.
»Ich muss die heutige Andacht vorbereiten. Macht es gut und geht mit Gott.»
In einem Historienfilm würde jetzt ein Heiligenschein über seinem Kopf leuchten, so verlässt nur ein alter Mann voll Zorn auf eine Gesellschaft, die er nicht versteht, den Raum.
»Danke, Mama. Ich weiß, dass du es schwer hast. Umso dankbarer bin ich, dass du dich für mich eingesetzt hast.»
»Ich führe das Leben, das ich mir ausgesucht habe. Mit deinem Vater bis zum Tod. Bitte geht jetzt, sonst überlegt es sich dein Vater mit dem Geld noch und will es zurück.»
Kathrin hat bereits gepackt, Andi und ich tragen unser Gepäck am Leib. Zum Abschied umarme ich meine Mutter. Sie weint. Ich kann mich vor den Freunden gerade noch zurückhalten. »Bis bald», verabschiede ich mich, denke aber, dass es lange dauern wird, bis ich wieder nach Duisburg zurückkehren werde.

Wir fahren zum Bahnhof und steigen in den Zug nach Wesel.
»Hätte nie gedacht, dass dein Alter etwas herausrückt», kann Andi es noch immer nicht fassen.
»Ich auch nicht. Aber ein Riese fehlt mir noch immer.»
»Da habe ich eine Idee.» Wir schauen Kathrin groß an. Eine Idee, die tausend Euro bringt?
»Es gibt doch überall Kaffeefahrten. Da fährst du mit lauter Senioren in ein Hotel, wo Lamafelldecken und Wärmeflaschen verkauft werden.»
Bei uns ist der Groschen noch nicht gefallen. Andi schiebt sich unauffällig eine Pille in den Mund.
Schließlich sage ich »Sollen wir den überteuerten Scheiß etwas weiterverkaufen? »
»Nein», rauft sie die Haare bei soviel Begriffsstutzigkeit. »Da gibt es jede Menge umsonst. Porzellan, Fernseher, Bestecke. Da können wir echt was abziehen. Und unsere Geschenke verscherbeln wir bei Ebay.»
»Das ist eine super Idee», entflammt Andi vor Begeisterung. »Die betrügen alte Leute, also ziehen wir die auch ab. Ganz legal. Megageil.»
Er gibt ihr einen langen Kuss. »Kann klappen», meine ich schließlich. »Wenn wir zu Hause sind, schaue ich im Briefkasten nach. Da kommt jede Woche so ein Mist. Für tausend Euro brauchen wir aber viel Plunder», überschlage ich.
»Ach was. Bei drei Flimmerkisten haben wir das Geld doch schon in der Tasche», Andi und Kathrin klatschen sich ab. Na, vielleicht bin ich einfach zu pessimistisch. Es ist in jedem Fall schön, dass meine Freunde mich unterstützen. Alleine wäre das kaum durchzustehen.

Obwohl ich den Großteil meines Lebens in Duisburg verbracht habe, war ich noch nie in Wesel. Wird schon seinen Grund gehabt haben, denk ich mir. Wirkt kleinstädtisch, hübsch, aber gähnend langweilig. Hab auch nie einen coolen Menschen getroffen, der aus Wesel kommt. Uncoole allerdings auch nicht. Wenn hier dein Hund auf den Bürgersteig scheißt, weiß es sofort das ganze Dorf. Hurra.
»Wie kommst du an eine Ausstellung in diesem Kaff?», fragt Kathrin. Eine gute Frage.
»Das ist eine lange Geschichte», windet sich Andi verlegen. »Ich kenn so einen Typen, den Turner, der wohnt in einer WG mit einem anderen Typen, der ursprünglich aus Wesel kommt. Heißt Säge mit Spitznamen. Habe mal bei Turner gechillt und Fotos von einigen Bildern rumgezeigt. Fand Säge ganz toll. Er hat gemeint, er kennt einen abgefahrenen Schuppen in seiner Heimatstadt. Wenn die meine Bilder ausstellen, würden die Weseler voll drauf abfahren. Die hätten Geschmack.»
Ich will nicht vorschnell urteilen, aber Wesel wirkt wirklich nicht, als ob sich seine Bewohner durch außergewöhnlichen Geschmack auszeichnen würden.
»Wie heißt denn das Lokal?», fragt Kathrin.
»Club 88, glaub ich. Soll direkt in der Innenstadt liegen.»
»Gibt’s den echt schon seit zwanzig Jahren?»
»Keine Ahnung. Mal schauen, ob die Bilder von mir verkauft haben. Nur Bares ist Wahres», hofft Andi. Er nimmt Kathrins Hand. Sie lächelt. Ich habe den Eindruck, dass sie zu Andi passt. Besser als Petra, Nina, Imke und all die anderen. Vielleicht sind Alter und Bildungsstand egal, die reine Chemie zwischen den Seelen entscheidet über den Erfolg einer Beziehung.
Kurz darauf sind wir angekommen. In der verschlafenen Fußgängerzone direkt am Bahnhof liegt das Lokal zwischen einer Bäckerei und der Deutschen Bank. Ich vermute, dass es sich um eine Disko handelt. Ein Café scheint aber angeschlossen zu sein. Hat auch offen. Super, keiner von uns hat Lust, bis zum Abend Wesel zu erkunden.
Die Einrichtung wirkt oldfashioned. Eichentische und Bänke, erinnern an bayrische Gemütlichkeit, die der Otto-Normal-Niederrheiner wenig zu schätzen weiß. An den Wänden schwarz-weiße Fotos, auf denen ich aber aus der Distanz nichts erkennen kann.
Andi wendet sich an den Barkeeper. Einen drahtigen Jugendlichen mit überdimensionierter Hornbrille und Stoppelschnitt. Er trägt ein weißes Shirt mit der Aufschrift National Pride.
»Ich bin der Künstler, der hier ausstellt. Andreas Bohemian, wer ist denn hier für die Ausstellungskonzeption zuständig?“, fragt Andi.
Seine Frage wirkt bei dem schmuddelig unfreundlichen Ambiente etwas seltsam. Kathrin winkt mich zu sich. Sie zeigt auf die Fotos an den Wänden. Ich trete näher und erblicke Neonazigesocks bei Aufmärschen. Prost Mahlzeit.
»Willst du mich anmachen. Bist du eine Zecke?», fährt der Typ Andy an.
Andy kapiert nicht.
»Was meinst du mit Zecke? Wer organisiert hier das Art-Management? Kann ich den sprechen?»
Aus einem Hinterraum kommen mehrere kurz geschorene Gestalten. Kapuzenpullis von Lonsdale, Springerstiefel. Entzückende Genossen, von denen man sich am besten fernhält.
Kathrin geht zu Andi.
»Ich glaube, wir sind hier falsch. Die haben die Bilder nicht. Lass uns gehen», versucht sie ihn hinaus zu bugsieren.
»Gibt es Probleme, Ratti?», fragt der quadratische Kampfzwerg mit Kartoffelnase. Auf seinem Handrücken ist Hass in Sütterlinlettern tätowiert.
»Die Zecke erzählt was von Ausstellung. Klingt wie ein Sozialarbeiter, ist aber keiner», er beugt sich über den Tresen und funkelt uns an.
»Habt ihr gehört? Euer Profil ist heute nicht angesagt», lacht Hassquadrat dreckig.
Hat Andi was geraucht oder geschluckt? Er sucht das Gespräch mit den ewig Gestrigen, was nicht gut gehen kann.
»Hier müssen Bilder von mir hängen. Säge hat die vorbeigebracht. Die würde ich gerne wieder mitnehmen, wenn ihr nichts vertickt.»
Auf einmal holt der Typ hinter der Bar einen Baseballschläger hervor.
»Wenn ihr nicht freiwillig Leine zieht, helfe ich nach. Euch Judenabschaum verfrühstücke ich.»
»Moment mal», hebt der quadratische Typ den Arm. »Du bist ein Kumpel von Säge?»
Alle starren ihn an, dann starren alle Andi an. Die Atmosphäre im Raum ist voll aggressiver Spannung.
»Sag ich doch die ganze Zeit», bestätigt Andi. Ich möchte am liebsten weit weg sein. Bahamas, Mallorca oder auf der Mülldeponie in Sao Paulo. Nur nicht hier.
»Mensch, das ist ein Homie. Säge ist ein Kumpel aus alten Kampfzeiten. Der schaut immer rein, wenn er seine Eltern in Wesel besucht. Der weiß auch, dass Schwatte auf Bäumen leben sollten. Ich bin Fightpig, gib mir Fünf auf Deutschland als national befreite Zone.»
Kathrin murmelt, dass sie gerne im Klamottengeschäft gegenüber stöbern möchte. Schon ist sie weg.
»Ratti, leg Mucke auf. Das müssen wir feiern. Wie heißt ihr und wo kommt ihr her?»
Widerwillig geben wir Auskunft.
»Hannover, war ich noch nie. Gibt es da auch so viele Kanacken?»
Ich verwerfe den Gedanken, ihm einen Vortrag über Toleranz und Gleichheit zu halten. Stattdessen sage ich diplomatisch »Ist schon okay.»
»Mensch, Alter. Ihr seid weiter als wir. Habt die Brut bereits in die Löcher zurückgedrängt, wo sie heraus gekrochen ist. Respekt, Alter, Respekt.»
Erstaunt stelle ich fest, dass es sich schlimmer anfühlt, von diesem Abschaum gemocht als gehasst zu werden.
Ratti hantiert hinter der Bar herum. »Mucke startet gleich, Cheffe. Und dann schmeiße ich eine Runde.»
Aber zuerst wird die Anlage hochgefahren. Ich kriege nur Satzfetzen mit, aber die reichen. In ohrenbetäubender Lautstärke dröhnt „Einmal im Jahr kommt Nikolaus, dreimal am Tag kommt Holocaust, BRD - was heißt das nur?! Bubis Rache – Diktatur“.
»Lass uns die Biege machen. Das kann unangenehm enden», flüstere ich Andi zu.
»Ohne meine Bilder gehe ich nicht», wippt er grinsend im Takt. Die kurzhaarigen Kollegen freuen sich.
»Das wird Säge büßen. Meine Bilder bei diesen Arschgeigen unterzubringen», flucht er.
Ratti stellt uns fünf Flaschen Krombacher hin.
»Ich glaube, ich weiß, wo deine Bilder hängen. Haben einen Ehrenplatz», feixt er.
Wir traben mit den Kollegen in ein Hinterzimmer. An Andis Blick erkenne ich, dass wir das Ende unserer Suche erreicht haben.
In dem klassenzimmergroßen dunklen Raum hängt eine Galerie des Schreckens an der Wand: Göbbels, Himmler, Eichmann, und ein paar neuere Aufnahmen. Wahrscheinlich NPD-Funktionäre. Fightpig deutet auf die Stelle zwischen Rudolf Hess und Adolf Hitler.
»Echt stark, Alter. Erinnert an Riefenstahl. Das ist nationale Kunst. Nicht so ein entarteter Untermenschendreck.»
Die Collage zeigt eine mit Pickeln verfremdete Marilyn Monroe beim Bowlen. Ich bin selber kein großer Kunstkenner, aber Andis Sarkasmus schreit geradezu aus dem Bild.
»Das andere finde ich nicht ganz so prall. Aber bei Kunst bin ich nicht der Checker», die Nazis gröhlen und stoßen mit den Bierflaschen an.
Er meint eine Skulptur aus geometrischen Figuren. Ich kenne das Werk. Wenn ich mich recht entsinne heißt es Sulamith in der Gaskammer. Ironie, dass es hier steht.
»Wisst ihr. Ich verkaufe meine Bilder. Wenn es bis jetzt niemand erwerben wollte, versuche ich es woanders», tritt Andi in die Verhandlung ein.
»Ich finde dein Zeug stark. Mensch, das ist völkisch allererste Sahne», mischt sich ein kantiger Schrank aus dem Trio ein.
»Gut gebrüllt, Schabe. Deine Werke sind voll auf unserer Linie. Wenn du Kohle brauchst, wir legen zusammen und kaufen dir die blonde Schlampe ab. Diese Kugeln nehmen wir auch, weil du ein arischer Künstler bist.»
Ich krieg gleich Pimpernellen. Andi greift in seine Hosentasche. Holt etwas raus und steckt es sich unauffällig in den Mund. Einen kleinen Muntermacher.
»Ich habe das Bild und die Skulptur bereits Interessenten versprochen», lügt er. »Die wollen fünfhundert Euro pro Stück zahlen.»
»Glaub ich nicht», verfinstert sich Fightpigs Miene. »Letztendlich hast du doch nur Farbe auf eine Leinwand geklatscht. Welcher Penner zahlt soviel Reichsmark dafür? Findest du es nicht arschgeil, dass deine Klamotten neben den größten Männern der deutschen Geschichte hängen?»
Die Stimmung droht zu kippen.
»Doch, echt super. Aber ich muss schließlich von irgendwas leben.»
Fightpig blickt prüfend seine Kollegen an.
»Unsere Kameradschaft hat eine Kasse, wo wir etwas Geld gesammelt haben. Wir können dir hundert Taler geben. Für beides zusammen. Dafür hängt es bei Deutschen, die dein Werk zu schätzen wissen.»
»Ihr wisst doch: Für einen Deutschen zählt sein Wort. Wenn ich etwas versprochen habe, halt ich es.»
Andis Augen funkeln. Ich hoffe, er übertreibt es nicht. Normalerweise ziehen solche Genossen Schläge Argumenten vor.
»Willst du etwa lieber an Kanaken verkaufen? Ich glaub es nicht», Fightpig wirkt gereizt. Seine kleinen Augen verengen sich, seine Wangen plustern sich auf. Die Gefolgschaft schaut gebannt an. Scheinen nur auf ein Signal zum Losprügeln zu warten.
»Natürlich will ich an euch verkaufen», beruhigt Andi. Aus dem Nebenraum dringt „Die ganzen Scheiß-Kanaken stinken wie die Pest. Und wie sie Fußball spielen, das gibt dir den Rest. Keine Ahnung vom Leder kicken. Doch im Knoblauch fressen und Esel ficken“
Auf einmal geht Andi einen Schritt auf Fightpig zu und stößt ihn vor die Brust. Völlig unerwartet, vor allem für den Quadratischen.

»Hey Alter, das war dein Todesurteil, ich mach dich platt», stolpert er und setzt sich auf sein Hinterteil. Andi reißt sein Bild von der Wand, greift sich die Skulptur und sprintet los. Ich ebenfalls. Die Schlägertruppe erwacht aus ihrer Lähmung. Schabe hechtet vorwärts, erwischt aber nur Andis Sakko, an dem er abgleitet. Ich schlängele mich an ihm vorbei. Dank seines großzügigen Alkoholkonsums kommt Fightpig zu langsam auf die Beine. Er flucht und brüllt uns diverse Todesarten nach, die wir sterben werden. Wir drehen uns nicht mehr und stürmen durch den Vorderraum. Ratte spielt mit einem drallen Skingirl Kicker.
»Was ist denn los? », staunt er. »Halt sie auf, die Wichser machen wir fertig!», brüllt Schabe. Doch auch er kann seine Bewegungen nicht mehr optimal koordinieren, stolpert mehr als zu laufen.
Wir stürzen aus der Tür. Passanten glotzen neugierig. Kathrin steht vor dem Bekleidungsgeschäft gegenüber, schaltet sofort und rast los. Die Glatzen kommen aus dem Club gerannt, brüllen wirres Zeug. Bleiben aber stehen. Gott sei Dank. Im Nahkampf wären wir ihnen hoffnungslos unterlegen.
Nach Luft japsend erreichen wie den Bahnhof. Der nächste Zug nach Duisburg fährt in zehn Minuten, von dort geht es stündlich nach Hannover. Kathrin schmeißt ihren Rucksack vor einen Pfeiler.
»Mit euch erlebe ich an einem Tag mehr als in den neunzehn Jahren davor», stöhnt sie. »Ich weiß aber noch nicht, ob mir das gefällt. Erst eine Nacht bei den bibeltreuen Christen, dann von Skinheads verfolgt. Ich fühle mich zu jung für einen Herzinfarkt.»
Eine halbe Stunde später rollen die Räder Richtung Hannover.

»Ich konnte diesen Arschlöchern unmöglich meine Bilder überlassen. Bin vollkommen deprimiert», jammert Andi und starrt mit leerem Blick aus dem Fenster. »Nachher wird mein Name in Verbindung mit diesen Verbrechern genannt. Soviel Geld können die mir gar nicht zahlen, dass dort ein echter Bohemian ausgestellt wird. Zum Kotzen. Diesen Säge massakrier ich.»
»Nimm es nicht so schwer», tröstet Kathrin. »Wusstest du ja nicht. Nazis haben schon immer Künstler missbraucht. Denk mal an Richard Wagner oder Beethoven, Maler waren bestimmt auch dabei. Du bist jedenfalls in guter Gesellschaft.»

Sie lehnt sich an Andi, der sie gedankenverloren streichelt. Ein schönes Paar, denke ich.
»Ich fühle mich leer», sagt Andi. »Wenn ich missverstanden werde, muss es an mir liegen. Vielleicht sind die Aussagen meiner Werke zu interpretierbar. Meine schlechten Gedanken dringen aus meinem Unterbewusstsein durch mein Hände in meine Bilder: Und diesen Verbrechern gefällt es.»
Er blickt uns fragend an.
»Die verstehen doch gar nichts von Kunst. War nur Zufall, dass deine Werke dahin gekommen sind. Und beurteilen können die höchstens die Qualität von Baseballschlägern und Knarren.»
Andi lächelt sie dankbar an. Es ist aber zu merken, dass er ihr nicht glaubt.
»Es gibt keine Zufälle im Leben», meint er. »Ist schon krass. Eigentlich will ich nur ein beschissen einfaches Leben führen. Stattdessen gerate ich von einer Katastrophe in die nächste.»
»Geht mir nicht anders», versuche auch ich meinen Beitrag als Seelsorger zu leisten. »Aber plötzlich geht es aufwärts. Buchvertrag, neue Freundin. Ich glaube, die Welt steht mir momentan offen. Alles ist bunt und abenteuerlich. Du wirst bestimmt auch durchstarten. Eine passende Frau scheinst du gefunden zu haben», grinse ich.
»Hotte, es gibt Menschen, die zum Erfolg erwählt worden sind. Wie du. Aber andere bleiben verkannte Genies. Zu dieser Gruppe gehöre ich. Womit ich mich aber nicht als Genie bezeichnen will. Ich habe einfach kein Glück.»
Kathrin streichelt ihn, küsst ihn.
»So ein griechischer Philosoph hat gemeint, dass alles fließt. Jeder momentane Zustand kehrt sich irgendwann in sein Gegenteil um. Du brauchst nicht traurig sein. Das Leben ist schön. Hör doch einfach mal inspirierende Musik wie Xavier.»
Andi nickt. Ein schlechtes Zeichen. Wir sind uns einig, dass die rührseligen Songs der Heulboje Pickel sprießen lassen. Wenn er nicht protestiert, befindet er sich nahe der Resignation. Jeder hängt bis Hannover seinen Gedanken nach.
Dort beschließen wir, später zu telefonieren. Ich werde mich nach einer lukrativen Kaffeefahrt forschen, die beiden werden bei Andi chillen. Die letzten zwei Tag waren für uns alle anstrengend.

Ich setze mich in die Straßenbahn und fahre zu Antje.
»Oh Sweety, wieder im Lande?», fragt sie etwas unterkühlt, küsst mich betont flüchtig.
»Ich habe zwar keinen Anspruch auf dich. Aber hättest dich ruhig noch mal melden können.»
»War etwas stressig. Tut mir Leid», entschuldige ich mich. Dann erzähle ich, was passiert ist. Die dreitausend Euro spare ich doch nicht aus. Lügen vergiften eine Beziehung.
»Krass. Ich kenne mich in der Verlagsbranche nicht aus. Ist das wirklich normal?»
»Ich weiß nicht», muss ich gestehen. »Wahrscheinlich nicht. Aber die bringen mein Buch raus. Sonst wollte es bisher keiner. Und die Ahmert macht den Eindruck, als ob sie mein Buch pushen könnte.»
Wir hocken uns auf das Sofa, kuscheln, knutschen. Wir sind wieder einig.
»Mach dir keine Sorgen», flüstert Antje. »Das kriegen wir hin.»
Ich erzähle von Andis Idee mit der Kaffeefahrt.
»Ich habe da einige Prospekte», meint Antje. »Aber ich kann mir nicht vorstellen, dass wir da Geschenke für tausend Euro zusammenbekommen. Na, ein Versuch ist es wert.»
Sie geht in die Küche und kommt mit einem Stapel Papieren wieder. Da klingelt mein Telefon.
»Hallo Horst, Janina von Pekingtech hier. Der Professor lässt fragen, ob du morgen Abend zum chinesischen Sommerfest in der AWD-Hall kommen möchtest. Er hat die komplette Firma eingeladen.»
Warum nicht? Essen und Trinken sind bestimmt umsonst. Da kann ich sicherlich auch mit dem Chef klären, dass ich gar nicht bei ihm anfangen will. Wenn sich meine Bücher wie von der Ahmert verkaufen, brauch ich keinen Lohnjob mehr. Könnte eher Lesungen akquirieren, als Computerteile zu verbuchen. Wäre nur die Sache mit dem Vorschuss. Den muss ich zurückzahlen. Aber wenn wir die Präsente von der Kaffeefahrt vertickt haben, bleibt bestimmt was übrig.
»Kann ich jemanden mitbringen?», frage ich.
»Kein Problem, die Feier fängt um zwanzig Uhr an.»
Antje ist ganz entzückt, als sie von der Einladung hört.
»Ich bin ja nicht die Businesstante, aber mit lauter Chinesen abzufeiern, ist schon cool. Tolle Kultur. Konfuzius war zwar Spießer aber Lao-Tse ist ein Macker. I-Ging, chinesische Mauer», zählt sie alles auf, was sie vom Land der Mitte kennt.
»Ist aber auch eine Diktatur», gebe ich zu denken. »Die haben nur eingeschränkten Zugang zum Internet. Regimekritiker werden in den Knast gesteckt. Ich will nicht in China wohnen.»
»Spielverderber», gibt mir Antje einen Klaps. »Aber die mit denen wir feiern, unterdrücken ja niemanden. Deine Kollegen sind keine Politiker, sondern Otto-Normal-Chinesen.»
»Nein, machen alle einen netten Eindruck», beruhige ich. Das Telefon klingelt wieder.
»Ich bin’s», meldet sich Bea. Was will die denn?
»Wollte mich nur erkundigen, wie es mit dem Verlag gelaufen ist.» Klingt versöhnlich. Hat sicher gemerkt, dass unsere Trennung ein Fehler war. Aber wenn sie mich jetzt zurück will, hat sie sich geschnitten. Ich bin glücklich mit Antje. Daher gehe ich zu ihr und streichele sie. Antje lächelt und leckt lasziv meinen Arm.
»Super, ich habe den Vertrag. Mein Roman wird dieses Jahr erscheinen», informiere ich, lasse aber die Geschichte mit dem Finanzierungsengpass aus.
»Schön, dann werd ich bald von dir lesen. Ich kriege doch eine Widmung vom Erfolgsautoren», schleimt sie.
»Sicher», gebe ich mich kurz angebunden.
»Was ich noch sagen wollte», druckst sie herum. »Ich habe da jemanden kennen gelernt. Einen Mann. Ist auf einer dieser Xing-Parties passiert: Eine von diesen Feten, die du so hasst.»
Nee, das darf doch nicht sein. Warum erzählt sie mir so was. Es gibt einen kleinen Stich in der Herzgegend.
»Ich habe auch jemanden kennen gelernt. Antje, wir sind sehr glücklich», hoffe ich, dass sie bissig „Da hast du dich schnell getröstet“ antwortet. Tut sie natürlich nicht.
»Das freut mich für dich», sagt sie. »Pierre ist ein herrlicher Mann. Er mag auch die Oper und Kunstausstellungen. Letztes Wochenende waren wir auf einer Charity-Veranstaltung mit Christian Wulff. Zudem hat er eine spirituelle Ader: Er richtet sein Leben nach Buddhas Lehren aus», schwärmt sie.
»Toll», kann ich mir nicht verkneifen. Antje legt einen Arm um mich, mit der freien Hand massiert sie mich im Schritt.
»Und weißt du, was das Beste ist: Pierre ist Filmproduzent. Der ist so richtig dick im Geschäft. Ich habe ihm von dir erzählt. Und er war sofort interessiert.»
An mir?
»Ich habe zuletzt beim Schultheater Wilhelm Tells Sohn performt. Wofür braucht der mich?», frage ich neugierig.
»Der braucht ständig Drehbücher oder hat Stoffe, die zu Drehbüchern umgearbeitet werden müssen. Das kannst du doch? »
»Klar», sage ich. Eigentlich habe ich keine Lust für Beas Macker zu ackern.
»Wenn mir der Stoff gefällt. Ich mache ja nicht alles.»
»Das habe ich Pierre auch gesagt. Aber er meinte, wenn du Interesse hast, kämt ihr schon ins Geschäft. Soll ich dir seine Nummer geben?»
»Wenn es sein muss», knurre ich. Würde mich lieber auf Antje konzentrieren. Meine Hose droht zu platzen.
»Muss nicht. Ich dachte, das wäre für dich eine gute Möglichkeit»,
wirkt sie beleidigt.
Was soll’s.
»Sag schon», stöhne ich. Antjes Hand bewegt sich schneller.
»Geht es dir nicht gut?», fragt sie besorgt.
»Doch. Habe nur einen nervösen Tick.»
Ich nehme eine Pizzeriakarte und notiere.
»Vielen Dank», hoffe ich, dass unser Gespräch bald zu Ende ist.
»Ich lese von dir. Dann bis bald. Wir können gerne auch mal was zu viert unternehmen.»
Sie hat wirklich einen Schuss. Woran ist unsere Beziehung gescheitert? Unter anderem daran, dass jeder andere Dinge mochte als der andere. Na, ich will ihr nicht ihre Illusionen rauben.
»Sicher. Wir telefonieren. Danke für den Tipp mit Pierre. Bis bald.»
Antje hat meine Hose geöffnet und meinen Schwanz in den Mund genommen. Sie saugt wie eine Wahnsinnige.
»Das würde mich freuen. Hoffentlich meldest du dich mal.»
Ich komme.
»Jaaa», schalte ich das Telefon aus.
»War das deine Ex?», wischt sich Antje den Mund ab. Erschöpft lasse ich mich auf einen Stuhl sinken.
»Sie hat einen Neuen, der in der Filmbranche tätig ist. Ich soll für ihn schreiben», gebe ich mich abgeklärt.
»Ist doch fantastisch», jubelt Antje. »Mensch, Sweety. Du bist ein Glückspilz. Tausend Türen öffnen sich für dich. Das mit der Kohle wird schon klappen. Und wenn ich dann im Big Apple die Zeitung aufschlage, lese ich vom German Success Writer Hot Stengel.»
»Hot Stengel, ich glaub’s dir wohl.»
Ich schnappe sie mir und kitzele sie durch. Für eine obercoole Frau ist sie wirklich niedlich. Anschließend feiern wir im Bett unser Wiedersehen. Was für ein Leben. Ich bin noch nie so glücklich gewesen. Zwar bleibt noch der kleine Schatten der fehlenden tausend Euro, aber die Zukunft wird fantastisch.

Am Abend lassen wir uns Pizza Thunfisch, Zwiebeln, Meeresfrüchte für mich, Mozarella für Madame, kommen und studieren Flyer.
»Hier. Das ist es», wird Antje fündig. »Fahren Sie mit uns in die Lüneburger Heide. Lassen Sie sich von Spitzenköchen verwöhnen. Tombola mit Verlosung von zwanzigtausend Euro. Zudem erhält jeder Teilnehmer ein Phillipsgerät, eine Porzellanservice von Rosendaal und einen Frühstückskorb. Und das Beste zuletzt: Die Fahrt kostet Sie keinen Cent. Melden Sie sich sofort unter unserer 24-Stunden-Hotline-Nummer an.»
»Die Verlosung ist bestimmt Nepp», meine ich. »Kannst du in jeder Fernsehsendung hören, dass die später nichts davon wissen.»
»Aber Preise gibt es immer», beruhigt Antje. »Ich finde die Idee deiner Freunde gut. Auch wenn die nicht hochwertig sein werden. Bei Ebay können wir die Fernseher für gutes Geld verscherbeln. Ich habe da mal aus Fun eingeschweißtes Schamhaar versteigert. Da habe ich über hundert Euro für bekommen. Damit hätte ich mir locker das Studium von finanzieren können. Leider hat mich Ebay dann gesperrt. Es wäre anstößig», wir lachen.
»Ein wenig schon, oder?»
»Hätte nie gedacht, dass du ein Spießer bist», knufft sie mich in die Seite. Wir küssen uns.
Ich informiere Andi über unseren Plan. Klingt etwas außer Atem. Kathrin und er scheinen sich genauso wie wir vergnügt zu haben.
»Super, wir sind dabei», birst auch er vor Tatendrang. Dann klingt er auf einmal depri „Bin ein wenig down. Wegen den Nazis. Alter, das darfst du keinem erzählen. Dann bin ich überall unten durch. Meine Karriere ist vorbei, bevor sie überhaupt gestartet ist.»
»Das wird keiner erfahren. Und wenn schon. Liegt ja nicht an dir. Weiß doch jeder, dass du vollkommen korrekt bist.»
»Meint Kathrin auch. Die Kleine ist wirklich klasse. Aber wenn du erst mal einen schlechten Ruf hast… Ich kann mich doch nirgendwo mehr sehen lassen. Ich glaube, ich sollte einen rauchen. Das reinigt die Mentalflora.»
»Hör auf Kathrin. In ein paar Wochen hast du Ratte und Konsorten vergessen. Deine Bilder hast du auch wieder.»
»Alles Scheiße», schiebt er Frust.
Kathrin ruft im Hintergrund, dass er endlich zum Ende kommen soll.
»Hei, ich quatsch gerade mit meinem besten Kumpel, Horst. Uns bringt nichts auseinander, hörst du», brüllt er.
»Komm mal wieder runter», versuche ich ihn zu beruhigen. »Verbring einen heißen Abend mit Kathrin. Morgen gehen wir auf Butterfahrt. Das wird ein Heidenspaß. Und dann sieht die Welt anders aus.»
»Hast recht, hast recht, Alter», murmelt er ergeben. »Bis morgen. Horst, eines wollte ich dir schon immer sagen: Ich liebe dich.» Danach legt er auf, ohne die Antwort abzuwarten. Völlig strange.
»Andi ist vollkommen fertig. Ich mach mir echt Sorgen um ihn. Er hat gesagt, er liebt mich.»
»Na und. Ist doch okay», findet Antje. »Habt ihr beide schon mal miteinander geschlafen?»
»He, wir sind Männer. Hetero-Männer», ärgere ich mich über ihre Frage.
»Na und?», meint sie. »Ich stehe auch primär auf Männer, aber Frauen finde ich auch sexy. Warum solltet ihr beide nicht? Das hat ja nichts zu bedeuten. Einfach explodierende Lust zwischen zwei Körpern.»
Das Gespräch geht mir doch ein wenig zu weit. Auch wenn ich gut mit Homos auskomme. Die Vorstellung selber mit einem Mann. Nein.
»Er hat das eher mental gemeint», erkläre ich. »Nicht körperlich. Liebe zwischen verwandten Seelen. Was mir nicht gefällt: Er ist mal euphorisch, kurz darauf total deprimiert. Mit seinen Drogen versucht er sich ein mittleres Gefühlslevel zu mixen, aber die Schwankungen werden immer extremer.»
»Drogen sind eine nette Abwechslung, können kicken. Aber permanent sollte man sich nicht zuknallen. Ist dann nicht besser, als der Alki in der Eckkneipe. Trotzdem freue ich mich, ihn morgen kennen zu lernen. Meinen Konkurrenten», grinst sie und streichelt mich.
Ich küss ihren Kopf, liebe sie sehr.

Dann rufe ich die Hotline an. Eine versoffene Stimme meldet sich.
»Fröhlich Reisen, Klobusch.»
»Guten Abend, Horst Stengel. Ich möchte mit drei Freunden zusammen an Ihrer Fahrt morgen in die Lüneburger Heide teilnehmen.»
»Super. Ein paar Plätze sind noch frei. Von wo rufen Sie an?»
»Hannover.»
»Dann stellen Sie sich… Warten Sie mal.» Er durchsucht Akten oder so was, nimmt einen Schluck aus einer Flasche, macht ein leises Bäuerchen.
»Am Taxistand gegenüber der Post in Limmer aufstellen. Unser Manni kommt mit dem Bus vorbei und lädt Sie ein. Und dann geht’s ab zu den Heidschnucken», lacht er schallend. Den Witz habe ich nicht bemerkt.
»Alles gebongt», gebe ich Antje bekannt. »Wir sind dabei.»
»Zeug für tausend Taler ist unser», brüllt sie martialisch. Langsam glaube ich es auch

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