Mittwoch, Dezember 12, 2012

Ein schwieriger Patient 2



Ich bin wirklich ein schwieriger Patient. Vielleicht liegt das an meinen westfälischen Wurzeln. Ich bin ein ungeselliger Typ, der gern für sich alleine in den Untiefen seiner Gedanken rumwatet. Natürlich liebe ich meine Familie über alles. Wenn ich meine Frau sehe, geht für mich die Sonne auf. Der Anblick meines Sohnes lässt mich heller strahlen als ein japanisches Atomkraftwerk. Das reicht mir allerdings schon. Natürlich schlürfe ich gerne in Autorenkollegen Kerschkamps Kellerbar süffigen Rotwein oder erörtere mit Joe in Charlies Eck die weltpolitische Lage. Aber ein Dreibettzimmer ist definitiv mit 2 Personen überbelegt. Hätte ich nur die Zusatzversicherung für ein Einzelzimmer abgeschlossen.

Ich muss allerdings zugeben, dass Herr Götel ein feiner Kerl ist. Vor seiner Pensionierung hat er als Braumeister bei Herrenhäuser die Qualität des besten Hannöverschen Bieres sichergestellt. Ein wichtiger Job. Nun spielen seine Nieren verrückt, was aber nicht an übermäßigem Biergenuss liegt. Er trinkt nämlich nur Rotwein.

Schwierigkeiten habe ich eher mit James. Der stammt aus der Karibik, hat die erste Hälfte seines Lebens in London verbracht, die zweite in Hannover. Leider spricht er ein für mich unverständliches Deutsch. Daher probiere ich es mit Englisch. Er schaut mich erstaunt mit seinen braunen Rehaugen an, als hätte das Krankenhausbett zu ihm gesprochen. Okay, Englisch ist auch nicht sein Ding. Ein armer Tropf. Schwaches Herz, versagende Nieren, astronomische Zuckerwerte. Dennoch verspeist er den ganzen Tag Hähnchenkeulen, die ihm seine Freu mitbringt, damit er wieder zu Kräften kommt. Ich hingegen erhalte nach 3 Operationen in 4 Tagen und einer Woche Intensivstation nur einen intravenösen Chemiemix.
»Jetzt gibt es Lecker-Lecker, Herr Bresser«, begrüßt mich Schwester Bonnie, als sie eine neue Lösung an meinen Chemikaliengalgen an klemmt. Nur weil ich krank bin, muss sie nicht in Baby-Sprache mit mir schnacken.
»Ich nehme Pommes Currywurst mit ein wenig Majo. Dazu ein Pils.«
Sie schaut mich mitleidig an. Und James‘ Hähnchenkeulen duften. Hmm. Das nehme ich ihm aber nicht übel. Anstrengend hingegen sind seine permanenten Rufe nach dem Pflegepersonal. Besonders in der Nacht.

»Schwester! Ich Smörtsmiddel.«
»Bitte?«
»Er möchte Schmerzmittel«, übersetze ich um 4 Uhr morgens gerne. James entdeckt in Nacht auch immer neue medizinische Notlagen. Er verlangt nach einem Ohrenarzt, einem Hautspezialisten oder duscht ganz einfach zu ungewöhnlichen Tages- bzw. Nachtzeiten. Und bis auf mich versteht ihn keiner. Das schlaucht ganz schön. Er unterstellt dem Pflegepersonal, seine Anliegen absichtlich zu ignorieren. Ein durchaus begründeter Verdacht, schließlich lässt sich niemand gerne als »Arschloch« oder »Bastard« titulieren. Nur weil die Dialyseabteilung nicht um kurz nach Mitternacht für James geöffnet werden kann. Faulpelze, pflichte ich ihm bei.

Der Stress geht los, als Steffi mich besuchen kommt. Sie wirkt blass und übermüdet. Kein Wunder, berufliche Selbstständigkeit und schulpflichtiges Kind  sind anstrengend genug, und jetzt der Mann im Krankenhaus on top. Das kann keiner brauchen.

Steffi holt ein Notizbuch aus der Tasche.
»Als ich gestern aus dem Krankenhaus nach Hause gekommen bin, musste ich bis dreiundzwanzig Uhr telefonieren. Grüße von deiner Mutter, deinen Schwestern, Tante Trudi und Onkel Ingo, Kerschkamp, Joe, den Wiemers, meiner Mutter, meiner Schwester, Gerda und Hans-Wilhelm sowie den Schneiders.«
»Oh, danke. Wer sind Gerda und Hans-Wilhelm?«
»Deine Cousine zweiten Grades aus Extertal.«
»Die haben uns einmal besucht. Da war ich 4.« Verzweifelt versuche ich mich an ein Gesicht zu erinnern.
»Deine Mutter hat sie angerufen. Gerda ist doch Krankenschwester. Die war ganz entsetzt, wie sie mit dir hier umspringen.«
»Ist doch ganz okay. Mir geht es den Umständen entsprechend gut«, beteure ich.
»Aber es könnte dir besser gehen, sagt Gerda. Sie wird dich besuchen und die Ärzte richtig auf den Pott setzen.«
Mühsam richte ich mich auf.
»Ich habe keine Kraft für Streitigkeiten. Ich muss mich erholen.«
»Die Wiemers, Onkel Ingo und Joe wollen dich auch besuchen. Joe trinkt zwar nicht mehr, aber dir will er eine Kiste Herrenhäuser ins Krankenhaus schmuggeln. Onkel Ingo möchte dir auf der Ukulele indische Gesundheitsmantras vorspielen. Dann wärst du sofort geheilt. Die Wiemers denken, eine Partie Mensch ärgere dich nicht täte dir gut.«

»Keine Besuche. Und wenn, dann für höchstens eine halbe Stunde«, stöhne ich. »Ich brauche wirklich nur Ruhe.« Da sage ich zwar immer, wenn wir irgendwo eingeladen sind, aber diesmal stimmt es wirklich. Sonst besuchen mich die meisten dieser Leute auch nicht. Warum jetzt, wo ich noch weniger Gesellschaft gebrauchen kann als sonst. Steffi verspricht, sich fünf Stunden freizuschaufeln, um alle wohlmeinenden Verwandten und Bekannten über die Besuchsregelung zu informieren. Ich bin sehr dankbar.

Leider bleibe ich nicht lange alleine.
»Halli, hallo, hallöle. Wie geht es denn unserem armen Patienten?« Dieser Flummi im knallgelben Kleid könnte Gerda sein. Hans-Wilhelm, ein komplett schwarz gekleideter Gothic mit ausrasierter linker Scheitelhälfte, folgt ihr bedächtig. Leider bin ich zu sehr geschwächt, um auf der Stelle zu flüchten.
»Ich Smörtsmiddel, Schwester«, stöhnt James.
»Sie Armer, werden Sie hier nicht richtig versorgt? Bei uns Extertal wären Sie besser aufgehoben.« Gerda öffnet die Zimmertür und brüllt »Schwester, kommen Sie doch endlich!« in den Flur.
»Was denn?«, fragt Schwester Bonnie, nur leicht gereizt.
»Der Mann stirbt vor Schmerzen. Ich bin Kollegin aus Extertal. Da kümmern wir uns um unsere Patienten.«
»Herr Semisanan hat erst vor einer halben Stunde Medikamente bekommen. Seien Sie beruhigt. Es ist alles gut.«
»Unmöglich«, flüstert Gerda Schwester Bonnies Rücken hinterher.

»Leben kommt, Leben geht«, murmelt Hans-Wilhelm. »Die Wahrheit ist auf dem Friedhof.«
»Hans, nu lass mal«, maßregelt ihn Gerda. Aus unerfindlichen Gründen fühle ich mich wesentlich schlechter als heute Morgen.
»Nenn mich Evil Darkness. Mein alter Name liegt in der Gruft.« Hans kann auch laut, wundere ich mich.
»Werd nicht komisch. Außerdem sind wir wegen Micha hier.«
Ich stöhne demonstrativ auf. »Ich bin sooooo müde. Außerdem schmerzt mein Bauch. Längeren Besuch halte ich nicht aus.« Das ist sogar die Wahrheit.
»Ganz normal«, Gerda klopft mir auf den Bauch, was einen weiteren Schmerzensschrei hervorruft. »Entschuldige, mein Lieber. Das hätte mir als Schwester nicht passieren dürfen. Jedenfalls ist es bei so einer schwierigen Operation kein Wunder, dass du geschwächt bis. Immerhin bist du knapp dem Tod von der Schüppe gesprungen.«
»Ich beneide dich. Wie schaut der Tod aus?«, fragt Evil Darkness.
»Nicht, wie man sich vorstellt. Eher wie ein Hippi. Sehr bunt, sehr ungepflegt. Er hat Yellow Submarine gepfiffen«, behaupte ich.
 »Nicht wahr!«, staunt Hans.

»Nun wollen wir die Caféteria besichtigen. Kommst du mit?«, fragt Gerda.
Ich zeige auf die Schläuche, die meinen Körper verlassen.
»Dann trinken wir ein Käffchen mit auf dich, Cousin.«
Sie verlassen unser Zimmer. James blickt mich fragend an. »Verrückte?«
»Bauern aus Ostwestfalen. Ganz schlimm Verrückte. Hast du noch Schmerzmittel übrig?«
Hat er. Damit ist alles leichter zu ertragen.

Ich telefoniere mit Steffi. Ab sofort empfange ich keinerlei Besuche am Krankenbett. Außer den inneren Familienkreis, das müssen die anderen aber nicht wissen. Ich bin halt ein schwieriger Patient.

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